Streng genommen ist „Bold“ gar kein Explorer. Jedenfalls dann nicht, wenn man maßvolles Vorankommen und damit einen Verdrängerrumpf als unabdingbares Charakteristikum für die Klasse der Abenteuervehikel ansieht. Der 85-Meter-Bau aus Westaustralien läuft bis zu 27 Knoten und besteht aus Aluminium. Jedoch von der Effizienz her passt „Bold“ hervorragend in die Riege der Langfahrer. Sie dürfte so viele Meilen im Kielwasser haben wie kaum eine andere Yacht ihrer Größe. Den Sommer 2026 verbrachte die Charteryacht vor Norwegen und in den Lofoten. Ein Käufer wird auch gesucht, für 89 Millionen Euro. Der Artikel aus der BOOTE EXCLUSIV Ausgabe 4/20 gibt Einblicke in die Entstehung und in die Kabinen.
Tarnung ist für „Bold“ ein doppelter Segen. In der strahlenden Yachtingwelt hilft sie den 85 Metern aufzufallen, wie hier im Port Hercule. Zwischen mehrheitlich weißen Großformaten wirkt der silbergraue Explorer von SilverYachts wie ein Kriegsschiff – nicht nur aufgrund der Lackierung und der kantigen Formen, auch wegen der Abmessungen: Mit 1551 Gross Tons Raumvolumen und nur elf Metern Breite ist „Bold“ bedeutend kleiner als ihre Nachbarin „Mimtee“. Der CRN-Neubau beansprucht eine 79 mal 13,50 Meter große Box für sich und wirft mit seinen 2200 Gross Tons weitaus längere Schatten.
Der militärische Anschein ist aber auch von praktischem Nutzen. Auf der Brücke erzählt ein „Bold“-Crewmitglied, wie sie die 7200 Seemeilen von Westaustralien nach Korfu in 28 Tagen zurücklegten – und dabei durch den Golf von Aden und somit das Piratengebiet vor Somalia mussten. Über die Passage, auf der sie wie auf Yachten üblich drei bewaffnete Sicherheitsleute an Bord nahmen, sagt die Deckshand selbstbewusst: „Es hätte sich eh keiner getraut, uns anzugreifen.“ Dabei hatte es das SilverYachts-Gründungsduo Espen Øino und Guido Krass nicht unbedingt auf ein martialisches Äußeres angelegt. „Guido sagte, dass es seine eigene Yacht werden soll, er damit um die Welt reisen will und nicht möchte, dass sie wie eine normale Yacht aussieht“, erinnert sich Øino an den Beginn der anderthalb Jahre dauernden Entwicklungsphase. „Das Wort ,militärisch‘ fiel nicht, funktional sollte sie sein. Außerdem bewunderte Guido schon immer ,Skat‘. Wobei die auch nicht explizit militärisch aussehen sollte. Der Eigner wollte lediglich, dass die Decks auf planen Aluplatten aufbauen“, beschreibt Øino seine Lürssen-Premiere aus dem Jahr 2002.
„Bold“ ist nach den vier Modellen aus der Silver-Serie der fünfte Neubau des norwegischen Konstrukteurs mit Büro in Monaco und des deutschen Unternehmers. Krass beauftragte Øino 1995 mit dem Refit seiner 39 Meter langen Alucraft „Pari“. „Wir freundeten uns an und berieten über ein neues Projekt, bei dem uns Geschwindigkeit sehr wichtig war. ,Pari‘ war eher langsam. Unser neues Konzept sah vor, nachts schneller von A nach B zu kommen, um in kürzerer Zeit mehr sehen zu können“, erinnert sich Øino und ergänzt: „Wir trafen uns in Kitzbühel und betrachteten simple Arbeitsschiffe, die Crews auf Ölplattformen im Golf von Mexiko bringen. Uns gefiel deren Effizienz.“ Das war die Geburtsstunde von SilverYachts, wobei die Werft mit Sitz in Westaustralien im Gründungsjahr 2003 noch Hanseatic Marine hieß. 2007 wurde die erste Yacht auf „Silver“ (jetzt „Rabdan“) getauft. „Silver Fast“, die vierte und letzte Einheit der Silver-Serie, ist 77 Meter lang, zehn Meter breit, bis zu 27 Knoten schnell und hat bei 18 Knoten einen Aktionsradius von 4500 Seemeilen. Øino kennt den Grund für beeindruckende Leistungsdaten: „Sie ist schneller als vergleichbar voluminöse Yachten, ohne mehr Energie zu benötigen. Das geht nur über ein höheres Längen-Breiten-Verhältnis und Leichtbau.“
„Bold“ führt das Silver-Erbe mit einem auf eine Nachkommastelle identischen Schlankheitsgrad fort. Die 23,8 Knoten Maximalgeschwindigkeit erscheinen für einen Explorer weitaus weniger konventionell als der MTU-Dieselantrieb mit einer moderaten Gesamtleistung von 5760 Kilowatt. Für „Bold“ ist schnelle Fortbewegung noch stärker als bei anderen Silver-Modellen ein Werkzeug, um sich effizient zwischen den Kontinenten zu bewegen. Wenn nötig, geht es mit 14 Knoten und 1000-Meilen-Reserve über den Atlantik. Am wirtschaftlichsten bewegt sich „Bold“ bei Reisegeschwindigkeiten zwischen 16 und 18 Knoten fort, wenn der Verbrauch laut Kapitän 500 Liter pro Stunde beträgt. Augenscheinlich zum Entdecker-Vehikel machen „Bold“ die Tender- und Toykapazitäten, die sich allein auf dem Achterdeck auf über 400 Quadratmetern ausbreiten. Die Agusta-Westland 109 landet bei hydraulisch abgeklapptem Schanzkleid auf dem von LEDs unterleuchteten und für Aerotender mit einem Rotordurchmesser von maximal 13 Metern zertifizierten Helideck. „Für unseren Piloten fühlt es sich nicht wie das Landen auf einer Yacht an“, so Kapitän Todd Leech. Der Australier hat bisher ausschließlich auf Explorern gearbeitet. Seine treffende Definition der Klasse lautet: „Helikopter, U-Boote, Kräne – Boys Toys!“ Obwohl die Regularien es zulassen würden, lascht die Crew das neuralgische Fluggerät für lange Passagen nicht ganz achtern fest.
