„Breakthrough“ stapelt tief. Die 119 Meter wirken kleiner, als sie es tatsächlich sind. Ein größeres Kompliment kann man einer Gigayacht kaum machen. Die Zeiten, in denen Yachten wuchtig wie mächtig wirken wollten, sind lange passé. Dem neuen Understatement geht es darum, dass der schiffbare Untersatz sich in die Natur einfügt und sie nicht dominiert. Aber exakt das haben die Designer von RWD erschaffen, ein organisches Wunder auf 118,8 Metern. Das ist umso erstaunlicher vor dem Hintergrund, dass „Breakthrough“ die größte Motoryacht ist, die jemals in den Niederlanden vom Stapel lief – allerdings mit rund 30 Prozent mehr Volumen als die 118 Meter lange Feadship-Schwester „Launchpad“.
Elementar für den schlanken Auftritt ist der Bogen vom hochgezogenen Bug zum Hauptdeck. Die Welle zur Umgehung einer Stufe, wie oft haben Designer sie schon variiert. Doch nie wurde sie so schön eingebettet wie auf „Breakthrough“. Bei einer Woge würde man sagen, dass sich kein Tropfen Wasser an der falschen Stelle befindet. Aufgefangen wird sie im Heck von einem Tumblehome-Verlauf; Bordwände verlaufen konisch wie konkav nach oben aus. Zudem trägt der Ausläufer des Brückendecks die Kurve elegant nach achtern, wieder mit einer prägnanten Konkave und kombiniert mit einer Verschmälerung der Aufbauten, der dem Hals einer Vase ähnelt. Nichts ist zu viel, die Formen sprechen für sich und bedürfen keiner effekthaschenden Details wie Fasen oder Fashion Plates.
Insgesamt hatten die britischen Designer 7.242 Gross Tons zu verpacken. Dabei ist der Name des Studios bereits so schnörkellos wie der Wurf an sich. Sie schafften es, dass Stahlrumpf und Alu-Aufbauten eine Einheit bilden und eine fließende Harmonie erzeugen. Keine Ablenkung erwünscht. Die Schienen, die beim Reinigen des Rumpfes zum Einpicken der Crew dienen, integrierten die RWD-Designer in die Oberseite des mandelförmigen Fensterbands. Ruhe bringen die Handläufe aus Teakholz, deren Basis Glasbalustraden bilden. Der weiße Wasserpass zieht optisch in die Länge, der wie eine Haiflosse geformte Mast betont die Vertikalität.
Der ursprüngliche Auftraggeber war so vorausschauend, ein einzelnes Studio mit der Gesamtgestaltung zu betrauen. Dadurch wird die externe Harmonie auch nach innen getragen. RWD entwickelte ein elegant-schlichtes Interieur, ohne ins Minimalistisch-Klinische zu kippen. „Breakthrough“ sollte als wohltuende Plattform zur Erkundung der Welt angelegt werden: ein Ort, an dem jedes Bedürfnis und jeder Komfortanspruch vorweggedacht wurde, und der auf folgendem Verständnis gründet: Wahrer Luxus besteht darin, auf dem Wasser zu sein und Erlebnisse zu sammeln.
Das originäre Nutzungsszenario sah den Familieneinsatz und längere Aufenthalte an Bord vor. Großer Wert wurde auf die Möglichkeit gelegt, Privatsphäre oder Rückzugsbereiche zwischen den Generationen zu schaffen – und zugleich Orte zu bieten, an denen die gesamte Gruppe zusammenkommen kann. Drei Kamine im Inneren, eine Feuerschale auf Deck und Glasschiebewänden, die Innen- und Außenbereich verbinden oder trennen, sprechen für Törns zu jeder Jahreszeit und in jedem Revier. Wie für eine Gigayacht mit sieben Decks zu erwarten, ist ein gesamtes Deck den Eignern vorbehalten. Die Ebene oberhalb des Brückendecks ist im Wesentlichen ein Apartment mit zwei Schlafzimmern, zwei Bädern und Ankleidezimmern, einem Fitnessraum und einer Pantry. Büro und Konferenzraum verfügen jeweils über einen Kamin, der zum angrenzenden Wohnzimmer hin offen ist. Die Hauptkabine liegt vorn und besitzt raumhohe Glasschiebewände, die auf ein privates, überdachtes Deck mit Whirlpool führen.
