Weisheiten wie „Der Weg ist das Ziel“ sind eigentlich genau mein Ding. Bei diesem Törn mache ich allerdings eine Ausnahme: Der Weg ist Mittel zum Zweck. Denn die Destination liegt etwa 700 Seemeilen von meinem Heimathafen in Kappeln an der Schlei entfernt - die schwedische Höga Kusten (auf deutsch: „Hohe Küste“) an der Bottensee in Nordschweden, etwa 350 Kilometer südlich des Polarkreises. Verdammt weit weg!
Doch es muss sein: die Neugier auf ein fremdes Revier und eine wilde Küstenlandschaft, die es sonst im schwedischen Riesenland nirgends zu finden gibt. Steile Felsklippen, bewaldete Hügel, tiefe fjordartige Buchten, Schäreninseln und Geröllfelder prägen die abwechslungsreiche Landschaft.
Ihr heutiges Aussehen entstand vor allem während der letzten Eiszeit: Mächtige Gletscher schliffen den alten Granit- und Gneisuntergrund ab und drückten die Erdkruste nach unten. Seit dem Abschmelzen des Eises vor rund 10.000 Jahren hebt sich das Land wieder - insgesamt um bis zu 286 Meter. So stark wie nirgends sonst.
Der Effekt der sogenannten postglaziale Landhebung: frühere Küstenlinien, Strandwälle und vom Meer ausgewaschene Geröllflächen liegen heute hoch und weit weg vom Meer. Die Landhebung dauert bis heute an und beträgt etwa acht Millimeter pro Jahr. Seit 2000 gehört die Höga Kusten zum UNESCO-Weltnaturerbe.
Der Hin- und Rückweg sind echt lang, das kann ich nicht schönschreiben. Zuerst nach Stockholm, dann weiter zu den Ålandinseln und von dort weitere 200 Seemeilen direkt bis ins Zielgebiet. Schließlich erschallt dann der laute Ruf des Skippers über das Wasser: Land in Sicht! Und was für eines: Im Westen hebt sich eine Küstenlinie aus dem morgendlichen Dunst, immer höher und gewaltiger ragt sie auf, wie ein riesiger gestrandeter Wal. Graue, zerfurchte Haut, mit Schwanzflosse im Süden und ein sich massiv auftürmender Körper gen Norden.
Als die Sonne den Nebel vertreibt, leuchtet das Grün der Tannen- und Kiefernwälder, rote Felsen und graue Geröllfelder verwandeln das Ufer in einen bunten Flickenteppich. Der Geruch von Harz aus dem Nadelholz mischt sich mit dem Geruch des Meeres. Der Anker fällt und hält in der kleinen Bucht der Insel Grisslan, einem Fischernest der nördlichen Höga Kusten. Kleine, rot gestrichene Fischerhäuser stehen auf den Felsen an der Bucht. Idylle pur. Das Boot schwojt leicht am Anker, die Augen fallen zu. Endlich sorgenfrei schlafen – nach all der Meilenfresserei.
In den nächsten Tagen strolche ich in der Inselwelt umher, bleibe mal im Naturhafen am Felsen, mal zum Proviantholen im Hafen von Örnsköldsvik. Das Fischernest Skeppsmalen, ein malerisches, historisches Fischerdorf am nördlichen Ende der Höga Kusten, ist über eine natürliche, schmale Zufahrt zwischen Felsen zu erreichen.
Die raue Schärennatur dieser Region hat es mir angetan. Vor dieser Küste holen die Fischer seit Jahrhunderten Hering aus der Ostsee. Die vielen hölzernen Buden und eisernen Gerätschaften für den Fang in den Häfen sprechen Bände, was hier einmal los war.
Diese Region sei das kulturelle Zentrum des berühmten Surströmming, erklärt mir die Kellnerin des Fiskevistet, ein beliebtes Restaurant am alten Fischereihafen von Skeppsmalen.
„Möchtest du eine Portion bestellen oder lieber eine andere regionale Spezialität?“, fragt sie. Surströmming ist ein Ostseehering, leicht gesalzen und in Dosen weitervergoren. Die Tradition entstand vermutlich im 16. Jahrhundert, als das Salz knapp und teuer war und man den Fisch durch Fermentation haltbar machte. Auf die Idee muss man erstmal kommen.
Was den einen eine Delikatesse, ist für andere gastronomisches Grauen schlechthin; bereits der beißende penetrante Geruch kann zum sofortigen Unwohlsein führen. Da ich leider zu den letztgenannten zähle, verlasse ich fluchtartig das Lokal. Jetzt kann nur eine klassische schwedische Fika den Tag retten: Kardamomgebäck mit frisch gebrühtem Kaffee ist das perfekte Antidot zu fermentiertem Hering.
Teil 2 folgt in Kürze

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