“Cinderella Noel IV”Auf der 50-Meter-Yacht hat der Eigner das Kommando

Martin Hager

 · 18.04.2026

Auf in den Norden: Die Eigner lieben die skandinavischen Gewässer und ließen den 495-Tonner für die hohen Breiten ausrüsten. Das Exterieur gestaltete der in Südfrankreich lebende Designer Clifford Denn.
Foto: Heesen/D. Churchill, Eigner privat
​Die 50 Meter lange „Cinderella Noel IV“ spiegelt die klare Vision ihres Eigners wider. Er überwachte jedes Detail des Baus persönlich und steht sogar am Steuer der Heesen-Yacht, die für den Einsatz in nordischen Gewässern optimiert wurde.

D​ie BOOTE EXCLUSIV-Redaktion trifft regelmäßig spannende Menschen, die sich ihre Traumyacht realisieren lassen. Viele dieser Enthusiasten sind mit Leidenschaft an Bord und nutzen ihre Schiffe, wie Tom Schröder, für wunderbare Reisen.

Ein Eigner, der seine 50-Meter-Yacht selbst steuert und als Kapitän das Kommando seines Custom-Baus übernimmt, ist uns in all den Jahren noch nicht begegnet. Bis jetzt. Wir wollten von „Cinderella Noel IV“-Eigner Konrad Schnyder wissen, wie es dazu kam und was ihn und seine Frau Trudy antreibt.


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Sie waren früher ambitionierter Regattasegler – was hat Sie dazu bewogen, vom Segeln auf Motoryachten umzusteigen?

Ich war viele Jahre mit voller Leidenschaft Regattasegler – Wind, Segeltrimm und das ewige Ringen mit den Elementen, das hat mich geprägt. Doch je länger ich sportlich segelte, umso mehr wurde mir bewusst, dass meine wahre Liebe nicht nur im Segeln selbst liegt, sondern im Meer.

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Mit den Jahren wuchs in mir der Wunsch nach mehr Planbarkeit. Eine Motoryacht gibt mir die Möglichkeit, meinen Kurs zu bestimmen, auch wenn der Wind einmal anderer Meinung ist. Und sie eröffnet mir größere Distanzen – Wege, die ich mit einem Segelboot nicht in gleicher Weise zurücklegen könnte. Am Ende war es kein Abschied vom Segeln, sondern eine natürliche Weiterentwicklung.

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Wie hat sich Ihre langjährige Erfahrung im Wassersport auf die Planung und den Bau der „Cinderella Noel IV“ ausgewirkt?

Meine Erfahrungen haben die Entstehung unserer „Cinderella Noel IV“ ganz wesentlich geprägt. Wenn man so viele Jahre auf dem Wasser verbringt, lernt man, worauf es wirklich ankommt – nicht in der Theorie, sondern bei jedem Wetter und am eigenen Leib.

Für mich war von Beginn an klar: Der Rumpf muss aus Stahl gebaut werden. Das verleiht der Yacht nicht nur enorme Stabilität, sondern auch eine Seetüchtigkeit, die man in nördlichen Gewässern unbedingt braucht. Stahl verzeiht, wo andere Materialien rasch an ihre Grenzen kommen – und als alter Regattasegler schätze ich das beruhigende Gefühl: Dieses Schiff hält was aus.

Gleichzeitig war mir wichtig, dass wir navigationstechnisch auf dem neuesten Stand sind. Moderne Radar‑ und Navigationssysteme, präzise elektronische Seekarten, zuverlässige Sensorik – das alles ist für mich kein Luxus, sondern Teil guter Seemannschaft. Ich wollte eine Brücke, auf der man sich auch bei schlechter Sicht oder in schlechtem Wetter jederzeit auf sich und seine Instrumente verlassen kann.

Und dann gibt es noch einen Punkt, den man erst mit den Jahren wirklich zu schätzen lernt: Komfort an Bord. Nicht als Schnickschnack, sondern als Voraussetzung für lange Törns. Ein warmes, ruhiges Schiff, gute Schlafplätze, durchdachte Räume – all das trägt dazu bei, dass wir die Reise wirklich genießen können.

Was war der ausschlaggebende Moment, in dem Sie entschieden haben, ein 50-Meter-Schiff zu bauen?

