Um 9:30 Uhr slippt „Chronos“ in Mindelo die Leinen. Um alle neun bewohnten Inseln anzulaufen, wird die Zeit nicht ausreichen. Daher beschränken wir uns auf die nördliche Gruppe, die Ilhas de Barlavento, die Inseln über dem Wind. Sie bilden einen weiten Bogen nach Südosten. Die Entfernungen werden zu einigen Seetagen führen – aber schließlich sind wir auch zum Segeln hier.
Unter Maschine läuft unsere Ketsch im Lee der vulkanischen Küste São Vicentes nach Südwesten und rundet das Kap Ponta Machado mit dem leuchtend weißen Leuchtturm von Dona Amélia in steiler Wand, bevor auf Südostkurs die Segel gesetzt werden können. Zwei sind in der Sturmfahrt von Gibraltar gerissen, für die zweite Fock steht jetzt die Sturmfock vorn. Vom Steuerstand kommt die Ansage des Chief Mates: Nerdige Segelgespräche sind sehr willkommen!
Als „Chronos“ die Windabschirmung von São Vicente und der unbewohnten Nachbarin Santa Luzia verlässt, füllt der Passat die Segel. Dunkelblaue See, einige Schaumkronen, wolkenloser Himmel. Der Fetch des offenen Atlantiks. Gischt kommt über den Luvbug, trocknet auf dem Teak aber schnell wieder. Von anderen Segeln ist nichts zu sehen, dafür taucht ein Schwarm Thunfische an Backbord auf. Ein Fregattvogel gleitet mit klingengleichen Schwingen spielerisch um uns herum. Um 16 Uhr gibt es achtern Kaffee und Kuchen.
Ziel ist nach 55 Seemeilen Tarrafal, Hauptort der Insel São Nicolau. Vorsichtig tastet sich „Chronos“ an die Ansteuerung heran. Es ist 18:30 Uhr und stockdunkel. Wir befinden uns nur 16 Grad nördlich des Äquators. Die Uferbeleuchtung ist spärlich, die Schiffe auf der Reede davor nur als Schatten auszumachen. AIS-Signale: Mangelware.
Kapitän und Chief Mate sind am Steuer: „Siehst du das rote Licht der Yacht da?“ An Backbord eine drehende Fähre, nein, ein Expeditionskreuzfahrer. Dort ein auslaufendes Fischerboot, im grellen Schein der Scheinwerfer macht die Crew bereits das Fanggeschirr klar. Schließlich fällt der Backbordanker auf 18 Metern, die Kette rasselt durch die Klüse.
Schon kommt der Agent über UKW, das Dingi wird ausgeschwungen und der Chief Mate fährt mit dem Papierkram an Land, um ihn zu treffen. „Love is more than just a game for two“, swingt Nat King Cole. Die Glocke schlägt zum Abendessen. Filigran hängt der Neumond über dem unsichtbaren Horizont.
Nach der Nacht liegt „Chronos“ im Sonnenschein in ruhigem Wasser, am Himmel nur leichte Schleier. Dunkler Strand, einige Yachten und eine massive Mole, dahinter weiße, rosa und hellblaue Häuser, steil aufsteigende braune Flanken und dahinter ein Vulkankegel, der Monte Gordo. So liegen Tarrafal und São Nicolau vor uns.
Per Dingi – zwei werden an Bord mitgeführt – geht es zum Hafen, wo vier Kleinbusse zur Inselrundfahrt bereitstehen, die uns auf Serpentinen in die Berge bringen, in den Tälern trockener Busch und dürre Ziegen, Mais und Zuckerrohr.
Zunächst zum Aussichtspunkt Miradouro do Caminho Novo, mit fantastischem Panorama über die überraschend grüne Vulkanlandschaft bis zum Meer. Im Parque Natural sehen wir einen Drachenbaum, der vier Jahrhunderte alt ist. Das rote Harz der Bäume wurde früher zum Färben von Violinen genutzt.
