Selbstsicherheit gehört dazu, Erfahrung ebenfalls. Wer sie in dieser Branche nicht mitbringt, sollte das Yachting meiden. Anspruchsvollen Eignern hätte er nichts entgegenzusetzen. „Wir glauben, dank des Sachverstands unserer Ingenieure das Mandat des Eigners und seine Wünsche, eine Yacht zu besitzen, die noch nach Jahren zeitlos an der Spitze bleibt, übertroffen zu haben.“ So beschrieb Lürssen kurz, treffend und erfolgsgewohnt den Abschluss des Projekts der zweiten „Kismet“ für denselben Eigner in BOOTE EXCLUSIV 2/2016.
Noch bevor der Ersteigner 2024 seine neue „Kismet“ (122 m) entgegennahm, wechselte das 95-Meter-Format nach nur drei Monaten auf dem Markt den Besitzer und erhielt den heutigen Namen “Whisper”. Nun bietet Christie Yachts das 2014 von der deutschen Werft Lürssen abgelieferte Schiff erneut für 149 Millionen Euro an. Erst im vergangenen Jahr wurde die Yacht umfassend überholt und mit einem helleren Interieur ausgestattet. “Whisper” wird Ende September während der Monaco Yacht Show 2026 vor Anker liegen.
Solch Aufgabe meisterte man nicht allein. Darum galt 2016 der Dank der Werft, etwas Außergewöhnliches abgeliefert zu haben, auch den Fähigkeiten des Konstrukteurs und der Gestaltungskraft der Innenarchitekten samt der guten Kommunikation mit diesen Unverzichtbaren. Ein gleicher Dank – auch der des Eigners – ging 2016 an die Eignervertreter von Moran Yacht & Ship und den „Kismet“-Kapitän Kyle Fultz, der die Entstehung der 95-Meter-Yacht ebenfalls von den ersten Gedanken an bis zur Ablieferung in Bremen im Eignerauftrag begleitet hatte.
Das Innendesign hatte das Büro Reymond Langton aus dem englischen Weltkulturerbe Bath mit Filiale in London übernommen, die Konstruktion und das Styling Espen Øino, der Norweger mit Sitz und Büro in Monaco. Øino begann im Jahre 2008 mit seinen Arbeiten an der Ex-„Kismet“, kurz nach der Auslieferung des ersten Projekts gleichen Namens. Jenes, 2007 geliefert und ebenfalls ein Øino-Design, das sich der Eigner bei Lürssen bestellte, ist mit 67 Metern erheblich kürzer als sein 95 Meter langer Nachfolger und reist heute nach einem Refit im Jahre 2014 unter dem Namen „Global“ mit Charterkunden durch die exquisiten Reviere, hauptsächlich die des Mittelmeers, und ist ausgestattet mit den schönsten Tendern und Toys.
Mit einer unterhaltsamen Sportausstattung und zudem attraktiven Übersetzbooten von Naiad und Hinckley plus einem Rettungstender von Fassmer kann auch die ehemalige Kismet, heute unter dem Namen „Whisper“ bekannt, dienen. Auffälliger auf den ersten Blick jedoch erscheint die Ähnlichkeit des Farbkonzepts. Der Eigner wünschte sich wieder das schimmernde Hellgrau des Rumpfs.
Øino setzte mit dieser Farbgebung zusätzlich an den Aufbauten Akzente. Er konnte auf dem Erfolg aufbauen, den die erste „Kismet“ sofort einheimste, nachdem sie auf dem Chartermarkt erschienen war. Das macht Mut und erleichtert unübliche Entscheidungen. „Das Briefing des Eigners war klar“, erinnert sich Øino. „Die Neue sollte ihre Vorgängerin bei Weitem übertreffen, wieder mit besonderer Betonung auf die Nutzung für Firmenveranstaltungen und Charter.“ Aus diesem Grunde verwandten der Eigner, seine Vertreter von Moran Yacht & Ship und der Kapitän mit seinem langjährigen Purser viel Sorgfalt auf die repräsentative Raumaufteilung.
