Wo einst Braunkohle abgebaut wurde, entsteht Europas größte von Menschenhand geschaffene Wasserlandschaft. Die Lausitz ist Schauplatz eines Jahrhundertprojekts.
Seit Jahrzehnten wächst zwischen Berlin und Dresden Deutschlands viertgrößtes Seengebiet. Zehn schiffbare Seen, die durch die Flutung ehemaliger Tagebaulöcher in der Lausitz entstanden sind, verschmelzen durch Überleitungen zu einer riesigen, zusammenhängenden Wasserlandschaft. Jetzt steht die Region vor einem entscheidenden Meilenstein. Denn fünf der zentralen Seen und ihre verbindenden Kanäle sollen 2026 für den Wassersport freigegeben werden. Die künstlich geschaffenen Gewässer zwischen Senftenberg, Großräschen und Welzow haben ihren Füllstand fast alle erreicht, Kanäle und Schleusen sind längst fertiggestellt. Während der Großräschener See bereits im Juni 2025 eine Teilfreigabe erhalten hat, folgen der Sedlitzer See, der brandenburgische Teil des Geierswalder und Partwitzer Sees sowie die drei Überleiter Sornoer Kanal, Rosendorfer Kanal und Ilse-Kanal 2026. Für Wassersportler und den Tourismus in der Region eröffnen sich durch die Freigabe völlig neue Perspektiven. Die entstandene Seenkette bildet das Herzstück des Lausitzer Seenlandes mit einer durchgängig befahrbaren Wasserfläche von rund 7.000 Hektar.
Die Freigabe des Sees 1973 war der Startschuss für die Umwandlung der Tagebaulandschaft in ein touristisches Naherholungsgebiet in der Lausitz. Dass das beliebteste Gewässer der Region einmal ein Tagebau war, ist 50 Jahre später fast vergessen. Seit Jahrzehnten ist er der „Familiensee“ mit einem vielfältigen Freizeit- und Erholungs-Angebot. Das Hafencamp am Südufer ist eine bekannte Adresse für Freizeitskipper. Hier bietet Expeditours eine breite Palette an Leihbooten – vom Paddel- bis zum führerscheinfreien Motorboot. Mit dem neuen Stadthafen Senftenberg, der 2023 in Betrieb ging, hat der See jedoch eine weitere maritime Qualität bekommen. Die moderne Anlage mit Schwimmstegen, Servicehaus und einem großen Gästesteg fungiert künftig als Tor zur Seenkette. Eine barrierefreie Uferpromenade, die elegante Seebrücke und mehrere Gastronomieangebote – vom Hafenrestaurant bis zum Bistro – machen das Areal zu einem lebendigen Treffpunkt direkt am Wasser. Mit der Freigabe der umliegenden Seen ab 2026 können Bootsfahrer vom Stadthafen aus erstmals Tages- oder sogar mehrtägige Rundtouren starten. Statt zu einer Sackgasse wird der Senftenberger See damit zum idealen Start- und Versorgungspunkt – mit Restaurants, Übernachtungsangeboten und guter Verkehrsanbindung im Rücken. Für Charterfirmen eröffnet die Vernetzung der Seen neue Vermarktungsmöglichkeiten, für Wassersportler zusätzliche Routen und für die Region einen deutlichen Schub als Revier für Einsteiger und Familien.
Seit 2013 verbindet der Koschener Kanal den Senftenberger See mit dem Geierswalder See. Eine Selbstbedienungs-Schleuse gleicht hier die unterschiedlichen Wasserstände der beiden Seen aus. Das Besondere: Der Kanal unterquert in einem Tunnel die Bundesstraße B96 und den umverlegten Fluss Schwarze Elster. Seit 2019 ist außerdem der Barbarakanal für Boote freigegeben, der den Geierswalder See mit dem Partwitzer See verbindet. Um durch die Schleusen-, Brücken- und Tunnelbauwerke zu gelangen, ist bei Segelbooten allerdings eine Legevorrichtung für Masten notwendig. 2026 werden der Sornoer Kanal, der Rosendorfer Kanal und der Ilse-Kanal freigegeben.
