Blau glitzert das Meer. Blaue Trikots tragen die Spieler der italienischen Nationalmannschaft im Fußball. Die Fans, die Tifosi, nennen ihre Helden darum Azzurri, die Blauen. Auch Charles S. Cohen und seine Frau Clo gehören zu den Tifosi. „Wir mögen den italienischen Stil.“ Sie lieben Italien, die italienische Riviera, Gucci, Ferrari, Lamborghini – und Blau.
Jetzt sind die beiden auch noch in Benetti verliebt, jedenfalls in ihre 67 Meter lange „Seasense“ aus dieser großen und traditionsreichen Yachtschmiede – „since 1873“ – in Livorno. Und diese Benetti wirkt unübersehbar mit ihren blauen Akzenten. Ganz oben, on top des Sundecks, blaut ein erstes Sonnensegel. Weitere folgen aus der Vogelperspektive abwärts auf den terrassierten Decksüberhängen achtern. An den Seiten des Pools stellen dann achtern auf dem Hauptdeck Sonnenschirme ihre eindrückliche Färbung zur Schau: barca azzurra.
Hier oben baute die Werft in einem rundum geschützten Sportclub die Muskelwerkzeuge auf: ein Fitnesscenter on top. Nach der Arbeit an den Maschinen gewähren dann je nach Kondition, Vorlieben und Geschmack ein kreisrunder Jacuzzi und Sonnenliegen oder eine American Bar plus Pizza aus dem Holzofen die verdient lustvolle Entspannung. Eine Sitzgruppe mit Sofas erlaubt Gespräche beim Sundowner.
Im September parkte das Widebody-Design „Seasense“ mit dem lang ausladenden Heckbereich das erste Mal für die Augen der neugierigen Beobachter aus Anlass des Yachting Festival Cannes vor Anker, danach in Monaco zur Yacht Show. Clo (vollständig: Clodagh Margaret) Cohen überredete damals nach der Heirat vor vierzehn Jahren ihren Mann, es in der Freizeit einmal mit Booten zu versuchen. Charles S. Cohen war einverstanden, mit Hintergrund.
Der US-Amerikaner von der Ostküste, Projektentwickler für Bürokomplexe und feine Ladenadressen mit Sitz in New York, war zwar schon als Zehnjähriger an den Ufern von Maine in eine Jolle gestolpert, hatte sich danach jedoch um seine Ausbildung und sehr erfolgreich um das Immobilienerbe seines Vaters gekümmert und den Bestand an umbauten Flächen multipliziert.
Nun musste also wieder ein Boot her, selbstverständlich aus Italien. Cohen startete mit einer Rivarama, taufte sie „Clo Sea“ und fährt sie noch immer. Mit einer 28 Meter langen Riva Duchessa begannen die Cohens dann das Mittelmeer zu erkunden. Eine dritte Riva, eine Aquariva, liegt noch heute an der Küste von Connecticut, ganz in der Nähe des Wochenenddomizils. Das waren die Probefahrten, die zuletzt Kurs auf die Order der Benetti nahmen.
Ihre ausführlichen Reisen im Mittelmeer mit der Duchessa nutzten die Cohens denn auch, um sich mit den Perspektiven in der Welt der großen Yachten vertraut zu machen. So wurde „Seasense“ ein Gemeinschaftsprojekt des Paares.
„Seasense“ entspricht auch ein Deck unterhalb des Sundecks ganz den Wünschen und Erkenntnissen, die das Eignerpaar sammelte. Das Oberdeck nämlich dient nicht nur als Brückendeck mit angeschlossenem Kapitänsapartment, sondern, ganz entgegen üblicher Nutzung, als formelles Deck, mit einem Salon, der weniger lässig als die große Halle auf dem Hauptdeck wirkt.
Cor D. Rover, der niederländische Designer, teilte diesen kleineren Salon in einen Raum mit Sitzgruppe und eine Bibliothek. Der angeschlossene Speiseplatz für zwölf Personen auf einer runden Veranda lässt sich mit einem Vorhang von der Sitzgruppe abtrennen.
Charles S. Cohen gehört zu den Menschen, die alles ganz genau nehmen. Er versenkt sich in die Aufgaben. Für das Wochenendhaus brauchte er drei Jahre Planung, für „Seasense“ – sechs. „Ich beschäftige mich gern mit Details. Die Kleinigkeiten reizen mich.“
Der Eigentümer und Geschäftsführer der Cohen Brothers Realty Corporation mit über einer Million Quadratmetern an Büro- und Geschäftsräumen zwischen New York und Hollywood nimmt sich gern Zeit, auch für seine Leidenschaft Film. Vor ein paar Jahren produzierte er den Streifen „Frozen River“, gründete die Cohen Media Group für den Vertrieb klassischer restaurierter Filme und möbelte in New York das Quad Cinema auf.
