Besondere LeuchttürmeÞrídrangaviti - der Mount Everest der Leuchtfeuer

Christian Tiedt

 · 29.06.2026

Besondere Leuchttürme: Þrídrangaviti - der Mount Everest der LeuchtfeuerFoto: Getty Images / Arctic-Images
Þrídrangaviti bei ruhiger See. Der Felsen ist an der Basis kaum breiten als am Standort des Leuchtturms.
Besondere Leuchttürme: Kaum ein Leuchtfeuer ist schwerer zugänglich als Þrídrangaviti vor der Südküste Islands. Das klingt nach einer Herausforderung. Höhenangst: verboten.

Themen in diesem Artikel

Es gibt viele Orte entlang der Ozeane, die sich nicht sonderlich anbieten zum Bau eines Leuchtturms. Und dann es gibt jene, die so abgeschieden und unzugänglich sind, dass man bei ihnen noch nicht einmal auf die Idee käme. Selbst auf den zweiten und dritten Blick nicht. Die drei Felsnadeln von Þrídrangar - oder Thridrangar - im wilden Nordatlantik vor der Südküste Islands gehörten lange dazu.

Doch für die Erbauer von Seezeichen waren das Unmögliche und scheinbar Unerreichbare schon immer Ansporn, kein Ausschlusskriterium. Von technischen Hilfsmitteln, die heute zur Verfügung stehen, konnten sie dabei nur träumen. In mancher Hinsicht ähneln sie dabei Bergsteigern, auch praktisch – beim Bau des Leuchtturms Þrídrangaviti war Höhenangst jedenfalls keine Option.

  • Name: Þrídrangaviti (Thridrangar Lighthouse), Island
  • Lage: Nordatlantik
  • Position: 63°29′19,8″N 020°30′47.4″W
  • Turmhöhe: 4 m
  • Feuerhöhe: 34 m
  • Kennung: Mo(N) W 30s (Buchstabe “N” des Morsealphabets; lang-kurz)

Der höchste der drei Felsen

Nahezu lotrecht erheben sich die Thrindangar aus dem Meer, rund sieben Seemeilen südlich der isländischen Küste. Knapp sechs Seemeilen westlich liegen die Vestmannaeyjar-Inseln. Dort rekrutierte der Ingenieur Árni Þórarinsson 1938 auch die Männer zum Bau seines Leuchtturms auf dem mit 36 Meter höchsten Felsen des Trios.

​​Hier finden Sie noch mehr besondere Leuchttürme.

Geübt im Raub von Vogeleiern

Ihre Technik zum Felsklettern hatten die “Westmänner” über Generationen hinweg beim Sammeln von Vogeleiern in den Steilklippen ihrer Heimatinseln perfektioniert. Über Monate hinweg schlugen sie eine von Hand eine gewundene Route in den Fels, häufig in aufbrandender Gischt. Dieser Weg ermöglichte es schließlich, die nötigen Baumaterialien nach oben zu befördern. Ein Jahr später konnte der samt Laterne kaum vier Meter hohe Leuchtturm fertiggestellt werden - wobei seine geringe Größe in keinem Verhältnis zur Leistung seiner Erbauer stand und steht.

Abhängig von der Natur

Noch heute gilt Þrídrangaviti als der vielleicht schwerstzugängliche Leuchtturm der Welt. Auch wenn der Gipfelsturm nicht mehr die einzige Möglichkeit ist, zu ihm zu gelangen: Seit den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gibt es eine Landeplattform für Hubschrauber - ein Transportmittel, das beim Bau noch nicht zur Verfügung gestanden hatte. Automatisiert hatte man das Feuer mit der ungewöhnlichen Kennung des Morsebuchstabens N – eine lange und eine kurze Lichterscheinung - zweimal in der Minute, schon zuvor.

Ein Live-Konzert in der Isolation

Doch selbst mit dem Hubschraubern sind der Anflug und das Absetzen von Personen nur bei perfekten Wetter möglich. Noch immer bestimmt die Natur, wann der Felsen zugänglich ist. Techniker der Küstenwache sind die einzigen Besucher - mit sehr wenigen Ausnahmen: 2020, im ersten schweren Jahr der Corona-Pandemie, wurde die isländische Rockband Kaleo eingeflogen - für ein Live-Konzert auf Þrídrangaviti: Sie spielten ihren Song Break My Baby. Isolation als Gegenmittel zur Isolation.

​​​Hier finden Sie noch mehr besondere Leuchttürme.

Artikel teilen:
Kommentare

Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.

Christian Tiedt

Christian Tiedt

Ressortleiter Reise

Christian Tiedt wurde in Hamburg geboren, blieb lange aber ohne direkten Zugang zum Wassersport. Nach der Berufsausbildung bot das Studium dann endlich die Gelegenheit, auf dem Wasser aktiv zu werden – und die entsprechenden Führerscheine zu machen. Zuerst beim Fahrtensegeln und dann, mit dem Einstieg bei BOOTE im Jahr 2004, auch mit Motorbooten aller Art. Christian konnte inzwischen fast ganz Europa (und einige weiter entfernte Destinationen) auf eigenem Kiel kennenlernen und teilt seine Erlebnisse und Erfahrungen für die YACHT und BOOTE am liebsten in Törnreportagen.

Meistgelesen in dieser Rubrik