AustralienDreaming Down Under – die Whitsunday Islands

Jan Jepsen

 · 15.01.2026

Bootsmekka Down Under: Weiße Sandbänke zwischen tropischen Inseln.
Foto: Jan Jepsen
Im Schutz des Great Barrier Reefs liegt eines der außergewöhnlichsten Charterreviere weltweit: die Whitsunday Islands vor der Nordostküste Australiens. Ein subtropischer Traum – zumindest über dem türkisenen Wasser.

​Am Anfang war ein Foto. Wie eine australische Antwort auf das deutsche Wattenmeer. Dieser Strand, diese Farben, diese Sandbänke, diese Sehnsucht. Da wollte ich hin. Die Whitsunday Islands gehören zu den schönsten Revieren der Welt. Gleich hinter dem Great Barrier Reef sind sie gut geschützt vor der pazifischen Dünung.

​Bootsmekka down under - die Whitsunday Islands

Hierzulande ist der traumhafte Archipel weitgehend unbekannt. Das liegt in erster Linie an der enormen Distanz. Unter 30 Stunden Anreise ist das aus Deutschland kaum zu schaffen. Die Frage, die sich einem Mitteleuropäer stellt: Lohnt die weite Reise? Was ist mit lokalen Besonderheiten, auf die man gern verzichten kann? Seewespen und saisonale Würfelquallen zum Beispiel, oder Haie, die es das ganze Jahr über gibt. Wir werden sehen.


​Nicht ganz so ferne Törntipps für die nächste Saison lesen Sie hier


Ausgangspunkt für einen Törn in den Archipel ist der kleine Ort Airlie Beach in Queensland. Als Erstes fallen einem die vielen Ausflugsboote auf. Und das riesige Freibad gleich neben dem Strand. Das hat, wie gesagt, Gründe, weshalb man nicht so bedenkenlos ins Meer springt wie anderswo, erzählt uns Luke.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

​Dos and Dont’s auf den Whitsunday Islands

Luke ist professioneller Briefer. Seine vierstündige Instruktion ist obligatorisch und beginnt morgens um acht Uhr dreißig am ersten Tag der Charter. Von ihm erfährt der Chartergast die Regeln im Marinepark und Weltnaturerbe der Whitsundays, die Dos and Don’ts. Naturschutz wird in Australien nahe dem Great Barrier Reef besonders groß geschrieben.

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Teil eins des Briefings beinhaltet allgemeine Regeln und Beschränkungen im Revier: Welche der zahlreich ausgelegten und farblich unterschiedlich markierten Murings für welche Schiffsgröße vorgesehen sind. Weiter erfährt man (etwas irritiert), dass man bereits ab 16 Uhr nachmittags nicht mehr fahren und stattdessen an einer der zahlreichen Murings festgemacht haben sollte.

​Regeln, Rotstift und Sperrstunde

Lukes Erklärung ist so simpel wie verblüffend. Er sagt: „Sorry, but … die Vercharterer wollen späten Irrfahrten zwischen den Riffen vorbeugen.“ Offenbar hat man so seine Erfahrungen gemacht. Also Havarien durch unerfahrene Skipper. Was wiederum wenig bis gar nicht verwundert, wenn man im nächsten Satz erfährt, dass auf den Whitsundays offenbar jeder eine Yacht führen kann. So etwas wie ein amtlicher Bootsführerschein ist hier nämlich nicht erforderlich. Das Wollen ist wesentlich wichtiger als das Können. Wer also über keinerlei Vorkenntnisse verfügt und dennoch in See stechen will, kann (und sollte) wenigstens einen kleinen Crashkurs buchen.

Das erklärt natürlich einiges. Nicht nur die frühe Sperrstunde am Ende jedes Törntags, sondern auch den dicken roten Edding in den Seekarten, die Luke mit uns durchgeht. Jede Menge handschriftlich eingezeichnete Anmerkungen und Ausrufezeichen: Passagen, die wegen starker Strömung nicht befahren werden dürfen, Riffe, die weiträumig zu meiden, und ganze Buchten, die ebenfalls tabu sind.

Mit anderen Worten: Ein Skipper sieht erst mal Rot. Als hätte er es mit dem anspruchsvollsten und gefährlichsten Revier auf Erden zu tun. Noch dazu einem Gezeitenrevier. Selbst die erfahrenste Crew bleibt angesichts dieser Fülle an Warnungen etwas verunsichert zurück. Ob zu Recht oder zu Unrecht, wird sich zeigen. Leinen los und ab dafür!