Obwohl das Layout auf den ersten Blick recht konventionell wirkt, trumpft die Ex-„Kismet“ mit einigen Eigenheiten und Highlights ihrer Architektur auf, die sie in ihrer äußeren Erscheinung und ihrer Nutzung einzigartig wirken lassen. Das Vorschiff mit den Ankerwinschen und Ketten blieb vollkommen geschlossen. So entstand eine Fläche, die als Helipad, Basketballfeld und Veranstaltungsplatz unter Zelten dienen kann. Den Abschluss der Fläche zum Vordersteven hin bildet ein Bugspriet aus Edelstahl als Basis, um die abnehmbare Skulptur eines Sportverein-Maskottchens aufzunehmen. In der Planungsphase formten die 3-D-Printer von Materialise mit Fräsen in ihrer Werkstatt nämlich einen vier Meter langen und zwei Meter hohen glänzenden Jaguar mit blau glühenden Augen und polierten ihn auf metallisch wirkenden Hochglanz.
Die Erfahrungen, so meint Øino, zeigen, dass die Gäste an Bord die meiste Zeit auf den Freidecks verbringen, wenn es das Wetter erlaubt. In der Entwicklungsphase des Designs, des Stylings samt der Innenräume und Außenflächen verbrachte Øino außergewöhnlich viel Zeit mit der Analyse des Verhaltens, das Gäste während einer typischen Charterwoche auf den Decks umtreibt. „Als Ergebnis arrangierten wir einige Plätze für das Entertainment”, erklärt Øino. Und natürlich für das süße Nichtstun, den ziellosen Zeitvertreib, das Dolcefarniente. „Das Topdeck“, so Øino weiter, „dient in vielerlei Hinsicht als Zufluchtsort.“ Auf das Layout verwandte er ebenfalls viel Sorgfalt, mit einem zwanglosen, lässig gestalteten Speiseplatz beim Grill, komplett geschützt hinter Glastüren, die den Weg zum vorderen Teil des Decks freimachen mit seiner Pool-Jacuzzi-Kombination.
Das achterliche Ende des Pools integriert das Oberlicht des Fahrstuhlschachts und einen Felsengarten, der als zweiter Überlauf des Pools funktioniert. Dieses Deck lässt sich vollständig vom höher gelegenen Platz zum Sonnenbaden überblicken. Dieser private Rückzugsort ist nur über eine Wendeltreppe am Mast erreichbar, die zum Beobachtungsdeck führt. Von hier aus lässt sich die ehemalige „Kismet“ und der Rest der Welt überblicken. „Womöglich mein Lieblingsplatz auf dieser Yacht“, gesteht Espen Øino.
Wie bei so vielen Projekten der außergewöhnlichen Art tauchte auch bei der neuen „Kismet“ der Eigner tief in die Planungen mit ein. „Das äußere Styling macht da keine Ausnahme.“ Man nahm sich auch für die Entwicklung des Stylings einige Zeit, „angesichts der Tatsache, dass der Vertrag im Oktober 2008 unterzeichnet war“.
Das äußere Erscheinungsbild skizzierte Øino in Chicago. Einige Elemente wie die edelstählernen Lüftungen hinten an den Schornsteinen sind von der Skyline der Stadt am Michigansee inspiriert. Andere Details des Stylings wie der Bugspriet zeigen sich vom Art déco beeinflusst, wie nicht zuletzt auch große Teile des Interiors. Dessen Planung und Gestaltung oblag dem Büro Reymond Langton Design, das schon der ersten „Kismet“ seinen Stempel in der Inneneinrichtung aufdrückte. Auf Wunsch des Eigners sollte es den „ersten Streich“ allerdings hinter sich lassen. „Er legte die Messlatte noch ein Stück höher“, erinnern sich die Engländer aus Bath. Es ging immerhin darum, die begeisterte Aufnahme der ersten „Kismet“ auch in der Inneneinrichtung noch zu toppen, unmissverständlich Zeichen zu setzen. Der Eigner verlangte nichts Geringeres als ein Meisterstück für seine Charteryacht, auf der auch Freunde sich wohlfühlen sollten. Sein Motto für die Nutzung: Caviar, Charter und Champagner, ohne Kompromisse.
Die Tatsache, dass die ehemalige „Kismet“ um die Hälfte länger werden würde als die erste, sollte sich auch in der Gestaltung des Layouts und der Perspektiven und Sichtachsen ausdrücken.
Hohe Räume, Durchbrüche durch die Decks und freie Blicke über größtmögliche Entfernungen von vorn bis hinten sollten die Designer realisieren und mit Überraschungen zum Glänzen bringen.