Der entscheidende Moment kam nicht im Büro, am Reißbrett oder in einer Werft, sondern draußen auf dem Wasser – genau dort, wo die besten Entscheidungen entstehen. Nach der Taufe der „Cinderella Noel III“ fuhren meine Frau Trudy und ich mit unserer damaligen 35‑Meter‑Yacht aus dem Oslofjord hinaus. Keine Crew, nur Trudy und ich auf der Brücke. Der Oslofjord zeigte sich von seiner schönsten Seite, und ich konnte mich kaum sattsehen an dieser Landschaft.

Ich sagte damals: „Weißt du, mein Schatz, wir lieben diese Gewässer so sehr … Wenn ich einmal älter bin, lasse ich mir eine 50‑Meter‑Stahlyacht für die rauen Gewässer bauen.“ Sie schaute mich nur an, schmunzelte und meinte: „Warum willst du warten, bis du 80 bist? Warum nicht jetzt starten mit der Planung?“ Das war der Moment, in dem es klickte. Denn ich wusste ja längst, dass ein Stahlrumpf und 50 Meter Länge genau das sind, was es braucht, um die Nordsee mit all ihren Launen wirklich souverän zu befahren. Und so wurde aus einem Nebensatz im Steuerhaus eine Entscheidung fürs Leben.

Ihre Frau war von Anfang an in die Gestaltung eingebunden – wie haben Sie die Aufgaben untereinander aufgeteilt?

Wenn man eine Yacht wie die „Cinderella Noel IV“ bauen lässt – ein Schiff, das nicht nur technisch überzeugen, sondern auch unser persönliches Lebensgefühl widerspiegeln soll –, dann geht das nur partnerschaftlich. Und zwar in zwei Richtungen: innerhalb der Familie und gemeinsam mit der Werft. Meine Frau und ich haben die Aufgaben von Anfang an klar aufgeteilt, damit wir ein Schiff bekommen, das genauso funktioniert, wie wir es uns vorstellen. Mein Verantwortungsbereich lag bei der Navigation, Technik und dem Wellness-Areal. Das Innendesign lag vollkommen bei meiner Frau. Sie hat ein besonderes Talent, einem Schiff Wärme und Charakter zu geben – so, dass man sich auch auf hoher See zu Hause fühlt. Bei der Raumeinteilung hingegen haben wir uns immer gemeinsam an den Tisch gesetzt. Da brauchte es beide Seiten: die praktische Seemannschaft und das Auge fürs Wohnen.

Das Gleiche galt für die Zusammenarbeit mit der Werft. Wir haben von Anfang an partnerschaftlich gearbeitet – offen, respektvoll und lösungsorientiert. Jeder wusste, was ihm wichtig ist, und wir haben uns gegenseitig ernst genommen. Das Ergebnis: Während der gesamten Bauphase mussten wir nur eine einzige kleine Änderung vornehmen – im Fitnessraum. Für einen 50‑Meter‑Verdränger ist das fast schon ein kleines Wunder. Aber eigentlich ist es das Resultat guter Teamarbeit: zwischen meiner Frau, mir und einer Werft, die unsere Vision verstanden hat. Natürlich gehört auch eine professionelle Bau-
überwachung dazu.

Warum fiel die Wahl am Ende auf die niederländische Werft Heesen?

Die Wahl der Werft war für mich eine Herzensangelegenheit. Als ich Heesen zum ersten Mal besucht habe – an einem Sonntag, kurzfristig –, war mir sofort klar: Hier stimmt die Atmosphäre. Man spürt dort eine Mischung aus Handwerks­tradition, Präzision und echter Leidenschaft für den Yachtbau. Dann kam die Angebotsphase – und die hat mich endgültig überzeugt. Professionell, zeitgerecht und auf den Punkt. Keine leeren Versprechungen, keine Verzögerungen, sondern eine klare, strukturierte Arbeitsweise. Genau so, wie man es als zukünftiger Eigner erwartet, aber nicht überall bekommt.

Und ein dritter Punkt war für mich ganz entscheidend: Heesen ist auf meine Sonderwünsche eingegangen, ohne zu zögern und ohne mich spüren zu lassen, dass ich „außerhalb der Norm“ denke. Egal ob technische Besonderheiten, spezielle Ausstattungen oder individuelle Raumvorstellungen – man hat mich verstanden und ernst genommen. Ich baue für mich eine Yacht, welche ich selbst fahre und einen wichtigen Passagier mitführe. Diese Art von partnerschaftlicher Zusammenarbeit ist in einem so komplexen Projekt Gold wert.

