Christian Sauer
· 07.03.2026
Wie stark Damen Yachting das Segment der Yacht Support Vessel (kurz YS) dominiert, zeigten nicht zuletzt die Vorträge zum Portfolio der niederländischen Familienwerft auf der German Superyacht Conference 2025. Umso verwunderlicher erschien es, dass die erste Einheit des Xplorer 60 im März ohne Eigner in Antalya gewassert wurde – wenige Tage nach der dritten YS53, die parallel in den türkischen Hallen von Damen entstand. Dass der Versorger zu diesem Zeitpunkt noch keinen Käufer hatte, reiht sich in die Historie ihrer zumeist „on spec“ begonnenen Schwesterschiffe ein und lag womöglich darin begründet, dass parallel mit „Five Oceans“ die Baunummer zwei nahezu neu sowie drei der ursprünglichen YS50 gleichzeitig zum Kauf standen. Die kurzfristige Verfügbarkeit des Xplorer 60 erstaunte, da sie als Neubau in ihrem Größensegment konkurrenzlos war. Oder war es ein Anzeichen für das Abflauen des Explorer-Trends?
Eher weniger, wie eine überraschende Wendung im August aufzeigte. Da waren beide Schiffe verkauft, gemeinsam und an einen Eigner. Das Brokerhaus TWW avisierte das auf „Emotional“ und „After You“ getaufte Duo zugleich als Charter-Paarung. Die monegassischen Makler hatten auch die bisherige Heesen „After You“ betreut und nun zum Verkauf gelistet. Und schon der 55 Meter lange Alu-Halbgleiter wies den US-amerikanischen Eigner als humorvoll aus. Der Grund für den Namen: Wenn er danach gefragt wird, lautet die Antwortet „Nach dir“. Diesen Spaß könnte er bald in Häfen weltweit treiben.
Konzept und Exterieur-Design, das Damen Yachting mit Azure Yacht Design und EYOS Expedition 2020 mit der 77 Meter langen „La Datcha“ einführte und 2023 mit dem Xplorer 58 „Pink Shadow“ weiterentwickelte, führt „After You“ fort. Das voluminöse 1.160-GT-Format ist global unbegrenzt einsetzbar, sei es in tropischen Gefilden oder polaren Revieren dank Klassifizierung nach Eis-Klasse 1D und IMO Polar Code (Kategorie C). So unterschiedlich die Anforderungen zwischen heißen und eiskalten Gebieten sind, die Autonomie bleibt maßgebend und geht bekanntlich weit über die bloße Reichweite hinaus. Dementsprechend verfügt der Xplorer 60 über große Tanks für Frisch- und Abwasser, zwei Wassermacher für je 12.000 Liter pro Tag, 55 Kubikmeter fassende Vorratsräume und 18 Kubikmeter für teils gekühlte Abfälle. Zusätzlich zu großzügigen Arbeits- und Wohnbereichen für die 15-köpfige Crew wird eine Kabine auf dem Unterdeck für Heli-Piloten, Expeditions- oder Tauchpersonal oder als Hospital mit separaten Luft- und Wasserkreisläufen und Telemedizin genutzt.
Dass die Xplorer-Modelle auch den Komfort „weißer Yachten“ bieten, bewiesen schon die Schwesterschiffe eindrucksvoll. Im Vergleich zur direkten Vorgängerin ist „After You“ trotz kompakterer Badeplattform zwei Meter länger. Im Zuge des bei Damen Yachting in Vlissingen geplanten Werftaufenthaltes könnte sie vergrößert werden und analog zu „Pink Shadow“ achtern auf dem Hauptdeck ein Pool nachgerüstet werden. Jedenfalls will der recht junge Eigner das überdachte Hauptdeck mit 195 Quadratmetern primär als Beachclub und nur sekundär für Tender oder Toys nutzen, die auf „Emotional“ lagern. An den nahezu unsichtbar integrierten Deckenkränen schaukeln also Hängesessel anstelle maximal 10,50 Meter langer und fünf Tonnen schwerer Beiboote.
