Designer HobbysPhilippe Starck über Wellen, Yachtdesign und Unsichtbarkeit

Sören Gehlhaus

 · 07.06.2026

„Starcke“ Geste: Der Pariser Gestalter ist ein Bootsnarr und hat vor jedem seiner Häuser ein Boot liegen, mit dem er zu Wellenbeobachtungen aufbricht.
Foto: José Hevia
Philippe Starck gestaltet Yachten von innen nach außen. Der französische Designer erklärt seine Philosophie hinter Projekten wie „Motor Yacht A” und „Venus”. Jeden Entwurf prägt seine Leidenschaft für Wellen, die er von diversen Booten aus beobachtet.

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Philippe Starck hat kein Hobby. „Kreative Menschen haben keine Zeit für ein Hobby. In ihrem Leben dreht sich alles um das Erschaffen”, sagt der Designer. Seine Leidenschaft gilt den Wellen, genetisch bedingt durch die Seglerfamilie, in der er aufwuchs. Schon als Kind steuerte er das große Holzsegelboot seines Vaters, verbrachte Winter mit Kalfatern. Der Geruch ist ihm bis heute in Erinnerung geblieben. Mit 16 oder 17 Jahren wurde er „Überlebenstrainer” bei einer Segelfreizeit in der Bretagne, zeigte Schülern das Kentern und Aufrichten von Booten. Das Wasser war kalt, die Wellen groß. Dort entwickelte sich seine Vorliebe für Wellen, die sein gesamtes Schaffen prägt. Segeln und Luftfahrt basieren auf einem binären System, deshalb besitzt Starck auch einen Pilotenschein. Diese binäre Situation fasziniert ihn, weil Fehler bei der Wettervorhersage unmittelbare Konsequenzen haben.

Regatten und Nervenkitzel

Mit seinem Bruder segelte Starck Regatten, gewann durch eine besondere Taktik. „Wir waren so schnell, dass wir immer in Führung lagen, bis wir kenterten”, erklärt er. Sie konnten ihr Boot jedoch so schnell wieder aufrichten und Fahrt aufnehmen, dass sie als Erste ins Ziel kamen. Seine Beziehung zum Meer beschreibt er als extrem körperlich, ziemlich krass und nass. Er analysiert ständig, ob eine Welle sein Boot zum Kentern bringt oder ob es die nächste sein wird. Der Nervenkitzel liegt für ihn in diesem kontrollierten und doch permanenten Zustand. Das binäre System ermöglicht es, Wasser zu verstehen, Wolken und ihre Bedeutung, den Wind und seine Folgen. Vor allem die genaue Form der Wellen interessiert ihn. Kürzlich betrachtete er die Riesenwelle von Nazaré, auf Augenhöhe mit dieser massiven Welle von Milliarden Tonnen Wasser, die sich sehr langsam bewegt.

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Design von innen nach außen

Starck designt Boote ausschließlich aus guten Gründen. Viele Menschen kaufen Yachten nur, um Reichtum zur Schau zu stellen. Einige Designer teilen diese Sichtweise und entwerfen Boote, die den Reichtum ihrer Kunden widerspiegeln sollen. Diese Boote werden von einer Außenperspektive aus konzipiert. „Leider werden wir oft Zeuge der ästhetischen Verschmutzung von Landschaften durch Boote, die vollständig auf nicht menschlichen, nicht natürlichen und nicht positiven Werten aufbauen”, kritisiert er. Seine Yachten zeichnet er immer von innen nach außen, inspiriert vom Wind, der Welle, dem Leben, dem Menschen und was wir wirklich brauchen. Nicht was wir glauben zu brauchen. „Motor Yacht A” besitzt einen ausgeklügelten Rumpf, der selbst bei 25 Knoten keine Wellen aufwirft, „eine große ökologische Innovation. Form und Linien leiten sich direkt von Wellenproportionen und Walreflexionen ab.”

Verschmelzung mit der Umgebung

Die Spiegelungen auf Walkörpern verströmen einen besonderen Geist und haben eine besondere Logik. Der Grundgedanke bei „A” ist, dass sie mit ihrer Umgebung verschmilzt. „Venus”, kreiert für Steve Jobs, versuchte Starck nicht an die Natur anzupassen, sondern sie schlichtweg darin verschwinden zu lassen. Es gehörte zu Jobs' Charakter, unsichtbar zu sein. Starck teilt dieses Unsichtbarkeitssyndrom. Das Boot gestaltete er mit einem Maximum an Glas. Das erste Deck ist ein durchsichtiger, komplett verglaster Raum. Das Dach ist ebenfalls komplett verglast, was außergewöhnliche Technik erforderte. Die Fenster sind etwa 23 Meter lang, 2,50 Meter breit und sechs Zentimeter dick, dazu noch gebogen. Alle seine Boote resultieren aus ihrer Beziehung zur Natur und seiner persönlichen Erfahrung.

Häuser am Wasser

Starck kann immer arbeiten, wenn er allein ist, wie ein Mönch. Das Einzige, was er sehen muss, um sich allein zu fühlen, ist das Meer. Er besitzt eine Sammlung von Häusern, die er „Mitten im Nirgendwo” nennt. 95 Prozent davon liegen am Wasser, in der Regel mit einem Boot, das in ungefähr fünf Metern Entfernung vor Anker liegt. Wenn sein Gehirn komplett durchgebrannt ist und kurz vor dem Ausbrennen steht, kann er auf ein Boot hüpfen, losfahren und in die Wellen gehen. Warum das für ihn der schönste Zeitvertreib ist, erklärt er simpel: „Dann bin ich einfach ein Mensch, der mit den Gesetzen der Physik spielt.”

​​Dieser Artikel erschien erstmals in BOOTE EXCLUSIV 2/2021 und wurde für diese Online-Version aktualisiert.


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Sören Gehlhaus

Sören Gehlhaus

Stellvertretender Chefredakteur BOOTE EXCLUSIV

Sören Gehlhaus wurde 1981 in Berlin geboren und besegelte auf Jollen die Unterhavel, in den Ferien den Ratzeburger See und die Ostsee auf „Dickschiffen“. Zeitgleich mit dem Beginn des Studiums in Lübeck trat 2001 das Kitesurfen auf den Plan, und die intensive Ausübung des neuen Sports sorgte für den beruflichen Schwenk zum Journalismus. Nach Volontariat beim b&d Verlag in Hamburg folgten viele Jahre der redaktionellen Arbeit für ein Kitesurf-Magazin und 2018 der Wechsel zu BOOTE EXCLUSIV.

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