Glosse„Späte Liebe“ – zum ersten Mal am Steg

Steffi von Wolff

 · 25.04.2026

Die Begrüßung fällt überaus herzlich aus, alle sind seit Tagen schon gespannt auf die Neuen. Wie die wohl so ticken?
Foto: Illustration von Till Lenecke
​Saisonstart, endlich! Anni und Sven, die unverhofft ein Motorboot geerbt haben, sind aufgeregt. Bisher stand ihre „Späte Liebe“ in der Winterlagerhalle. Nun liegt sie auf ihrem angestammten Platz im Hafen. Wer wohl die Nachbarn sind?

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​Theo, der Hafenmeister, steht vor der „Späten Liebe“ und schüttelt un­gläubig den Kopf. „Was machst du denn da?“, fragt er Sven. Der keucht, mit einer Hand oben an der Reling hängend und mit einem Bein in der Luft: „Ich komm nicht aufs Schiff! Das ist zu hoch.“ Theo kann es nicht glauben. „Ihr habt doch seitlich den Einstieg und ihr liegt an einem Fingersteg. Warum also steigst du nicht einfach mittig aufs Boot, statt hier Klimmzüge am Bug zu machen?“ Sven versteht offensichtlich nicht, was Theo meint. Ein Fingersteg, was soll das sein?

Theo, dem es jetzt aber mal langsam zu bunt wird, spart sich die Erklärung. Wortlos packt er Sven an den Beinen, drückt ihn am Rumpf entlang nach oben, bis er sich auf der Wieling mit beiden Knien abstützen kann. Von dort schafft er es alleine, über die Reling und an Bord der Linssen Classic Sturdy zu klettern.

„Wo ist denn deine Frau? Ach, da ist sie ja. Tach auch“, wird Anni, die eine Hafenkarre hinter sich herzieht, nun von Theo begrüßt. Sie strahlt ihn an: „Wir sind schon so aufgeregt, jetzt, wo das Boot auf dem Wasser ist!“

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„Im Wasser liegt“, verbessert Theo.

„Ah, okay. Wir haben die Wassersprache noch nicht so drauf“, sagt Anni fröhlich. „Das kommt mit der Zeit, da bin ich sicher. Und hier sind ja bestimmt auch alle nett und hilfsbereit. Wenn ich …“

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Die ersten Stegnachbarn

„Hellouuuuu!“, schallt es da prompt vom Ende des Stegs. Eine blondgelockte Frau kommt, nein, tänzelt heran. „Uuuuuuh, ihr seid die Neuen, nicht wahr? So nice. Ich hab zu Schnupsi schon gesagt, Schnupsi, hab ich gesagt, die kommen aus Berlin und er soll a dentist sein. Das ist doch wonderful, falls jemandem mal ein Zahn rausfällt, dann ist der nette dentist da und any­thing will be fine.“

„Ich wollte eigentlich nicht in meiner Freizeit …“, beginnt Sven, hat aber keine Chance. „Kommt doch nachher for a drink to us auf unser Boot. Uns gehört die ‚Windhexe‘ da vorne, seht ihr, da vorne, das Motorboot.“ Anni will gerade einwerfen, dass hier doch überall Motorboote liegen, doch die Stegnachbarin winkt ab: „I will show you. Ruft einfach nach mir, okay?“

„Ja, gern, und wie heißt du?“ Anni streckt ihr die Hand hin. „Ich bin Anni.“ – „Das weiß ich doch until weeks“, jubelt die Blonde. „Ich bin die Wochenändi – wegen Wochenende! Anni sieht sie verständnislos an. „Sie heißt eigentlich Andrea“, werden Anni und Sven von Theo aufgeklärt. „Und sie war letztens für ein Wochenende in London und kommt jetzt mit der deutschen Sprache nicht mehr so klar.“ – „Sure, es ist nicht immer einfach“, trällert die Wochenändi. „Also, zum Sundowner kommt ihr zu Schnupsi und mir auf die ‚Hexe‘. Bis da-hann!“ Sie hüpft davon.

Eine Schleife am Poller

Der Hafenmeister beruhigt die beiden Neulinge: „Keine Angst, hier sind nicht alle so. Nur einige.“ Er will noch etwas hinzufügen, doch sein Blick fällt auf den Poller. „Was ist das denn?“, poltert er los. Sven wird rot im Gesicht. „Ich sollte doch das Boot da dran festmachen, als Sie es hier an den Liegeplatz gefahren haben.“

Theo ringt nach Luft. „Aber doch nicht mit einer Schleife! So eine Festmacherleine gehört vernünftig belegt!“ Sven versteht wieder kein Wort, sodass der Hafenmeister selbst zur Tat schreitet. Dann watschelt er in seinem Blaumann davon.

