Kalmar bleibt achteraus, der weiße Schriftzug auf der Hafenmole verabschiedet uns. Dann sind wir auch schon unter der Brücke hinüber nach Öland. Wind und Welle schieben uns genau von achtern den schmalen Sund hinauf, vorbei an den vielen Leuchttürmen. Segel sind zu sehen auf unserem Kurs mit Schmetterling. Bei der kurzen Welle taumeln die Yachten ordentlich.
Für uns geht es nach Nordwesten, Richtung Oskarshamn auf dem Festland. Es ist die erste Etappe auf unserem Sommertörn mit dem Cruising Club der Schweiz. In zwei Wochen wollen wir in Stockholm sein – viel Zeit für die wunderschöne Schärenwelt im Südosten Schwedens.
Regen holt uns ein, glättet die See und prasselt aufs Verdeck der „Rolling Swiss 2“. Wo vorher noch Licht war, ist jetzt Grau. Svensk Sommar der besonderen Art. Dabei wird dieses Revier Solkysten genannt – Sonnenküste. Zumindest auf dem Werbeflyer, der in der Marina in Kalmar auslag.
Immerhin scheint die Sonne etwas, als wir die Ansteuerung von Oskarshamn erreichen. Erste Felsen, kleine Schären, ein großer Bulkcarrier lädt Holz, ein Mehrzweckschiff entlädt Bauteile für einen Offshore- Windpark. Links der leere Anleger der Gotland-Fähre, rechts die Kystvakt. Ganz hinten Stege für Sportboote, der Hafenmeister winkt uns heran: „Welcome to Oskarshamn!“
Dahinter auf dem Parkplatz wird das Festival vom Wochenende abgebaut. Ist der Sommer schon wieder vorbei? Einige Gebäude der Gründerzeit, vielleicht ehemals Frachtkontore oder Reedereibüros, dazu viel Beton aus den Sechzigern und Siebzigern, eben typisch Schweden.
Leider schon geschlossen: das Maschinen- und Bootsmuseum mit einem hundertjährigen Klassiker davor. Der Mann, der in tiefer Ruhe an Bord des Salonbootes ein Buch liest, dürfte nicht viel jünger sein. Es wird ein goldener Abend. Auf der Terrasse des Restaurants Badholmen genießen wir die letzten Strahlen der untergehenden Sonne.
Das Wetter bleibt bescheiden. Windy macht uns wenig Hoffnung für die nächsten Tage. Wir steuern Furö an, einen Zwischenstopp. Die kleine Insel liegt nur rund fünf Seemeilen vor Oskarshamn und ist trotz der trüben Witterung sofort nach dem Auslaufen zu erkennen.
Furö ist Naturschutzgebiet und Brutplatz. Das ist schon bei der Ansteuerung unüberseh- und vor allem unüberhörbar. Das Gekreische der Möwen hallt über den verwaisten Betonsteg, an dessen Kopfende wir im Sprühregen längsseits gehen. Kann gut sein, dass sonst niemand hier ist. Bis Ende Juli dauert die Brutzeit, wie ein Schild am Anleger informiert.
Aus diesem Grund ist auch die östliche Hälfte der Insel gesperrt, doch im Westen führt ein Trampelpfad zwischen knorrigen Kiefern um den kleinen Binnensee im Inneren herum. Er ist schilfgesäumt, überall sitzen und kreisen Vögel zu Dutzenden, Hunderten. Hitchcock Island.
Die riesige Gotland-Fähre passiert die Insel einlaufend nach Oskarshamn, eine ölige Abgasschliere hinter sich herziehend. Ihre Maschinen wummern über das Wasser. Wir legen ab. Ziel ist Västervik. Wieder eine Stadt am Festland, keine Nacht in der Natur. Aber nach einem Tag wie diesem freut man sich über ein beheiztes Servicegebäude.
Etwa 28 Seemeilen liegen vor uns. Der Weg führt den größten Teil über offene See, ein paar Kardinaltonnen weit draußen dienen als Wegpunkte, die vorgelagerten Schären im Westen bilden eine zusammenhängende dunkle Linie. Erst bei Stångskär geht es wieder aufs Festland zu, und schließlich kommen wir in den Lusärnafjärden, an dem Västervik liegt.
