Blohm+Voss steigt in die Produktion von Drohnenbooten ein. Die Hamburger Werft fertigt künftig unbemannte Überwasserdrohnen für militärische und zivile Einsätze. Rheinmetall übernimmt die Werft im Rahmen der NVL-Übernahme und baut das Geschäft mit autonomen Systemen aus. Die ersten Boote laufen bereits testweise im Werfthafen. Zum Start ist eine geringe Anzahl von 15 Booten geplant. Die Werft bereitet sich darauf vor, zum Einstieg etwa 200 pro Jahr zu produzieren. Im Dreischichtbetrieb könnte die Produktion auf bis zu 1.000 Boote jährlich steigen. Bis zu 400 neue Arbeitsplätze sind möglich. Das Projekt entsteht in Kooperation mit dem britischen Unternehmen Kraken Technology. Parallel kämpft die Werft jedoch um den Erhalt des Fregattenprojekts F126, das durch massive Verzögerungen gefährdet ist.
Die Drohnenboote messen nur gut acht Meter Länge und erreichen Geschwindigkeiten von rund 90 km/h. Gesteuert werden sie per Joystick vom Land oder von einem Schiff aus. „Das Boot kann beispielsweise für Überwachungsaufträge genutzt werden”, erklärt Tim Wagner, Chef der Marinewerftengruppe NVL. Die Boote lassen sich auch mit Waffen ausstatten, ähnlich wie die Ukraine sie bereits im Krieg gegen Russland einsetzt. „Alles, was da derzeit unkonventionell entwickelt wird, schauen wir uns genau an”, so Wagner. Der nächste Entwicklungsschritt läuft bereits: Mit einem Versuchsträger entwickelt Rheinmetall vollständig autonome Drohnen. Wagner sieht keinen Widerspruch zum Bestandsgeschäft mit Marineschiffen: „Wir werden aus meiner Sicht mindestens noch die nächsten 20 bis 30 Jahre die großen Kampfschiffe mit Besatzung fahren. Die Einsatzgebiete von den Kleinen sind ganz andere.”
Aufträge für die Boote liegen bereits vor. Wagner bestätigt Interesse von Marinen mehrerer NATO-Länder. Auch außerhalb der NATO zeigen Kunden Interesse. Rheinmetall spricht offen davon, dass Länder wie Brunei oder Ägypten Interesse an den autonomen Booten haben. Der Friedensforscher Prof. Michael Brzoska von der Universität Hamburg sieht ein gesteigertes Rüstungsengagement für die Bundeswehr als notwendig an, warnt aber: „Die Rüstungsindustrie nutzt den deutlich gestiegenen gesellschaftlichen Wert, um auch im Bereich Rüstungsexporte aggressiver zu werden.” Die politische Lage verschafft Blohm+Voss einen unerwarteten Aufschwung. Kritiker bemängeln, dass das Engagement der Rüstungsindustrie kaum hinterfragt wird. Für den Wirtschaftsstandort Hamburg bedeutet die Entwicklung der Boote jedoch positive Impulse.
Während das Drohnenboot-Projekt Fahrt aufnimmt, droht Blohm+Voss der Verlust eines Großauftrags. Das Fregattenprojekt F126 geriet auf Schlingerkurs. Dem niederländischen Werftunternehmen Damen Naval gelang es nicht, die Produktion zeitgerecht umzusetzen. Der ursprünglich für 2028 vorgesehene Termin für die Ablieferung der ersten von sechs F126 ist nicht mehr zu halten. Frühestens 2032 erscheint realistisch. Das Bundesverteidigungsministerium ersuchte daraufhin NVL und TKMS parallel, eine Lösung zu finden. NVL war von Beginn an als Subunternehmer von Damen Naval eingebunden. Blohm+Voss sollte die Endausrüstung, Werfterprobung und Ablieferung der Schiffe übernehmen. NVL gelang es kürzlich, die Konstruktionsdaten in sein Produktionssystem zu überführen. „Auf Basis des bisherigen Prüfverfahrens und der konstruktiven Zusammenarbeit mit unseren Partnern und dem öffentlichen Auftraggeber gehen wir davon aus, die Projektübernahme in wenigen Wochen erfolgreich abzuschließen”, schreibt NVL.
TKMS bietet eine ganz andere Lösung an. Das Unternehmen will eine modifizierte Version der Meko A-200 mit dem Namen Meko A-200 DEU für die Deutsche Marine bauen. Das erste Schiff dieser Reihe könnte bereits 2029 abgeliefert werden. Der Bundestag schuf einen finanziellen Rahmen von 7,8 Milliarden Euro, der den Bau von bis zu acht Meko A-200 DEU ermöglichen würde. In Fachkreisen wird bezweifelt, dass die etwa 121 Meter lange Meko A-200 mit einer Verdrängung von 4000 bis 5000 Tonnen an die Kampfkraft der mehr als doppelt so schweren, rund 166 Meter langen F126 heranreicht. TKMS geht dennoch davon aus, eine Alternative bereitstellen zu können: „Die Meko A-200 verfügt über ein vergleichbares Fähigkeitsprofil zur F126, mit einem klaren Schwerpunkt auf der U-Boot-Jagd”, teilt TKMS mit. Der Bau würde bei der Heinrich Rönner-Gruppe in Bremerhaven erfolgen. Blohm+Voss wäre nicht beteiligt.
Das Verteidigungsministerium wird voraussichtlich bis zum Sommer über die Alternativen entscheiden. Für Blohm+Voss mit seiner mehr als 400 Menschen zählenden Stammbelegschaft wäre ein Totalverlust des Projektes F126 ein schwerer Schlag. Die Werft spezialisierte sich in den vergangenen Jahren auf die Endfertigung von Großkampfschiffen, zuletzt mit dem Bau von fünf Korvetten des Typs K130. Das Projekt F126 sollte für die weitere Grundauslastung der Anlagen sorgen. „Wir prüfen alle Optionen, die eine Projektbeschleunigung im Interesse des öffentlichen Auftraggebers und der Deutschen Marine ermöglichen”, schreibt NVL. Blohm+Voss käme eine Schlüsselrolle zu, wenn NVL das Projekt übernehmen würde. NVL soll noch im laufenden ersten Quartal von der Familie Lürssen an Rheinmetall verkauft werden. Die Kartellprüfungen laufen. Ein Verkauf an Rheinmetall und eine gute Grundauslastung mit der F126 würden Blohm+Voss zum wichtigsten deutschen Zentrum für Marinerüstung neben der TKMS-Werft in Kiel machen.
Der Bund sichert Werft-Großaufträge zusätzlich ab. Deutsche Werften erhalten neuerdings Bürgschaften aus einem Programm des Bundes eigens für Großaufträge. Das sagte der Koordinator der Bundesregierung für maritime Wirtschaft, Christoph Ploß (CDU), während eines Besuchs der Werft Blohm+Voss. Werften müssen den Bau von Schiffen häufig vorfinanzieren. Christoph Ploß zufolge können Aufträge im dreistelligen Millionen- oder gar im Milliardenbereich vorliegen. Erschwerend kommt hinzu, dass es weniger Banken als vor der Schifffahrtskrise gibt, die Werften Geld zur Finanzierung leihen. „Können deutsche Werften Aufträge nicht finanzieren, gehen diese verloren”, sagt Christoph Ploß. Der Bund und die beteiligten Bundesländer sichern eine Bürgschaft bis zu 80 Prozent ab. Werften können einen Antrag stellen, wenn sie eine Bürgschaft von mindestens 20 Millionen Euro brauchen.

Redakteurin Wassersport Digital-Redaktion