Porträt150 Jahre Lürssen – Schöpfer der Allergrößten

Martin Hager

 · 27.06.2025

Große Mannschaft: Dieses Foto  entstand um 1910 und zeigt die  Lürssen-Bootsbauer auf dem Gelände der Werft in Bremen-Aumund.  Damals entstanden hier noch  Ruder- und Motorboote – aus Holz.
Foto: PR
Das Familienunternehmen Lürssen entwickelte sich seit seiner Gründung im Jahr 1875 von einer kleinen Bootsbauwerkstatt zu einer weltweit führenden Werft für Gigayachten und Marineschiffe. Ein geschichtlicher Abriss.

Als Friedrich Lürßen 1875 im Alter von nur 24 Jahren die Firma Lürssen gründete, festigte er schnell seinen Ruf als Konstrukteur exquisiter Ruder- und Motorboote. Die frühen Lürssens waren nicht größer als heutige Tender und aus edelsten Hölzern mit großer Sorgfalt gebaut. Grundsolides Handwerk war die Basis des Erfolgs. Friedrich Lürßen – mit der Internationalisierung verschwand das Eszett aus dem Firmennamen – war vom ersten Zuschnitt bis zur Auslieferung persönlich beteiligt und begrüßte seine Mannschaft jeden Morgen am Tor. Obwohl in Lemwerder als Sohn eines Bootsbauers geboren, eröffnete er seinen Betrieb auf der gegenüberliegenden Weserseite in Bremen-Aumund.

Für Friedrich Lürßen lief das Geschäft gut. Die kleine Werft mauserte sich zu einer Topadresse nicht nur für wettbewerbsfähige Ruderboote, sondern auch für schwimmende Untersätze aller Art: Arbeitsboote, Motorboote, Rettungsboote und mehr. Nachdem Gottlieb Daimler den Benzinmotor für eine „pferdelose Kutsche“ erfand und patentieren ließ, trat er an Friedrich Lürßen heran und bat ihn, das erste Boot mit Motor zu bauen. Der machte sich sofort an die Arbeit und stellte mit „Rems“ im Sommer 1886 das erste Motorboot der Welt fertig.

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Knalleffekt: „Rems“ war das erste Motorboot der Welt

Zehn Jahre nach der Unternehmensgründung leistete Friedrich Lürßen Pionierarbeit, die auch den Grundstein für die heutige Superyachtindustrie legte. „Rems“ war ein sechs Meter langes Meisterwerk mit strakend-schönen Linien, wundervoll verarbeitet und vor allem mit der technischen Neuheit eines Daimler-Motors ausgestattet. Die Leistung des modifizierten Aggregats: 1,2 Kilowatt. Bei den ersten „Flusserprobungen“ auf dem Neckar gab sich Gottlieb Daimler redlich Mühe, nicht aufzufallen. Die hölzerne Schaluppe wirkte ob ihres schlanken Bugs, der in einen breiten Mittelteil übergeht und im wohlgeformten klassischen Heck mündet, überaus formschön. Gar nicht zu „Rems“ passte die Lautstärke. Anwohner verhinderten, dass der Explosionen erzeugende Motor das Ufer in der Nähe von Daimlers Stuttgarter Werkstatt erreichte.

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Unbeirrt und typisch für den jungen Erfinder, installierte Gottlieb Daimler Kupferdrähte und Isolatoren, um den Motor wie eine elektrische Anlage aussehen zu lassen. Die Täuschung funktionierte. Das erste Motorboot der Welt wurde erfolgreich getestet, und die aufgeregten Einheimischen kapitulierten. Die Auslieferung der sechs Meter langen „Rems“ ebnete den Weg für weitere Motorboote. Lürßen und Daimler verband eine lange Freundschaft und ein Entwicklungsdrang, aus dem immer größere und leistungsfähigere Schiffe hervorgingen.


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Um die Jahrhundertwende waren Lürssen-Motorboote auf den deutschen Binnengewässern nicht mehr wegzudenken. Mit 19 Metern Länge war die „Maria-Augusta“ eines der größten Formate seiner Zeit. Sie hatte einen eleganten Rumpf, ein klassisches Kanuheck und einen Aufbau, in den ein Steuerhaus integriert war – damals ein Novum. Daimler baute für sie einen 20-Kilowatt-Motor, der eine komfortable Reisegeschwindigkeit von neun Knoten ermöglichte.

