Canal du MidiFrankreichs schönste Abkürzung - Von Argens-Minervois bis Capestang

Jill Grigoleit

 · 03.09.2026

Die Pénichette Neo von Riverly vor der malerischen Kulisse von Le Somail am Canal du Midi.
Foto: Jill Grigoleit

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Einst gebaut, um den Warenverkehr zwischen Mittelmeer und Atlantik zu beschleunigen, ist der Canal du Midi heute ein Revier zum Entschleunigen. Wir haben den östlichen Abschnitt des wohl berühmtesten Hausbootreviers der Welt erkundet. Ein Törnbericht in drei Teilen. Teil 1: Von Argens-Minervois bis Capestang.

​Langsam nähern wir uns dem scheinbar viel zu kleinen steinernen Bogen. Vom oberen Steuerstand aus wirkt das Boot viel zu breit und zu hoch für die Brücke vor uns. Obwohl ich natürlich weiß, dass die Hausboote im Revier auf die historische Infrastruktur zugeschnitten sind, melden sich leise Zweifel. Ein letztes Mal korrigiere ich den Kurs mit Bug- und Heckstrahlruder um möglichst gerade auf die Öffnung zuzusteuern. Als der Bug in den Schatten der Brücke tritt, nehme ich das Gas weg und lasse es treiben. Bereits sitzend ziehen wir die Köpfe ein. Links und rechts sind nur wenige Zentimeter Platz zwischen den uralten Gemäuern und den nigelnagelneuen Edelstahlstreben des zusammengeklappten Bimini. Dass wir dieses während der Fahrt lieber nicht aufstellen sollten, hatte man uns vor der Abfahrt noch eingeschärft. Bei der sengenden Hitze jetzt im Juli wäre ein bisschen Schatten zwar nett, aber ausgestattet mit Mütze, nassen Tüchern und einer extra Portion Sonnencreme genieße ich den Ausblick von hier oben.

Das berühmteste Hausbootrevier der Welt?

Wir sind unterwegs im wohl berühmtesten Hausbootrevier Frankreichs, wenn nicht gar der Welt. Der Canal du Midi gilt für viele Freizeitskipper, aber auch für Menschen, die noch niemals Boot gefahren sind, als absolutes Traumziel. Auf unserem einwöchigen One-Way-Törn von Argens-Minervois bis nach Lattes bei Montepellier begegnen uns Crews aus aller Welt, sogar Boote unter australischer Flagge liegen am Ufer der historischen Wasserstraße. Einmal mit dem Hausboot über den Canal du Midi zu fahren, scheint bei vielen weit oben auf der Bucket-List zu stehen. Und so zieht einer der ältesten noch befahrbaren Kanäle Europas jedes Jahr Millionen von Besucher und rund 50.000 Hausbooturlauber aus der ganzen Welt an.

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An der Riverly Basis in Argens-Minervois übernehmen wir eine fast werftneue Pénichette Neo. Das Modell wurde von Riverly als Weiterentwicklung der traditionellen Pénichettes eingeführt und bietet auf 13,45 Meter Länge und vier Meter Breite viel Komfort für bis zu sechs Personen. Ein ideales Boot für einen Familienurlaub. Auch wir haben auf diesem Törn zwei Kinder mit an Bord, die sofort die beiden Bugkabinen mit jeweils eigenen Nasszellen in Beschlag nehmen und sich häuslich einrichten. Einziger Wermutstropfen für die Wasserratten: Baden ist im Canal du Midi strengstens verboten. Grund ist neben dem regen Verkehr vor allem die schlechte Wasserqualität. Dafür aber verspricht das Revier Entschleunigung pur, abwechslungsreiche Landschaften, historische Schleusen und verschlafene Dörfer am Ufer. Und gegen Ende des Törns lockt die Abkühlung im Étang de Thau und vielleicht sogar im Mittelmeer. Bis dahin aber wollen wir den ganz besonderen Charme dieser historischen Wasserstraße genießen.

