Die Ostsee ist seicht. Mit einer mittleren Wassertiefe von nur 52 Metern gehört sie zu den flacheren Binnen- und Nebenmeeren. Dem Kölner Dom würde sie nicht einmal bis zur Aussichtsplattform reichen. Ihr Meeresgrund mit seinen deutlich ausgeprägten Becken und Schwellen wurde während der letzten Eiszeit geformt. Eine weitere Spätfolge dieser Epoche ist die postglaziale Landhebung: Vom Gewicht des kilometerdicken Eispanzers befreit, drückt die Erdkruste langsam wieder nach oben.
Bei einer Veränderung von bis zu einem Zentimeter pro Jahr führt dieser Prozess besonders im Bereich flacher Gebiete in wenigen Jahrhunderten zu deutlichen Veränderungen der Küstenlinie. Der Schärengarten im Bereich des Kvarken am Übergang von Bottensee und Bottenwiek „wächst“ so schnell, dass er in etwa zwei Jahrtausenden eine feste Landbrücke zwischen Schweden und Finnland bilden wird.
Dennoch besitzt die Ostsee auch tiefe Stellen. Und an keiner geht es weiter in die Dunkelheit hinab als 30 Seemeilen östlich unserer aktuellen Position. Dort liegt das Landsorttief. Ein Blick auf die Anzeige verrät, dass die „RS2“ gerade rund 40 Meter unter dem Kiel hat. Über dem Landsorttief wäre es mehr als das Zehnfache: 456,5 Meter. Benannt ist es nach der Südspitze der Insel Öja, unserem heutigen Ziel. Sie heißt ebenfalls Landsort.
Allerdings wollen wir nicht nach Landsort direkt, denn dort ist das Becken den Lotsenbooten und der Schärenfähre vorbehalten. Wir steuern stattdessen den etwa zwei Seemeilen nördlich an der Westküste gelegenen Norrhamn an, den einzigen Gästehafen Öjas, wo es nicht nur eine Steinpier mit Heckbojen geben soll, sondern auch einen Fahrradverleih, um trotzdem noch nach Landsort zu kommen – und zu seinem berühmten Leuchtturm, dem ältesten Schwedens.
Öja liegt wie ein Riegel in der Ostsee. Rund vier Kilometer erstreckt sich sein schmaler felsiger Rücken genau in Nord-Süd-Richtung. Im Süden mit dem Leuchtturm ragt die Insel in die Ostsee hinaus. Eine Ecke, die man bei Sturm nicht umschiffen möchte – und zum Glück auch nicht muss. Nördlich bietet das Labyrinth der Schären nämlich eine geschützte Route. Denn so friedlich es heute noch ist, in den nächsten Tagen ist steifer Nordost vorhergesagt, sechs Beaufort, in Böen sieben.
Hier und da kratzen schon jetzt erste Böen an der Oberfläche, und als wir zwei Stunden später den Leuchtturm voraus haben, ist aus dem Teich der letzten Tage wieder ein Meer geworden. Noch tragen die Kämme zwar keine Schaumkronen, ab Mittenacht soll es aber losgehen. Die Sonne kümmert es nicht, sie strahlt weiter.
Norrhamn ist ein Naturhafen, nur nach Nordwesten offen. Reservieren konnten wir hier nicht, und als wir zwischen den Uferfelsen und einer kleinen Schäre einlaufen, ist die Handvoll Murings bereits belegt. Also gehen wir mit dem Heckanker an die Pier. Der junge Hafenmeister hilft, und keine Viertelstunde später stehen wir in seinem Büro, das auch als Pizzabackstube und Kiosk dient, und fragen nach den Fahrrädern. Das „gute“ sei unterwegs, erfahren wir, aber da stünden noch ein paar andere neben der Hütte.
Leider ist nur eins davon einsatzklar. Ein anderes sieht zwar vielversprechend aus, das hohe Gras verbirgt aber das wichtige Detail, dass die Kette fehlt. Zum Glück haben auch die zwei netten Betreiberinnen vom Campingplatz gleich nebenan ebenfalls Drahtesel im Angebot. Schaltungen, Handbremsen und Licht haben zwar auch die nicht, aber was soll’s. Für 100 Kronen gehören die Räder jetzt für zwölf Stunden uns, Schlösser gibt’s nicht, wozu auch.
Es ist gerade halb vier, jede Menge Zeit also für die Erkundung. Das Rad rollt gut, an der Wiese mit Zelten vorbei in lichten Wald hinein, etwas hinauf, dann wieder hinunter. Öja ist schön, das ist schon jetzt klar, und autofrei. Eine einzelne Straße führt von hier bis nach Landsort und weiter bis zum Leuchtturm, parallel durch den Wald gibt es einen Wanderweg. Unterwegs warten Sehenswürdigkeiten und gleich zu Beginn ein Abstecher auf uns.
Der führt ein paar Hundert Meter in die Einsamkeit hinein und endet an der Geschützstellung der Batteri Landsort. Küstenartillerie hat im Ostseeraum lange eine große Rolle in den Szenarien der Abwehr seegestützter Angriffe gespielt. Zuletzt waren es die Sowjets, die man von der Invasion abhalten wollte. Man hielt die klobigen Waffen für so unverzichtbar, dass man sie in den Achtzigerjahren noch erneuerte.