Innovationen von Lürssen wurden zum Yachtstandard

Das Motorboot an sich war die erste in einer langen Reihe von Innovationen, die Lürssen einführte und die inzwischen zum Branchenstandard geworden sind. Im Jahr 1997 wurde der weltweit erste energieeffiziente Hybridantrieb an Bord der 96 Meter langen „Limitless“ installiert. Führend war man 2002 bei der Entwicklung von Unterwasser-Abgassystemen, die den Gegendruck und Lärm drastisch reduzieren.

Kurz darauf lieferte Lürssen im Jahr 2005 die 90 Meter lange „Air“ (heute „Ice“) aus, die weltweit erste Yacht mit Pod-Antrieb. 2009 führte das Bremer Schiffbauunternehmen ein auf Membrantechnologie basierendes Abwasserreinigungssystem ein, das erstmals auf der 60-Meter-Yacht „Arkley“ (jetzt „Caipirinha“) zum Einsatz kam und heute auf vielen Yachten Standard ist. Die 147,52 Meter lange „Topaz“ (jetzt „A+“) war die erste Yacht mit einem Ballastwasseraufbereitungssystem.

Lürssen patentierte zudem ein innovatives Abgasnachbehandlungssystem, das Stickoxid-Emissionen (NOx) drastisch reduziert, ohne Platz, Gewicht, Lärm oder Vibrationen zu beeinträchtigen. SCR-Technologie gehört seit 2016 ebenfalls zur Standardausstattung jeden Neubaus. Vor fünf Jahren brachte Lürssen gemeinsam mit Wolz Nautic Tesumo auf den Markt. Die nachhaltige Teakholz-Alternative ist seither für die Industrie verfügbar und liegt auf dem Helideck einer der jüngsten Auslieferungen von Lürssen, der 142 Meter langen „Dragonfly“.

Die CO₂-neutrale Zukunft des Yachtings im Blick

Passend zum Jubiläumsjahr bereitet Lürssen den nächsten Schritt in Richtung einer CO₂-neutralen Zukunft des Yachtings vor: die 114 Meter lange „Cosmos“. Ähnlich wie ihre 139 Jahre alte Vorgängerin „Rems“ wurde „Cosmos“ von einem technologiebegeisterten Kunden in Auftrag gegeben. Mit ihrem innovativen Methanol betriebenen Brennstoffzellensystem soll „Cosmos“ 15 Tage lang vor Anker liegen oder 1.000 Meilen mit langsamer Geschwindigkeit fahren können – komplett CO2-neutral.

„Wir haben enorme Fortschritte gemacht, um ein wichtiges Ziel von mir zu erreichen“, sagt Werftchef Peter Lürßen. „Es war mein Urgroßvater, der 1886 das erste Motorboot baute und damit den Weg für das Yachting, wie wir es heute kennen, ebnete. Mein Traum ist, die erste Yacht ohne Verbrennungsmotor zu bauen und so eine neue Ära einzuläuten.“ Lürssen widmete einen Großteil des 20. Jahrhunderts dem Marine- und Handelsschiffbau, und erst 1988 unter der Leitung von Peter Lürßen, richtete das Unternehmen eine eigene Yachtabteilung ein.

Seither fertigten die Bremer mit rund 2.000 Mitarbeitenden 70 Customyachten mit einer Gesamtlänge von mehr als 6.500 Metern. Aus Lürssen-Hallen an sechs Standorten in Norddeutschland stammen 35 der 100 weltgrößten Yachten. Dazu gehören die 180,61 Meter lange „Azzam“, die 156-Meter-„Dilbar“ und die 126,2 Meter lange „Octopus“ – die längste Yacht der Welt, die voluminöseste Yacht und der erste Explorer.

Auch wenn sich Lürssen im Laufe der letzten drei Dekaden zum Weltmarktführer im Gigayacht-Segment emporgearbeitet hat, geht es der Werft um andere Werte, wie Peter Lürßen klarmacht: „Wir sind nicht darauf aus, die größten Yachten zu bauen, sondern die beste Yacht für jeden Eigner. Unsere Kunden entscheiden sich für uns wegen unserer technischen Exzellenz, unserer Innovationsbereitschaft und unserer Entschlossenheit, ihre Wünsche zu erfüllen – ganz gleich, wie unerreichbar sie auch erscheinen mögen.“


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