“Späte Liebe”Unverhofft kommt oft!

Boote Redaktion

 · 07.02.2026

“Späte Liebe”: Unverhofft kommt oft!Foto: Illustration Till Lenecke
MOha! Ein Boot! Was sollen wir bloß damit? Das fragt sich ein Berliner Ehepaar und ahnt nicht, dass gerade ein großes Abenteuer für sie beginnt.
​Es gibt diese Momente im Leben, die alles verändern – meist wenn man nicht damit rechnet. Bei Anni und Sven aus Berlin kommt er in Form eines amtlichen Schreibens. Kein Lottogewinn, aber so etwas Ähnliches. Ein Erbe. Allerdings kein Geld. Auch kein Haus oder Hund. Sondern etwas viel Besseres. Oder?

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, dichtete einst Hermann Hesse. Manchmal kommt solch ein Anfang unverhofft. Wie in Steffi von Wolffs Erzählung über ein Ehepaar, die hier startet und die sie von nun an regelmäßig fortsetzt.

Es ist eine fiktive Geschichte, geschrieben in Steffi von Wolffs typischem Glossen-Stil, wie man ihn aus ihren Büchern „Bordgeflüster“ und „Hafenkino“ kennt. Und doch: Trotz mancher Zuspitzung oder gar haarsträubend anmutender Anekdote erzählt sie von Begebenheiten, die vielleicht nicht exakt so, aber doch in sehr ähnlicher Weise auch vom Leben geschrieben werden könnten.

„Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen“, fährt Hesse in seinem berühmten Gedicht fort. Für von Wolffs Protagonistin Anni und ihren Mann Sven geht es genau darum. Ihr neues Reisegefährt ist – wie könnte es anders sein – ein Motorboot.

von Steffi von Wolff

Das Testament

Das Leben von Anni und Sven ist schön, wirklich. Sie haben eine hübsche Altbauwohnung in Berlin, drei tolle Kinder und zwei Enkelkinder. Beide sind mit 51 und 57 Jahren in jenem Alter angekommen, in dem man als „Best Ager“ gilt. Sie sind gut situiert und bescheren dem Einzelhandel gute Umsätze. Also alles bestens, sollte man meinen. Natürlich gibt es auch Streit, Langeweile und Gewohnheit, aber das ist ja wohl überall so.

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Doch nun liegt dieser amtliche Brief im Flur. Absender ist das Nachlassgericht. Das bedeutet wohl ein Erbe. Nur, von wem? „Frau Hedwig Katharina Schubert hat Frau Anneke Gerthsen …“, liest Anni vor, als sie den Umschlag geöffnet und das Schreiben hervorgeholt hat. „Das ist von Großtante Hedy. Die ist doch neulich gestorben.“

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Sie überfliegt die weiteren Zeilen und runzelt die Stirn: „Eine Linssen Classic Sturdy – was ist das? Eine Katze?“ Auch Sven zuckt mit den Schultern. „Hab ich noch nie gehört.“ „Vielleicht“, sagt Anni, „ist das auch eine Hunderasse. Tante Hedy hatte früher immer Hunde.“ Kaum hat sie es ausgesprochen, weiß sie, was jetzt kommt. „Ein Albtraum!“, stöhnt Sven. „Du kennst doch meine Allergien. Gegen Hunde, Pferde, Hühner und Feldmäuse.“ Ja, Sven und die Allergien sind ein weitreichendes Thema. Manchmal hat Anni das Gefühl, es wird schlimmer, je älter er wird.

„Wir googeln das jetzt“, schlägt sie vor – eine vernünftige Idee. Kurz darauf wissen sie, dass sie ein Motorboot geerbt haben. Mit einem hübschen dicken Seil an den Seiten.

„Ich wusste gar nicht, dass deine Tante Hedy Boot gefahren ist“, wundert sich Sven. „Ich auch nicht“, sagt Anni, „ich weiß nur, dass sie mal jemanden kannte, eine späte Liebe, und der hatte ein Schiff. Vielleicht hat er ihr das vermacht.“ Der Kontakt zu Tante Hedy war immer nur sporadisch gewesen. Wie das eben so ist: Man ist beschäftigt und schafft es zeitweise nicht einmal, sich einen entzündeten Blinddarm entfernen oder die Reifen wechseln zu lassen.

„Ich rufe jetzt mal beim Nachlassgericht an.“ – „Und ich fahre in die Praxis.“ Sven ist Zahnarzt. „Ein Boot. Da ist überall Wasser. Und da sind bestimmt Fische. Furchtbar!“, hört Anni ihn beim Hinausgehen leise vor sich hin murmeln.

