Manchmal muss alles ganz schnell gehen. Auch oder besonders im Yachtbau, wie Benettis zweite B.Now 67M beweist. Umso mehr ein Rennen gegen die Zeit ist es, wenn Werften Großprojekte ohne Kunden beginnen und der Verkauf in der zweiten Hälfte der Bauzeit gelingt. Dann werden die präzisen Planungen ergänzt um die Bereitschaft, in kürzester Zeit fast alles möglich zu machen. „Ich glaube, die komplette Neugestaltung des Innenraums hat etwa sechs Wochen gedauert. Wir mussten uns wahnsinnig beeilen, um den Designprozess voranzutreiben“, sagt Davide Siggia,
Interieurdesigner bei Sinot.
Die Information, dass es des Kunden erste Yacht ist, hätte Schweißperlen auf die Stirnen der Projektanten treiben können. Tat es aber nicht. Der Entscheidungswille war groß, berichtet Siggia an Bord von „Lady Estey“: „Nach drei Wochen hatten wir die erste Version fertig. Dann erhielten wir Feedback. Nach erneuten drei Wochen machten wir eine weitere vollständige Präsentation mit allen Kabinen, Details und Ansichten.“ Benetti bot auf schiffstechnischer Seite eine 16 Knoten laufende Stahl-Alu-Basis mit zwei CAT-Dieseln à 1.350 Kilowatt Leistung. Für die Werftingenieure aus Livorno war es nicht das erste Mal, dass sie ein 67 Meter langes Semi-Custom-Projekt individualisierten. Der Käufer hatte eine klare Vorstellung, Yachtreferenzen und ein Thema für die Innengestaltung im Kopf: „The Great Gatsby“. Alle Zeichen auf Art déco? Nicht ganz, denn der prägende Stil der Goldenen Zwanziger kann von verspielt floral bis streng geometrisch vieles sein. Und wie passt Sinot da rein, jenes niederländische Studio, das zuletzt mit fabelhaft ausgeleuchtetem Zen-Minimalismus auf sich aufmerksam machte?
„Wir haben versucht, einem klassischen Interieur eine neue Bedeutung zu geben“, klärt Davide Siggia im Salon auf. Der erste Raum auf dem Hauptdeck ist reich an Formen, Materialien und Oberflächen, wirkt aber leichter als reine Art-déco-Interieurs. Cremefarbene Wandpaneele aus Leder und Riegelahorn kontrastieren mit dem Tisch und der Anrichte aus Wenge, einer Bar aus Ebenholz und den Ziricote-Pfeilern zu den Seiten. Sämtliche Hölzer sind glanzlackiert, was bei riftsortierten Furnieren den Streifeneffekt und bei blumig sortierten die Fügebilder hervorhebt. Ruhe in die Räume bringt der Boden aus Eichenparkett mit seiner leicht gekalkten Oberfläche.
Die Boiserie-Paneele, seien sie aus Leder oder Holz, durchziehen Einsätze aus Edelstahlprofilen statt aus goldglänzendem Messing, wie man es an Land erwarten würde. „Der Eigner wählte jede Oberfläche und jedes Material, das verwendet wurde, selbst aus. Er wollte, dass das Projekt genauso umgesetzt wird, wie es ist. Er wollte seinen Stil einbringen.“ Ein formlicher Gegensatz ergibt sich aus kantigen Möbeln und runden Elementen wie Leuchten oder den ringförmigen Stützen des Beistelltisches. Als Blickfang fungiert hinterleuchteter Onyx an der Bar, der es mit Perlmutt aufnehmen kann. Die Sessel sind nicht Klavierlack schwarz, sondern grau.
Nach Mahl und Aperitif böte sich das Achterdeck bei gedeckeltem Pool als formidable Fläche an, um den Charleston zu tanzen – auf 50 Quadratmetern und mit 270-Grad-Panorama. Nach dem in den Goldenen 20er-Jahren beliebten Gesellschaftstanz geht es in das heckwärts ausgerichtete Cockpit, das nahezu die volle Breite einnimmt. Hier gibt es keine störende Außentreppe wie noch 2018 auf der B.Now-Premiere in 50 Meter. Das britische RWD Studio schuf für Benetti ein Exterieur, das wie aus einem Guss wirkt und um das Oasis Deck erweitert wurde. Unter anderem wird über klappbare Schanzkeider am Heck ein flexibles, geselliges Areal in engem Kontakt mit der Natur geschaffen – eine erfolgreiche Reaktion auf veränderte Nutzungsgewohnheiten und den neuen Drang nach draußen. Von 21 verkauften B.Now 50M vertrauen mehr als die Hälfte auf das Oasis Deck. Neben „Lady Estey“ zeigt eine weitere der drei 67M-Schwestern auf das offene Achterdeck.
