Boote Redaktion
· 03.01.2026
Englische Werften sind bekannt für ihre Handwerkstradition und ihren Fokus auf Qualität statt Quantität. Das gilt besonders für die sogenannten Gentlemen’s Yachts. Wir werfen einen Blick hinter die Kulissen der Traditionswerften Rustler, Cockwells und Dale.
Ein Text von Adam Fiander
Die Kleidung, die wir tragen, die Art des Hauses, in dem wir leben, und das Auto, das wir fahren, erzählen viel über unseren Lebensstil – den sogenannten Way of Life. Mit unseren nach außen getragenen persönlichen Vorlieben zeigen wir, was für eine Art Mensch wir sind. Das gilt im übertragenen Sinne natürlich auch für die Bootswahl.
Welcher Mensch würde sich also für eine sogenannte britische Gentlemen’s Yacht interessieren? Und was könnte den Reiz ausmachen, viel Geld für einen mittelgroßen Halbverdränger auszugeben, der konzeptionell eigentlich bereits seit Jahrzehnten veraltet ist?
Seine Blütezeit erlebte dieser Bootstyp Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Boote entstanden meist aus Mahagoniplanken auf Eichenspanten, verfügten über lange, schmale Rümpfe und zeichneten sich durch dezente, aber luxuriöse Innenräume mit viel Holz, Leder und auf Hochglanz poliertem Messing aus. Sie wurden zum Sinnbild des britischen Lebensstils zur See. In dieser Zeit war die Gentlemen’s Yacht nicht nur ein Freizeitobjekt, sondern vielmehr ein Statussymbol.
Das Boot zeigte, dass sein Besitzer kultiviert, technisch interessiert und naturverbunden waren – ein wahrer „English gentleman“ eben. Um dem Rätsel der ungebrochenen Liebe zu diesem Bootstyp auf den Grund zu gehen, werfen wir einen Blick auf die drei britischen Traditionswerften Rustler Yachts und Cockwells aus Falmouth in Cornwall und Dale Nelson, nicht weit entfernt in Pembrokeshire, Südwestwales.
Wir entdecken die Menschen, die hinter diesen Werften stehen, die diese wunderschönen Boote bauen, hauptsächlich von Hand, mit der Art von liebevoller Sorgfalt, Handwerkskunst und akribischer Liebe zum Detail, die heutzutage immer seltener zu finden ist.
Die Rustler-Werft, die in den 1960er-Jahren mit dem Bau von Segelyachten begann, ist in jüngerer Zeit durch den Bau von zwei Yachten für keine Geringere als Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Anne und ihren Ehemann, Vizeadmiral Sir Timothy Laurence, bekannt geworden. Die letzte dieser Yachten, eine 44-Fuß-Segelyacht, wurde 2012 ausgeliefert. Geschäftsführer Adrian Jones ist zu Recht stolz darauf, als Lieblingsyachthersteller des britischen Königshauses zu gelten, aber Diskretion und das strenge königliche Protokoll verbieten es Adrian, uns mehr darüber zu erzählen.
Statt in royalen Erinnerungen zu schwelgen, zeigt er uns die Rustler 41 mit ihren schönen, fließenden Linien, die von dem bekannten Yachtdesigner Tony Castro in Zusammenarbeit mit der Werft und unter maßgeblicher Mitwirkung des Eigentümers entworfen wurde. Tatsächlich ist sie Rustlers erster Versuch, ein Motorboot zu entwerfen. Der Rumpf Nummer eins wurde letztes Jahr auf der Southampton Boat Show vorgestellt.
Mit einer Verdrängung von 10,5 Tonnen und einem Tiefgang, der auch bei rauem Seegang für einen komfortablen Fahrkomfort sorgt, bietet die Rustler 41 eine Reichweite von 390 Seemeilen bei einer Marschgeschwindigkeit von 23 Knoten (2.800 U/min). Der Kraftstofftank fasst 1.200 Liter. Angetrieben wird das Boot von zwei Yanmar-V8-Motoren mit jeweils 370 PS (272 kW), die über Wellenantrieb eine Höchstgeschwindigkeit von 30 Knoten ermöglichen. Das Achterdeck mit umlaufender Sitzbank bietet Platz für gesellige Runden. Breite Seitendecks mit Handläufen ermöglichen ein sicheres Bewegen an Deck.