Leech berichtet von der Überführung durch den Indischen Ozean: „Für fast eine Woche fuhren wir mit 16 Knoten durch eine sechs Meter hohe See von der Seite. Von der Brücke konnte ich dem Wellenkamm Hallo sagen, das Achterdeck wurde zum Pool.“ Espen Øino bekräftigt: „Fregatten schneiden ganz ähnlich durch Wellen. ,Zeus‘ (Ex-,Eco‘), an der ich mit Martin Francis gearbeitet habe, verfolgt den gleichen Ansatz mit ihrem ausgedünnten Steven und dem niedrigen Bug-Freibord.“ Während der feuchten Überführungsfahrt stand der Heli sicher im Hangar unter den gläsernen Aufbauten. Vor dem Parken müssen die Rotorblätter demontiert und ein Längsspalt in der Decke um 70 Zentimeter hochgefahren werden, damit der Rotorkopf nicht den Boden des darüberliegenden Wintergartens aufschlitzt. Eine Salzbarriere erzeugen achterliche Schiebetore, die Tankstelle hält 3000 Liter Kerosin vor.
In der küstennahen Nutzung zeigt sich „Bold“ hochgradig modular. Für schnelle Transfers parkt der Heli zwei Decks höher hinter der Brücke. Unten schlägt die Stunde des Sechstonnenkrans, der das Achterdeck mit einer Reichweite von 15 Metern bestückt. Zum Standard gehören drei RIBs von Rupert Marine. Die Schweden versorgen auch das Militär mit schnellen Eingreifbooten und bauten den geschlossenen der beiden 10,50-Meter-Tender nach Vorgaben von Espen Øino. Während der Buchten-Tingelei werden zwei Jetskis auf das Achterdeck gehievt, die ein Kran mit drei Tonnen Traglast zusammen mit dem Notfalltender dauerhaft im Bug verstaut. Da „Bold“ einen Tiefgang von nur 2,80 Metern hat, finden Wassersportaktivitäten weit unter Land statt. Gäste vergnügen sich auf Laserjollen, Surf- und SUP-Boards oder mit Seabobs, Schnorchel- und Tauchausrüstung sowie auf einem neun mal sieben Meter großen PVC-Dock, das sich auch zum Starten und Landen von Kites eignet. Für eine Pause im Schatten bietet sich der Beachclub hinter der Heckklappe, für die Frischwasserabkühlung im Freien der Spa-Pool unter dem Spinnen-ähnlichen Mast an.
Gänzlich frei von Tendern und Toys sollten die 35 Teak-Meter im Veranstaltungsmodus sein. Das Partyzentrum bildet dann der leere Hangar mit Nebelmaschinen, 40.000-Watt-Soundsystem und der fünf mal zwei Meter großen Displaywand aus LED-Kacheln. Bei absoluter Stille werden hier Yogaübungen vollführt oder draußen Basketball auf einen Korb gespielt, den die Crew bei ruhiger Ankerlage auf die überhängenden Aufbauten steckt. Im Hangar selbst befindet sich an Steuerbord der einzige achterliche Zugang zu den Gästequartieren auf dem Hauptdeck und der Unterbringung für die 20-köpfige Crew ein Deck tiefer.
„Bold“ ist nach SOLAS als Passenger Yacht klassifiziert und nimmt bis zu 16 Gäste auf, auch unabhängig vom Eigner. Y.CO listet „Bold“ für eine wöchentliche Charterrate ab 875.000 Euro, Heli exklusive. Der schwarze nicht beheizte Marmorboden – wir sind auf einem Explorer – des knapp 20 Meter langen Hauptdeckflures leitet zunächst in die vier Gästekabinen, die von den markant ineinander verschachtelten Dreiecksfenstern aufgehellt werden. Hingegen mit Bullaugen müssen sich die vorderen drei VIP-Gemächer begnügen, die SilverYachts sonst aber identisch mit hellem Teppich, Wänden aus lackiertem Teakholzfurnier und matten GFK-Deckenpaneelen ausbaute. Praktikabilität und Funktionalität drücken leichte Einbaumöbel mit Honeycomb-Unterkonstruktion und der für SilverYachts typische Verzicht auf funkelnde Extravaganzen oder üppige Lederverkleidungen aus.