Der Canal du Midi: ein schleusenreiches Revier

Vor uns liegen 185 Kilometer und 17 Schleusen. Kurz nachdem wir die schmale Ausfahrt des Hafens von Argens hinter uns gelassen haben, erreichen wir die erste Schleuse. Dahinter beginnt der längste schleusenfreie Abschnitt des Canal du Midi. Rund 54 Kilometer sind es ab hier bis zu den berühmten Schleusentreppen bei Béziers. Doch zunächst muss meine noch schleusenunerfahrene Crew diese erste kleine Herausforderung meistern, bevor sie sich zurücklehnen und entspannen kann. Als wir an der Wartestelle ankommen, sind alle Plätze belegt. Mit der Bugleine erwischen wir gerade so den letzten Poller, doch der mit 5-6 Beaufort starke Wind drückt unser Heck immer wieder in die Fahrrinne, ein Aussteigen seitlich über das hohe Schilf ist unmöglich. Gott Sei Dank ist das Boot mit einem Heckstrahlruder ausgestattet, so dass ich es immer wieder gegen den Wind Richtung Ufer bringen kann. Mit der zweiten Schleusung zu Tal sind wir dran und die Anspannung fällt ab.

Ab jetzt heißt es: ankommen, genießen und staunen. Während sich der Kanal durch die steppenartige Landschaft schlängelt, hören wir außer dem beständigen Gurgeln am Heck nichts als das laute Zirpen der Zikaden. Am Horizont sehen wir die dichten Rauchsäulen der Waldbrände, die seit ein paar Tagen weiter südöstlich wüten. Zu der seit Wochen anhaltenden Trockenheit kommt nun auch noch der starke Wind, der wie ein heißer Fön über die ausgedörrte Landschaft fegt. Man kann sich kaum vorstellen, dass hier irgendetwas gut gedeiht. Doch das Minervois ist ein berühmtes Weinbaugebiet. Angepasste Rebsorten wie Syrah, Grenache, Mourvèdre und Carignan vertragen starke Sonne und Hitze von Natur aus sehr gut. Und die kargen Terrassen aus Kalkstein leiten Regenwasser tief in den Boden, wo es die Wurzeln auch im Sommer versorgt.

Brücken über Brücken

Wir passieren mehrere Brücken, mal unten durch und mal darüber hinweg. Insgesamt gibt es entlang des Kanals 55 Aquädukte und sieben Kanalbrücken, die ihn über natürliche Flüsse und Bäche leiten – eine historische Meisterleistung. Wer heute mit dem Hausboot über den Canal du Midi tuckert, bewegt sich auf den Spuren einer ziemlich gewagten Idee. Mitte des 17. Jahrhunderts erkannte Pierre-Paul Riquet, ein wohlhabender Steuereintreiber, an der Wasserscheide von Naurouze ein erstaunliches Naturphänomen: Hier teilt sich das Wasser – ein Teil fließt Richtung Atlantik, der andere zum Mittelmeer. Riquet entwickelte daraus den Plan für eine schiffbare Verbindung zwischen den beiden Meeren, gespeist von den Bächen und Flüssen der Montagne Noire. Unter Ludwig XIV. wurde seine Vision schließlich Wirklichkeit. Von 1667 bis 1681 entstand der rund 240 Kilometer lange Canal du Midi – mit Schleusen, Aquädukten, Brücken und sogar Tunneln. Riquet selbst erlebte die Fertigstellung nicht mehr: Er starb wenige Monate zuvor, finanziell ruiniert. Sein Kanal aber machte die gefährliche Seereise um die Iberische Halbinsel überflüssig und ist seit 1996 UNESCO-Welterbe.

