Ursula Meer
· 16.07.2026
Renate Weineck wollte nach dem Tod ihres Mannes wieder aufs Wasser. Also kaufte sie ein Boot, nannte es „Rumtreiber“ – und macht seitdem den Namen auf der Ostsee zum Programm.
Mit 77 allein auf der Ostsee, und dann noch als Frau: Für viele ist das unvorstellbar. Renate Weineck aber zeigt, dass es geht. Sie verbringt jeden Sommer sechs Monate auf dem Wasser, lebt von Ende April bis Mitte Oktober auf ihrem zehn Meter langen Motorboot „Rumtreiber“. Die ehemalige Oberstudienrätin aus Schwalbach am Taunus kreuzt allein zwischen Wolgast und Schweden, schleust ohne fremde Hilfe und hat sich ein seniorengerechtes Bootsleben eingerichtet. Was als gemeinsames Hobby mit ihrem Mann begann, ist nach dessen Tod zu ihrer Sommerresidenz geworden – und zu einem Weg zurück ins aktive Leben.
Im Interview erzählt sie von den 25 gemeinsamen Jahren auf dem Wasser, davon, wie sie nach dem Tod ihres Mannes den Mut fand, allein weiterzufahren – und was für sie Freiheit bedeutet: selbst entscheiden zu können, was sie macht. Auch wenn das die Küstenwache irritiert.
Wir hatten eine Atlantic 38, knapp zwölf Meter lang, mit Achterkajüte. Damit konnte ich nicht allein schleusen. Man kann nicht gleichzeitig oben auf dem Steuerstand stehen und an den Leinen arbeiten. Also brauchte ich ein Boot, mit dem ich auch allein schleusen kann. Das war für mich das wichtigste Kriterium. Ich habe damals sogar einen Brief an die „BOOTE“ geschrieben und Empfehlungen für Modelle erhalten, die infrage kommen, in einer Größenordnung um die zehn Meter. Die Redaktion empfahl mir damals drei verschiedene Typen.
Eine Nimbus war eine der Empfehlungen und mein Favorit. Ich habe eine bei der Bootsmesse in Friedrichshafen Probe gefahren – sie hat mir sehr gut gefallen, war aber für mein Budget ein bisschen zu teuer. Schließlich habe ich in Warnemünde eine gebrauchte Nimbus 335 gefunden und mich schnell zum Kauf entschlossen.
Mein zweiter Mann hatte ein Boot praktisch mit in die Ehe gebracht, Ende der Achtzigerjahre. Vorher hatte ich überhaupt keine Ahnung vom Bootfahren. Beim ersten Törn waren wir mit einem Acht-Meter-Boot mit zwei Erwachsenen und vier Kindern beim Binnenskippertreffen in Worms. Dort bekam mein Mann eine Grippe. Er fuhr das Boot aus dem Hafen und sagte: „Dann lass meine Söhne fahren, die können das. Aber pass auf, die roten Tonnen müssen rechts bleiben.“ Nun bin ich aber nicht der Typ, der sich von irgendjemandem irgendetwas sagen lässt und überhaupt keine Ahnung hat. Also stand für mich fest: Ich mache als Nächstes einen Bootsführerschein.
Ja, erst Binnen, dann den Küstenschein, dann auch den Sachkundenachweis für Signalpistole und das alles. Als die neuen Funkgeräte kamen, haben wir gemeinsam den Funkschein gemacht, wie sich das so gehörte. Wir hatten damals auch einen Lkw, auf den wir das Boot geladen haben, einen Elftonner, der abgelastet worden war auf 7,5 Tonnen. Damit sind wir in den Sommerferien nach Kroatien gefahren. Als wir zurückkamen, fuhr mein Mann mal auf die Lkw-Waage. Wir stellten fest, es waren keine 7,5 Tonnen, sondern 9,5 Tonnen. Da meinte er: „Dann mache ich eben im Winter einen Lkw-Führerschein.“ Blöd wie ich bin, hab ich gesagt: „Mach ich auch.“ Also hab ich auch noch den Lkw-Führerschein gemacht. Wie war es dann für Sie, das erste Mal allein unterwegs zu sein? Der Bootshändler hat mir angeboten, das Boot zu meinem Heimathafen Rüdesheim zu bringen. Aber ich dachte mir: Nö, wenn schon, dann fahre ich allein. Von Warnemünde nach Rüdesheim. Auf dem ersten Stück auf der Ostsee konnte ich schon mal ein wenig ausprobieren, das lief prima. Dann bin ich von Lübeck den Elbe-Lübeck-Kanal gefahren – das waren die ersten Schleusen, sehr kleine, gemütliche. Da konnte ich mich dran gewöhnen. Dann kam die Steigerung: der Elbe-Seitenkanal, erst das Schiffshebewerk, dann die Schleuse Uelzen – genau das Gegenteil, eine riesengroße Schleuse. Und all die weiteren Schleusen im Mittellandkanal und Rhein-Herne-Kanal bis auf den Rhein. Ich habe alle Schleusentypen ausprobieren können. Und es hat geklappt.