Sie haben „Cinderella Noel IV“ von Grund auf neu und für sich entwickelt – welche Ihrer persönlichen Ideen sind besonders prägend in das Design eingeflossen?

Ich war mit meinen Ideen bei verschiedenen Werften, immer mit dem Wunsch, ein Schiff zu bauen, das zu mir passt: modern, seetüchtig und trotzdem mit klassischen Linien. Bei Heesen kam dann der entscheidende Moment. Sie legten uns einen Designvorschlag vor, der uns sofort fasziniert hat. Die Form war modern, aber nicht modisch – und gleichzeitig hatte sie etwas wunderbar Traditionelles. Anfangs war ich ehrlich gesagt eher auf der trendigen Schiene unterwegs: gerade Steven, klare Linien, ein eher zeitgemäßer Look. Doch Trudy war von meiner Vision nicht begeistert. Sie hat ein viel besseres Auge für Proportionen als ich. Und als ich dann diesen schönen, kraftvollen Bugwulst unter der Wasserlinie gesehen habe, wusste ich: Das ist es. Der Bug hatte Seele. Dieses Detail hat den Charakter der ganzen Yacht verändert – und ich habe plötzlich verstanden, warum moderne Trends nicht immer die richtige Richtung sind.

Sie führen die Yacht eigenhändig als Kapitän. Hatten Sie dafür konkrete Forderungen, was die Brückentechnik und das Layout Ihrer Yacht betrifft?

Ja, auf jeden Fall, schließlich stehe ich selbst am Ruder. Für mich war wichtig, dass jedes nautische Instrument genau dort sitzt, wo ich es im Betrieb auf See brauche. Ich hatte ein klares Pflichtenheft, wusste genau, welche Geräte an Bord gehören und wie sie angeordnet sein sollen. Trotzdem habe ich mich immer wieder mit Spezialisten und der Werft abgestimmt. Sie bringen Erfahrung aus Dutzenden Projekten mit, und ich habe ihre Einschätzungen sehr ernst genommen. Am Ende habe ich die Entscheidungen gefällt – aber auf einer soliden fachlichen Basis.

Worauf haben Sie ganz besonders geachtet?

Das Wichtigste war für mich: Alle Instrumente müssen auf meine Körpergröße und meine Arbeitsweise abgestimmt sein. Besonders an den Wing-Stationen wollte ich, dass mein Körper und das Schiff beim Manövrieren eine Einheit bilden. Das klingt vielleicht simpel, aber in engen Häfen, Schleusen oder bei Wind ist diese ergonomische Abstimmung Gold wert. Natürlich gibt es noch viele weitere Punkte – von Sichtachsen über Redundanzen bis zur Haptik der Bedienelemente. Aber wenn ich die alle aufzähle, sprengen wir hier das ganze Interview.

Welche Überlegungen standen hinter der Entscheidung für einen Hybridantrieb?

Die Entscheidung für einen Hybridantrieb war für mich eine Herzenssache – und ein Statement. Wenn man so viel Zeit auf dem Wasser verbringt wie ich, dann lernt man, die Ruhe des Meeres zu schätzen und die Natur als etwas Kostbares zu begreifen. Mit einem Hybridantrieb wollte ich bewusst ein Zeichen setzen: dass man auch als Yachteigner Verantwortung übernimmt und zeigt, dass moderne Technik und Umweltschutz zusammenpassen. Die leisen Fahrmodi bedeuten für mich nicht nur weniger Emissionen, sondern auch mehr Stille – und Stille ist auf See manchmal das größte Geschenk.

Wie bewährt sich das Hybridsystem in der Praxis – insbesondere auf längeren Reisen durch den Norden?

Im Norden zeigt das Hybridsystem, was es kann. Natürlich hat jede Technik ihre Marotten – das Meer verzeiht nichts –, aber auf langen Strecken läuft es sparsam und umweltschonend. Und wenn wir im Elektromodus durch die Fjorde gleiten, fühle ich mich als Eignerkapitän wie in einer Kathedrale und dem Himmel ganz nahe. Unterm Strich funktioniert das System so gut, dass ich es nicht mehr missen möchte, obwohl die modernen Dieselmotoren von MTU ausgezeichnet und so ruhig sind, dass man auf der Brücke nur das Wasser hört.

