Ein Text von Norman Kietzmann
Eine Yacht ist mehr als ein Fortbewegungsmittel. Sie ist ein Lebensort. Und das bedeutet: Sie ist auch ein Ort der Kultur. Genau auf diesem Feld ist Sanlorenzo aktiv. Die Werft aus La Spezia ist mit ihrem Cultural Hub Sanlorenzo Arts seit 2018 in den Collectors Lounges der Art Basel in Basel, Hongkong und und Miami Beach präsent – nicht als Bühne für die eigenen Yacht-Modelle, sondern als Showcase für Arbeiten aufstrebender Künstler.
Auch den italienischen Pavillon auf der Kunst-Biennale 2022 in Venedig hat Sanlorenzo als Hauptsponsor unterstützt. Es geht darum, neue Spielfelder auszutesten. Ganz in diesem Sinne ist nun ein dauerhafter Standort, der in der Lagunen-Stadt hinzugekommen ist: die Casa Sanlorenzo.
Die Lage kann kaum besser sein. Direkt nebenan erhebt sich die Basilika Santa Maria della Salute mit ihren hohen, weißen Marmorkuppel. Der Canal Grande ist in Sichtweite. Keine zwei drei Minuten Fußweg sind es zur Peggy Guggenheim Collection und der Punta della Dogana, dem Ausstellungszentrum von François Pinault. Die Casa Sanlorenzo liegt mittendrin.
Lange hatte sich Massimo Perotti, Vorstandsvorsitzender der Sanlorenzo-Gruppe, in der Stadt umgeschaut, um den richtigen Ort zu finden. Mehrere Palazzi am Canal Grande waren darunter. Doch deren überbordende Pracht fühlte sich nicht richtig an. „Ich bin ein Mann des Machens. Daher lag mir dieses Haus eher“, sagt Perotti (siehe Interview mit Massimo Perotti). Die heutige Casa Sanlorenzo wurde als privates Wohnhaus in den 1940er Jahren erbaut: Ein rationaler, schmuckloser Bau, der dennoch Grandezza in sich trug. Sie musste erst freigelegt werden.
Diese Aufgabe übertrug Perotti Piero Lissoni. Der Mailänder Architekt und Designer ist Art Director von Sanlorenzo und bekannt für seine Vorliebe für eine puristische, doch zugleich stets sinnliche Ästhetik - zu sehen an Bord von “Almax”. Wände wurden entfernt, neue Fenster zum Garten eingebaut, der den länglichen Baukörper flankiert und stolze 600 Quadratmeter misst. Für Venedig ein Glücksgriff, vor allem weil die grüne Oase von außen nicht einsehbar ist und so ein Gefühl von Intimität und Ruhe versprüht.
Originale Elemente wurden – wie die Backsteinfassade und die Fußböden – erhalten. Wo eine Restaurierung nicht möglich war, wurden die Räume mit einer zeitgenössischen Architektursprache neu interpretiert. 700 Quadratmeter Ausstellungsfläche sind entstanden, die sich über zwei Stockwerke verteilen.
Die Verbindung stellt eine gläserne Treppe her, die durch das rückwärts einfallende Sonnenlicht zum Leuchten gebracht wird. „Wir sind geradezu besessen von Treppen“, sagt Piero Lissoni. Sein Entwurf mit grünlich schimmernden Stufen ist eine Hommage an die stolze Glastradition von Murano.
Zugleich ist sie eine Verneigung vor dem venezianischen Architekten Carlo Scarpa, der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren einige legendäre Bauten in der Lagune realisiert hat – stets als Wechselspiel aus Historie und einer von Sinnlichkeit getragenen Moderne.
„Die Casa Sanlorenzo wird zu einem Ort, an dem man innehalten, nachdenken und sich austauschen kann. Ein Raum der Forschung, in dem Kunst nicht nur schmückt, sondern hinterfragt. Wo Design nicht beeindruckt, sondern leitet. Wo Schönheit nie Selbstzweck ist, sondern Trägerin von Ethik. In einer zunehmend virtuellen Welt wollten wir in Präsenz, in sinnvolle Begegnungen und in gemeinsame Erfahrungen investieren“, sagt Massimo Perotti.
Werke von Alighiero Boetti, Lucio Fontana und Emil Michael Klein gehören zu den ersten, die in der Casa Sanlorenzo gezeigt werden. In den kommenden Jahren sind Wechselausstellungen geplant, stets in Relation zur Biennale, die alternierend der Kunst und der Architektur gewidmet ist.
Eine räumliche Intervention im Stadtbild gehört ebenfalls zur Casa Sanlorenzo. Die kleine, baufällige Holztreppe vorm Eingang des Hauses hat Piero Lissoni durch einen Neubau ersetzt. Es ist die erste neue Brücke in Venedig seit 2008. Die Stufen sind aus istrischem Stein gearbeitet, der typisch für die Lagunenstadt ist. Beide Geländer sind aus Holz gearbeitet und in ihrer Formensprache Rudern nachempfunden, um die Relation zum Wasser zu unterstreichen.
„Eine Brücke verbindet nicht nur zwei verschiedene Punkte, sondern auch verschiedene Welten. Es ist kein Zufall, dass die Ausdrücke „kulturelle Brücken schlagen“ und „menschliche Brücken bauen“ verwendet werden“, sagt der Mailänder Gestalter. Es klingt nach einem gelungenen Auftakt.