Der ursprünglich grüne Charakter des Canal du Midi

Streckenweise schmiegen sich kleine mediterrane Ortschaften mit mittelalterlichen Anlagen an die Uferhänge. Der erwartete grüne Tunnel einer schattigen Platanenallee aber, wie wir sie von Bildern kennen, bleibt zumindest auf dieser ersten Etappe aus. Stattdessen säumen zarte, noch kaum schattenspendende Jungbäume das Ufer. Immer wieder begegnen uns Arbeiter, die mit Bewässerungsfahrzeugen die junge Allee entlangfahren und die Bäume mit Wasser versorgen. Der Grund für das ungewohnte Bild ist eine Krankheit, die den Canal du Midi in den vergangenen 20 Jahren drastisch verändert hat: Der Platanenkrebs, eine Pilzerkrankung, hat die charakteristischen Bäume befallen. Seit 2006 mussten deshalb zehntausende Platanen gefällt werden, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Nun wächst eine neue Allee heran – mit resistenteren Baumarten wie Linden, Ahorn und Pappeln. Bis 2030 soll der grüne Charakter des Kanals wiederhergestellt werden. Auch Riverly beteiligt sich an der Initiative zur Wiederbepflanzung des Canal du Midi.

Le Somail - ein Dorf im Dornröschenschlaf

Am frühen Nachmittag erreichen wir unser erstes Etappenziel le Somail. Das malerische Dorf macht seinem Namen („sommeil“ zu dt. schlafen) alle Ehre und wirkt in der Mittagshitze wie im Dornröschenschlaf. Leider ist auch der in den Reiseführern beworbene schwimmende Lebensmittelladen La Péniche Épicerie geschlossen. Normalerweise versorgen sich Hausbootfahrer auf dem grünen Lastkahn mit frischem Baguette und regionalen Lebensmitteln. Ganz in der Tradition des Ortes, der bereits 1680 als „Couchée“, als Versorgungs- und Übernachtungsstation der Reisenden auf Postbooten diente. Wir versorgen uns stattdessen vorzüglich in einem der Restaurants am Ufer mit Blick auf die markante Bogenbrücke und die Kapelle und holen uns danach am anderen Ufer ein Eis. Direkt neben dem Eiscafé weist ein handgeschriebenes Schild auf die versteckte Attraktion des Ortes hin: das Antiquariat „Le Trouve-Tout du Livre“ von Madame Gourgues. Man kommt sich vor wie Alice im Kaninchenbau, wenn man aus der sengenden Hitze kommend durch den unscheinbaren Eingang in die kühle Höhle der „Librairie Ancienne“ tritt und sich nach ein paar Metern ein wahres Paradies für Bücherfreunde auftut. Mehr als 50.000 Bücher in verschiedenen Sprachen und zu allen möglichen Themenbereichen stapeln sich hier bis unter die Decke des ehemaligen Lagerhauses, von antiquarischen und seltenen Exemplaren bis zu gebrauchten Romanen, Comics, Kunst- und Sachbüchern – ein magischer Ort.

Willkommene Zufluchten vor der Hitze

Unser nächstes Ziel ist Capestang. Und das erste Mal führt uns der Kanal durch einen jener grünen Tunnel, die wir vor Augen hatten. Wunderschöner alter Baumbestand spendet uns für eine Weile den ersehnten Schatten. Das Konzert der Zikaden ist fast ohrenbetäubend laut. Vor einer wieder einmal sehr schmalen Brücke gebe ich ein Warnsignal, weil dahinter eine nicht einsehbare Kurve liegt. Da ich keine Rückmeldung bekomme, halte ich meinen Kurs. Doch im letzten Moment taucht ohne Vorwarnung der Bug eines entgegenkommenden großen Hausboots auf. Nicht ärgern, Rückwärtsgang, ausweichen, passieren lassen – und weiter geht‘s.

Die Pont de Saïsse in Capestang gilt als eine der niedrigsten und schmalsten Brücken des gesamten Abschnitts. Mit nur wenigen Zentimetern Luft zu beiden Seiten und kaum mehr über unseren eingezogenen Köpfen fahren wir hindurch und ergattern dahinter einen der letzten freien Liegeplätze. Bei 32 Grad verzichten wir auf eine Weiterfahrt in der prallen Sonne und suchen stattdessen Zuflucht in der mittelalterlich geprägten und schattigen Altstadt. Die mächtige Collégiale Saint-Étienne überragt die terrakottafarbenen Dächer, rund um den Marktplatz führen enge Gassen durch den Ort. Wir besorgen frisches Baguette und bunte Macarons in einer kleinen Boulangerie und genießen, zurück an Bord, die langsam nachlassende Hitze und das angenehme Abendlicht.