Was war die größte technische Herausforderung während des Baus?

Technische Herausforderungen gab es beim Bau der „Cinderella Noel IV“ mehr als genug – bei einem 50‑Meter‑Schiff ist das völlig normal. Entscheidend war, dass wir jede einzelne davon gemeinsam gelöst haben. Durch meinen engen, fast freundschaftlichen Austausch mit der Werft und der Bauüberwachung konnten wir Probleme früh erkennen und in enger Kooperation angehen.

Sie haben sowohl die erste als auch die letzte Schweißnaht selbst gesetzt. Wie wichtig war Ihnen das?

Das war für mich ein zutiefst symbolischer Akt – ein Ritual, das in der alten Seefahrt fest verankert ist. Es ist ein Moment, in dem man sich bewusst macht: Ich übernehme die Verantwortung für dieses Schiff und für alle, die einmal an Bord sein werden. Auch die Tradition der Glücksmünzen im Rumpf habe ich persönlich fortgeführt. Seit Jahrhunderten glauben Seeleute daran, dass diese Münzen Schutz bringen – nicht nur dem Schiff, sondern auch der Mannschaft. Für mich war es ein sehr emotionaler Augenblick, diese Münzen selbst einzuschweißen. Damit wird das Schiff von Anfang an mit einem Stück persönlicher Geschichte, einem Stück Seele versehen. Gleichzeitig hat dieser Akt die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitenden von Heesen noch einmal auf eine besondere Ebene gehoben. Man steht Schulter an Schulter zwischen Stahlplatten und Funkenflug – und spürt, wie aus Handwerk Kameradschaft entsteht.

Wie hat sich der Moment der Taufe am 22. Dezember 2023 für Sie und Ihre Frau angefühlt?

Das war einer der emotionalsten Tage unseres Lebens. Die Taufe der „Cinderella Noel IV“ war kein formaler Anlass, kein VIP‑Event mit Absperrungen, sondern ein Fest der Menschen, die dieses Schiff möglich gemacht haben. Wir haben alle Mitarbeitenden von Heesen und sämtliche Subunternehmer eingeladen – und ganz bewusst keinen VIP‑Bereich geschaffen. Für uns war wichtig, dass jeder, der an diesem Schiff gearbeitet hat, unsere Dankbarkeit direkt spürt. Meine Frau war die Taufpatin, und als sie den Namen aussprach, war das ein Moment purer Freude und Stolz. Man sah in ihren Augen, wie viel Herzblut auch sie in dieses Schiff gesteckt hat.

Und dann kam der Moment, der mir für immer in Erinnerung bleiben wird: Ich durfte das Dock selbst fluten. Es regnete in Strömen, und ich stand im Smoking im Regen – durchnässt, frierend, aber überglücklich. Als das Wasser ins Dock schoss und „Cinderella Noel IV“ zum ersten Mal schwamm, war das, als würde das Schiff zum Leben erwachen.

Die erste Saison mit der Yacht verlief sehr erfolgreich. Was war Ihr schönster Moment an Bord in diesem ersten Jahr?

Es ist schwer, nur einen Moment auszuwählen, denn jeder Tag an Bord hat seine eigene Magie. Gerade die langen Nachtfahrten in anspruchsvollen Seegebieten berühren mich immer wieder. Dort draußen, zwischen Wind, Wellen und Dunkelheit, spürt man die Kraft der Natur unmittelbar – und fühlt sich gleichzeitig unglaublich frei.

Ein Erlebnis hat mich jedoch besonders bewegt. Nach einem intensiven Törn liefen wir in Bergen ein. Die Crew hatte „klar Schiff“ gemacht, und während wir uns auf einen ruhigen Abend freuten, erschien plötzlich das Forsvaret an Bord – die norwegischen Streitkräfte. Freundlich, aber sehr bestimmt durchsuchten sie jedes sicherheitsrelevante Detail unseres Schiffes: von Feuerlöschern über Funk und Rettungsinseln bis hin zu Navigationsinstrumenten, Unterlagen und unseren Abläufen an Bord. Es war ein Moment großer Konzentration – und großer Demut. Denn diese Prüfungen dienen einem einzigen Zweck: die Menschen, die Schiffe und die Küste Norwegens zu schützen. Als wir nach mehreren Stunden den Abschlussbericht ohne einen einzigen Mangel erhielten, begleitet von einer Gratulation der Inspektoren, war das ein Moment des tiefen Stolzes. Ich habe ihn voller Freude mit meinem Team geteilt. Solche Augenblicke verbinden.

