Die Picchiotti Gentleman 24 bildet den Auftakt zu einer neuen Serie made in Italy. Luca Dini zeichnete die schwimmende Version eines feinen Charakters, der voll auf der Höhe der Zeit liegt und ganz selbstbewusst einen nostalgischen Anzug trägt.
Eine große Yacht macht immer Eindruck, sobald sie in einer Marina festmacht, aber zum Hingucker werden, das kann auch eine kleine – wenn sie das gewisse Etwas hat. In diesem Fall lässt die 24 Meter lange Picchiotti Gentleman aus gutem Grund das Publikum innehalten. Das von dem Florentiner Studio Luca Dini entworfene Schiff ist ganz offensichtlich stark vom goldenen Zeitalter der Nachkriegs-Yachtwelt inspiriert und greift auf die ikonischen Motorboot-Serien Picchiotti Giglio und Mistral zurück. Warmes Mahagoni am Heck sowie als Fensterrahmen in den ansonsten strahlend weißen Aufbauten trifft auf runde und ovale Bullaugen-Fenster in einem blau lackierten Rumpf.
Rein optisch ist das ein mehr als gelungener Serienstart für die italienische Marke, die schon im späten 16. Jahrhundert am Ufer des Arnos in der Toskana Boote baute und nun mit ihrem 6,50 Meter breiten Neuling den hauseigenen Stil und das maritime Erbe würdig feiert. Kurzer Blick zurück: Aus den Hallen von Picchiotti kam 1982 die legendäre „Al Said“, die mit 103 Meter Länge damals zu den Allergrößten zählte. Ganz so weit soll es mit der Gentleman-Reihe nicht gehen. Dennoch will sich das Alu-Format noch weiter aufplustern, eine 33 m ist schon gezeichnet, ebenso eine 44er.
Luca Dini spricht gar von einer 55. Diese Länge wäre gut möglich für die Werft, die Anfang 2022 unter das Dach von The Italian Sea Group (TISG) schlüpfte und in Marina di Carrara vorrangig Formate zwischen 30 und 60 Meter baut. Die Werftengruppe belebte die Marke Picchiotti mit der Gentleman-Linie wieder und hat mit dem geschichtsträchtigen Namen noch einiges vor. Schließlich kündigte Kommunikationschef Gianmaria Costantino optimistisch an: „Ihr größtes Kapitel liegt noch vor uns.“ Admiral von TISG.
„Die Gentleman richtet sich an Eigner, die etwas Besonderes wünschen und dabei fest in der Tradition eleganter Seemannschaft verwurzelt bleiben“, kommentiert Luca Dini seinen Entwurf. Ein hochgezogener Rumpf mit breitem Seitengang auf dem Hauptdeck – altmodisch aber immer noch en vogue und praktisch – war nur ein Punkt auf der Wunschliste und ist laut Dini, „eine beispiellose Lösung, die die Atmosphäre klassischer Yachten nachbildet“.
Wichtig waren auch breite Glastüren, die Innen- und Außenräume verbinden, sowie ein zeitgemäßer Beachclub. Dieser kommt auf einer Yacht dieser Länge, besser gesagt Kürze, überraschend weitläufig daher und bereichert samt Sofabett und Bad die Wohnfläche optional um eine weitere Kabine oder Lounge. Von außen bleibt der Raum allerdings gut verborgen; erst wenn der mittlere Teil des Heckspiegels nach unten wegklappt, erscheinen senkrechte Schiebetüren für den Eingang zum Strandclub. Selbstverständlich wird diese Klappe zur absenkbaren Badeplattform und bringt damit die Gäste maximal nah ans Meer.
Auch das reiht sich ein in die Liste der modernen Ausstattungsmerkmale, ohne die sich viele Eigner ein Bordleben rund um das Mittelmeer heute kaum noch vorstellen können. TISG kündigte noch eine zweite Variante der 24 m an, und zwar mit einem komplett offenen Heck.