Zwei Wochen später. Der Notar lächelt gütig und hat die Hände gefaltet wie ein Pfarrer. „Na dann, Frau Gerthsen, Herr Dr. Gerthsen, erst einmal mein Beileid – und Glückwunsch zu diesem schönen Erbe! Ihre selige Tante hat verfügt, dass das Boot nicht verkauft werden soll.“

„Warum nicht?“, will Sven alarmiert wissen. Er sieht sich schon seekrank auf einem Schiff sitzen, das er nie wollte. „Das können wir sie leider nicht mehr fragen“, sagt der Notar fromm. „Aber hier ist noch ein persönliches Schreiben für Sie, Frau Gerthsen. Der Rest des Erbes wurde gemeinnützig verteilt. An Tierheime, an einen Gartenzwerghersteller. Große Besitztümer hatte Ihre Großtante nicht – ihr war nur wichtig, dass Sie das Boot bekommen.“

„Danke“, sagt Anni und nimmt den Brief an sich. Danach erledigen sie die Formalitäten und verabschieden sich. Sven niest, als sie zum Auto gehen. „Der Notar hatte ein sehr irritierendes Aftershave. Du weißt ja, meine Nase ist sehr empfindlich …“ Anni hört gar nicht hin. Sie denkt nach. Ein Boot. Es liegt an der Müritz und trägt den Namen „Späte Liebe“. Das hat bestimmt etwas mit diesem Mann von Tante Hedy zu tun, der späten Liebe. Wie romantisch!

Nachdem sie Sven an seiner Praxis abgesetzt hat, fährt sie nach Hause, lässt sich ein Bad ein und liest dann den Brief ihrer Tante. Die schreibt liebevoll, wünscht ihr nur das Beste und bittet sie inständig, gut zur „Späten Liebe“ zu sein. Mit Hektor, ihrem letzten Lebensgefährten, habe sie darauf wunderschöne Stunden, Tage und Wochen verbracht. Nachdem er verstorben war, hatte das Boot nur noch in der Halle gelegen. Hedy wollte nicht alleine damit unterwegs sein. Und nun ist es also Annis Schiff.

„Auf einem Boot ist das Leben anders“, liest Anni. „Alles ist entschleunigt. Ein Glas Wein beim Sonnenuntergang ist mit nichts zu vergleichen, und man lernt sich richtig kennen, wenn man unterwegs ist. Das sollst du auch tun, Kind! Genieße deine freie Zeit auf der ‚Späten Liebe‘.“ Ist das rührend!

„Bitte verkaufe sie nicht“, schreibt Tante Hedy zum Schluss. „Sie soll dich begleiten. Dein Boot sein. Lass dir von Sven nichts anderes einreden. Ich kannte ihn nicht besonders gut, aber: ein Mann, der Angst vor Silberfischen hat …“ Anni schmunzelt. Nun, da hat sie nicht unrecht. Aber Sven ist nun mal Sven. Und er hat auch seine guten und sehr guten Seiten. Niemand ist perfekt. Sie ja auch nicht. Sie lässt den Brief auf die Badfliesen sinken und versinkt selbst im Wasser. Ein Boot. Merkwürdig. Andererseits: Warum nicht?

Große Besitztümer hatte die Großtante nicht. Ihr war nur wichtig, dass Anni das Boot bekommt. Warum bloß?

Später arbeitet sie noch ein wenig – sie ist Steuerberaterin im Homeoffice –, und abends verkündet sie Sven, dass sie am Wochenende an die Müritz fahren, um das Boot anzusehen. „Es ist Februar und sehr kalt“, beginnt Sven, aber Anni setzt sich durch. Es gibt schließlich Jacken.

Ein Mann mit einer Baskenmütze auf dem Kopf nickt ihnen zu. Anni hatte bei der Werft angerufen und ihr Kommen angekündigt. Die Fahrt ab Wilmersdorf dauert gerade mal zwei Stunden. „Ich bin Theo. Bin hier der Hafenmeister. Ich zeig euch die ‚Späte Liebe‘“, sagt er und winkt sie in eine zugige Halle. „Feines Mädchen, die Gute.“

„Ja, meine Tante war ein unglaublich lieber Mensch“, erwidert Anni freundlich. „Nee“, meint Theo, „ich mein das Boot. Da isse.“ Er deutet nach oben. Aufgebockt steht dort ein Schiff. „Da ist ’ne Leiter. Könnt ihr hoch. Hier ist der Schlüssel.“

„Kann man das Ding nicht einfach ins Wasser schieben?“, wirft Sven ein. „Dann müssten wir nicht klettern.“ Theo schaut ihn an, als wäre er gefragt worden, ob er auf eine Niere verzichten könne. „Ich muss dann mal weiter. Könnt ja später noch ins Büro kommen.“

„Komm jetzt“, sagt Anni und klettert die Leiter hinauf. Wackelig, aber es geht. Sven folgt ihr stöhnend, doch sie ignoriert das. Oben angekommen strauchelt er, fällt ins Boot – und die Leiter kippt zu Boden. Natürlich! Anni sieht sich um, schließt dann das Luk über dem Niedergang auf und steigt ein paar Stufen hinab ins Innere. Alles riecht nach Tante Hedy: ein Hauch Rose. Es ist schön hier. Ein großer Tisch, eine kleine Küche, Schlafräume, ein Bad. Wie eine etwas größere Puppenstube. Dazu dunkelgrüne Samtpolster und viel Holz. Heimelig.