Der emotionalste Moment unserer zweiten Saison ereignete sich aber weiter nördlich: die Fahrt von Nordnorwegen in Richtung Lofoten, gegen 22 Uhr, bei der letzten Mitternachtssonne. Die Einfahrt in den Trollfjord – ganz allein, kein anderes Schiff, nur dieses Licht, diese Stille – fühlte sich an wie der Eintritt in eine gewaltige natürliche Kathedrale. Man steht dort inmitten der Berge, umgeben von Licht, Wasser und Zeit, und merkt, wie klein und gleichzeitig wie reich man ist. Das sind Augenblicke, in denen man der Schöpfung ganz nahe kommt. Und dann dieser Moment der Begegnung: Auf dem Weg nach Svolvær kreuzten wir ein Hurtigruten-Schiff. Die traditionellen Hornsignale, nordgehend: 1 langer – 1 kurzer – 1 langer Ton, südgehend: 2 lange – 1 kurzer – 1 langer Ton, sind mehr als nur ein Gruß. Sie sind Ausdruck einer stillen Freundschaft zwischen Menschen, die das Meer lieben und respektieren. Wenn man sich oft begegnet, versteht man diese Signale fast wie Worte.

Sie führen die Yacht selbst – wie anspruchsvoll ist es, ein 50-Meter-Schiff ohne Vollzeit-Kapitän zu steuern und zu managen?

Natürlich verlangt ein 50-Meter-Schiff hohen Respekt, eine klare Führungsstruktur und konsequente Vorbereitung. Aber wenn man jedes System kennt, die Redundanzen versteht und eine eingespielte Crew an seiner Seite hat, entsteht ein anderer Zugang: Man steuert nicht nur ein Schiff – man beherrscht ein Gesamtsystem, das man selbst über Jahre mitentwickelt hat. Nicht die Größe der Yacht ist eine Herausforderung, sondern die Verantwortung. Und dieser begegne ich mit Erfahrung, Disziplin und der Überzeugung, dass ein Eigner, der sein Schiff kennt, es auch sicher führen kann.

Welche Erfahrungen als Kapitän haben Sie mit großen Schiffen?

Ich habe auf meinen früheren Yachten viel praktische Erfahrung gesammelt. Dazu gehört insbesondere unsere 35‑Meter-Yacht, auf der wir meist 6.000 Seemeilen pro Saison zurückgelegt haben – meist nur zu zweit, auf Nord- und Ostsee. Diese Fahrten waren geprägt von Navigation unter anspruchsvollen Bedingungen, Seemannschaft und einem hohen Grad an Eigenverantwortung. Auch meine Erfahrungen aus der Verantwortung für unsere eigenen kommerziellen Hochseeschiffe unter Schweizer Flagge, die ich vor einigen Jahren verkauft habe, spielen mir in die Karten. Die Zusammenarbeit mit professionellen Kapitänen, Crew-Mitgliedern und technischen Inspektoren hat meinen nautischen Horizont geprägt. Die Betriebsführung großer Schiffe vermittelt ein tiefes Verständnis für Prozesse, Sicherheit, Organisation und Disziplin auf See.

Gab es eine Situation, in der Sie überfordert waren?

