Text von Dario Schiavo, Martin Hager
Es gibt Designadressen, die man an ihrer Handschrift erkennt. Die von Cristiano Gatto zählt nicht dazu – und genau das ist Absicht. Seit 25 Jahren entwickelt sich das Verhältnis zwischen dem venezianischen Studio und der Welt der Superyachten mit steter Konsequenz: Der leidenschaftliche Gestalter mit klarer Vision hat eine international anerkannte Kreativschmiede aufgebaut, die vollständig integrierte Komplettlösungen in den anspruchsvollsten Segmenten des zeitgenössischen Yachtbaus realisiert. BOOTE EXCLUSIV traf Cristiano Gatto in einem seltenen ruhigen Moment zwischen Werftbesuchen, interkontinentalen Reisen und sich überschneidenden Deadlines.
Das Unternehmen operiert heute von drei strategischen Standorten aus: Venedig, wo seine kulturelle und konzeptionelle Identität verwurzelt bleibt; Dubai, das den Zugang zum dynamisch wachsenden Luxusmarkt des Nahen Ostens sichert; und Fort Lauderdale als entscheidendes Bindeglied zum amerikanischen Yachtsektor. Die geografische Struktur sei kein Resultat organischen Wachstums, sondern einer bewussten operativen Vision, betont Gatto. Er möchte physisch und strategisch nah an Werften, Eignern und Entscheidungsträgern bleiben. In einem Umfeld, in dem Kundennähe besonders gewürdigt wird und Koordination und Timing ebenso zählen wie Gestaltung, sieht Gatto das nicht als Luxus an – für ihn ist es eine Notwendigkeit.
Derzeit laufen 18 Projekte parallel, verteilt auf Superyachten und Luxus-Residenzen in Europa, dem Nahen Osten und den Vereinigten Staaten. Die schiere Anzahl ist bemerkenswert. Was diese arbeitsreiche Phase jedoch wirklich kennzeichne, sei die Komplexität, die in jeder einzelnen Arbeit steckt. Denn seine gestalterische Leistung richtet sich an einen Markt, der sich unaufhaltsam in Richtung absoluter Präzision und vollständiger Prozesskontrolle bewegt und für Improvisation kaum noch Raum lässt.
Gattos Designphilosophie wurde und wird durch Venedig fundamental geprägt. „Venedig lehrt uns, dass Raum niemals neutral ist“, erklärt er. „Er ist immer etwas, das man erlebt, nicht etwas, das man lediglich konstruiert.“ Er wuchs inmitten der verflochtenen Architektur der Lagunenstadt auf, in der Wasser, Stein und Licht die Raumwahrnehmung fortwährend neu definieren. Gatto entwickelte eine instinktive Sensibilität dafür, dass Formen auch atmosphärisch und Proportionen eher als emotionaler denn als mathematischer Zustand wahrgenommen werden können. Zudem prägte ihn Material als etwas, das sich mit der Zeit verändert. Diese Prinzipien begleiten ihn bis heute: Interieurs werden als lebendige Umgebungen konzipiert, bestimmt durch Übergänge, Reflexionen und subtile räumliche Spannungen – als befänden sich die Räume in einem permanenten Zustand langsamer Transformation, niemals in einem Zustand endgültiger Vollendung.
Anders als viele zeitgenössische Designbüros, die auf eine wiedererkennbare Ästhetik als Markenzeichen setzen, vermeidet Cristiano Gatto Design bewusst den Begriff eines festen Stils. Jedes Projekt sei eine autonome Erzählung, geformt von der Identität, den Wünschen und dem Lebensstil des Auftraggebers. „Wir wenden keine bestimmten Muster an – wir konstruieren jedes Projekt neu“, sagt Gatto. Konsistenz entsteht dabei nicht durch Wiederholung von Formen, sondern durch disziplinierte Methodik: die rigorose Kontrolle von Proportionen, die tiefe Auseinandersetzung mit Materialien und eine nahezu forensische Detailgenauigkeit, die Kohärenz auch ohne visuelle Wiederholung sicherstellt.