Ich habe den großen Vorteil: Mein Steuerstand ist in der Mitte, direkt daneben ist eine Schiebetür, und dort ist die Mittelklampe mit der Leine und einem Bootshaken. Ich gehe also immer über die Mittelklampe an die Leiter. Wenn die Leine erst mal fest ist, kann ich alles Weitere machen. Meistens hole ich noch die Heckleine dazu. Und ich habe Bug- und Heckstrahlruder. Als Alleinfahrerin ist so eine technische Unterstützung sehr praktisch. Schwierig wird es, wenn an Steuerbord kein Platz ist, weil ich dann das Steuer loslassen und um das Boot herumlaufen müsste. Aber bis jetzt habe ich in solchen Situationen immer jemanden gefunden, an den ich mich längsseits legen konnte.
Meist erstaunt. Wenn ich in einem unbequemen Hafen anlegen muss, wo vielleicht Ringe statt Poller befestigt sind, dann rufe ich auch schon mal: „Hallo, können Sie mir mal bitte helfen?“ Warum denn auch nicht? Die machen das auch, und dann kommt man ins Gespräch. Viele sind schon überrascht, dass ich in meinem Alter allein unterwegs bin. Aber es klappt immer irgendwie.
Schon mit meinem Mann hatte ich den Plan, mal wieder die Ostsee zu bereisen. Im ersten Jahr mit dem neuen Boot habe ich noch Touren auf heimischen Gewässern gemacht, auf dem Rhein samt Nebenflüssen und nach Holland, weil die Kinder oder Enkel mitfahren wollten. Das Winterlager hatte ich auch in Holland. Aber dann wollte ich die Ostsee gemütlich erkunden. Ich bin also über die Kanäle zurück nach Lübeck und habe im ersten Jahr einen Törn an die schleswig-holsteinische Küste und in die Dänische Südsee gemacht. Dann habe ich mir gedacht: Immer wieder nach Holland zum Winterlager ist ein bisschen blöd, also suchst du dir da oben ein Winterlager.
In Schleswig-Holstein war ein Winterlager in der Halle mit einer Werft, die vollen Service bietet, sehr teuer. Ich habe mich dann in Mecklenburg-Vorpommern umgehört. In einem Hafen empfahl mir jemand das BootsCenter Wolgast. Ich wollte ohnehin Richtung Polen, also bin ich da mal vorbeigefahren. Ich hatte Probleme mit meinem Bug- und Heckstrahlruder. Sie haben sich gut darum gekümmert, schön gearbeitet. Also habe ich wegen des Winterlagers gefragt. Typisch Mecklenburger: „Wie schwer ist das Boot? Wie lang? Passt!“ Seitdem liegt die „Rumtreiber“ im Winterlager in Wolgast. Und dort, wo im Winter das Boot steht, parkt dann im Sommer mein Auto.
Wenn ich einen Fahrtag habe, fahre ich gerne früh los. Die Spritpreise spielen eine erhebliche Rolle. Ich habe einen Halbgleiter – wenn ich in Verdrängung fahre, 7 Knoten, brauche ich ungefähr 7 Liter die Stunde. Sehr sparsam. Ich kann aber auch schnell fahren, über 20 Knoten – dann brauche ich mindestens sechsmal so viel Sprit, 45 Liter die Stunde. Deswegen versuche ich meine Strecken so einzurichten, dass ich in gemütlicher Fahrt das Ziel bequem erreichen kann. Solange das nicht mehr als 100 Meilen sind, kann ich langsam fahren. Wenn es mehr ist, gebe ich Gas. Ich will nicht länger als sieben, acht Stunden unterwegs sein. Außerdem bin ich dann in der Regel vor den Seglern im Hafen, was den Vorteil hat, dass ich völlig problemlos einen Liegeplatz finde. Ich habe mein Fahrrad dabei und erkunde die Gegend. Wenn es mir irgendwo gefällt, bleibe ich ein paar Tage.
Das ist mein Altersbonus: Die Werft in Wolgast kümmert sich um alles. Das Boot kommt ja erst aus dem Wasser, wenn ich nicht mehr da bin. Also sehe ich nicht, wie das Unterwasserschiff aussieht, und schreibe in den Auftrag „Unterwasserschiff checken“. Dann sagen sie mir, ob etwas gemacht werden muss oder nicht, und alles wird fotografisch dokumentiert. Und im Frühling ist das Boot schon im Wasser, wenn ich ankomme, das finde ich echt super. Wenn etwas an Bord nicht funktioniert, bekomme ich meistens schnell heraus, woran es liegt, und weiß dann auch, was gemacht werden muss. Aber selbst machen kann ich es nicht. Ich bin Theoretikerin, für die Praxis brauche ich jemand anderen.