Der Komplex liegt vollständig verbunkert, nur das Geschütz ist oberirdisch, die tonnenschwere Panzerkuppel in Form und Farbe den Felsen angepasst. Sechs solcher Forts wurden fertiggestellt, von Umeå am Bottnischen Meerbusen bis hinunter nach Trelleborg. Mit Ende des Kalten Krieges wurden sie überflüssig.
Auf dem Hauptweg radeln wir weiter nach Süden, begegnen Wanderern, Spaziergängern und anderen Radfahrern. Zum Glück spenden die Bäume Schatten. Die beiden folgenden Sehenswürdigkeiten sind friedlicher Natur. Zum einen der Gedenkstein für den Lotsen Albert Holm, der zeitlebens viel für die Entwicklung seiner kleinen Heimat tat – unter anderem kümmerte er sich um Tagesgäste, die mit dem Boot vom Festland kamen.
Der nächste Stopp nur ein paar Hundert Meter weiter gilt einem Labyrinth aus kopfgroßen Steinen. Von diesen geheimnisvollen Trojaburgen gibt es Hunderte in Schweden, manche aus dem Mittelalter, einige sind noch älter. Wer sich in sie hineinbegibt, soll Schutz vor den Gefahren des Meeres erlangen – nicht ganz unerheblich auf einer Insel. So weit zumindest die Vermutung.
Schließlich erreichen wir das Zentrum der Insel, Storhamn, sogar ein Ortsschild gibt es. Ein paar Dutzend Holzhäuser verteilen sich hier zwischen den Felsen, die meisten in Rot und Gelb, mit weißen Fenstern, Giebeln und Zäunen. Bilderbuchschweden! Man mag nicht glauben, dass hier keine zwei Dutzend Menschen dauerhaft wohnen, der Rest sind Ferienwohnungen. Wer jetzt noch ein wenig rollen lässt, kommt automatisch zum Västerhamn, der kleiner nicht sein könnte.
Zwei bullige Lotsenboote belegen die lange Seite des Beckens, ein paar Kajütboote der Einheimischen, dazu eine Handvoll RIBs und Angelkähne. Das größte Gebäude – und das einzige Auto, ein weißer Volvo – gehören dem Sjöfartsverket, der Seefahrtsbehörde.
Hier ist was los, auch wegen der Festlandsfähre, die gerade ihre erwartungsfrohe Fracht entlädt, Ausflügler und Urlauber. Die meisten Stimmen kommen von der Terrasse der Saltboden Kök, einer Mischung aus Küche, Kneipe und Kiosk, wie man sie nur auf kleinen Inseln findet. Das winzige Innere ist urig. Am Tresen bekommt man Landsort Lager, Sandwiches und Räucherfisch. Nur der Vollständigkeit halber: Es gibt auch ein „richtiges“ Restaurant, Svedtiljas på Landsort.
Wieder auf dem Rad und weiter auf dem Hauptweg kommt man zum Kummelhålet, einem typischen Naturbad auf den warmen Uferfelsen, gut belegt mit Sonnenhungrigen. Kein Wunder, hier auf der Leeseite Öjas ist von dem aufgekommenen Wind nichts zu spüren, das Wasser ist glatt und kristallklar. Voraus ragt schon Landsorts Fyr auf.
Vorbei an allerlei Kunst, abwechslungsreichen und wetterfesten Plastiken örtlicher Bildhauer (eine schöne Idee, die eigene Insel zu schmücken), und am Vandrarhem geht es schließlich bergauf – und hier kommt mein Ein-Gang-Gefährt an seine Grenzen. Die letzten Meter werden geschoben, noch ohne Rad eine Treppe hinauf, dann stehen wir auf einer kleinen Wiese im mächtigen Schatten des Leuchtturms.
Die Aussicht ist grandios: Im Norden der schmale Rücken Öjas, dann mehr Schären und das Festland. Voraus die Spitze von Landsort. Im Westen ist das Meer in Lee noch ruhig, im Osten schon aufgeraut, ein dunkleres Blau. Irgendwo dort draußen ist die Ostsee so tief wie nirgends sonst. Man ahnt es nicht.
Stetig geht der Wind über uns. Der Leuchtturm spürt ihn nicht, seine glatte Fassade und das frische Farbkleid täuschen darüber hinweg, dass er schon seit mehr als 300 Jahren hier oben steht: 1689 errichtet, ist er der älteste Leuchtturm Schwedens. Wenn man sich den Aufsatz wegdenkt, der erst seit 1870 das neue Laternenhaus bildet, wirkt er tatsächlich wie ein Festungsbau, der sich durch nichts erschüttern lässt.
In seinem Windschatten hat jemand für Besucher einen Tisch aufgestellt, von der Sonne beschienen. Dazu zwei Stühle mit Blick in die Ferne. Man kann gar nicht anders, als zu bleiben.

Ressortleiter Reise