​Die Whitsunday Islands sind Paradies - aber kein Badeparadies

Wir verlassen das Festland und nehmen Kurs auf den Archipel. Nach so vielen roten Strichen tut der Blick auf einen blauen Horizont und die grünen Inseln doppelt gut. Und kaum auf dem Wasser, fühlt sich alles wie immer an. Nur etwas sonniger und türkiser als sonst. Die Brise steht, das Boot läuft. Und Haiflossen sind auch keine zu sehen. Doch das täuscht …

Unser erster Liegeplatz liegt genau voraus auf Hook Island. Ein kurzer Schlag nur, dafür ein sicherer Ankerplatz für die erste Nacht. Eine tief eingeschnittene Bucht wie ein tropischer Fjord. Bei allen Bedingungen gut geschützt. Das wissen wohl auch die Haie. Das Nara Inlet ist als eine ihrer Brutstätten und Kinderstuben bekannt. Vom Baden wird abgeraten. Erst recht in der Dämmerung. Wir wurden explizit gewarnt: Erst kürzlich gab es zwei Vorfälle. Einer glimpflich, der andere tödlich. Sprünge von Bord sind daher unbedingt zu vermeiden. Geplansche macht die Raubtiere neugierig.

Kaum geankert, geht es trotzdem runter auf die Badeplattform – es ist die Macht der Gewohnheit. Noch mit der deutlichen Warnung im Ohr mag man aber nicht mal die Füße reinhalten. Eine völlig neue Erfahrung. Und ehrlich gesagt nicht die schönste. Wo doch sonst alles nach Abkühlung schreit …

​Backpacker-Mekka Whitehaven Beach

Tags drauf dann beste Bedingungen. Sonne satt. Und in jede Richtung ein mögliches Ziel. Man sieht Ausflugsschiffe aller Art – mit und ohne Masten. Manch alte Regattayacht sieht aus wie ein Flüchtlingsschiff, bei der Menge an Backpackern an Bord. Die meisten Boote nehmen Kurs auf den Whitehaven Beach, mit jenem mehrfach ausgezeichneten Strand, den wir an diesem Sonntag aber wohlweislich meiden. Wir fahren erst mal um des Fahrens willen. Ohne Ziel, ohne Eile. Buchten und Ankerplätze gibt es genug. Und immer findet sich schnell eine Leeküste, sollte es mal zu windig oder wellig werden.

Die Inseln selbst sind landschaftlich ein wilder Mix, wie eine tropische Antwort auf Skandinavien. Mit dichtem Bewuchs, Stränden wie in der Karibik – und einem Tidenhub von bis zu vier Metern. Bei entsprechender Strömung: In engen Passagen können es stramme fünf Knoten sein. In den Karten sind sie gut am roten Edding zu erkennen. Das sollte man beim Navigieren mit einkalkulieren. Die meisten Durchfahrten sind um Stau- oder Niedrigwasser herum aber kein Problem.

​Nicht zu unterschätzen: Die Whitsunday Islands sind ein Tidenrevier

Überhaupt der erste Eindruck bei moderaten Bedingungen: Wenn man bereits Erfahrungen mit Tidengewässer hat, ist das Revier einfacher, als es all die Instruktionen und Fußnoten in den Seekarten suggerieren. Beispielsweise sind in den beliebten Buchten überall weiße, pyramidenförmige Bojen ausgebracht, um die Korallen vor Yachten zu schützen – und umgekehrt. An den beliebtesten Ankerplätzen liegen Murings aus. Unterschiedlich groß mit farbiger Kennung für die verschiedenen Schiffsgrößen. Tagsüber darf man dort zwei Stunden bleiben, wer kurz vor Schluss kommt, auch kostenlos über Nacht. Tatsächlich haben wir den Anker nur ein einziges Mal bemüht.

Wir nehmen Kurs auf Hayman Island, den nördlichsten Punkt des Reviers. Diese schöne Insel gleicht mit ihren hohen Klippen, der üppigen Vegetation, dem weißen Sand und dem türkisfarbenen Wasser einer tropischen Postkarte. Passend dazu die Blue Pearl Bay. Am Strand finden sich tonnenweise Korallenbruchstücke. Leider. Die Verwüstungen und Überbleibsel eines Hurrikans, der die Bucht besonders hart traf. Trotzdem wagen wir, inspiriert durch die Ausflugsschiffe um uns herum, einen ersten Schnorchelgang. Nicht ohne zuvor den sogenannten Stinger Suit anzuziehen, einen Neoprenanzug, der uns vor den Quallen schützt, die zwischen den Inseln seltener sein sollen als am Festland.