Auf dem 150 Quadratmeter großen Helipad darüber, das für mittelgroße Exemplare à la Airbus H135 oder AW109 zertifiziert ist, waren lieber flexibel stellbare Lounge-Möbel gewünscht. Doch selbst mit geparktem Helikopter gewähren die Außenbereiche viel Raum für Al-fresco-Dining, feste Sitzgruppen sowie Liegeflächen auf dem Ober- und Brückendeck – Letzteres mit quadratischem Spa-Pool und Treppe zum Krähennest unter dem Geräteträger. Von der Couch in luftiger Höhe fällt der Blick auf zwei weitere, spektakuläre Aussichtspunkte. Zunächst führt unser Rundgang zurück in die Sky Lounge. Diese präsentiert sich dank Oberlicht und komplett aufklappbaren Glastüren sehr luftig. Abgesehen von der Marmorbar an Backbord ermöglichen die frei beweglichen Möbel auch hier verschiedene Nutzungen, etwa als Gym, was mit der direkt angrenzenden Sauna und Dampfdusche korrespondieren würde. Für Massagen wurde kurzfristig das Büro ein Deck tiefer zum Behandlungsraum.
Die Brücke beeindruckt durch ihre kommerzielle Top-Ausstattung mit riesigen Displays vor und zwischen den beiden Sitzen inklusive integrierter Schiffsteuerung. Dahinter empfängt ein U-förmiges Sofa interessierte Gäste. Anders als auf „Pink Shadow“ bleibt die Brücke professionell nautisch und dunkel, um Reflexionen zu vermeiden. Die Fenster der verglasten Außensteuerstände wurden nochmals vergrößert, um in Verbindung mit zusätzlichen CCTV-Displays selbst bei widrigsten Bedingungen beste Sicht während An- und Ablegemanövern zu gewährleisten. Als Antrieb wählte Damen Yachting eine Kombination aus je zwei MTU-Zwölfzylindern, Generatoren samt SCR- und Rußpartikelfiltern sowie E-Motoren mit energiereicher Batteriebank. Dadurch stehen verschiedene Antriebsmodi zur Verfügung, und im dieselelektrischen Betrieb könnte die Reichweite von 5.000 Seemeilen signifikant ansteigen.
”Das Interieur ist komfortabel, ja sogar leger. Wir wollten, dass es sich luxuriös anfühlt, ohne dominant zu sein.“ Jonny Horsfield
Auf dem Oberdeck gelangen Gäste von der Observation Lounge mit XXL-TV, Skylight und 270-Grad-Panorama durch die Tür ganz nach vorn, wo neben Ankerstation und Schiffsglocke zwei Sofas warten. Hier spannt die Crew ein Netz auf, um es einem Segelkatamaran gleich als Trampolin oder Liegefläche zu nutzen. Die Gestaltung stellte H2 Yacht Design vor drei wesentliche Herausforderungen: Zum einen sollte die Nutzbarkeit in unterschiedlichsten Revieren möglichst flexibel sein und sich die Observation Lounge für Briefings eignen. Zum anderen sollte das Raumgefühl subjektiv für polare wie tropische Gefilde und für das Mittelmeer passen. Außerdem wollte das Team um Jonny Horsfield viele Geschmäcker bedienen. „Die klare Designsprache setzt auf satte, kräftige Farben und Holz, das Wärme vermittelt“, beschreibt Horsfield den Ansatz und resümiert: „Das Interieur ist komfortabel, ja sogar leger. Wir wollten, dass es sich luxuriös anfühlt, ohne dominant zu sein.“
Die dunklen Hölzer kontrastieren und harmonisieren zugleich mit hellem Leder, darin kunstvoll eingearbeiteten Strukturen sowie seidenmattem Metall in Form von Fensterrahmen oder Stehleuchten. Indirektes Licht und eine Deckenhöhe von mindestens 2,10 Meter verstärken die offene Atmosphäre in allen Gästearealen. Dazu zählt achtern auf dem Oberdeck der 60 Quadratmeter große Salon mit klassischer Aufteilung. In den Genuss der Hauptdeck-Lage kommt nicht allein die Eignerkabine mit freistehendem Bett, zwei begehbaren Kleiderschränken, Dusche und Badewanne. Dahinter schließen sich auf dem Hauptdeck alle fünf Gästekabinen an. Ein Korridor verbindet sie mit einer Lobby und weiter mit dem überdachten Außendeck, wo Tender eben keine Priorität haben.