Der Innenraum besticht durch hochwertige Holzarbeiten und eine Ausstattung, die an Superyachten erinnert, darunter eine durchgehende Frontscheibe. Der Detailreichtum der Ausstattung ist ungewöhnlich, und im Inneren erinnert mich der beruhigende Geruch von reichlich lackiertem Holz an eine Zeit, als die Züge noch mit Dampf fuhren, die Wagen Metallräder hatten und die Damen elegante, fließende Kleider und die Herren Jackett und Krawatte trugen.
Und obwohl Rustler natürlich über CNC-Schneidemaschinen verfügt, findet man an Bord keine Massenware. Adrian erzählt mir nebenbei, dass die 41er aufgrund ihrer komplexen Formen, wie beispielsweise der durchgängigen einteiligen Windschutzscheibe, ein kompliziertes Boot ist. Die Bauzeit der Rustler 41 beträgt etwa sechs Monate, was angesichts des hohen Handarbeitsanteils und der komplexen Konstruktion bemerkenswert ist. Der Grundpreis liegt allerdings auch bei stolzen 970.000 britischen Pfund zuzüglich Mehrwertsteuer.
In der ebenfalls in Falmouth ansässigen Cockwell-Werft entsteht unter anderem die Duchy 35. Der ein oder andere BOOTE-Leser dürfte diesen Bootstyp aus dem Fernsehen kennen, denn er tauchte mehr als einmal in den Verfilmungen der Bücher der britischen Autorin Rosamunde Pilcher auf. Ihre Filme spielen zumeist in Cornwall und zeigen eine romantisierte Version der englischen Gesellschaft, die die Faszination anspricht, die Deutsche für die englische Lebensweise im Allgemeinen haben, und dazu gehört natürlich auch ein entsprechend stilvolles Boot.
Die von Andrew Wolstenholme in Zusammenarbeit mit Dave Cockwell entworfene Duchy 35 verfügt über einen durchgehenden Kiel und hat eine Verdrängung von 8,75 Tonnen. Sie entstand, weil ein Kunde an einer Duchy 27 interessiert war, aber eine Zwei-Kabinen-Variante mit insgesamt mehr Platz im Innen- und Außenbereich wünschte. Die Duchy 35, die von Cockwells als die ideale Kombination von „klassischem Design und modernem Luxus“ beschrieben wird, wurde letztes Jahr zum ersten Mal auf der boot Düsseldorf ausgestellt.
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Die Einzelkabinen-Variante bietet eine geräumige Nasszelle mit separater Toilette sowie eine erhöhte Kombüse im Salon und viel Stauraum dort, wo sonst die zweite Kabine gewesen wäre. Die Version mit Kombüse unten, ebenfalls mit einer Einzelkabine, ist mit einer kombinierten Toilette/Dusche ausgestattet. Hinzu kommen großzügige Sitzgelegenheiten im Salon. Alles in allem bestimmt der Kunde die endgültige Aufteilung des Bootes und die Materialwahl. Die vordere Eignerkabine und das mit dem Salon kombinierte Steuerhaus bleiben in jedem Fall gleich. Die vielen Sitzgelegenheiten und der große Klapptisch vermitteln ein entspanntes und gemütliches Raumgefühl. Über zwei große Terrassentüren erreicht man das Achtercockpit, in dem bis zu zehn Personen Platz finden und den Abend vorzugsweise stilecht mit einem Tarquin’s Cornish Dry Gin And Tonic einer lokalen Brennerei ausklingen lassen.
Der Antrieb erfolgt über zwei Nanni-T4-Motoren mit Wellenantrieb (270 PS). Damit erreicht das Boot eine Höchstgeschwindigkeit von 28 Knoten und eine Reisegeschwindigkeit von 20 Knoten. Alternativ dazu bekommt man die Duchy auch mit zwei Yanmar-V8-Motoren mit 350 PS. Die Höchstgeschwindigkeit steigt damit auf 31 Knoten und die Reisegeschwindigkeit auf 25 Knoten. Bei dieser Geschwindigkeit beträgt die Reichweite 275 Seemeilen. Von besonderem Interesse für deutsche Kunden, die auf Binnengewässern unterwegs sein wollen, ist eine ebenfalls erhältliche einmotorige Version mit 370 PS. Der Grundpreis der Duchy 35 liegt bei 650.000 britischen Pfund zuzüglich Mehrwertsteuer.