Nur scheinbar zeitgenössisch ist die vertikale Stevenform. Sicher, das liegt im Trend, findet sich allerdings auch an klassischen Designs wieder. Im Innenraum spielten die Designer mit verschiedenen Ebenen und reihten die einzelnen Funktionsbereiche von hinten bis zum Bug der Länge nach auf. Der Steuerstand thront, leicht erhöht, zwischen Lounge und der über mehrere Stufen tiefergelegten Galley und bietet besten Rundumblick, allerdings auf Augenhöhe mit der Vordeck-Sonnenliege. Zum Speiseplatz geht es wieder eine Stufe höher, er liegt noch vor der Galley und damit deutlich getrennt vom Salon.
Auch die sehr wohnlichen Unterkünfte für bis zu acht Übernachtungsgäste befinden sich nicht alle zusammen auf einer Ebene. Kabine Nummer vier liegt in besagtem Beachclub und ist damit separat vom übrigen Geschehen auf dem Unterdeck untergebracht. Das heißt: zwei fast gleich große Suiten mittschiffs für Master und VIPs plus eine kleinere und etwas tiefer platzierte Kabine nahe der Messe und der Crewunterkünfte. Wenn die Gäste sich draußen aufhalten wollen, gehen sie am besten ins Cockpit. Dort gruppieren sie sich auf der U-förmigen Polsterbank um den hochglänzenden, klappbaren Mahagoni-Tisch für acht Personen.
Die freie Fläche dahinter ist entweder dem fünf Meter langen Tender vorbehalten, der in gleicher Optik wie das Mutterschiff daherkommt. Oder sie wird vor Anker und im Hafen dank mobiler Möbel zu einer Lounge oder Liegewiese. Wer es etwas ruhiger mag, wählt das obere Vordeck und legt sich dort auf die Polster. So richtig geschützt vor neugierigen Blicken sitzt es sich noch eine Etage tiefer, ganz vorne in der Bugspitze. Die Fläche hinter den hohen Schanzkleidern verwandelt die Crew sicher gerne mithilfe von Tisch und zwei Stühlen in ein privates Separee.
Luca Dini – mit Unterstützung der Picchiotti-Designabteilung – kümmerte sich neben dem Exterieur auch um die Gestaltung der Innenräume. Ganz pragmatisch bekam er den Auftrag, gleich mehrere Linien zu entwickeln, und so bekommen die Kunden drei gut durchdachte Optionen vorgeschlagen, die mal mehr, mal weniger die Tradition von Klassikern aufgreifen. Letztendlich ist allen Beteiligten bewusst, dass es sich um Custom-Interieurs handelt.
Die Hamptons Line war der erste Entwurf und schmückt nun auch die Erstausgabe der neuen Serie. Er gibt sich elegant, luftig und voller „Küstenfrische“. Weiße Wände im Kassetten- Stil, Holztische und farbige Möbelstoffe erinnern an Sommerrefugien der Atlantikküste. Die Manhattan Line tritt – passend zur Bezeichnung – eher urban auf und verkörpert kosmopolitischen Charakter. Hier ist das Interieur geprägt von dunkleren Tönen, starken Kontrasten und raffinierten Lichtspielen. Puristen wählen wahrscheinlich die Modern Line, minimalistisch mit klaren Konturen, dezenter Beleuchtung und laut Studio einem Hauch „kontemplativer Gelassenheit“.
Was den Antrieb angeht, bleibt die erste Gentleman im klassischen Stil. In Zukunft soll es aber Optionen für Hybrid-Modi oder E-Versionen geben. Dennoch ist die Nummer eins aktuell bestens gerüstet für typische Mittelmeer-Reisen entlang oder auch fernab der Küste. Zwei MAN-Diesel-Pakete schieben sie mit bis zu 19 Knoten an, bei entspannten 9 Knoten Fahrt kommen die 24 Meter bis zu 1.800 Seemeilen weit. Zwei 35-kW-Generatoren versorgen den Hotelbetrieb inklusive Klimaanlage. Egal wie nostalgisch das Ambiente auch anmutet, schwitzen möchten im Hochsommer nicht mal die glühendsten Anhänger alter Yachtbaukunst.

Redakteurin News & Panorama