Der Stern von Berlin ist das Saison-Highlight für Bootsfahrer auf der Havel und den angrenzenden Revieren. Hunderte Crews sind mittlerweile jedes Jahr dabei, wenn es gilt, Deutschlands größten Ankerkreis zu bilden. Am 4. Juli war es wieder so weit. Beobachtungen von einem Wochenende im Ausnahmezustand.
von BOOTE-Autor Maximilian Modler
Das hier ist die permanente Verwaltung des Chaos“, schmunzelt Klaus Fronmüller, 65, während er in neongelber Weste auf seinem flinken Schlauchboot über die Havel jagt, um mal eben mehrere Hundert Sportboote im Kreis zu ordnen. Der Vizepräsident des Motoryachtverband Berlin will heute den Rekord für den größten Ankerkreis für Sportboote in Deutschland toppen. Der wurde an gleicher Stelle erst im vorigen Jahr aufgestellt, mit 321 Booten in einem Ankerkreis von mehr als 250 Metern Durchmesser.
„Da war das Wetter allerdings besser“, stellt Fronmüller mit nüchternem Blick auf den Nieselregen fest, der ringsum die Wasseroberfläche sprenkelt. Gestern gab es Wind und Regen, heute auch, sogar mit angekündigten Böen bis 6 Beaufort. „Das ist bei der Anreise und beim Ankern natürlich eine Herausforderung. Aber toll, dass dennoch so viele hier sind“, freut sich Fronmüller.
Der „Stern von Berlin“ findet am ersten Juli-Samstag auf der Havel statt, zwischen Pfaueninsel und Kälberwerder. Willkommen sind alle: Segler, Schlauchbootfahrer, Gleiter, Verdränger, Halbgleiter, Motorsegler, Hausbootfahrer, Eigner wie Charterer. Das Ankermanöver beginnt um 11 Uhr und soll um 16 Uhr vollendet sein. Vier gelbe Tonnen markieren den Umfang des geplanten Kreises, um 12.30 Uhr ist bereits mehr als die Hälfte vollendet. Musikfetzen schweben übers Wasser, die Stimmung ist ausgelassen.
In der Mitte der mit dem Bug nach Außen ankernden Boote, auf einem Floß, treibt die schwimmende Bar Hamakawula, zu der es so manchen Schwimmer, SUPler und Schlauchbootfahrer zieht. Dort gibt es Bier, Cocktails und noch mehr Musik. Eine fröhliche Meute ordert erst Caipi, dann den Pfefferminzschnaps Berliner Luft. Ein blonder Hüne im Bademantel bestellt Gin Tonic für sich und seine weibliche Begleitung im Leoparden-Bikini. Aus der massiven Barbox tönt Pocahontas von AnnenMayKantereit, lautstark wird mitgesungen.
Überhaupt, der Sound! Von wirklich überallschallt es übers Wasser. Links schmettert Dschingis Khan aus Bluetooth-Boxen, rechts wummert Techno. Auf Facebook wurde als Motto „Hawaii und Karibik“ ausgegeben, auf einem der Boote trinken drei Hula-Girls in knallbunten Fransenröcken Kaffee, einige Boote weiter tanzen fröhliche Seeleute, einer mit blauer Perücke. Eine schwimmende Bratwurstbude mit Grill fährt von Boot zu Boot, die Wurst im Brötchen für 4,50 Euro, routiniert über die Reling gereicht.
Die Vereinsjugend dreht ebenfalls ihre Runden, verteilt Muffins und Kuchen gegen Spende aus einem kleinen Motorboot. Menschen in Badekleidung flitzen zwischen den ankernden Booten umher, auf Wassergefährten verschiedenster Art und in unterschiedlichster Geschwindigkeit – sogar ein E-Foil schießt durch den Kreis.