Diese methodische Klarheit hat an Bedeutung gewonnen, seit das Studio zu einer strukturierten und weltweit tätigen Organisation mit 27 fest angestellten Experten – Architekten, Interieurdesignern und Projektmanagern – herangereift ist. Ergänzt wird das interne Team durch ein globales Netzwerk aus Beratern, Ingenieuren und Handwerkern, das es dem Studio ermöglicht, die eigene Kapazität dynamisch an die Komplexität jedes Auftrags anzupassen, ohne dabei den gestalterischen Fokus zu verlieren.
In den vergangenen Jahren hat diese Entwicklung zu einer weitreichenden strategischen Transformation geführt: Cristiano Gatto Design agiert heute als vollständiger Turnkey-Partner und übernimmt häufig die Rolle des Eignervertreters. Die Verantwortung erstreckt sich weit über klassische Innenarchitektur hinaus auf finanzielle Steuerung, vertragliche Koordination und technische Überwachung. Vom ersten Machbarkeitskonzept bis zur Übergabe auf See. „Kontrolle bedeutet nicht, Kreativität einzuschränken“, betont Gatto, „sondern sicherzustellen, dass das, was entworfen wurde, auch tatsächlich gebaut wird.“
Nirgends ist diese integrierte Methodik sichtbarer als in den Kooperationen des Studios mit führenden nordeuropäischen Werften, insbesondere mit Heesen Yachts und Van der Valk Shipyard aus den Niederlanden. Bei Heesen geht es um Semi-Custom-Yachten, bei denen hochoptimierte Schiffstechnik einen definierten technischen Rahmen vorgibt, innerhalb dessen Interieurs neu interpretiert und zu vollständig maßgeschneiderten Umgebungen weiterentwickelt werden müssen – ohne dass die strukturelle Integrität gefährdet wird. Dieses Wechselspiel aus technischem Zwang und kreativem Ausdruck stellt für Gatto das Kerngeschäft von modernem Interieurdesign dar.
Bei Van der Valk beginnt die Zusammenarbeit häufig deutlich früher. Exterieurdesign und Raumplanung werden simultan entwickelt, in einem vollständig synchronisierten Workflow, der traditionelle Trennlinien zwischen den Disziplinen aufhebt. Konstruktive Details und Ästhetik wachsen vom ersten Entwurfsstrich an gemeinsam. Ein spannendes Beispiel dieses Ansatzes ist „Shine“, ein 40 Meter langer Einzelbau, der derzeit in Van-der-Valk-Hallen als Dialog zwischen Struktur, Funktion und Layout realisiert wird.
Parallel dazu entstehen bei Heesen hochverfeinerte Projekte: Eine 50-Meter-Yacht kurz vor der Fertigstellung demonstriert, wie eine Semi-Custom-Plattform in ein vollständig personalisiertes räumliches Erlebnis verwandelt werden kann, ohne technische Effizienz einzubüßen. Noch weiter geht Project Setteesettanta, ein 57 Meter langer Einzelbau, bei dem Cristiano Gatto Design gleichzeitig als Interieurdesigner und Eignervertreter agiert. Diese Doppelrolle soll die Kontinuität der gestalterischen Vision über alle Bauphasen hinweg sichern und erlauben, den Entwurf organisch weiterzuentwickeln, anstatt ihn früh festzuschreiben. Die Yacht werde so selbst zum lebendigen Projekt.
Die Konzentration auf das 40- bis 60-Meter-Segment hat das Studio nahezu beiläufig zu einer Referenzadresse in der 50-Meter-Klasse gemacht – einem Segment, das ein besonders feines Gleichgewicht zwischen räumlichem Ehrgeiz, technischer Machbarkeit und operativer Effizienz verlangt und in dem nicht die Grandiosität der Ideen, sondern die Präzision ihrer Umsetzung über die Qualität entscheidet.