Dale Motor Yachts mit Sitz im Neyland-Yachthafen in Pembroke Dock ist seit Generationen Teil der britischen Werftenszene. Das Unternehmen befindet sich im Besitz der Familie Reynolds, die 1961 im nahe gelegenen Dorf Dale mit dem Bau von Booten begann. Mit ihren zahlreichen Sandstränden und versteckten Buchten gehört die Grafschaft Pembrokeshire im Südwesten von Wales zweifellos zu den schönsten und unberührtesten Küsten Großbritanniens – ein wahres Kleinod.
Die heutige Dale-Baureihe besteht aus insgesamt sechs Modellen, von denen wir uns im Gespräch mit Dale-Geschäftsführer Mike Reynolds die Dale 37 Classic genauer erklären lassen. Sie ist seit 2022 auf dem Markt und mit 12,5 Tonnen Verdrängung das schwerste der drei hier vorgestellten Boote. Entworfen vom Schiffsarchitekten Arthur Mursell, zeichnet sich die Dale 37 durch ihren schmalen Bug und den langen Kiel aus, der für Fahrstabilität sorgen soll. Mit zwei 440 PS (324 kW) starken Yanmar-V8-Motoren erreicht das Boot eine Höchstgeschwindigkeit von 30 Knoten und eine Marschgeschwindigkeit von 24 Knoten. Bei dieser Geschwindigkeit beträgt die Reichweite 220 Seemeilen. Bei reduzierter Geschwindigkeit von 10 Knoten steigt die Reichweite auf 400 Seemeilen. Der Kraftstofftank fasst 1.360 Liter.
Ein besonderes Designmerkmal ist das etwa fünf mal vier Meter große Vordeck, das dem Boot ein großzügiges Raumgefühl verleiht und zugleich mehr Volumen für die Kabine darunter schafft. Das nach vorne geneigte Heck mit einfallendem Decksrand, auf Englisch „tumblehome“ genannt, ist nicht nur optisch ansprechend, sondern auch ein Zeichen für die handwerkliche Qualität, da eine senkrechte Heckform einfacher und kostengünstiger zu bauen wäre. Kunden können zwischen verschiedenen Holzarten wie massiver Eiche, Kirsche oder Walnuss für die Innenausstattung wählen. Die Qualität der Tischlerarbeiten ist auf jeden Fall beeindruckend: Jedes Holzteil wird in einem zehnstufigen Prozess von Hand versiegelt, geglättet und lackiert – selbst an nicht sichtbaren Stellen.
Auch bei der Raumaufteilung der Dale haben Kunden weitgehenden Einfluss. Sie können wählen, ob sie eine zweite Kabine mit der Kombüse oben oder unten haben möchten, je nachdem wie viele Sitzplätze sie im Salon bevorzugen. Der Grundpreis der Dale 37 Classic liegt bei 855.000 britischen Pfund zuzüglich Mehrwertsteuer.
Alle drei Yachten vereinen klassisches Design mit moderner Technik und bieten eine solide Bauweise für anspruchsvolle Fahrtgebiete in Nordeuropa. Mit ihren Ein-Motoren-Optionen und den vergleichsweise geringen Durchfahrtshöhen eignen sie sich aber auch für Binnengewässer. Alle drei Boote haben einen hohen Handarbeitsanteil und die Möglichkeit zur individuellen Anpassung an Eignerwünsche. Sie sind keine Massenprodukte, sondern werden in kleinen Stückzahlen für anspruchsvolle Eigner gebaut, die Wert auf Qualität, Tradition und zeitloses Design legen.
Auch wenn die englischen Gentlemen’s Yachts aussehen, als kämen sie aus einer vergangenen Ära, haben sie als charismatische, individuelle Alternativen zu den heutigen Kunststoffyachten ihre Fans und ihre Berechtigung am Markt. Es handelt sich durchweg um allwettertaugliche, seegehende und robuste Boote, die sich für nordeuropäische Regionen bestens eignen. Die teilweise angebotenen Ein-Motoren-Optionen machen sie darüber hinaus auch für Binnenreviere interessant, auf denen es weniger auf die Höchstgeschwindigkeit ankommt.