Illustration von Till Lenecke für die boote-Glosse "Späte Liebe", Folge2, von Steffi von Wolff in boote 4/2026Foto: Illustration von Till Lenecke

„Wie lange willst du mich denn noch stehen lassen, nun komm doch mal!“, klagt Sven, und es ärgert ihn, dass Anni direkt zum Durchstieg an der Seite geht. Mühelos steigt sie dort über aufs Boot. „Hier“, sie drückt Sven zwei volle Tüten in die Hand. „Wir müssen die Karre leer räumen, dann Betten beziehen und so.“

„Hellouuuuu! Da seid ihr ja. Schnupsi, have a look to Anni and Sven, das sind unsere neuen Stegnachbarn.“ Schnupsi winkt ihnen zu. Er ist ein zwei Meter großer Mann und trägt ein T-Shirt, auf dem „Bevor du fragst: Nein!“ steht. Die Wochenändi schiebt ihre Gäste vor sich her. „Ich hab noch ein paar andere eingeladen, das wird eine nice Runde. Das sind Siegfried und Wanda, die haben einen umgebauten Kutter, und hier sind Bea und Stefan, neben denen liegen wir schon so long. Hihihi. Und das ist Lenni, the son.“

Handlungsbedarf!

Anni nickt lächelnd in die Runde. „Lenni kennen wir schon.“ Der fragt ernst: „Habt ihr das Unterwasserschiff gestrichen?“ Richtig, das hatte er ihnen im Winter gesagt. „Äh, nein“, muss Anni zugeben. „Habt ihr an den Rost gedacht?“, fragt Lenni weiter. „Äh, nein.“

Der Zehnjährige lässt nicht locker: „Wenn ein Boot rostet, handelt es sich um einen fortschreitenden Korrosionsprozess, der die strukturelle Integrität des Schiffes gefährdet und im schlimmsten Fall zum Sinken führen kann. Rost, also Eisenoxid, entsteht, wenn Stahl oder Eisen mit Sauerstoff und Wasser, insbesondere Salzwasser, reagiert. Nun haben wir hier auf der Müritz zwar kein Salzwasser, aber wohl Wasser. Das heißt, es besteht grundsätzlicher Handlungsbedarf!“

Anni und Sven gucken Lenni an. Alle anderen gucken Anni und Sven an. Dann sagt Bea: „Wie schön, dass ihr da seid! Das wird sich alles regeln. Und jetzt trinken wir ein Glas Cola Rum und freuen uns auf die Saison.“

„Genau“, sagt Stefan und schaut Sven an. „Und du bist Zahnarzt?“ Sven nickt. „Ich …“ Die Wochenändi juchzt. „Ich hab mir überlegt, dass du hier Zahnreinigungen machen kannst, right? Dann hat man das erledigt.“

Sven guckt sie mit großen Augen an: „Also ich …“ Weiter kommt er nicht, Siegfried fällt ihm ins Wort: „Bei mir müsste ein Backenzahn überkront werden. Kannst du mir da Prozente geben? Man hilft sich ja in der Gemeinschaft. Ich könnte dafür nach eurem Motor gucken.“

„Ach, ist das schön!“, jubelt seine Frau Wanda. „Eine Hand wäscht die andere.“ Sie hebt ihr Glas. „Auf unser Wohl! Und willkommen in unserem schönen Hafen!“ Und die Wochenändi jubelt: „Next weekend ist ein Hafenfest, zur Saisoneröffnung, da lernt ihr alle so richtig kennen!“ In Svens Ohren klingt das wie eine Drohung. „Auf Hedy“, sagt nun auch Siegfried.

Hedy, das war die Tante, von der Anni die „Späte Liebe“ geerbt hat. „Wollen wir hoffen, dass sie nicht mit allem recht hatte!“, fährt Siegfried fort. „Was meinst du?“, fragt Sven konsterniert. „Na ja, sie hat immer gesagt, der Mann von der Anni, das ist ein richtiges Weichei. Der ist nur am Jammern und ist sogar mal vor einer Kröte weggelaufen“, erklärt Siegfried. Sven sagt böse: „Es war ein Frosch!“

Plötzlich knackt es in den Lautsprechern auf den Stegen. „Achtung“, hört man Theos Stimme im ganzen Hafen. „Ab morgen gibt’s auf der ‚Späten Liebe‘ testweise einen zahnmedizinischen Notdienst. Wegen der vielen Anfragen.“ Wanda strahlt Sven an: „So was geht hier rum wie ein Lauffeuer. Kaum denkt man etwas, wissen es alle.“

Sven denkt zum ersten Mal darüber nach, ob er nicht doch lieber ein Weichei sein soll, das direkt nach Hause fährt.

Fortsetzung folgt


Über die Autorin: Steffi von Wolff

Steffi von WolffSteffi von Wolff

​Die Journalistin und Buchautorin lebt und arbeitet in Hamburg. Im Sommer verbringt sie die Wochenenden am liebsten auf der Ostsee.

​„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, dichtete einst Hermann Hesse. Manchmal kommt solch ein Anfang unverhofft. Wie in Steffi von Wolffs Erzählung über ein Ehepaar, die hier startet und die sie von nun an in den kommenden Ausgaben fortsetzt. Es ist eine fiktive Geschichte, geschrieben in Steffi von Wolffs typischem Glossen-Stil, wie man ihn aus ihren Büchern „Bordgeflüster“ und „Hafen­kino“ kennt. Und doch: Trotz mancher Zuspitzung oder gar haarsträubend anmutender Anekdote erzählt sie von Begebenheiten, die vielleicht nicht exakt so, aber doch in sehr ähnlicher Weise auch vom Leben geschrieben werden könnten. „Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen“, fährt Hesse in seinem berühmten Gedicht fort. Für von Wolffs Protagonistin Anni und ihren Mann Sven geht es genau darum. Ihr neues Reise­gefährt ist – wie könnte es anders sein – ein Motorboot.


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