Das Motto wirkte herausfordernd genug. Gefragt waren also widersprüchliche Eigenschaften wie Ruhezonen und Party-Equipment, Sport und Erholung. Man entschied sich für entsprechende Materialien und Farbschemata: warm-goldene Honigtöne der Metallelemente, Marmor und Stoffe mit dunklen Hölzern und reichlich Leder für den Kontrast.
Die hervorstechendste Wirkung, die „Kismet“ von ähnlichen Angeboten im Chartermarkt abhebt, entfaltet die Entertainment-Zone mit doppelter Raumhöhe. Dieser Abschnitt der Innenräume unterscheidet sich durch die üppige zeitgenössische Interpretation einer Art-déco-Einrichtung von ähnlichen Projekten, mit einem architektonischen Schwerpunkt, der auf einer geschwungenen Treppe liegt, die beide Ebenen des Partypalasts miteinander verbindet. Zwei Videowände mit voller Raumhöhe rahmen diesen Treppeneffekt der Hollywoodfilme aus den Dreißigerjahren ein. Eine Art offizielle Rezeption erschließt die Partyzone, eine Lounge verbindet sie mit einem komfortablen Club auf dem Hauptdeck, der sich in ein Kino verwandeln lässt.
Ein ruhigerer Salon und ein Speiseraum stehen auf dem Oberdeck zur Verfügung. Versteckte Schiebetüren und eine durchdachte Anordnung der Räumlichkeiten sorgen dafür, dass dieser ganze Teil des Decks entweder für aufwendige Partys und Empfänge oder auch vielseitig und kleinteiliger zu nutzen ist, für intimere Anlässe. Dunkle Hölzer, Leder und Steinapplikationen verbinden diese Gesellschaftsräume optisch und erzeugen eine warme Atmosphäre.
Auf dem Brückendeck beweist sich die Offenheit des Layouts mit einer legeren Beachclub-Lounge, die sich in einen Disco-Nachtclub verwandeln lässt. Von hier aus öffnet sich eine Bar nach achtern zum Freideck, das als Tanzfläche taugt.
Der Art-déco-Einfluss lässt sich dagegen weiter vorn auf dem Hauptdeck erkennen, in den vier Gästeunterkünften mit jeweils individuellen Themen, japanisch inspiriert. Zwei VIP-Suiten mit Jugendstil-Touch runden das Angebot für die Gäste ab: üppig, ohne jede Übertreibung.
Und der Eigner? Für seine Suite auf dem Oberdeck ließ das Reymond-Langton-Team sich romantisch-subtil von Coco Chanel inspirieren. Dies drückt sich im Lalique-Stil der Beleuchtung aus, mit der das Design die Senkrechten der raumhohen Fensterrahmen schmückt, die Umrahmung des Kamins am Fußende des Bettes und die steinernen Säulen und Intarsien im Eignerbad. Die Einbindung eines komfortablen Büros und ein privates Außendeck, eine Art Terrasse über dem Vorschiff vor der Suite, verleihen der Eignersuite endgültig den Charakter des Mittelpunkts von der ehemaligen „Kismet“. Überall erfasst das aufmerksame Auge Details wie handgearbeitete Mosaike in den Bädern, die den Charakter einer jeden Suite wiederholen, geschwungene Steinarbeiten, maßgeschneiderte Polsterstoffe, geprägtes Leder und natürlich Kunstwerke.
Auf dem Unterdeck verarbeiteten Reymond Langton persische Einflüsse. Davon profitieren ein komplettes Spa, ein Beautysalon und ein Gym.
Und die Technik für das Wohlbefinden? Unterwegs und vor Anker arbeiten Stabilisatoren wirksam und unauffällig. Das erfreut die Gäste. Die Rolls-Royce-Ruderanlage erfreut den Kapitän, ebenso kräftige Bug- und Heckstrahlruder. Falls die Party länger als eine Charterwoche dauert, reicht eine Nonstop-Reichweite von 6000 Meilen für längere Reisen aus.
Sollte irgendeiner der Gäste unzufrieden sein, kann er dies nur einem unglücklichen Schicksal zuschreiben. An „Kismet“, dem arabischen Wort für Schicksal, kann es nicht gelegen haben.
Der Artikel erschien zum ersten Mal in BOOTE EXCLUSIV 2/2016 und wurde für diese Online-Version überarbeitet.
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