Der Partwitzer See ist bislang noch ein ruhiger Geheimtipp in der Lausitz, bietet aber erstaunlich viel Platz für Wassersport. Die offenen Wasserflächen sind bei Motorbootfahrern, Kajakfahrern und Stand-up-Paddlern beliebt. Achtung: Es gibt noch keine öffentliche Einlassstelle am Partwitzer See! Aktuell ist das Befahren nur vom Geierswalder See über dessen Einlassstelle und den Barbarakanal möglich. (Durchfahrtsregeln und -zeiten des Barbarakanals beachten!) Die nächsten Stellen zum Slippen sind am Wasserwanderrastplatz am Geierswalder See und im Hafencamp am Senftenberger See. Eine öffentliche Einlassstelle am Partwitzer See ist im Zuge der Errichtung einer Marina seitens der Gemeinde Elsterheide geplant. Die breite Uferlinie eignet sich gut für künftige Wassersportstützpunkte – und mehrere Gemeinden planen langfristig Bade- und Freizeitflächen sowie gastronomische Angebote.
Der Geierswalder See zeigt mit dem vielfältigen Wassersportangebot, wie es auch auf dem Sedlitzer See und dem Großräschener See bald aussehen könnte. Er gilt als der sportlichste des Verbundes. Neben den Segel- und Kitesurfspots hat sich das Revier dank breiter Strände und guter Thermik zu einem beliebten Trainingsgelände für Regattasegler entwickelt. Am Südufer befindet sich der Marina-Komplex mit Charterbasis, Surfschule und mehreren Restaurants, der bereits auf steigende Bootsfrequenzen ausgelegt ist. Für Übernachtungsgäste gibt es Floating Houses sowie moderne Ferienlodges direkt am Wasser. Und: Der See ist der zentrale Dreh- und Angelpunkt zwischen Barbarakanal, künftigem Sornoer Kanal und dem Rosendorfer Kanal – ein idealer Etappenpunkt für Wasserwanderer, die 2026 erstmals durchgehend über mehrere Seen fahren können.
Der Großräschener See ist durch die Flutung des Tagebaus Meuro ab 2007 entstanden. Heute wirbt die einstige Bergbaustadt Großräschen stolz mit dem Beinamen „Seestadt“ für sich. Kurios: Über mehrere Jahre gab es hier ein fertiggestelltes, aber trockenliegendes Hafenbecken. Denn der Sportboothafen wurde im Rahmen eines Projektes der Internationalen Bauausstellung (IBA) noch vor der Flutung des Tagebaulochs gebaut. Am 5. November 2017 schließlich erreichte der Wasserspiegel das Hafenbecken, erst im Juni 2025 gab es die erste Teilfreigabe für einige Boote. Ab 2026 können dann alle Sportbootfahrer über die geöffneten Überleiter auch die anderen Seen befahren, ohne ihr Boot zu slippen. Mehr als 60 Gastliegeplätze stehen im neuen Hafen zur Vermietung zur Verfügung. Hafen, Spielplatz und der neue Stadtstrand sind über Serpentinen barrierefrei zu erreichen. Die Seebrücke entstand aus einem Abwurfausleger des Tagebaus und ist bereits ein beliebtes Fotomotiv als Wahrzeichen für den Landschaftswandel. Direkt neben der Seebrücke erhebt sich vor den Bistro IBA-Terrassen mit 30 Prozent Neigung Brandenburgs steilster Weinberg. Ein in der Touristinfo untergebrachtes Unternehmen bietet geführte Radwanderungen durch die Bergbaufolgelandschaft zum Beispiel mit dem Titel „Vom Bergmann zum Seemann“ an.