Ende April fahre ich nach Wolgast und räume das Boot ein. Dann beginnt die Tour. In der näheren Umgebung fahre ich gern in Häfen wie Krummin, Karlshagen, Stagnieß oder Usedom-Stadt. Manchmal auch zur Uniklinik nach Greifswald, die hat tatsächlich einen Hafen. Von Sellin auf Rügen geht es weiter nach Sassnitz und Wiek, dann rüber nach Dänemark. Dieses Jahr plane ich, von Sassnitz nach Ystad zu fahren, dann die schwedische Ostküste hinauf und nach Gotland. Wenn das Wetter mitspielt, geht es danach weiter bis Stockholm.
Ich war schon an der schwedischen Westküste bis Göteborg, musste aber wegen des Wetters im Kattegat umdrehen. Bei Windstärke 5 bis 6 sitzt man dort sonst tagelang auf einer kleinen Schäreninsel fest. Ich bin dann über die dänische Seite zurück – Helsingborg, Kopenhagen. Letztes Jahr hatte ich das Baltikum geplant, aber Teile der Route sind militärisches Sperrgebiet, das einen großen Umweg erfordert – 200 Meilen und 20 Stunden Fahrtzeit, davon die letzten 3 Stunden auf dem Hauptschifffahrtsweg nach Klaipeda mit den großen Schiffen – da wäre ich am Ende zu müde und unkonzentriert gewesen. Das wollte ich mir nicht zumuten.
Ja! Am meisten Freude bereitet es mir, wenn ich frühmorgens sagen kann: Heute fahre ich, wohin ich will, und das Wetter spielt mit. Letztes Jahr bin ich von Møn nach Rügen gefahren: Sonntag, spiegelglatte Ostsee, strahlender Sonnenschein. Ich habe meinen Kurs angelegt, den Autopiloten eingeschaltet und nur auf dem AIS geguckt, wo die großen Kähne sind. Die klicke ich an und schaue: Wie schnell fahren die, wie schnell bin ich? Und wo bin ich? Als Mathematikerin kann ich genau sehen, ob die vor mir oder hinter mir rumfahren oder ob ich Gas geben muss. Das hat super geklappt, ich konnte die ganze Strecke mit derselben Geschwindigkeit und demselben Kurs durchfahren bis nach Hiddensee. Kurz vor der Insel kam dann die Küstenwache neben mein Boot. Über Funk sagten sie etwas erstaunt: „Da ist so ein Gefährt die ganze Zeit mit derselben Geschwindigkeit und demselben Kurs gefahren. Wir wollten nur mal sehen, ob das wirklich ein Sportboot ist.“ Die haben wohl ihre Überwachung getestet. Wir haben beide kräftig gelacht.
Eigentlich nicht. Ich ankere allerdings auch nie. Früher mit meinem Mann haben wir im Mittelmeer oft Segelboote gechartert. Mehrfach hat sich dabei der Anker irgendwo verhakt. Dann waren aber immer zwei kräftige Männer an Bord, die ihn rausfahren konnten. Ich habe auch von anderen Motorbootfahrern gehört, dass sie den Anker aufgeben mussten. Wenn ich allein unterwegs bin, habe ich keine Chance, den rauszukriegen. Deswegen habe ich gesagt: Ich ankere nicht, ich fahre abends in irgendeinen Hafen. Da gibt es ja immer genug Möglichkeiten.
Wenn es einem nicht zu sehr wehtut, weiter in den Club gehen, den Kontakt aufrechterhalten, sich nicht ganz in sich zurückziehen. Unter Leute gehen. Es fällt einem schwer am Anfang, man möchte eigentlich nichts weiter machen. Aber man sollte einfach versuchen, offen zu bleiben und sich an das Schöne zu erinnern, das man hatte – nicht nur zu sehen, was man nicht mehr hat.
Mein Mann und ich waren wirklich ein tolles Team. Ihn zu verlieren tat sehr weh. Aber es war gut, dass ich das alte Boot verkauft habe, es hingen einfach zu viele Erinnerungen daran. Mit dem neuen Boot hatte ich hingegen wieder eine neue Aufgabe. Und diese Unabhängigkeit, dieses Freiheitsgefühl beim Bootfahren – das ist für mich enorm wichtig!
Darauf, dass es seniorengerecht ist. Mittelklampe, Bug- und Heckstrahlruder gehören dazu. Aber man kann sich auch manch anderes bequemer machen. Ich zum Beispiel habe lädierte Knie, runterspringen geht überhaupt nicht. Um trotzdem klarzukommen, habe ich vorne einen Bugspriet mit einer Leiter. Ich bin ja schließlich kein Jungspund mehr!

Redakteurin Panorama und Reise
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