In der Flurmitte gegenüber vom Massageraum führen Treppen in den Salon auf dem Eignerdeck und ein gesonderter Aufgang die Crew über eine backbordseitige Außentür auf das Vorschiff. Der Eigner betritt seine Suite an Steuerbord über eine dunkel getäfelte Kino-Nische, die Schiebetüren von der Eignerlounge abtrennen. Den Masterbedroom hellen die Eichenverkleidung an den Wänden, ein Teppich in Cremeweiß und LED-Spots an den Deckenrändern auf. Die Bäder im vordersten Teil des Aufbautenkeils prägt schwarzer Marmor mit markanter Äderung, der hier im Gegensatz zu den Gästearealen auch großflächig die Wände ziert. In jeweils Badewanne und Dusche strömt Tageslicht durch Spalte, die von außen wie die Luftschlitze eines mittelalterlichen Ritterhelms aussehen.
Hingegen vollends exponiert ist der Salon des Eignerdecks mit seinen rundum bodentiefen Scheiben. „Das ist mein Lieblingsort an Bord. Ich mag diesen nahtlosen Übergang von innen nach außen, diese Dimensionen und dass dieser Ort so riesig anmutet, obwohl die Yacht vom Volumen eher klein ist“, sagt Espen Øino über den Raum, der „Bold“ den Projektnamen „Silver Loft“ einbrachte und der einem Erker gleich jeweils einen Meter über den Rumpf ragt. Die gewonnenen Flächen füllen Fensterbänke, denen mal frei beweglich Stühle, Jacques-Sessel von Minotti und Tische oder eine Bar gegenüberstehen. Allein dieser äußere Ring bietet 20 Personen Platz. Im Zentrum liegt ein Seidenteppich-Unikat von Tai Ping unter der hinterleuchteten 3,70 Meter hohen Decke. Auf samtblauen Minotti-Sofas (Lawrence „Clan“) und Sesseln verteilen sich weitere vierzehn Gäste. Sie blicken nach vorn auf eine sechs mal drei Meter große LED-Wand und nach achtern auf den zwölf Meter breiten Wintergarten.
Eine wasserdichte Schiebetür und Teakdeck mit hellgrauen Fugen weisen die 65 Quadratmeter als Außenbereich aus. Vollständig klimatisiert speisen bis zu 18 Personen an einer Marmortafel und genießen die anschließenden Drinks in der Entspannungszone an Backbord. Die Fenster fahren vollständig zur Seite weg und legen ein gläsernes Schanzkleid frei. Die Scheiben lagern an Steuerbord neben der Außentreppe, die auf dem Brückendeck und dem weniger förmlichen Speiseplatz mit Al-fresco-Bar sowie Grill und Rotisserie endet. Auf Wunsch mutiert der quadratische Tisch zu einer langen rechteckigen Tafel, das als dekorative Ablage genutzte Holzkanu ist das formschöne Gesellenstück eines Auszubildenden von SilverYachts.
Weiter vorn probt Kapitän Todd Leech die Abkehr vom Analogen: „Unsere Brücke ist komplett digital und kommt ohne Papier aus.“ Der Australier kontrolliert von hier vier Finnenstabilisatoren von Naiad, die für dynamisches Ankern ohne Metallabwurf an Bug- und Heckstrahler gekoppelt sind. „Zur Philosophie von SilverYachts gehört auch die Leichtbauweise in Aluminium – ein Material, das einfach zu recyceln ist“, erläutert Espen Øino. Die Hallen stehen im westaustralischen Henderson, einem Vorort der Landeshauptstadt Perth. Die Werft hat als Teil des Schiffbau-Clusters Australian Marine Complex Zugriff auf einen 7.000-Tonnen-Lift, noch wichtiger aber ist die Historie der Region. Hier wird seit den 1960er-Jahren an Schiffen aus dem Leichtmetall geschweißt, das umliegende Minen zutage fördern.
Ein weiterer großer Alu-Player spielt eine wichtige Rolle bei SilverYachts. Seit 2017 besteht eine strategische Partnerschaft mit China Zhongwang, dem weltweit zweitgrößten Anbieter von Alu-Strangpressprodukten und derzeitigem Produzenten von Silvers SpaceCat-Katamaranen. Aus China kamen bereits „Bold“-Sektionen, der Rumpf von Baunummer zwei „Wanderlust“ entstand vollständig in Übersee. So kühn wie das fünfjährige „Bold“-Vorhaben ist das Ergebnis. Der 85-Meter-Explorer ist der schnellste und mit 1.100 Tonnen leichteste seiner Klasse und dazu die längste Aluyacht der Welt.
Dieser Artikel erschien erstmals in BOOTE EXCLUSIV 4/2020 und wurde für diese Online-Version aktualisiert.

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