Den Umtriebigen reizen unter den Moden nicht nur die italienischen. In London engagierte er sich finanziell in der Savile Row beim Schneider Richard James und beim Schuhmacher Harrys. Der Oberbegriff für seine Aktivitäten? Lifestyle.
Dazu gehört Großzügigkeit. Die geringen Raumhöhen auf den Decks der besuchten Yachten gehörten zu den oft kritisierten Details bei den Besichtigungen. Geschlossene Räume, die sich von den Freidecks zu sehr abgrenzen, zählten ebenfalls zu den Elementen, die die Cohens auf ihrer eigenen großen Yacht vermeiden würden. Ein großer Pool musste ins Pflichtenheft. Wovon träumen Menschen, die auf dem Wasser unterwegs sind? Von der Party am Strand. Warum davon träumen, wenn man auch auf dem eigenen Deck schwimmen kann, weil man Wasser und Strand nicht mit anderen Menschen teilen will und auch nicht zu den Strandpartylöwen gehört?
Um dieses Erlebnis unter der Sonne an Deck zu realisieren, dürfe ein großer Pool jedoch nicht von einem überhängenden Deck verschattet werden, meinte Charles in der Planungsphase.
Nun konnte er sich im September zum ersten Mal im „Seasense“-Pool achtern auf dem Hauptdeck sonnen. Hier setzten Designer und Werft das Verlangen nach geöffneten Aufbauten um. Drinnen und draußen gehen nahtlos vom Salon zur Poollandschaft ineinander über.
Hier offenbart sich besonders deutlich das „Seasense“-Farbschema. Es verbindet die Wohn- und Lifestyle-Elemente. Die Polster rund um den Pool und im Salon zeigen nahezu alle Variationen von Blau. Das graue Holz der Salonpaneele dient als Kontrast. Verschiedene Holzarten mischten die Interiordesigner des Büros AREA aus Los Angeles überall an Bord miteinander. In den Bädern mixten sie zwei Sorten Marmor. Cohen kennt die Kreativen durch seine Immobilien. Einer Yacht widmeten sie sich zum ersten Mal.
In der Lobby vor dem Salon beweist die Wendeltreppe, was man aus Antartide-Marmor mit indirekter Beleuchtung rund um den Lift alles machen kann. Ganz vorn auf dem Hauptdeck richtete die AREA-Crew die Eignersuite in ihrem Zentrum mit einer vollen Deckenhöhe von drei Metern ein. An der Decke selbst hängt eine Kandelaber-Skulptur, selbstverständlich eine Einzelanfertigung.
Die Anforderung eines riesigen Pools unter freiem Himmel hatte übrigens Folgen: Ein Pool von zehn mal vier Metern braucht Platz, auch drum herum. So sorgte eine erste Idee, die mit einer Gesamtlänge der „Seasense“ um 45 Meter spielte, dafür, dass diese noch einmal um die Hälfte des Formats übertroffen wurde.
Die für den Pool notwendig verlängerte Rumpfkonstruktion kommt naturgemäß den Raumverhältnissen auf dem Unterdeck zugute, den vier in frohen Farben gestalteten Kabinen für die Gäste und der Garage zwischen Motorenraum und achterlichen Unterkünften. Dort parkt die Crew einen Limousinentender von Giorgio M. Cassetta, einem römischen Designer, der zurzeit noch mit dem extravaganten 63 Meter langen Benetti-Projekt „Balance“ beschäftigt ist.
Die Cohens erkundeten vor allen Details die Möglichkeiten und Angebote der großen namhaften deutschen und niederländischen Yachtkunsthandwerker, um dann am Ende mit einem niederländischen Designer bei einer italienischen Werft zu landen.
Warum fiel die Wahl auf Benetti, außer der Tatsache, dass die Werft Italienisch spricht? Die gebürtige Südafrikanerin Clo wählte zur Beurteilung der Yachten auch Maßstäbe und Ansprüche, die sie sich als Marketingdame für Gucci und Jimmy Choo in London erworben hatte. Benettis gefielen ihr bei den Inspektionsfahrten durch die Marinas stets am besten.
Die Cohens werden im europäischen Sommer das Mittelmeer bereisen, im Winter dann die Karibik.
Dieser Artikel erschien in der BOOTE Exclusiv-Ausgabe 01/2018 und wurde von der Redaktion im Juli 2023 überarbeitet.