Es gab auf See schwierige Situationen – das gehört zur Schifffahrt. Aber ich war nie überfordert. Ein prägendes Beispiel war eine Nacht im Trennungsgebiet vor Bornholm. Hinter uns, in etwa 0,8 Seemeilen Abstand, lief ein Supertanker, als wir plötzlich einen sogenannten „Brownout“ hatten: Die Motoren liefen weiter, aber die gesamte Elektronik fiel aus. „Cinderella Noel IV“ lief aus dem Kurs, und das Schiff war nur noch mit den beiden Hauptmaschinen zu stabilisieren. Wir informierten den Tanker sofort per Funk, damit er informiert war. Gleichzeitig begann unser Chief Engineer hochprofessionell mit der Wiederherstellung der Systeme, damit zumindest die Steuerpumpen wieder zur Verfügung standen. Solche Situationen trainiere ich bewusst – technisch, mental und organisatorisch. Zudem analysiere ich jeden noch so kleinen Vorfall an Bord in Bezug auf Ursachen, Abläufe und menschliche Faktoren. Diese Disziplin hilft mir, selbst in kritischen Momenten ruhig, strukturiert und fokussiert zu bleiben.

Wie bereiten Sie sich auf das Einlaufen in enge Marinas vor?

Für mich wird jedes Hafenmanöver – ob eng oder viel Platz – nach dem gleichen strukturierten Schema vorbereitet. Ein schwieriges Manöver gelingt nie durch Improvisation, sondern durch Planung, Kommunikation und Disziplin. Zunächst analysiere ich die Gesamtsituation: Wetter, Winddreher, Strömung, Verkehr, Platzverhältnisse, Liegeposition und potenzielle Risiken. Ich möchte vorab jede Variable verstehen, die das Manöver beeinflussen könnte. Dann erarbeite ich mehrere Handlungsmöglichkeiten, denn für mich gibt es immer einen klar definierten Plan A, einen realistischen Plan B und eine vollwertige Rückfallebene – Plan C. Das gibt Sicherheit und verhindert Stresssituationen.

Rund eine Stunde vor dem Anlegemanöver führe ich ein Crew-Meeting im Steuerhaus durch. Dort gehe ich jeden einzelnen Schritt des Manövers durch und formuliere klare, eindeutige Aufträge. Präzise Kommunikation ist der Schlüssel. Dann kommt die Ausführung: langsam, kontrolliert, mit Blick auf Wind und Strömung. Auch in engen Marinas lasse ich mich nie hetzen – weder von Behörden noch von Leinenpersonal oder Marina-Mitarbeitern. Das Schiff folgt meinem Tempo, nicht dem der Umgebung. Zu jedem Manöver gehört für mich das Wissen, wann ich abbrechen und neu ansetzen muss. Diese Entscheidung ist nicht exakt definiert, wie der „Decision Speed“ in der Fliegerei – sie beruht auf Erfahrung, Gefühl und permanenter Risikoabwägung.

Wie gestaltet sich das Zusammenleben mit der Crew an Bord?

Ohne Crew bewegt sich kein größeres Schiff, und ohne sie entsteht auch kein Leben an Bord. Unsere Crew besteht aus neun Mitgliedern in einem Rotationssystem, sodass jeweils vier bis fünf Personen gleichzeitig an Bord sind. Dieses Modell bringt nicht nur Professionalität, sondern auch eine besondere Energie in den Bordalltag: Jeder kommt ausgeruht, motiviert und mit neuer Freude an seine Aufgaben zurück. Diese Frische spürt man im gesamten Schiff.

Gibt es besondere Routinen, die Sie mit der Crew durchgehen?

Im Hafen beginnen wir den Tag mit einem kurzen Morgenmeeting. Es ist ein Moment des Zusammenkommens: klare Planung, kurze Abstimmung – aber auch ein Lächeln, ein freundliches Wort. Man spürt, dass hier Menschen miteinander arbeiten, die das Meer lieben und die Verantwortung füreinander tragen. Auf See ist der Takt anders. Hier bestimmt der Watchplan die Zeit. Die Crew lebt dann in einem ruhigen Rhythmus, begleitet vom sanften Brummen der Motoren. Es entsteht eine besondere Form von Gemeinschaft – leise, konzentriert und voller Vertrauen.

Ein wichtiges Element unseres Zusammenlebens ist die Privatsphäre jedes Crew-Mitglieds. Jeder hat seine eigene Kabine, und das gesamte Vorschiff gehört der Mannschaft: ein Ort zum Durchatmen, Lesen, Reden – oder einfach, um die Seele auf dem Wasser treiben zu lassen. Gerade auf längeren Reisen bedeutet dieser persönliche Raum unglaublich viel. Mir ist es wichtig, dass sich die Crew wohlfühlt. Dazu gehört eine gesunde, hochwertige Ernährung, die Energie gibt und den Tag strukturiert. Eine gute Mahlzeit ist auf See mehr als Verpflegung – sie ist ein Moment der Gemeinschaft.