Kurz vor dem Ort Ribiera Brava zeigt ein Torbogen das Wappen Hamburgs. Viele verdienten weit entfernt ihr Geld, erklärt Rolf. „Und wenn sie sich dann nach langen Jahren in der Heimat ein Haus kaufen, zeigen sie oft, wo sie gearbeitet haben oder noch arbeiten.“
Zurückkehren wollen viele, nicht alle schaffen es. So ist Heimweh auch ein zentraler Pfeiler der Morna, der Musik der Diaspora. Die Landesflagge trägt zehn Sterne: neun für die bewohnten Inseln Cabo Verdes und einen für die in aller Welt Verstreuten.
Das Tal ist fruchtbar. Mangos, Papayas und Bananen werden angebaut, in erster Linie für die Hotels und die Touristen auf der Urlaubsinsel Sal im Osten. Dicht stehen die Pflanzen in den Plantagen. Große Gold-Wespenspinnen haben ihre Netze zu großen Flächen verknüpft. Wie Torbögen spannen sie sich über den Pfad zwischen den Stauden und Bäumen.
Ribeira Brava begrüßt uns zwar in kolonialem Putz, aber bescheiden. Immerhin: Kolonisiert wurde hier niemand. Als der portugiesische Seefahrer António Fernandes 1445 auf der Suche nach dem Weg nach Indien etwas vom Kurs abkam und den Archipel entdeckte, war er unbewohnt. Die Siedler nahmen also niemandem etwas weg. Was allerdings in jenen Zeiten dennoch bedeutete, dass es bald ein paar Ausbeuter und reichlich Ausgebeutete gab.
Über die Zeit lebten die einen vom Sklavenhandel und vom Salz, die anderen von der Hand in den Mund. Wenn auch das nicht mehr reichte, blieb oft nur der Abschied – häufig ohne Wiederkehr an Bord eines amerikanischen Walfangschiffs. Die Zustände führten schließlich zu Widerstand und Freiheitskampf. Die Salazar-Diktatur antwortete mit Gewalt. Erst die Nelkenrevolution in Portugal 1974 brachte die ersehnte Freiheit und Unabhängigkeit.
Vor dem Gebäude des Radiosenders steht das lächelnde Standbild von José Lopes da Silva, der 1872 in Ribeira Brava geboren wurde. Als Schriftsteller der Revolution zu Salazars Zeiten verfasste er den Roman „Chiquinho“ über die Jugend und das Erwachsenwerden auf den Inseln. „Heute lesen es alle Schulkinder hier“, erzählt Rolf. International ist es das bekannteste literarische Werk Kap Verdes.
Am Platz der Guten Aussicht - früher wortwörtlich, weil er zum sehen und gesehen werden genutzt wurde und Hauptattraktion im Dorf war - ist nicht viel los. Smartphone und Streaming haben auch hier ihre Spuren hinterlassen. Katzen sitzen in den Schatten. In der Good-Looks-Bar spielt Benfica Lissabon im Fernsehen.
Später am Strand von Tarrafal: Ein etwas in die Jahre gekommenes Fahrzeug des Greater Manchester County Fire Service rumpelt vorbei, jetzt besetzt mit Einheimischen. Aus einer schattigen Gasse klingt ein einsames Saxofon und am schwarzen Strand vor dem Fischereimuseum baden Jugendliche in der trägen Brandung. Mit einem Stern an der Spitze leuchtet ein kunstvoller Kegel aus gelben Kanistern in der Abendsonne. Ihr Blech enthielt einst Öl für Thunfischkonserven. Es ist Ende November – ein Weihnachtsbaum!
Auf der Küstenstraße und dann durch ausgetrocknete Flussbette in den Westen der Insel. Mehrfach setzt unser Hiace auf, für solches Gelände ist er nicht gemacht. Dennoch bringt uns der Fahrer routiniert zu zu den Felsen von Carberinho. Hier wurde (und wird) geschichtetes Vulkangestein von Wind und Wasser zu bizarren Wellen geformt. Erosion als Kunst der Natur.
Um vier Uhr morgens geht „Chronos“ ankerauf und verlässt São Nicolau, die Passagiere schlafen noch. Für die Crew wird es ein langer Tag werden. Denn eine außergewöhnliche Wetterstörung hat kurzzeitig den Passat abgestellt. Der Wind kommt nun aus Südosten, genau die falsche Richtung für unser nächstes Ziel, die Wüsteninsel Boa Vista.

Ressortleiter Reise
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