Der Eignerbereich erstreckt sich über mehr als ein einziges Deck. Ein vollständig privater vertikaler Eignerflur führt als vierstöckiges Atrium bis zum Unterdeck hinab – inklusive einer geräumigen Treppe, gesäumt von Bücherregalen und Nischen für Kunst-Exponate sowie eines privaten Aufzugs. Auf jeder Ebene laden besondere Rückzugsorte zum Verweilen ein: eine Kaffeebar-Snackstation auf Brückendeckebene, eine Bibliothek mit 5.000 handverlesenen Büchern aus einem niederländischen Antiquariat auf dem Hauptdeck sowie ein privates Speisezimmer mit einer Rumpföffnung als Meeresterrasse und einer angrenzenden Kabine mit eigenem Bad auf dem Unterdeck. Der Bereich auf Wasserlinienhöhe überzeugt durch schlichte Eleganz und seine magische Lage.
Für eine maritime Atmosphäre sind Wände und Decken entweder in Teak oder geflochtenem Schilf gehalten. RWDs gestalterischer Chic erzeugt die Atmosphäre eines abgeschiedenen Stadthauses auf dem Meer – eingebettet in die größte Feadship der Geschichte. Innen herrscht Understatement. Die Eingänge zu den Fluren wirken wie schlichte Wandpaneele. Geschickt platzierte Pantrys und Crew-Laufwege erlauben reibungslosen Service. Obgleich das Interieur eine ruhige, fast schon neutrale Tonalität mit wärmenden Akzenten verströmt, umfasst die Farbpalette eine Vielzahl an Pantone-Fächern. Laut Projektmanager Louwerens Hoving zieren über hundert Farbtöne in Weiß und Creme die Räume und Möbel in Form von Stoffen oder Leder. Das korrespondiert innen wie außen mit den beinahe karamellfarbenen Teakmöbeln oder -Details. Ergänzt wird die Materialvielfalt durch Travertin-Marmor, Rattan, geräuchertes Eukalyptus- und gekalktes Eichenholz. Die raffinierte wie unaufgeregte Interieur-Mischung schafft auf allen sieben Decks die warme Atmosphäre eines Küsten-Apartments, in der Kurven und Kreise das Leitmotiv bilden.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf indirekter Beleuchtung, Bodenrandleuchten und hinterleuchteten Möbelelementen. Nahezu jeder Bereich verfügt über einen gestalterisch durchdachten Deckendom für stimmungsvolle Raumausleuchtung. Auf den Decks betonen unter Einbaumöbeln und Sitzbänken verborgene LED-Streifen Formen und Kurven sowie Radien – dem beherrschend runden Gestaltungsmotiv. Für ein stimmiges Gesamtbild wiederholen sich Details wie Türverkleidungen und Flurgeländer in ihrer Form von Deck zu Deck, variieren jedoch im Material. Etwas dunkler zeigt sich der Beachclub, als Kontrast zur grellen Umgebung auf den vielen Terrassen.
Auf dem Unterdeck schließt sich achtern an das Quartier der 46-köpfigen Crew ein Wellnessbereich an, der keine Wünsche offenlässt: Spa, Dampfbad, Sauna mit Tauchbecken sowie ein Haar- und Nagelstudio folgen aufeinander, bevor ein Dolby-Atmos-Kino für zwölf Personen den geselligen Abend abrundet. Der Raum auf dem darunterliegenden Tankdeck lässt sich in ein Kinderspiel-Paradies verwandeln. Ein privates Speisezimmer mit direktem Terrassen-Zugang sowie eine voll ausgestattete Krankenstation unterstreichen den ganzheitlichen Charter-Anspruch. Auch wenn es nicht geplant gewesen sein dürfte – der ursprüngliche Auftraggeber verzichtete auf den Passenger Yacht Code und damit auf bis zu 36 Schlafplätze –, bereichert „Breakthrough“ den Chartermarkt. Edmiston vermittelt bis zu zwölf Gäste ab 3,5 Millionen Euro für eine Woche an Bord.
Die stattliche Rumpfbreite von 19 Metern ermöglichte weitläufige Seitendecks im Außenbereich und großzügige Gänge im Inneren. Nicht überall. Die Nemo Lounge erreicht, wer backbords im Beachclub eine versteckte Treppe hinabsteigt und über das Tankdeck im hinteren Ende des Kiels landet. Wenn man so will, geht es hier unten in ein Naturkino, dessen Leinwände nahezu bodentiefe Fenster zu den Seiten sind. Die sechs Fenster aus doppellagigem, sieben Zentimeter starkem Spezialglas geben den Blick auf das offene Meer und die Azipods frei. Es wird kolportiert, dass es ein ähnliches Unterwasserzimmer auf „Sailing Yacht A“ gibt, entsprechend offeriert der Markt Verbundsicherheitsglas, das bereits den erforderlichen Zertifizierungsprozess durchlaufen hat.
