Explorer-Yachten folgen meist einem bekannten Muster. Wer weit fahren will, verzichtet auf Eleganz, wer Eleganz sucht, opfert Reichweite. Focus Yacht Design aus Bremen geht mit Invision einen anderen Weg: Die 100-Meter-Studie soll beides können, ohne Kompromisse bei Funktion oder Form.
Das Büro nennt das Projekt bewusst Konzept und nicht fertiges Produkt. Invision versteht sich als Plattform für individuelle Anpassungen. Eigner können die Grundidee übernehmen und selbst weiterentwickeln. Auch die Länge von 100 Metern ist nicht festgeschrieben, die Philosophie lässt sich auf 70 oder 80 Meter übertragen.
Die Linienführung der Invision verzichtet auf aggressive Elemente. Aufgesetzte Designmerkmale, die Stärke signalisieren sollen, gibt es nicht. Stattdessen geben fließende Rumpflinien der Yacht ein ruhiges Profil. Trotz der Größe wirkt der Entwurf nicht schwer oder kastig.
Wie das Raumkonzept gedacht ist, zeigt die Eignerkabine der Invision am besten. Bodentiefe Fenster öffnen den Raum zum Wasser, ein großes Oberlicht über dem Bett gibt den Blick nach oben frei. Wer hier aufwacht, sieht je nach Tageszeit und Wetter Sterne, Wolken oder Morgenlicht.
Thomas Mühe von Focus Yacht Design sagt:” Innenarchitektur sei nicht Dekoration, sondern Vision und Erfahrung. Die Räume sollen nicht dominieren, sondern Freiheit schaffen. Das zieht sich durch das gesamte Interieur. Statt standardisierter Salons und Wellness-Bereiche entstehen Räume, die das Meer als Teil des Erlebnisses behandeln und nicht als Kulisse”.
Das zentrale Element sitzt direkt an der Wasserlinie. In der Waterline Lounge blickt man nicht von oben aufs Meer, sondern auf gleicher Höhe. Eine 180-Grad-Verglasung lässt Licht und Umgebung herein. Ob treibende Eisberge, tropisches Flachwasser oder offener Ozean, jede Umgebung verändert die Atmosphäre des Raums.
Klappmechanismen braucht die Lounge nicht, sie bleibt unabhängig von Seegang und Wetterlage immer zugänglich. Der Raum taugt als Rückzugsort, Esszimmer oder Beobachtungsposten. Auf den großzügigen Deckflächen ist Platz für Sport, Geselligkeit oder Stille, ein Pool mit absenkbarem Boden passt sich unterschiedlichen Nutzungen an.
Invision soll alle drei Dimensionen erschließen. Ein zertifiziertes Helideck ermöglicht Hubschrauberlandungen in abgelegenen Regionen. Verschiedene Tender bringen die Gäste die letzte Meile zu Stränden ohne Steg oder zu Riffen ohne Infrastruktur, ein Tauchboot öffnet die Unterwasserwelt mit Wracks und Korallenformationen.
Focus Yacht Design sieht die Superyacht-Branche an einem Wendepunkt. Die Ansprüche an Entdeckungen steigen, Tiefe zählt mehr als Oberfläche und Erlebnis mehr als Repräsentation. Mühe formuliert es maritim: Die schönsten Momente entstünden nicht beim Bewundern der Natur, sondern wenn man aufhöre, sich von ihr zu trennen.
Invision richtet sich nicht an einen bestimmten Eignertyp, sondern an Menschen, die sich nicht festlegen wollen. Sie sollen morgens tauchen und abends dinieren können, den Gipfel vom Helikopter sehen und das Riff von unten. Mal ist Einsamkeit gefragt, mal Gesellschaft, geschlafen wird unter freiem Himmel, an Bord einer technisch anspruchsvollen Yacht.

Redakteur Test & Technik
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.