Haie und Quallen: der größte Downer Down Under

Die Jellyfish-Season ist zwischen Oktober und Mai. Es gibt zwei Arten, mit denen ein Kontakt äußert fatal bis letal verlaufen kann. Die Wahrscheinlichkeit einer Begegnung ist zwar gering, kann aber nicht ausgeschlossen werden, weshalb sich in der Bordapotheke auch literweise Essig für die Erste Hilfe befindet. Was allerdings nicht gegen die Haie hilft. Die Lust auf Baden ist empfindlich gedämpft. Bisher der größte Downer bei unserem Törn in Down Under.

Nächste Insel, nächster Stopp in der Butterfly Bay – schon allein wegen des Namens. Eine Zwillingsbucht in schöner Landschaft. Auch hier gibt es einen Schnorchelstopp. Allerdings entscheiden wir uns für einen Strandgang. Fahren Slalom mit dem Dingi um die Korallenköpfe und müssen die Tide im Auge behalten. Damit man nicht länger am Strand festhängt, als einem lieb ist. Egal wie schön er ist. Leider gibt es hier keinen ausgeschilderten Bushwalk. An Tag drei nehmen wir dann selbst Kurs auf das Highlight der Inseln – den Whitehaven Beach. Acht Kilometer lang, mehrfach prämiert. Ein Strand der Superlative. Nicht zuletzt weil der Sand einen Quarzgehalt von nahezu 99 Prozent aufweist. Er gilt mit einem offensichtlich hohen Anteil an Ausscheidungen von Papageifischen als einer der weißesten und schönsten Strände der Welt.

​Das Paradies auf Erden

Optisch noch spektakulärer allerdings ist das Hill Inlet – ein Meeresarm, der sich hinter dem Strand ins Inselinnere schlängelt. Wir kommen rechtzeitig bei einsetzender Ebbe und schnappen uns eine Muring in der benachbarten Tongue Bay. Mit dem Dingi kann man an Land übersetzen und sich dem Meeresarm von Land aus nähern. Über einen Pfad gelangt man zu einer Aussichtsplattform. Der Blick ist atemberaubend. Das Hill Inlet ist ein Gesamtkunstwerk, ein Sandbankgemälde. Im seichten Wasser der Lagune schwimmen Stachelrochen und kleine Schwarzspitzen-Riffhaie. Und mitten in dieser Pracht ein ankernder Katamaran. Mehr geht nicht. Oder doch?

Wir nehmen Kurs auf den südlichen Archipel. Das Schiffsaufkommen nimmt rapide ab. Die Einsamkeit zu. Plötzlich trübt sich das Wasser, als kreuzten wir durch Gletschermilch, ein Aquarell in unterschiedlichsten Türkistönen. In der nächstbesten Bucht werfen wir den Anker und lassen die Drohne fliegen. Je höher sie steigt, desto größer der Effekt: ein gigantischer Wasserwirbel, durch die Strömung ins Meer gezeichnet. Was ich auf dem Display sehe, blickt regelrecht zurück – wie ein göttliches Auge. Der Rest ist Staunen und Schweigen. Ein Bild sagt schließlich mehr als tausend Worte.


Revierinfos

Das Revier

Der Archipel der Whitsunday Islands besteht aus 74 Inseln vor der Küste des Bundesstaates Queensland im Nord­osten Australiens. Die mittlere Entfernung zur Küste beträgt ­etwa 10 Seemeilen, die längste Ausdehnung der Inselgruppe beläuft sich auf 20 Seemeilen.

Die Whitsunday Islands liegen geschützt zwischen Festland und dem Great Barrier Reef. Die größte Insel ist Whitsunday. Namensgeber war Kapitän James Cook, der sie an Pfingsten (engl. „Whitsunday“) 1770 mit seinem Schiff „Endeavour“ passierte. Aufgrund seiner guten Erreichbarkeit ist der Archipel ein beliebtes Ausflugsziel und eines der am stärksten frequentierten Bootsreviere im südwestlichen Pazifik. Das Klima ist das ganze Jahr hindurch subtropisch, in der Wintersaison (von Juni bis August) liegt die Durchschnitts­temperatur bei angenehmen
23 Grad Celsius.

Literatur und Seekarten

Das Standardwerk mit allen Detailinfos zum Revier ist „100 Magic Miles of the Great Barrier Reef“ (Imray), erhältlich auf 100magicmiles.com (95 Euro inkl. Porto). Die Kartenblätter AUS 824 und AUS 825 (Admi­ralty) decken das Revier im Maßstab 1:150.000 ab (57,90 Euro), erhältlich unter anderem bei hansenautic.de


Meistgelesen in der Rubrik Reisen