Jill Grigoleit
· 19.09.2026
Die Geschichte beginnt 1995 auf einem Racquetball-Platz in den USA. John Baur und Mark Summers spielten gegeneinander, als einer von ihnen nach einer Blessur ein lang gezogenes „Arrr“ ausstieß. Die beiden machten aus dem Ausruf ein Spiel: Gute Schläge wurden zu Kanonaden, aus dem Gegner ein „mate“.
Baur und Summers beschlossen: Einmal im Jahr solle jeder Mensch Piratensprache sprechen dürfen - oder müssen, wenn der Käpt’n es befiehlt. Die beiden tauften sich Ol’ Chumbucket und Cap’n Slappy. So zumindest die “Legende” zum Ursprung des “Sprich-wie-ein-Pirat-Tag”. Die Wahl fiel auf den 19.9, den Geburtstag von Summers’ damaliger Ex-Frau. Keine weitere Erkärung - einfach leicht zu merken, dachten die beiden. Und damit blieb der Tag im Kalender kleben wie Teer an der Ankerkette.
Zunächst blieb der “Feiertag” eine kleine Privatangelegenheit. Baur und Summers riefen einander an, brüllten „Arrr!“ in den Hörer und legten wieder auf. Erst 2002 schickten sie die Idee an den US-Humorkolumnisten Dave Barry. Der wiederum widmete dem Tag am 14. September 2002 eine Kolumne in der Washington Post und erklärte kurzerhand seine Unterstützung: “talking like a pirate will infuse your everyday conversations with romance and danger.” (”Wie ein Pirat zu sprechen, wird ihre Alltagskommunikation mit Romantik und Gefahr bereichern.”). Seither wird der International Talk Like a Pirate Day jedes Jahr am 19. September gefeiert. Das Internet tat den Rest. Kostüme, Büropartys, Funksprüche und zahllose „Ahoi, ihr Hunde“ machten aus dem Witz einen wiederkehrenden maritimen Popkulturtermin. Apropos Witz: zum Piratentag gehören nicht nur Augenklappe und Papagei, sondern auch Witze, die meist auf möglichst krummen Seemannsklischees beruhen. Ein Beispiel gefällig?: “Was macht ein Pirat im Büro? - Er drückt die Entertaste.” Oder: “Warum weinen Piraten nicht? - Sie heulen Rum.”
„Walk the plank“, „Shiver me timbers“ und natürlich „Arrr“ klingen nach Freibeutern, sind aber kein historisch einheitlicher Piratendialekt. Die Seeräuber des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts kamen aus unterschiedlichen Ländern und sozialen Milieus. Sie dürften deshalb so verschieden gesprochen haben wie die Handelsschiffer und Seeleute ihrer Zeit.
Das Bild vom knurrenden Piraten mit West-Country-Akzent verdankt seine Bekanntheit vor allem Robert Newton. Der Schauspieler aus Dorset spielte Long John Silver in Disneys Verfilmung von Robert Louis Stevensons „Die Schatzinsel“ von 1950. Seine Sprache wurde zur Vorlage für unzählige spätere Piratenrollen. Die Literaturwissenschaftlerin Stephanie Jones von der University of Southampton erklärt, das stereotype „Arrr“ wecke bis heute die Assoziation eines westenglischen Akzents. Stevensons Roman und seine zahlreichen Adaptionen prägten die Piratenbilder der Popkultur entscheidend.
Auch die berühmte Zeile „Fünfzehn Mann auf des toten Manns Kiste, jo-ho-ho und ’ne Buddel voll Rum“ führt in diese Welt aus Literatur, Bühne und Film. Was Rum an Bord historisch tatsächlich bedeutete, erzählt BOOTE im Beitrag zum Welt-Rum-Tag und den Seefahrermythen.
Im Hafen darf das Sprachspiel gern Teil des Tages sein. Ein „Ahoi“ beim Anlegen, ein Papagei auf der Schulter oder ein Piratenwitz schaden niemandem. Beim Auslaufen, im Manöver und erst recht in einer Notlage haben jedoch kurze, eindeutige Ansagen Vorrang.
Auch die Piratenflagge, der Jolly Roger, gehört in die Kategorie Dekoration. Wer sie im Hafen setzt, sollte die Nationalflagge und jede wichtige Signalisierung klar erkennbar lassen. Die Flagge ersetzt keine vorgeschriebene Kennzeichnung und darf auf See nicht mit amtlichen oder nautischen Signalen verwechselt werden. Welche Rolle National- und Yachtflaggen auf Sportbooten spielen, zeigt BOOTE im Überblick zu Yachtflaggen in Europa.
Der scherzhafte Blick auf Piraten sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Piraterie bis heute ein Sicherheitsthema ist. Für Törns in der Karibik hat BOOTE Zahlen, Risikogebiete und praktische Hinweise zur aktuellen Piraterie und zu Überfällen zusammengestellt.
Seefahrts-Mythen führt zu Geisterschiffen, segelnden Wracks und verschwundenen Mannschaften. Joslan F. Keller verbindet dabei historische Recherchen mit den Legenden, die sich um diese Geschichten ranken. Die 30 Erzählungen und Illustrationen bieten reichlich Stoff für maritimes Seemannsgarn.
Perlen des Pazifiks erzählt von Niccolò Banfís Reisen zu abgelegenen Inseln im Pazifik. Im Mittelpunkt stehen lange Etappen zwischen Stille und Sturm, Begegnungen an Land und die Faszination weiter See. Der Band erscheint am 24. September 2026 und kann bereits vorbestellt werden.
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Redakteurin Reise
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