Viele sitzen in ihren Cockpits und schauen dem bunten Treiben zu, kraxeln von Boot zu Boot, werden herzlich empfangen. Familien, Freunde und Fremde freuen sich am Miteinander. „Eine schwimmende Kleingartensiedlung“, nennt es einer liebevoll. Kinder jauchzen und johlen. Sie lassen sich den Spaß vom Wetter nicht nehmen. Der Himmel ist grau, dunkle Wolken rollen überm metallisch schimmernde Wasser. Am Ufer drängen sich die Grunewalder Bäume.
Fronmüller bleibt unverdrossen in Aktion. Wie ein freundlicher, wassergängiger Hütehund hält er die Teilnehmenden zusammen, hat hier ein ermunterndes, dort ein ordnendes Wort. Gemeinsam mit zehn anderen Freiwilligen vom Verband pest er kreuz und quer übers Wasser und dirigiert das Manöver. Auf Schlauchbooten und Jetskis fahren sie umher, weisen Plätze zu, geben Ankertiefen durch und blicken immer mal wieder prüfend zum Himmel. Wird das noch was mit der größten Ankeraktion Deutschlands? Aufgrund des schlechten Wetters kommen weitaus weniger Teilnehmer als angekündigt.
Dafür von weither: Der Preis für die längste Anreise geht an Tina und Andreas, die auf ihrer „Catootje“ eigens aus den Niederlanden hergekommen sind. „Vom Feeling her hab ich ein gutes Gefühl“, scherzt ein bärtiger Familienvater mit lässiger Schirmkäppi, der mit Kind, Kegel und modernem Hausboot mit bodentiefer Fensterfront angereist ist. Direkt neben ihm schwimmt ein weiteres Hausboot samt Familie. Die beiden möchten nebeneinander ankern, das hatte sich Fronmüller anders gewünscht. „Aber bei so einer Aktion muss man mit den Leuten arbeiten, nicht gegen sie“, sagt er. Also kein Problem.
Ronald und Joachim, ebenfalls vom Berliner Verein, fahren mit einer 25 Jahre alten, graublauen Wiking umher, mit Holzfußboden – „Schuhe aus!“ – und Windschutzscheibe – „Das haben sonst fast keine Schlauchboote mehr!“ Netterweise shutteln sie Menschen von A nach B, wie etwa den Reporter. „Das ist eine tolle Veranstaltung, hier können wir gemeinsam auf dem Wasser feiern“, sagt Ronald. „Nur das mit dem Wetter ist schade. Vor einer Woche hatten wir hier noch 20 Grad mehr!“ Da hatte Berlin Temperaturen um die 40 Grad Celsius. „Den Rekord werden wir so wohl nicht toppen.“
Was das Schöne am Hobby sei? „Die Natur und die Gemeinschaft“, antwortet Joachim sogleich. „Um Berlin gibt es mehr als 3.000 Seen – und du kannst von hier einfach bis zur Ostsee fahren.“ Das hat er zwar noch nicht getan, aber noch vor!
Sebastian liegt schon längst im Ankerkreis, er ist mit seiner kleinen Tochter und einem riesigen pinken Aufblas-Flamingo da, und ihm gefällt‘s richtig gut. „Das ist einfach eine andere Welt hier!“ Von nebenan erschallt der Wellerman-Shanty. „Mir gefällt es auch“, piepst die Kleine.
Ein paar Boote weiter hat es sich eine Freundesgruppe auf einer Fairline 33 mit Flybridge gemütlich gemacht. Sie waren schon richtig oft dabei, haben zahlreiche Wimpel gesammelt und präsentieren sie stolz. „Bootfahren ist toll. Und sehr gefährlich – für den Geldbeutel!“, sagt einer, „bis letztes Jahr hatte ich noch gar kein Boot, sondern war nur dabei. Und dann wollte ich auch eines!“ Ob sich der Kauf gelohnt habe? „Total. Es ist wunderbar. Die Natur, Wind, Wellen. Mich frei fühlen da draußen – und dann auch noch auf die Menschen im Hafen freuen. Man hilft sich ja gegenseitig, selbst wenn man sich nicht kennt, bei Sturm und Strömung und anderen Dingen!“ Das erzählen alle: Die Natur, die Menschen, die Freiheit. Scheint etwas dran zu sein.