Sie haben jedes Crew-Mitglied mit Schweizer Verträgen ausgestattet – warum war Ihnen das wichtig?

Das schafft eine klare rechtliche Grundlage – jeder weiß genau, welche Rechte und Pflichten gelten, ohne unterschiedliche Standards oder Unsicherheiten. Zweitens profitiert unsere Crew damit vom hohen Niveau der Schweizer Sozialversicherungen. Das gibt ihnen nicht nur Sicherheit im Alltag, sondern auch langfristige Perspektiven. Gut ausgebildete Crew-Mitglieder bleiben dort, wo fair mit ihnen umgegangen wird und wo sie spüren, dass man sich auf den Eigner/Kapitän wirklich verlassen kann. Und schließlich stärkt ein einheitlicher Vertragsrahmen auch die Kultur an Bord: Wenn alle nach denselben Regeln arbeiten, entsteht automatisch mehr Vertrauen und Zusammengehörigkeit. Das spürt man im täglichen Miteinander.

Welche Bedeutung hat Nachhaltigkeit für Sie bei Planung, Bau und Betrieb der Yacht?

Nachhaltigkeit ist in all diesen Aspekten ein zentraler Leitgedanke. Von Beginn an habe ich großen Wert darauf gelegt, umweltschonende Materialien einzusetzen und in moderne Technologien zu investieren, die den ökologischen Fußabdruck deutlich reduzieren. Ein Beispiel dafür ist das Hybrid-Antriebssystem, das ich bewusst gewählt habe, um Emissionen zu verringern und einen effizienteren, ressourcenschonenden Betrieb zu ermöglichen. Darüber hinaus war es mir wichtig, nicht nur die geltenden Vorschriften für Abwasseraufbereitung und Abgasreinigung einzuhalten, sondern die jeweils höchstmöglichen Standards umzusetzen, die technologisch verfügbar sind. Ich wollte zeigen, dass verantwortungsvolles Handeln und moderne Yachttechnik sich nicht ausschließen – im Gegenteil, sie ergänzen sich. Die Meere und die Natur bedeuten mir persönlich sehr viel. Deshalb sehe ich es als meine Verantwortung, mit gutem Beispiel voranzugehen und zu zeigen, dass Luxus und Umweltbewusstsein in Einklang stehen können.

Was macht „Cinderella Noel IV“ für nordische Gewässer besonders geeignet?

Da ich die Yacht das ganze Jahr über nutze und oft auch Weihnachten und Neujahr im hohen Norden verbringe, war es entscheidend, sowohl technisch als auch im Komfortbereich Lösungen zu wählen, die Dauerfrostbedingungen standhalten. Die Yacht wurde von Beginn an für einen ganzjährigen Betrieb in kalten Regionen geplant. Dazu gehören eine hochgradig verstärkte Isolation, vollständig wintertaugliche technische Systeme und eine zuverlässige Energieversorgung. Besonders wichtig war mir zudem eine durchgehende Bodenheizung – in jedem einzelnen Raum, selbstverständlich auch im Crew-Bereich.

Ein weiterer zentraler Punkt ist der offene Bereich achtern im Hauptdeck und Brückendeck: Mit einem hochwertigen Cover lässt er sich vollständig schließen und beheizen. Das erleichtert der Crew die Arbeit und schafft gleichzeitig einen geschützten Außenbereich, der auch bei starkem Wind, Schnee oder Minusgraden genutzt werden kann. Ich könnte noch viele Details nennen – eines davon sind die speziell entwickelten beheizten Scheiben im Steuerhaus. Gerade in nordischen Gewässern, wo Temperaturen, Vereisung und Sichtbedingungen ständig wechseln, sind solche Lösungen unverzichtbar.

Sie planen nächstes Jahr Spitzbergen anzulaufen. Was reizt Sie an diesem Revier am meisten?