An der Steganlage der Slottsholmen Marina gehen wir längsseits. Vom Schloss ist zwar nichts mehr zu sehen (bis auf die Grundmauern, die mit Tribünen überbaut als Eventlocation dienen), dafür liegen wir direkt im Schatten des mondänen Hotels. Es nieselt noch immer.
Eine Klappbrücke über den Fjord bringt uns ins Zentrum. Die erste Reihe der Häuser am Hafen ist schick, klassische Holzboote am Steg davor, hinten eine Kirche. Restaurants und Bars reihen sich aneinander. In einer Seitenstraße hat der Skipper das Smugglaren entdeckt, es gibt lokales Pale Ale, serviert von einem Auswanderer aus Kalifornien. Den zieht nichts mehr heim.
Unser Tag endet in gemütlichen Polstern wie ein Traum. Vielleicht verschlafen wir ja morgen einfach, verpassen den Regen und wachen am Mittwoch bei Sonnenschein wieder auf. Solkysten …
Auf diesem Törn waren wir mit dem Cruising Club der Schweiz (CCS) unterwegs. Der in Bern ansässige Zentralclub gehört mit rund 6.500 Mitgliedern zu den größten Wassersportvereinen der Schweiz und nimmt bei der Hochseeausbildung eine Führungsposition in der Sportschifffahrt des Landes ein.
Im Verein bildet die Motorbootabteilung mit ihrer eigenen Yacht, die für Ausbildungs- und Reisetörns in Nord- und Westeuropa eingesetzt wird, eine Untersparte. In der Reisesaison 2026 führt das Törnprogramm für Mitglieder von der Nordsee über den Ärmelkanal bis in die südliche Bretagne und zurück in den Solent, mit Abstechern nach London und Paris. ccs-motoryacht.ch
„Rolling Swiss 2“ (Trader 42; Halbgleiter aus GFK). Länge: 13,30 m · Breite: 4,30 m · Höhe: 3,80 m · Tiefgang: 1,20 m · Kojen: 6 (in 3 Doppelkabinen) · WC/Dusche: 2/2 · CE-Kategorie: A · Motorisierung: 2 x 380 PS (Cummins-Diesel) · Besondere Ausstattung: UKW-Funkanlage, Autopilot, Plotter mit Radar- und AIS-Overlay (aktiv und passiv), Generator, Epirb, Bugstrahlruder, Dingi mit 15-PS-Außenborder in Davits.
Das auf diesem zweiwöchigen Törn bereiste Revier umfasst den Abschnitt der schwedischen Südostküste zwischen Kalmar und Stockholm (in diesem ersten Teil der Reportage bis Hävringe bei Landsort). Von Süden nach Norden berührt er die Provinzen Kalmar, Östergötland und Södermanland.
Während sich im Kalmarsund vergleichsweise wenige Inseln befinden, nimmt die Anzahl der Schären nach Norden hin zu. Zum Schärengarten von Östergötland gehört der Sankt-Anna-Schärengarten, der vor dem östlichen Zugang zum Götakanal liegt. Die direkte Distanz zwischen Kalmar und Hävringe beträgt 220 Kilometer oder 120 Seemeilen.
Küste und Schären sind eiszeitlich geformt und durch flache Felsenlandschaft geprägt. Durchgehende Fahrwasser sind auf der Seekarte ausgewiesen und je nach Bedeutung betonnt und befeuert. Abseits dieser Fahrwasser, etwa bei der Absteuerung von Buchten oder Naturhäfen, muss sorgfältig navigiert werden. Gute Vorbereitung bei der Streckenplanung ist unerlässlich.
Davon abgesehen bietet das Revier eine Vielzahl von Gasthäfen, Marinas und anderen Liegemöglichkeiten. Da es besonders im Sommer zur Ferienzeit dennoch sehr voll werden kann, sollten für die Übernachtungen Alternativen vorbereitet werden. Stadthäfen am Festland verfügen in der Regel über ein umfangreiches Serviceangebot mit guten Versorgungsmöglichkeiten.

Ressortleiter Reise