Eine kurze Anreise hatte Daniel, eineinhalb Stunden, aus Tegel. Er habe auf Facebook von der Aktion gehört und dem karibischen Motto. Sein Boot, 6,40 Meter lang, hat er mit Gummipflanzen vollgestellt, von seiner Mutter ausgeliehen. Er kam über seine Tätigkeit als Rettungsschwimmer zum Hobby. „Hier auf dem Wasser habe ich meine Ruhe. Das liebe ich.“ Der 43-jährige zeigt nach hinten zu seiner Koje: „Das ist meine Räuberhöhle. Ich gucke hier fast nie aufs Handy, kein Social Media. Das tut gut.“ An der Aktion finde er zudem klasse, dass so viele Bootstypen zu sehen seien.
Klaus Fronmüller trotzt weiter dem Regen. Es ist 14.30 Uhr und es gibt noch viel zu tun. Unzählige Fragen wollen beantwortet, Entscheidungen getroffen sein. Vier riesige aufblasbare Fußbälle zum Beispiel werden heute doch nicht aufgeblasen, entscheidet Fronmüller. „Das passt nicht zum Wetter. Zu viel Wind, und so viele sind auch gar nicht im Wasser.“ Und der Ball passt natürlich auch nicht recht zum vorzeitigen Ausscheiden der deutschen Fußball-Nationalmannschaft fünf Tage zuvor gegen Paraguay. „Nächstes Jahr vielleicht.“
Früher, noch in München, war Fronmüller Wildwasserpaddler. 1990 ging es für ihn nach Brandenburg, da gab es keine Berge mehr. Die Liebe zum nassen Element blieb. „Ich hab mir damals hin und wieder ein Boot gechartert. Aber das hat irgendwann nicht mehr gereicht.“ Seitdem ist er mit eigenem Boot unterwegs. Auf seiner van der Heijden, einem 10,50 Meter langen Stahlverdränger, befindet sich die Kommandozentrale. Frau Uta reicht Streuselkuchen, der 30-jährige Sohn Fritz sitzt mit Kaffee und Laptop am Tisch und bespielt auf 103.0 MHZ als Radiojockey die Stern-Welle „MVB“.
„Das macht total Spaß“, sagt er, „nur hin und wieder ist es ein bisschen stressig, dann kommt mein Vater rein und will ganz schnell, dass ich eine Durchsage mache!“ Er ist jedes Jahr dabei und erinnert sich an den Rekord vom letzten Jahr: „Da war alles auf und im Wasser, das war ein Hexenkessel!“
Auf einer Bayliner auf der anderen Seite des Sterns laden Kerstin und Daniel zum Kaffee. Beide sind braungebrannt und tiefenentspannt – sie kehren gerade von eineinhalb Wochen Bootsferien rund um Brandenburg zurück. Das Nieseln ist mittlerweile zu einem handfesten Regen geworden, es prasselt aufs Verdeck des Gleiters. Sehnsüchtig schaut Kerstin durch das maßangefertigte „Panoramafenster“ im Verdeck am Heck ins Grau. „Vor einem Jahr war das ganz anders hier, da war es richtig heiß und richtig was los“, sagt sie.