Spitzbergen ist für mich kein Reiseziel, sondern ein Gefühl. Ein Ort, an dem die Stille lauter ist als jedes Geräusch und an dem man spürt, wie klein der Mensch im Angesicht dieser überwältigenden Natur wirklich ist. Natürlich wird der Zugang durch den internationalen Svalbard‑Vertrag möglich, der den Weg für Menschen aus vielen Nationen öffnet. Doch das wahre Tor nach Spitzbergen sind die norwegischen Regeln, die diese fragile Welt schützen sollen. Seit Anfang 2025 sind sie noch strenger geworden: Landgänge nur an 43 ausgewählten Orten, großzügige Abstände zu Tieren, allen voran den Eisbären, und klare Vorgaben für Schiffe, die diese Region befahren. Alles zum Schutz eines Ökosystems, das verletzlich ist.

Spitzbergen fordert Ehrfurcht. Jeder Schritt an Land, jeder Atemzug in dieser klaren Luft erinnert uns daran, dass wir Gäste sind, die keine Spuren hinterlassen sollten. Für mich ist es ein Privileg, diese Landschaft erleben zu dürfen. Und genau deshalb halte ich mich an jede einzelne Vorgabe – nicht aus Pflichtbewusstsein, sondern aus Dankbarkeit. Man schützt das, was man liebt. Und ich liebe die Arktis.

Sie haben ein Haus in Finnland. Inwiefern spielt das eine Rolle in Ihrer maritimen Geschichte?

Unser Haus auf Kyläniemi im Saimaa‑See ist unser Ort der Stille – ein Rückzugsort, an dem die Seele zur Ruhe kommt und an dem wir den Rhythmus der Natur so intensiv spüren wie kaum anderswo. Besonders der Winter hat für uns eine fast magische Bedeutung: die langen Nächte, der endlose Sternenhimmel, das Knacken des Eises und diese besondere Klarheit der Luft. Was mich allerdings sehr bewegt, ist, dass wir heute nicht mehr wie früher mit unserer Yacht durch den Saimaa‑Kanal fahren können. Der Kanal führt durch Russland, und aufgrund der aktuellen geopolitischen Lage ist diese Reiseverbindung für uns nicht mehr möglich. Sie fehlt uns – nicht wegen der Strecke selbst, sondern wegen all der Erinnerungen, der Routinen und der besonderen Momente, die damit verbunden waren.

Welches Reiseziel steht ganz oben auf Ihrer Bucketlist?

Es ist der Ort, über den ich gerade schon gesprochen habe. Der Saimaa‑See in Finnland ist ein Stück Heimat für meine Seele. Wer einmal dieses kristallklare Wasser gesehen hat – Wasser, das man direkt trinken könnte –, und wer diese unendliche Landschaft aus rund 180 000 Inseln erlebt hat, versteht, warum ich mir so sehr wünsche, eines Tages wieder mit „Cinderella Noel IV“ dorthin zurückkehren zu können. Und natürlich haben wir noch viele andere Traumziele. Regionen im Norden wie auch im Süden. Welche genau? Das bleibt unser Geheimnis.


Technische Daten der “Cinderella Noel IV”

boot/87_23d355b8e204deed0f513a3776713b4fFoto: Heesen
  • Länge über alles: 49,90 m
  • Länge (Wasserlinie): 43,20 m
  • Breite: 9,20 m
  • Tiefgang: 2,55 m
  • Verdrängung (leer): 495 t
  • Gross Tonnage: 499
  • Material: Stahl/Alu
  • Motoren: 2 X MTU 8V4000 M63
  • Motorleistung: 1000 kW
  • Geschwindigkeit (Reise): 12 kn
  • Reichweite: 3800 sm
  • Exterieur: Clifford Denn Design
  • Interieur: Luca Dini Design
  • Werft: Heesen, 2024
Martin Hager

Martin Hager

Chefredakteur YACHT und BOOTE Exclusiv

Martin Hager ist Chefredakteur der Magazine YACHT und BOOTE EXCLUSIV. Er segelt seit seiner Kindheit, Surfen, Kitesurfen und Wingfoilen ergänzen seit vielen Jahren seinen sportlichen Horizont. Die Liebe zum Wassersport führte ihn zum Schiffbaustudium und von dort im Jahr 2004 in die Hamburger Redaktion des Delius Klasing Verlages. Seine Leidenschaft für den Bootsbau, die Yachtbranche und die spannenden Charaktere, die das Yachting prägen, gibt er mit Freude weiter – sei es in seinen Artikeln, als auch im Gespräch mit Lesern und der Branche.

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