Der Sedlitzer See ist einer der größten und zentralsten Bausteine der künftigen Lausitzer Seenkette. Mit seiner Freigabe und der der drei neuen Überleiter entsteht das Kernstück des Seenverbundes, ein durchgängig befahrbares Revier über fünf Seen. Noch ist sein Ufer weitgehend unerschlossen, doch in den nächsten Jahren soll er zum Knotenpunkt werden. Im kleinen Ort Lieske am Nordufer des Sees sind die Uferarbeiten weitgehend abgeschlossen. Dort gibt es bereits einen neu angelegten Parkplatz mit Stellplätzen für Wohnmobile und sanitären Anlagen. Eine barrierefreie Rampe führt zum künftigen Badestrand hinunter. Weil sich die Freigabe des Sees verzögerte, ist der bereits aufgeschüttete Strand mittlerweile teilweise zugewuchert. Grund waren die bei Tagebaulöchern gefährlichen und komplizierten Uferbefestigungen. Bis zur Eröffnung sollen das Totholz im Wasser entfernt und die Ufer wieder freigeräumt sein. Auf einer Fläche von etwa 20 bis 30 Hektar sollen am Nordufer Unternehmen aus der maritimen Branche, Bootsbauer, Werkstätten und Dienstleister rund um Wassersport angesiedelt werden. In der Sedlitzer Bucht im Westen sind bereits Dalben für den zukünftigen Hafen gerammt. Geplant ist hier ein großes Gebäude in Form eines umgedrehten Kanus, als maritime Landmarke mit Hafenbüro und Gastronomie. Vom Bahnhof Sedlitz aus soll es außerdem zukünftig auch zum Südufer des Großräschener Sees eine Fußgängerverbindung geben. Hier sollen – mit Blick auf die „weiße Stadt“ Großräschen und den gegenüberliegenden Badestrand – ebenfalls Uferterrassen mit Gastronomie und Wasserzugang entstehen.
Zukünftig sollen zehn künstliche Seen durch 13 schiffbare Kanäle miteinander verbunden sein. Zehn der Überleiter sind bereits fertig gebaut. Der Sornoer Kanal schafft ab 2026 die Verbindung zwischen Geierswalder und Sedlitzer See. Hier steht die weithin sichtbare Landmarke, der Rostige Nagel. An dem beliebten Ausflugsziel für Radfahrer und Wanderer ist ein Anleger für Fahrgastschiffe, Wassertaxis und kleinere Charterboote geplant – ein erster Schritt zu einem Linienverkehr auf dem Wasser. Damit auch in Brandenburg die Nutzung der länderübergreifend schiffbar verbundenen Tagebauseen möglich wird, war zunächst eine Änderung der Landesschifffahrtsverordnung nötig. Doch abgesehen von bürokratischen Hürden, Uferbefestigungen und der Schaffung von Überleitern sind in den kommenden Jahren vor allem umfangreiche Investitionen in die Infrastruktur am Ufer nötig. Yachthäfen mit ausreichend Liegeplätzen, aber auch Stützpunkte für Wasserski sowie Campingplätze und gastronomische Einrichtungen sind an mehreren Orten in Planung. Die Wartelisten für Liegeplätze sind allerorts lang. Hört man sich vor Ort um, ist die Vorfreude noch mit Skepsis verbunden. „Wir würden ja gerne mehr Stege bauen, aber die steil abfallenden Ufer der alten Tagebaulöcher machen das Rammen von Dalben zu einem kostspieligen Vergnügen“, erzählt Manuela Zahn, Inhaberin von Expeditours beim Hafencamp am Senftenberger See. Zusätzliche Liegeplätze gäbe es wahrscheinlich auch, wenn die restlichen fünf Seen angeschlossen würden: Blunoer See, Sabrodter See, Neuwieser See, Bergener See und Spreetaler See. Doch wann das geschieht, ist noch nicht sicher. Erst dann wird das Jahrhundertprojekt in der Lausitz wirklich abgeschlossen sein.