Neben den nordeuropäischen Kooperationen unterhält das Studio eine weitere aktive Präsenz im Semi-Custom-Markt durch die Zusammenarbeit mit Gulf Craft. Plattformen wie die Majesty 145 und Majesty 160 fordern eine Art von smartem Design, das innerhalb industrieller Rahmenbedingungen funktioniert und dennoch ein hohes Maß an Individualisierung erreicht. Diese Arbeiten unterstreichen die Anpassungsfähigkeit der Studiomethodik über maßgeschneiderte wie seriell gefertigte Projekte hinweg und festigen die Position des Studios in mehreren Marktsegmenten gleichzeitig.
Jenseits der Yachtwelt hat Cristiano Gatto Design sein Betätigungsfeld erheblich in Richtung Architektur ausgeweitet und wendet dabei dieselbe integrierte Logik auf großformatige Wohn- und Gewerbeprojekte an. Projekte wie das Restaurant Platnara in Belgrad veranschaulichen diesen Ansatz: Gastronomie, Atmosphäre und Materialkompositionen werden als einheitliches sensorisches System konzipiert, das sich durch Licht, Textur und räumlichen Rhythmus allmählich entfaltet. Das Hilton Hotel Belgrad entwickelt diese Sprache auf architektonischer Ebene weiter, mit menschlicher Bewegung, Wahrnehmung und Wohlbefinden als den zentralen Entwurfsparametern.
In allen Typologien bleibt Handwerkskunst ein strukturelles Fundament und kein dekoratives Element. Jedes Projekt bindet ein sorgfältig ausgewähltes Netzwerk spezialisierter Handwerker aus mehreren Ländern ein, tätig in hochspezifischen Materialbereichen wie Holzintarsien, Metalldetails, Textilentwicklung oder skulpturalen Oberflächenbehandlungen. Die breite Aufstellung soll ein Maß an Individualität ermöglichen, das industrielle Standardisierung niemals erreichen kann. Alte Techniken werden nicht als Nostalgie verstanden, sondern als zukunftsorientiertes Gestaltungsmittel, das Innovation durch Materialintelligenz und technisches Experiment erzeugt.
Trotz der Größe und internationalen Reichweite betreibt Cristiano Gatto sein Studio mit einem persönlichen Ethos: Im Mittelpunkt stehe stets die Beziehung zum Auftraggeber. Jedes Projekt beginnt mit einer ausgiebigen Phase des Dialogs und des Zuhörens, bevor auch nur ein formaler Gestaltungsprozess einsetzt. „Verstehen kommt immer vor dem Entwerfen“, betont Gatto in der Überzeugung, dass Architektur und Innenräume aus einer tiefen Betrachtung menschlicher Bedürfnisse, Wünsche und Verhaltensmuster entstehen. Und nicht aus einer von außen aufgezwungenen abstrakten Ästhetik.
Räume würden als Sequenzen von Erlebnissen konzipiert, geformt durch Übergänge in Licht, Material und Proportion – und zunehmend bereichert durch Duft, Akustik und taktile Variation. Und genau das spiegelt eine breitere Entwicklung im Luxusdesign wider, hin zu vollständig immersiven Umgebungen, die den Nutzer auf mehreren Wahrnehmungsebenen gleichzeitig ansprechen.
Traumyachten versammelt 18 klassische Yachten, ihre markanten Linien und die Geschichten hinter ihren Eignern. Der Bildband zeigt, wie Charakter, handwerkliche Details und eine klare Formensprache Yachten über Jahrzehnte prägen können. Die zahlreichen Fotografien geben zudem Anregungen für Leser, die sich für Yachtästhetik und maritime Stilikonen interessieren.
Yachtdesign richtet den Blick auf die Konstrukteure hinter berühmten Segelyachten und ihre Entwürfe. Anders als bei den Porträts einzelner Klassiker steht hier die gestalterische Arbeit selbst im Mittelpunkt: Linienführung, Materialwahl und die Ideen der Designer.
Braucht herausragendes Yacht-Design eine wiedererkennbare Handschrift oder sollte jeder Entwurf ausschließlich vom Eigner und seiner Nutzung geprägt sein? Schreiben Sie Ihre Meinung in die Kommentare.

Chefredakteur YACHT und BOOTE Exclusiv
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