Den Lebensweg von Joe Carstairs in ein paar Absätze herunterzubrechen, ohne eine interessante Anekdote wegzulassen, ist eigentlich unmöglich. Schließlich brach die Millionenerbin und Rennbootpilotin etliche Rekorde in den 1920er-Jahren und war zugleich eine der ersten, offen queeren Stilikonen ihrer Zeit. Heute am Weltfrauentag wollen wir ihre Geschichte noch einmal aufleben lassen.
Joe Carstairs wurde am 1. Februar 1900 in Mayfair, London, unter dem Namen Marion Barbara Carstairs geboren. Als Enkelin von Jabez Bostwick, einem Mitbegründer der Standard Oil Company, war sie Erbin eines immensen Vermögens. Ihre Kindheit war privilegiert, aber instabil. Ihr rechtlicher Vater, Albert Carstairs, verschwand kurz nach ihrer Geburt aus ihrem Leben. Ihre Mutter Evelyn kämpfte mit einer Alkohol- und Heroinabhängigkeit. Schon früh lehnte sie ihre weibliche Identität ab: „Ich kam schon queer aus dem Mutterleib“, sagte sie später und nahm den Namen „Joe“ an.
Ihr technisches Know-how entwickelte sie schon früh - unter anderem bei ihrem Einsatz im Ersten Weltkrieg. Mit nur 16 Jahren fuhr sie Krankentransporte für den amerikanischen Ableger des Roten Kreuzes entlang der französischen Frontlinie. Unmittelbar danach diente sie noch eine Zeit lang für die “Women’s Legion Mechanical Transport Section” in Dublin und Nordfrankreich.
Als ihre Mutter 1921 schließlich verstarb, erhielt Joe Carstairs ein gewaltiges Erbe aus dem Standard-Oil-Vermögen ihrer Großeltern. Mit einem Jahreseinkommen von damals rund 145.000 US-Dollar war sie fortan nicht mehr darauf angewiesen, einer Arbeit nachzugehen. Berichten zufolge sagte Carstairs einst über sich selbst, dass sie als Kind nichts bewundert habe – außer Boote. Dank ihres Reichtums konnte sie dieser Leidenschaft fortan kompromisslos nachgehen. Ihr Geld investierte sie konsequent in den Rennsport und ließ bei Sammy Saunders in Cowes mehrere Boote bauen, die sogenannte Estelle-Serie. Später eröffnete sie mit der Sylvia Yard sogar ihre eigene Werft.
Aus technischer Perspektive war sie eine wahre Pionierin: Sie war die erste Frau, die Leistungsstarke Flugzeugmotoren in Rennboote einbauten. Ihr Boot “Estelle IV” wurde von zwei Napier-Lion-Motoren angetrieben. Diese 12-Zylinder-Motoren waren damals bekannt für ihre hohe Leistung und ihr verhältnismäßig geringes Gewicht. Diese Umfunktionierung von Flugzeugtechnik für den Einsatz auf dem Wasser war zu jener Zeit eine immense technische Herausforderung.
Und auch die sportlichen Erfolge ließen nicht lange auf sich warten: 1926 gewann sie die “Duke of York’s Trophy” und stellte 1927 einen neuen Geschwindigkeitsweltrekord auf dem Wasser auf. Trotz mehrfacher Versuche gelang es ihr wiederum nie, die “Harmsworth Trophy”, zu ergattern. Neben ihren eigenen Rennen unterstützte sie auch Malcolm Campbell mit 10.000 Pfund für seinen Rekordwagen “Blue Bird”. Dieser bezeichnete sie daraufhin ehrfürchtig als “den größten Sportsmann, den er kenne”.
Nicht nur auf dem Wasser machte Carstairs von sich reden, sondern auch mit ihrem Privatleben. So lebte sie ihre Homosexualität offen aus, was zu jener Zeit ungewöhnlich war. Sie sammelte über 120 Porträts ihrer Geliebten, darunter Hollywood-Größen wie Marlene Dietrich oder Greta Garbo. Außerdem kleidete sie sich bewusst maskulin und verhielt sich entgegen dem zu der Zeit vorherrschenden Frauenbild. So ist sie auf mehreren Bildern mit einer Zigarette im Mund, kurzen Haaren und ölverschmierten Anzügen vor ihren Booten zu sehen.
1934 kaufte sie für 40.000 Dollar die Bahamas-Insel Whale Cay. Dort errichtete sie einen Großteil der Infrastruktur - inklusive eines Leuchtturms und einer Schule. Gleichzeitig verbot sie Alkohol und bestrafte Ehebruch. Während des Zweiten Weltkriegs unternahm sie von dort aus Bergungsaktionen zur Rettung Schiffbrüchiger.
1975 verkaufte Carstairs die Insel und zog nach Miami, Florida. Sie starb 1993 im Alter von 93 Jahren. Ihr Leben dokumentierte sie akribisch in Tagebüchern und Fotoalben, die erst Jahrzehnte später einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich wurden. Was bleibt, ist eine Frau, die als Rennbootpionierin technische Grenzen verschob, während sie gleichzeitig als queere Stilikone gesellschaftliche Normen sprengte.

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