Für die Verwahrung der Beiboote, Jetskis, E-Foils, Mountainbikes und Co. dient „Emotional“. Das dritte Yacht-Support-Format der aktuellen Generation YS53 bietet wie ihre robusten Schwestern „Bad Company Support“ und „Five Oceans“ auf 53 Meter Länge neben den Transportkapazitäten noch mehr Komfort bei verbesserter Effizienz. Ursprünglich, als die kommerzielle Mutter Damen Shipyards 2009 ihre Versorger für die Offshore-Industrie in die Yachtwelt überführte, vertraute man aus Gründen der Redundanz noch weitestgehend auf vier Hauptmaschinen. Den Axtbug der neuesten Damen-Eigenentwicklung schieben zwei MTUs mit bis zu 19 Knoten durch die See. Über dem Motorenraum erstreckt sich das 195-Quadratmeter-Cargodeck, das 50 Tonnen trägt und als Touch-and-Go-Helipad fungieren kann.
“Wir fahren mit ‚Emotional‘ voraus, schauen nach einem Ankerplatz für ‚After You‘ und schicken Fotos rüber.”
„Der kombinierte Betrieb beider Schiffe funktioniert unglaublich gut“, zeigt sich der Kapitän Matthew d’Offay zufrieden. Seit Mitte Juli führt der Südafrikaner „Emotional“ und sammelte allein in den ersten fünf Wochen über 3.000 Seemeilen. Von Antalya ging es nach Griechenland, Venedig und Montenegro. „Dank der höheren Geschwindigkeit fahre ich voraus, schaue nach einem geeigneten Ankerplatz für ‚After You‘ und schicke Fotos rüber“, so d’Offay. „Wir setzen danach nicht nur Tender und Jetskis aus, sondern auch die aufblasbaren Plattformen und den schwimmenden Pool. Wenn das Mutterschiff ankommt, ziehen wir den Wasserpark mit E-Foils und Jet-skis zu ‚After You‘, um es dort am Heck festzumachen – das spart nicht nur Zeit, sondern Eigner und Gäste werden auch nicht vom lauten Aufblasen gestört.“ Damit nicht genug: „Wenn das Mutterschiff weiterwill, geht es genauso schnell – wir übernehmen alles, packen zusammen und überholen ‚After You‘ meist unterwegs.“
Verstaut wird auf „Emotional“ nicht allein in der Lazarette, in der auch der Tauchkompressor arbeitet. Auf dem robusten Deck mit synthetischem Teak sowie zahlreichen Befestigungspunkten werden Standard-Seecontainer oder spezielle Boxen für etwa einen Swimmingpool sicher verlascht. Der Heila-Kran hievt bis zu 20 Tonnen, wenn er sich 8,50 Meter streckt, und bei maximal 18 Metern sind es immerhin noch 8 Tonnen. So kann selbst ohne eigenen Schwerlastkran das Helipad von „After You“ per „Emotionals“ Ausleger mit Tendern oder anderem Gut beladen werden. „Die Ship-to-Ship-Transfers haben sich bewährt“, bestätigt d’Offay und blickt in die Zukunft: „Als Chaseboat bekommen wir eine Vanquish VQ58, die im Bau ist. Dafür reicht unser Kran zwar nicht aus, aber wir können sie an Deck transportieren und nutzen dann Krane von Werften zum Auf- oder Abladen.“ Auf den 18-Meter-Alugleiter folgen außerdem Zodiacs für Landausflüge und harsche Bedingungen.
Wie ernst es der Eigner mit seinem Damen-Duo meint, zeigte sich bereits nach der Monaco Yacht Show. Im Oktober verließen „After You“ und „Emotional“ rasch das Mittelmeer, um Kurs Nord einzuschlagen und von Bergen aus die südlichen Fjorde Norwegens zu bereisen. Anschließend stehen Garantiearbeiten sowie die erwähnten Modifikationen in den Niederlanden an. Nach der Werftauszeit wollen Matthew d’Offay und die anderen Rotationskapitäne ab Mai über Schottland nach Island und Grönland zur Walbeobachtung aufbrechen. In der Folge will der Eigner die rund 4.000 Seemeilen lange Nordwestpassage bezwingen. Danach stehen Alaska, die Pazifikküste hinunter bis in den Golf von Kalifornien, die zu Costa Rica gehörende Kokos-Insel und zu Jahresbeginn 2027 die Galapagosinseln auf der ambitionierten Agenda.
Während der Langstrecke sollen Charter beider Schiffe ausschließlich als Paar via TWW Yachts möglich sein. Rate auf Anfrage. Übrigens verbirgt sich auch in „Emotional“ eine Zweideutigkeit: In Verbindung mit „Support“ steht der Name im Englischen für „Emotionaler Beistand“. Den können Yachteigner von Zeit zu Zeit gebrauchen. Dieser dürfte wunschlos glücklich sein.