Es geht wieder in die Innenräume. Und allzu wuchtig sollte man sich nach der Tanzeinlage nicht in das Geländer von „Lady Esteys“ zentraler Treppe werfen. Die Balustrade besteht aus geriffeltem Glas, das wie Perlmutt wirkt und Davide Siggia und seinem Team Kopfzerbrechen bereitete: „Die Treppe ist normalerweise das Herzstück des Schiffes. In diesem Fall haben wir versucht, sie durch die Verwendung dieses Lasers mit einigen Edelstahleinlagen zurückhaltender zu gestalten. Es waren etwa 27 Versuche notwendig, um zum Endergebnis zu gelangen, da alles handgefertigt und von Hand gemeißelt ist. Das Glas erforderte eine gewisse Festigkeit, da es extrem zerbrechlich ist. Ein echtes Kunstwerk.“
Die Treppe mit ihren marmornen Stufen markiert einen Stilwechsel von den dunkleren Farbtönen der verschiedenen Gästebereiche auf dem vorderen Hauptdeck, hin zu den helleren Wänden des Treppenhauses, das mit Calacatta-Stein und dem wiederkehrenden Metalleinsatzmotiv verkleidet ist. Neben der Optik prägte auch zukunftsorientiertes Denken die Konzeption. Der Aufzug fällt nicht wie üblich rund aus, sondern rechteckig und so breit, dass er mit Rollstuhl befahren werden könnte. Aus dem gleichen Grund wurden im Korridor des Hauptdecks die Handläufe in der Wand versenkt. Dafür mussten das Team von Sinot und die Konstrukteure von Benetti den Grundriss ändern und eine Wand um zehn Zentimeter nach außen versetzen. Dadurch sind die drei Doppelkabinen an Steuerbord etwas kleiner als die drei an Backbord, was allerdings kaum sichtbar ist. Zudem haben drei der Kammern breite Durchgänge für Rollstühle, falls diese benötigt werden.
Um Kontinuität über die gesamte Yacht hinweg zu gewährleisten, begannen die Designer mit der Lounge auf dem Hauptdeck, der Gästetreppe sowie der Eignersuite und übertrugen die Gestaltungselemente auf alle Kabinen und Gemeinschaftsräume. Dem Wunsch des Eigners nach Designparität entspricht, dass alle sechs Gästesuiten nach dem gleichen Standard wie die Eignersuite ausgestattet sind. Dies zum Ausdruck bringen die sechs Badezimmer mit einer Mischung aus Laaser Marmor und Nero Marquina. Beide Materialien tauchen ebenso in der Eigner-Residenz auf dem Familiendeck darüber auf: der helle Stein der Marke Lasa in ihrem und der schwarze Marmor in seinem Bad.
Zum kontinuierlichen Kontrast von Schwarz und Weiß ergänzt Siggia: „In seinen Schranktüren sind dunkle Esche-Intarsien zu finden, während auf ihrer Seite Riegelahorn das Möbelstück durchzieht.“ Für die Stirnseite der Beletage gilt nur eines: Licht. „Sie suchten nach etwas zusätzlichem Stauraum, aber wir wollten die schönen, raumhohen Fenster nicht beeinträchtigen. Deshalb haben wir das vordere Fenster vollständig offengelassen“, so der Sinot-Designer. Die wenigen vorhandenen Schränke berühren nicht die Pfosten, einer beherbergt das TV-Gerät. Unauffällig sind auch die Ein- und Ausgänge der
Klimaanlage, die Benetti in architektonische Elemente integrierte und die hier nahtlos in das dunkle Holz übergehen.
Aus der Schlafkammer führen jeweils Seitentüren auf das Vordeck mit dem 40 Zentimeter flachen Zusatzbecken. Weil es keinen direkten Zugang vom Hauptdeck gibt, wird der Bugbereich bei geschlossener Laufdecktür zu einer privaten Terrasse. Ebenso lässt sich das gesamte Familiendeck abschotten. Auf die Lounge und das Büro der vorderen Suite folgen Treppenhäuser für Gäste und Crew, Pantry sowie ein zweiter Salon. Dort brillieren die Hölzer an den Seitenwänden noch stärker als eine Ebene tiefer. Wie Kunstwerke – bei dem hohen Glasanteil wären diese ohnehin schwerlich aufzuhängen – geben sie Anlass zur Interpretation. So scheinen gestürzt zusammengefügte Furnierblätter aus Ziricote die Form von Lungenflügeln nachzuahmen. Davide Siggia ordnet ein: „Es verleiht dem Holz etwas mehr Charakter, ohne jedoch aufdringlich zu wirken. Aber auch wenn man sich längere Zeit darin aufhält, werden die Augen nicht von all diesen zusätzlichen Details ermüdet.“
Wer sich doch nach farblicher und förmlicher Ruhe sehnt, geht achtern an die frische Luft und lässt sich an der geschützten Speisestätte oder dahinter auf dem losen Teak-Mobiliar von Summit nieder. Nahezu identisch angeordnet und bestückt ist die gemeinschaftliche Außenfläche eine Ebene darüber. Die Brücke und die Kapitänskabine davor bekrönt ein Krähennest mit Whirlpool am vorderen Mastfuß. Für Sport und Spa müssen Gäste hinunter an die Wasserkante. Da der Notfall-Tender vorn auf dem Hauptdeck und die großen Beiboote steuerbords darunter vor dem Motorenraum und gegenüber der Galley parken, bleibt im Heck trotz verschwenderisch großem Achterdeck noch Raum für Beachclub und Gym.
„Lady Estey“ vereint sämtliche Eigenschaften einer Großyacht und wirkt dabei von außen und innen komplett. Der Grund: RWD verlieh den 67 Metern ein so universelles wie raffiniertes Layout – und erstellte damit eine Plattform, die Eignern gelegen kommt, wenn Schnelligkeit das Gebot der Stunde ist.

Stellvertretender Chefredakteur BOOTE EXCLUSIV