Ein Text von Norman Kietzmann
Wer schnell sein will, muss auf Komfort nicht verzichten. Genau nach diesem Prinzip hat Sanlorenzo die Yacht-Serie „Smart Performance“ – kurz SP – geplant. Zwei Jahre nach dem Auftaktmodell SP110 ist nun die kompaktere SP92 vom Stapel gelaufen. Wenn unter Volllast zusammen 2.942 Kilowatt auf die zwei Waterjets wirken, beschleunigen die 27,95 Meter auf 40 Knoten: ein Powerformat, das trotz seiner Agilität mit der Wohnlichkeit einer Superyacht aufwartet.
„Die SP92 bestätigt alle Aspekte, die bereits bei der SP110 ästhetisch hervorgehoben wurden – Minimalismus und klare Linien, die auf eine formale Synthese abzielen“, erklärt Bernardo Zuccon. Der römische Designer gestaltete mit seinem Büro Zuccon International Project das Exterieur. Die Inneneinrichtung stammt vom Mailänder Architekten Piero Lissoni, der zugleich als Art Director für Sanlorenzo tätig ist.
Auffällig ist vor allem die horizontale Ausrichtung der Proportionen: Keine hohen Aufbauten stören die fließende Silhouette, die sich achtern immer näher dem Wasser annähert – und damit an die abfallenden Heckpartien eleganter Dreißigerjahre-Coupés denken lässt. Die Yacht entwickelt das Split-Level-Konzept der SP110 weiter. Wer, vom Beachclub kommend, durch ein großformatiges Schiebefenster ins Innere tritt, findet sich in einem Loungebereich auf selbiger Höhe wieder. Weiter Richtung Bug folgt das Treppenhaus, wo sich der Innenraum auf zwei Ebenen aufteilt, die optisch ineinandergreifen.
Zum Hauptdeck führen fünf hölzerne Stufen hinauf, das Metallgeländer ist verchromt: eine feingliedrige Struktur, die die Sichtachsen vom Heck zum Wohnbereich offen hält. Piero Lissoni realisierte hier einen eleganten Salon. Kubische Sessel in hellgrau-beigen Leinenbezügen sind zu einer Sitzgruppe arrangiert. Die Polster werden von schlanken Metallfüßen angehoben, sodass die Blicke ebenso wie das einfallende Sonnenlicht unter den Möbeln hindurch wandern können. Bodentiefe Schiebefenster erweitern den Wohnbereich ins Freie.
Geschickt platzierte Einschnitte unterhalb der Reling verstärken die visuelle Nähe zum Meer. An die Sitzgruppe schließt sich ein Esstisch mit transparenter, runder Glasplatte an. Durch sie wird der helle Holzboden sichtbar, der einen Hauch von skandinavischer Moderne in dieses schwimmende Zuhause holt. Eine Bar ist in eine Wandnische auf der Steuerbord-Seite eingelassen. Dahinter lässt eine zwischen Boden und Decke integrierte Glasscheibe die Blicke zur Brücke wandern. So wird der Lichteinfall maximiert, zugleich öffnet sich die Perspektive zum Bug. Auf Wunsch lässt sich die Wand auch schließen, um sowohl den Gästen als auch dem Kapitän mehr Privatsphäre zu gewähren.
Auf das Unterdeck führt eine Wendeltreppe. Nach zwei Dritteln ihrer Biegung erfolgt der Zugang zu den Gästekabinen. Die Treppe windet sich noch drei Stufen weiter nach unten. Dort ist Platz für eine kompakte Lounge, die mehr Intimität und Ruhe bietet als die übrigen Wohnbereiche. Zugleich definiert sie einen Ort des Übergangs. Am offenen Ende der L-förmigen Polstergruppe verbirgt sich hinter einer versteckten Tür der Zugang zur Tagestoilette der Gäste, die somit nicht durch die privaten Bereiche der Yacht irren müssen. Die 180-Grad-Windung der Treppe kreiert einen Raum unterhalb der Stufen, der sich nach Kundenwunsch frei gestalten lässt: als zusätzlicher Stauraum oder als eine kleine Galerie, um Skulpturen oder Antiquitäten wirkungsvoll in Szene zu setzen.
Am Bug spannt sich die Eignerkabine über die gesamte Breite der Yacht. Davor zweigen die beiden Gästekabinen von einem mittig angelegten Korridor ab. Die Kabinendecken sind mit geriffelten Holzpaneelen verkleidet, die mit sanften Rundungen zu den Außenwänden übergehen. Sie bilden eine Art Passepartout für die Fenster – und dienen als Versteck für die Sonnenblenden. Vor die stoffbespannten Wände sind flache Sideboards angeordnet, die teils als gepolsterte Sitzgelegenheiten dienen oder als Bühnen für Blumenvasen. Auf den Nachttischen ziehen zwei Ikonen des italienischen Designs die Blicke auf sich: die Tischleuchten „Spider“ (1965) von Joe Colombo sowie „Bilia“, ein Entwurf des Mailänder Kultarchitekten Gio Ponti aus dem Jahr 1932.
Die Fronten der Kleiderschränke sind aus geriffeltem Glas gearbeitet. Indem der vorhandene Platz hinter den Scheiben erfahrbar gemacht wird, gewinnt der Raum an Tiefe. Dasselbe gilt für die privaten Badezimmer der Kabinen. Auch sie werden mit geriffelten Glasscheiben optisch in die Schlafbereiche verlängert. „Die SP92 ist ein schwimmendes Stück Architektur mit sehr ausgewogenen Dimensionen. Es gibt Bereiche, die sich auf doppelte Höhe weiten. Innen- und Außenraum verschmelzen miteinander“, sagt Piero Lissoni.
Der Beachclub ist mit 45 Quadratmetern großzügig bemessen. Er wartet mit einer frei stehenden Polsterinsel zum Sonnenbaden auf, die aus beweglichen Komponenten besteht. Diese lassen sich auseinanderfahren, um platzsparend eine zusätzliche Esstisch-Situation zu erzeugen. Zwei Treppenstufen führen auf die Badeplattform. Der mittlere Teil lässt sich wie eine riesige Flügeltür nach oben klappen, sodass ein 3,95 Meter langer Tender hineinfahren kann. Als wahrer Blickfang fungiert das vorkragende Dach. „Die kupferfarbene Verkleidung an der Oberkante des Deckhauses verleiht der SP92 zusätzliche Sportlichkeit. Dieses stilistische Merkmal ist charakteristisch für die gesamte SP-Reihe. Es gibt ihr Energie und eine starke Identität“, betont Bernardo Zuccon.
Farbige Metallpaneele verstecken eine Photovoltaikanlage, die eine Leistung von drei Kilowatt-Peak in der Stunde erzielt. Den Strom speichern Batterien, die vor Anker die Generatoren ihrer Hotellerie-Pflichten entbinden. Den um 14 Grad aufgekimmten Rumpf optimierte das Entwicklungsteam um Tilli Antonelli auf Effizienz und Komfort. Auch wurde verstärkt auf Leichtbau gesetzt und für viele Möbel Verbundwerkstoffe aus dem Flugzeugbau gewählt. Um weiteres Gewicht einzusparen, reduzierten Sanlorenzos Ingenieure die Anzahl an Kabel- und Rohrleitungen. Damit verbraucht die SP92 nicht nur zwölf Prozent weniger Treibstoff gegenüber einer konventionellen Bauart. Es macht sie noch agiler und dynamischer. Genau richtig, um den Titel „Smart Performance“ zu tragen.