NachrufDer Motor-Mann der ersten Stunde

Marianne Nissen

 · 13.01.2026

Nachruf: Der Motor-Mann der ersten Stunde
Foto: BOOTE
​​Rainer Bergmann war von 1980 bis 2000 Chefredakteur von BOOTE. Kurz vor Weihnachten ist er im Alter von 88 Jahren gestorben.

Rainer Bergmann schrieb, recherchierte, redigierte, konzipierte Geschichten und gab sie in Auftrag, plante Ausgaben und ihre Seiten – alles, was ein Chefredakteur so macht. Und er interviewte gefühlt alle Werftchefs dieser Welt, in Europa, den USA und Asien.

Die Geburt eines Motorboot-Magazins

Doch am schönsten war es für ihn, wenn das „Öl aus den Heftseiten tropfte“. Bergmann war ein Mann der Technik. Er sorgte Anfang der 80er dafür, dass BOOTE vom „Magazin für Freizeitkapitäne“, in dem alles vorkam, was schwimmen konnte, vom Bananaboot bis zum Schnorchel, zur hundertprozentigen Motorboot-Zeitschrift wurde. Der Markt rief danach, immer mehr Motorboote wurden gekauft, Werften bauten Serien, deutsche Händler importierten.

Voller Erfolg

Doch Motorboote waren im Delius Klasing Verlag mit einem gewissen Schmuddel-Image versehen, sie waren laut, prollig und eben „ölig“. Der Verlag mit seinem segelnden Flaggschiff „Yacht“ zögerte mit einer Neuausrichtung und war sowieso der Ansicht, dass Motorboote in Zukunft verboten werden würden. Der Umbau von BOOTE vom maritimen Gemischtwarenladen zur fachlich kompetenten Motorboot-Zeitschrift mit hohem Nutzwert wurde von Bergmann mehr oder weniger „heimlich“ vollzogen. Und war ein voller Erfolg. BOOTE war bald die größte Motorboot-Zeitschrift Europas mit einer Druckauflage von bis zu 60 000 Exemplaren.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

Rainer Bergmann setzte Standards

Bergmann ging es sofort darum, Standards zu setzen. Sie waren damals Neuland und erscheinen heute selbstverständlich. Für Motorboottests entwickelte er mit seinem Team aus Fachleuten – vor allem Erich Bogadke, Willi Pickel und Manfred Welkamer – feste Parameter, die bei jedem Test auf dem Wasser abgehakt werden mussten: Fahrverhalten, Ausstattung, Lautstärke, Verbrauch. Möglich wurden so auch Vergleichstests. Die Bootsdaten, Messergebnisse und das endgültige Testurteil nehmen heute bei einem Acht-Meter-Daycruiser eine ganze Seite ein. Natürlich gab es Ärger mit Händlern und Werften. Doch viele klopften auch an, um einen Bootstyp von BOOTE testen zu lassen. Etliche korrigierten auch von BOOTE festgestellte Minuspunkte zum Besseren.

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Kein Aufwand zu hoch

Bergmann ließ auch erstmalig Außenborder diverser Größen, Trailer für verschiedene Lasten, Zubehör jeglicher Art datenbasiert fachlich unter die Lupe nehmen. Die Protokolle wurden zehn Jahre lang aufbewahrt. Es handelte sich um aufwendige Tests, die häufig tagelang in Travemünde durchgeführt wurden, aber auch in den Alpen, wenn Zugfahrzeuge mit Hänger und Boot auf vorher ausgesuchte Steigungen hoch gejagt wurden. Alles Neuland.

​​Kostspielige Tests

Die Kosten für Bergmans Testprogramme mit eigens angeschafften Messgeräten waren erheblich, konnten aber mit der wachsenden Auflage von BOOTE und sehr guten Anzeigenverkäufen gerechtfertigt werden. Gespart wurde an nichts. Die Anschaffung eines Redaktionsbootes verlief dagegen zäher, aber Bergmann konnte den Verlag überzeugen, dass es ohne nicht ging. Es wurde 1984 eine bescheidene Rio 580 Cabin angeschafft, die 1994 von einer Nidelv 26 Classic abgelöst wurde, – sie war vor allem das Törn-Boot der Reiseredaktion und ständig unterwegs.

“Do it Yourself” als Erfolgsrezept

Ein anderes Projekt, das Bergmann anschob, war „Die Werkstatt“: Anleitungen für Bootseigner, die ihr Boot verschönern, renovieren oder technisch aufrüsten wollten. Ein Thema, das heute kaum eine Bedeutung mehr hat. In dieser „Do it yourself“-Serie renovierte er auch sein eigenes Traumboot, eine Chris-Craft 32 Seaskiff, die nach allen Regeln der Kunst flott gemacht wurde, beispielhaft dokumentiert für die Leser von BOOTE. Nach einer Kollision ging sie in der Elbmündung unter, Bergmann erlebte, wie man als Bootseigner an seine Grenzen stoßen kann.

Boom des Motorboots

Rainer Bergmann wird in Erinnerung bleiben als ein unternehmungslustiger, neugieriger Mensch, der mit viel Humor durchs Leben ging und der ein ausgewiesener Genussmensch war. Auch, wie man eine Halterung für ein kaltes Getränk im Cockpit einbaut, war Thema in der „Werkstatt“. Und er war derjenige, der den Boom des Motorboots, der bis heute anhält, vorhersagte und gegen manchen Widerstand im Redaktionsprogramm von BOOTE durchsetzte. Das ist jetzt schon eine Weile her. Doch er war der Mann der ersten Stunde.

Marianne Nissen arbeitete neben Rainer Bergmann als Co-Chefredakteurin und verantwortete die Themen Reise, Reportage und News. „Wenn es um BOOTE ging, zogen wir immer am gleichen Strang, egal, was uns sonst unterschied“, erinnert sie sich. Der Erfolg gab ihnen recht.

Meistgelesen in dieser Rubrik