Anni und Sven klettern auf die “Späte Liebe”, die nun ihnen gehört. Sven stellt sich dabei nicht ganz so geschickt an wie seine Frau.Foto: Illustration Till LeneckeAnni und Sven klettern auf die “Späte Liebe”, die nun ihnen gehört. Sven stellt sich dabei nicht ganz so geschickt an wie seine Frau.

„Wie findest du es?“, fragt sie verzückt. „Also, ich weiß nicht.“ Sven zuckt mit den Schultern. „Das ist doch ziemlich eng hier.“ - „Es ist doch nicht eng. Im Gegenteil, alles da auf so wenig Raum. Es gibt sogar einen Ofen.“ Im Geiste sieht Anni sich schon Brot backen. Sie ist schockverliebt in die „Späte Liebe“. Im Sommer ist es sicher herrlich, damit unterwegs zu sein. Auf den Flüssen, auf dem Meer. Sonnenuntergänge mit einem Glas Crémant in der Hand genießen, gute Gespräche führen, es sich einfach gut gehen lassen.

Sie ist Bootsbesitzerin. Wer hätte das gedacht! Auch wenn sie gerade auf ihrem Boot festsitzt, weil ja die Leiter auf dem Hallenboden liegt. „Ich rufe Theo an“, sagt sie. „Ach nein, mein Handy liegt im Auto.“ Svens auch. „Und jetzt?“, fragt er theatralisch. „Jetzt stehen wir auf unserem tollen Erbe und kommen nicht mehr runter.“

Da ruft jemand von unten: „Bist du die Frau, die von der Hedy das Schiff geerbt hat?“ Ein etwa zehnjähriger Junge steht unten, über und über mit Farbe beschmiert. „Hallo“, antwortet Anni, „ja, das bin ich.“

„Cool“, sagt er. „Die Hedy war super. Und das Boot auch. Obwohl ich mal reingekotzt hab. Ihr habt die Leiter umgeschmissen.“ Er stellt sie wieder ans Boot. Sven klettert langsam wie eine Schnecke nach unten, Anni folgt ihm beschwingt. „Ja, wir sind die Neuen sozusagen. Und wer bist du?“

Anni ist schockverliebt in die „Späte Liebe“. Im Sommer ist es sicher herrlich, damit Flüsse und Seen zu befahren. Oder sogar das Meer!

„Lenni. Ihr müsst das Unterwasserschiff streichen!“ - „Oh, du kennst dich aus?“, will Anni wissen. „Klaro!“ Lenni holt Luft. „Das Boot hier ist aus ’ner Motoryacht-Serie mit verschiedenen Modellen, also 32, 36, 40, 42. Robuste Bauweise. Dieselmotor. Meistens Volvo Penta, so wie die ‚Späte Liebe‘ hier auch. Tiefgang ungefähr ein Meter. Einige mit Bugstrahlruder, dazu Heizung, manchmal auch ein Generator. Und Mahagoni-Ausbau, verstehste.“

Anni und Sven verstehen nicht. Sie schauen sich ratlos an. Doch Lenni ist nicht zu bremsen. „Der Rumpf ist aus Stahl, Knickspant. Verdrängt so um die 17 Tonnen. Ich kann euch noch mehr erzählen.“ Anni, die kein Wort verstanden hat, sagt nur: „Ah, interessant. Danke, das reicht fürs Erste.“ Lenni nickt. „Okay, ich muss dann auch mal wieder.“ Sagt’s und verschwindet irgendwo zwischen all den anderen Rümpfen.

Sven verfällt erneut ins Meckern: „Unmöglich, das alles. Nix für mich. Und zugig ist das hier!“ Weiter vor sich hin fluchend stapft er zurück zum Auto.

Aber für mich ist das vielleicht was, denkt Anni. Man wird sehen. Der erste Schritt ist gemacht. Sie hat ein merkwürdiges Gefühl im Bauch. Als würde sich ab jetzt vieles in ihrem Leben ändern. Das Gefühl ist schön. Sie mag es. Und sie mag die „Späte Liebe“. Danke, Tante Hedy!

Fortsetzung folgt

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