„Breakthrough“ besitzt zudem mehr Rumpföffnungen als jede bisherige Feadship: In Summe sind es vierzehn Balkone, die aus den Zwischendecks herausgleiten, und neun Rumpfklappen mit sieben Öffnungsplattformen. Über einem Großteil fährt ein lamelliertes Dach aus, was den Eindruck einer Pergola erzeugt. Im geschlossenen Zustand sind die Balkone in den Rumpfseiten unsichtbar; auf Knopfdruck fahren sie aus – samt Seitengeländern oder Glasbrüstungen, ganz ohne Crewaufwand. Im vollständig ausgefahrenen Zustand schließen die Balkonböden bündig mit dem Innenraum ab.
Gäste bewegen sich durch das Schiff auf eigenen Verbindungsachsen: Ein Glasaufzug an Steuerbord, umhüllt von freischwebenden Treppen, verbindet die Loungebereiche auf allen Decks. Die Gästeunterkünfte sind sehr flexibel gestaltet. Das Brückendeck belegen vier geräumige Doppelkabinen mit eigenen Bädern und Balkonen, die aus dem umlaufenden Seitendeck fahren. Innen verbindet ein langer Gang die Suiten mit der Brücke, dem vorderen Helideck, das wahlweise als Pickleball- oder Basketballfeld genutzt wird, sowie achtern mit dem oberen Salon, der auf einen Außenwohnbereich mit einer gemütlichen Sitzgruppe rund um eine Feuerschale führt.
Vier VIP-Kabinen auf dem Hauptdeck lassen sich wahlweise als Suite mit angrenzendem Wohnzimmer oder in acht separate Gästegemächer – jede mit eigenem Balkon und Bad – aufteilen. Große Fensterfronten lassen die Räume hell und offen erscheinen. Auch hier durfte, wie auf dem Eignerdeck, je eine mit Stein ausgekleidete Badewanne nicht fehlen. Hinzu wurden zwei Kabinen für enge Mitarbeiter wie Nanny, Lehrerin oder Personenschutz angelegt, je eine auf Haupt- und Unterdeck mit Zugang zu Crew-Bereichen und -treppen.
Was technisch interessierte Gäste auch an Bord locken dürfte, ist die für eine Großyacht einmalige Antriebsoption. Als Projekt 821 entstand „Breakthrough“ bei Feadship als weltweit erste Superyacht mit integriertem Wasserstoff-Brennstoffzellensystem, das auch den elektrischen Antriebs-Pods als Energiequelle dienen kann. Strom wird ohne Verbrennungsprozess erzeugt und als einziges Nebenprodukt entsteht Wasser. So denn der Flüssigwasserstoff grün ist, also mithilfe erneuerbarer Energien erzeugt wurde, emittiert das System keine lokalen Treibhausgase oder andere schädliche Partikel. Mit ihren drei Megawatt Gesamtleistung erzeugen die PEM-Brennstoffzellen der schwedischen PowerCell Group ganze 30 Prozent der Gesamtenergie. Den Rest decken drehzahlvariable Diesel-Generatoren ab, die mit HVO-Diesel laufen können. Eine Batteriebank kappt Lastspitzen.
Eine Reihe von Yachtwerften, Lürssen etwa mit „Nausicaä“ oder Sanlorenzo mit der 50Steel, versuchen es mit Methanol als Alternative zu Wasserstoff. Der Vorteil: Der Energieträger muss nicht bei -253 Grad Celsius in Drucktanks gelagert werden, sondern in Behältern vergleichbar zu denen von Diesel. Die Nachteile: Aufgrund der geringeren Energiedichte von Methanol im Vergleich zu Diesel fallen die Tanks etwa doppelt so groß aus. Zudem muss Methanol über Reformer, die den Brennstoffzellen vorgeschaltet sind, in Wasserstoff umgewandelt werden. Wenn alles emissionsfrei ablaufen soll, ist auch hier grünes Methanol erforderlich. „Breakthrough“ ist laut Feadship bereit für eine Umrüstung auf Methanol. So oder so loggt das Flaggschiff mit 14 Knoten bis zu 6.500 Seemeilen. Gigantisch auch das Stabilisierungssystem: Ein Paar Flossen von Kongsberg hält die kurvig-schlanke Riesin mit einer Fläche von je 13,45 Quadratmetern in der Spur.
Ist „Breakthrough“ ein glaubwürdiger technischer Fortschritt oder bleibt eine Superyacht trotz Wasserstoff-Brennstoffzellen vor allem ein Symbol für extremen Ressourcenverbrauch? Diskutieren Sie mit und schreiben Sie Ihre Meinung in die Kommentare.

Stellvertretender Chefredakteur BOOTE EXCLUSIV
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