Aber was soll man machen? Was das Ehepaar am Bootfahren liebt? „Das ist wie ein Wohnwagen auf dem Wasser“, sagt Daniel, Vizepräsident des Vereins. „Und die Leute natürlich, das sind alles ganz unterschiedliche Typen, aber alle offen und entspannt. Übers Hobby kommen wir mit Menschen in Kontakt, mit denen wir sonst im Alltag wenig zu tun hätten. Unter anderem deshalb bin ich auch im Verein. Zudem kann ich da Erfahrungen austauschen, Touren absprechen und Technikfragen klären.“
Die beiden wohnen in Berlin- Neukölln, da ist es oft laut und hektisch. „Auf dem Wasser können wir entschleunigen. Und man schläft besser“, ergänzt Daniel. „Man wird in der Koje in den Schlaf gewiegt, dazu das Plätschern der Wellen, das Rauschen des Windes, die Rufe der Vögel.“
„Und wir sind ja auch nicht nur auf dem Boot“, sagt Kerstin und verweist auf die beiden Klappräder, die gerade zwischen Steuerrad und Sitz verstaut sind. Und die Kosten? „Man muss kein Millionär sein, um ein Boot zu haben“, sagt Kerstin. „Die meisten kaufen wie wir gebraucht, da kommt man mit 20.000 bis 30.000 Euro gut hin. Und wir fahren dafür auch nicht mehr woanders hin in den Urlaub. Wozu auch? Um mit Tausenden anderen Menschen am Flughafen Schlange zu stehen? Nein danke!“
Der Regen lässt nach, die Sonne blinzelt einmal freundlich durch die Wolken und versteckt sich dann wieder. Hinter dem Segelschiff „Nangiala“ hat ein Miet-Spaßfloß mit Hüttenaufbau und Außenborder Probleme mit dem Ankern, es treibt aufgrund des Winds immer wieder ab. Ermutigende Ratschläge vom Deck seines eigenen Bootes aus gibt der 76-jährige Segler Reinhard, dessen Gesicht von vielen frohen Sonnenstunden auf dem Wasser kündet.
Der Name seiner Aphrodite 29 ist angelehnt an „Nangijala“, jenem sagenumwobenen Land im Jenseits aus „Die Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren. Reinhard hat genau hier, auf der Havel, mit 13 Jahren seine Liebe zum Wassersport entdeckt. Er zeigt aufs bewaldete Ufer. „Da war mal alles voller Zelte, bevor die Grünen das renaturiert haben. Ich hab da die schönsten Sommer meines Lebens verbracht.“
Skeptisch wirft er noch einen Blick zu immer noch dahin wurschtelnden Floss und überlässt es dann anderen Helfern. „Das kriegen die schon hin!“ Das erste eigene Boot bekam er mit 18. „Meine Mutter fragte mich: Willst du ein Segelboot oder den Führerschein? Ich habe ungefähr eine halbe Sekunde überlegt.“ Bei der kleinen Jolle konnte er den Mast selbst legen – praktisch für Berlin und Brandenburg mit den vielen Brücken. „Ich lebe einfach unglaublich gerne auf dem Boot. Und ich mag die Einfachheit.“
Einen seglerischen Seitenhieb auf die hochgerüsteten Motorboote kann Reinhard sich dann doch nicht verkneifen: „Überall diese Elektronik, das braucht man doch für Binnen gar nicht. Segeln, das ist: Intelligenz umsetzen in Geschwindigkeit!“ Neben ihm sind im Kreis noch eine Handvoll weitere Segler unterwegs. Die abendliche Lasershow wird auf Reinhards Segel projiziert.
Mittlerweile ist es 16 Uhr. Ansage Klaus Fronmüller im Hauptquartier. Sohn Fritz leitet geschickt über. Fronmüller bedankt sich für das harmonische, wohlgeordnete Zusammenkommen und verkündet schließlich die Zahl, auf die alle warten: 264. So viele Boote haben offiziell teilgenommen. Jubel, Schiffshörner, übers Radio läuft „ We are the Champions“ von Queen.
Den Rekord haben sie dieses Jahr nicht geknackt. Aber dass so viele bei diesem schlechten Wetter angereist sind, nehmen sie als gutes Omen für den nächsten Versuch. Der startet im kommendem Jahr, am 26. Juni 2027. Und wenn es dann wieder regnet? Wird‘s trotzdem schön!
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