Sieben Serien hat Azimut aktuell im Programm, eine davon nennt sich schlicht Fly und kommt nun als 72-Fußer auf den Markt, Seite an Seite mit weiteren Azimut-Neuheiten wie der Magellano 60 sowie der Verve 48, die ebenfalls Weltpremiere feiern. Der 22,57 Meter lange GFK-Gleiter mit Flybridge liegt mit seinen Maßen eher im oberen Drittel der Linie mit Längen zwischen 50 und 83 Fuß. Dabei zeigt sich die 72 so sportlich wie ihre Schwestern, mit klaren, kantig-runden Linien von Alberto Mancini, der auch die Fly-Modelle 53, 68 und 78 zeichnete. Die übrigen drei stammen aus der Feder von Stefano Righini.
Die 72 tritt mit zwei Decks plus Flybridge auf, inklusive vier Suiten für acht Gäste. Im Mittelpunkt des Tagesgeschehens steht das großzügige Sonnendeck, ein markantes Carbon-Hardtop spendet Schatten. Direkt neben dem Hoch-Steuerstand können sich die Gäste auf einer Liegefläche für mindestens zwei Personen ausstrecken, dahinter liegt eine Dinette und dieser gegenüber eine mit Kühlschrank bestückte Bar „im amerikanischen Stil“. Der achterliche Bereich ist offen und flexibel zu möblieren, zum Beispiel mit weiteren Loungesofas. Oder man lässt die Fläche einfach frei und nutzt zum Entspannen stattdessen die Bugterrasse des Hauptdecks, auf die Sofa und Liegen locken.
Wer die Deckslayouts studiert oder gar die Chance hat, den 54-Tonner (voll beladen) live zu sehen, bleibt unweigerlich zuerst an der mit Walnussholz verkleideten offenen Galley stehen – selbstverständlich gibt es diese auch in einer geschlossenen Version mit Schiebetür. Wie in einem Loft dominiert die Koch- und Kühlzone den hellen Raum, in diesem Fall die Backbord-Flanke des Salons, gleich gegenüber dem Speiseplatz mit Sofabank und sehr bequemen, beinahe sesselartigen Stühlen.
„Die Galley ist der Fokus des Hauptdecks und auch das erste Element, dem wir uns kreativ näherten“, erklärt Fabio. „Wir wollten sie so gut wie möglich in den Wohn- und Speisebereich integrieren.“ Dafür griff der Interieur-Profi in die optische Trickkiste, ordnete an der Außenseite senkrechte, hochglanzlackierte Lamellen mit Holzumrandung so an, dass sie je nach Blickwinkel des Betrachters das Licht unterschiedlich reflektieren und scheinbar die Form der Küchenzeile verändern. „Das belebt und erhellt den ganzen Bereich“, kommentiert Fantolino seine Idee.
Für den Designer mit Studios in Turin und Mailand könnte der Auftrag einen Wendepunkt in seiner Karriere markieren, denn die Fly 72 ist sein erstes maritimes Projekt. Dass eine Yacht viel mehr ist als eine Villa auf dem Wasser, hat er schnell eingesehen. „In einem Haus haben sogar leere Räume ihr eigenes Gewicht und sind notwendig für die Balance“, sagt er. „Auf einer Yacht ist es wichtig, jeden Raum zu nutzen.“ Die größte Herausforderung sei das „Downsizing“ gewesen, „jedem noch so kleinen Detail Bedeutung beimessen“.
Dennoch hat Fantolino auf der Azimut Fly 72 erreicht, was er sich vorgenommen hat: „Unser Ziel war es, zeitgenössisches Design in die Welt der Superyachten zu bringen.“ Dafür waren die Suche und Auswahl der Materialien wichtige Schritte. „Wir wählten Walnuss, um ein wohnliches Ambiente zu kreieren, während die pastellfarbenen Stoffe eher maritim wirken.“ Diese Kombination führte zu Räumen, die er als „einladend und elegant“ bezeichnet. Das gilt auch für die vier Gemächer auf dem Unterdeck: die mittig gelegene Master-, die VIP-Suite im Bug sowie die Doppel- und Twin-Kabinen dazwischen. Der Wunsch nach Bequemlichkeit zieht sich in alle Winkel – bis in den Steuerstand, wo elektrisch verstellbare Sessel die Rücken der Eigner schonen und bei längeren Ausflügen äußerst entspannt sitzen lassen.
Eine Probefahrt durch die Bucht von Cannes, noch vor der Ablieferung, beweist die gute Ergonomie und zudem, was die Fly 72 leistungsmäßig zu bieten hat. Zunächst bewundern die geladenen Passagiere die gute Rundumsicht, allein die Oberschränke der Galley könnten das Fahrerlebnis ein klein wenig stören.
Gut gelaunt übernimmt Kapitän Fabio Pecazza das mit Leder bezogene Steuerrad auf der Flybridge und beschleunigt zügig auf 20 Knoten, „die ökonomischste Geschwindigkeit“, wie er betont. Der Blick auf den Verbrauch zeigt zweimal 138 Liter pro Stunde, noch geben sich die beiden Common-Rail-Diesel von MAN mit jeweils 1044 Kilowatt Leistung recht sparsam. Für Pecazza ist an Bord auch noch alles ziemlich neu, „fühlt sich gut an“, sagt er. Man könnte noch eine Weile vor der südfranzösischen Küste umherfahren, die Tankanzeige steht bei 64 Prozent, die Gesamtkapazität liegt bei 5200 Litern. Auf den Raymarine-Plottern leuchten zudem die Stände für Grau-, Schwarz- und Frischwasser auf, alles im „grünen Bereich“.
Als ein piepender Alarm ertönt, blicken einige Anwesende irritiert. Der Kapitän klärt auf: „Es ist Wasser in der Bilge, das jetzt abgepumpt wird.“ Zügig sind 30 Knoten erreicht, die Windanzeige nennt 10 bis 15 Knoten. Wasser spritzt hoch, die Kommandogeber werden zurückgefahren und die Entourage wechselt auf das vordere Hauptdeck. Dort greift ein Gast nach dem Steuerrad, während der Kapitän am Bartresen der Galley lehnt und das Spektakel filmt. „Die Tür zum Außendeck ist prima“, sagt er und zeigt auf den Durchgang neben dem Rudergänger.
Die Yacht erreicht nun wieder 23 Knoten, die Motoren arbeiten mit 1870 Umdrehungen pro Minute, der Verbrauch liegt bei zweimal 150 Litern. „Sie reagiert wirklich gut auf Steuerbefehle“, ist zu hören. Die Fly 72 nimmt kräftig Fahrt auf, die Zwölfzylinder arbeiten unter Volllast und es leuchten knapp 32 Knoten auf dem Monitor, dazu ein Kraftstoffverbrauch von zweimal 274 Litern Diesel sowie 2350 Umdrehungen. Der von Azimut und Pierluigi Ausonio Naval Architecture (P.L.A.N.A.) konstruierte Glasfaserrumpf liegt auch gedrosselt verhältnismäßig ruhig im Wasser, ein bei Yachten dieser Größe häufig auftretendes Stampfen ist hier kaum spürbar. Trotz der kabbeligen See kommt die 5,62 Meter breite Konstruktion nicht ins Schaukeln, der Kreiselstabilisator von Seakeeper leistet ganze Arbeit. Alle Beteiligten sind zufrieden. Das gilt vor allem für die Werft aus Avigliana bei Turin, mehr als 15 Fly 72 sind schon verkauft.

Redakteurin News & Panorama