Fortsetzung folgt


​Törninformationen

​Das Revier

Insgesamt ist der Canal du Midi 240 km lang und von 63 historischen Schleusen, 136 Brücken und 55 Aquädukten gesäumt. Unsere Etappe: Einwegfahrt von Argens-Minervois bis Lattes. Eine Woche ist für die 185 Km mit 17 Schleusen knapp bemessen. Wer zwischendurch länger anlegen, Orte erkunden oder einfach einmal einen Nachmittag an Bord vertrödeln möchte, sollte besser zehn Tage einplanen – idealerweise mit Fahrrädern an Bord. Tipp: Wer den Étang de Thau überquert, sollte den Abwassertank vorher unbedingt leeren. Auf dem Canal du Midi gibt es dafür mehrere Möglichkeiten, danach wird es schwierig. Wegen der empfindlichen Austern- und Muschelzucht ist das Ablassen von Abwasser auf dem Étang streng verboten. Ab einer Windstärke von 4 Bft ist eine Überfahrt des Étang de Thau nicht erlaubt.

Charter

Riverly ist 2026 aus dem Zusammenschluss der beiden französischen Hausboot-Pioniere Locaboat und Nicols entstanden. Die beiden Unternehmen bringen jahrzehntelange Erfahrung im führerscheinfreien Flusstourismus mit: Locaboat ist seit 1977 im Geschäft, Nicols seit 1986. Heute verfügt Riverly über mehr als 550 Hausboote an 39 Stützpunkten in sieben europäischen Ländern. Tel. +49 761 207370, www.riverly.com

Die Preise hängen von Saison, Reisedauer, Route und Bootstyp ab. Eine Woche ist in der Nebensaison ab etwa 1.120 Euro erhältlich; für die Sommermonate liegen die Preise je nach Boot und Termin entsprechend höher. Preisbeispiel: Eine Woche mit dem neusten Modell, Pénichette Neo für bis zu sechs Personen auf der Einwegstrecke Argens-Minervois–Lattes kostet im Juli rund 5.000 Euro. Hinzu kommen Extras wie Kraftstoff, Endreinigung und weitere Serviceleistungen.

Das Boot

Die Pénichette Neo ist ein modernes Hausboot, das den klassischen Look eines traditionellen Flussschiffs mit zeitgemäßem Komfort verbindet. Auf 13,45 Metern Länge und vier Metern Breite bietet sie Platz für bis zu sechs Personen in drei Schlafkabinen, die jeweils über ein eigenes Bad mit Dusche und elektrischem WC verfügen. Gesteuert wird vom Innensteuerstand oder vom Steuerstand auf dem Oberdeck. Bug- und Heckstrahlruder erleichtern das Manövrieren, insbesondere in engen Schleusen und bei niedriger Geschwindigkeit.

Der helle Salon ist klimatisiert, die Küche modern ausgestattet. Eine umlaufende Reling sorgt für Sicherheit an Deck und ist auch für Familien mit Kindern geeignet. Auf dem Oberdeck befinden sich eine Sommerküche mit Gasplancha, Spüle und Kühlbox sowie Sonnenliegeflächen. Ein Bimini spendet Schatten – muss auf dem Canal du Midi wegen der vielen niedrigen Brücken während der Fahrt allerdings eingeklappt bleiben.


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Jill Grigoleit

Jill Grigoleit

Redakteurin Reise

Jill Grigoleit lebte zehn Jahre mit ihrer Familie auf einem Hausboot im eigenen Hafen südlich von Hamburg und schrieb ein Buch über den Hausbootbau und das Leben mit Kindern auf dem Wasser. Seit 2020 schreibt sie vor allem Reisereportagen und Revierporträts für YACHT und BOOTE und konnte damit ihre zwei großen Leidenschaften zum Beruf machen: Reisen und darüber schreiben. Seit Januar 2024 gehört sie fest zum Team des Reiseressorts der Wassersportredaktion von Delius Klasing. Seither sammelt sie in den verschiedensten Regionen Reviertipps und Geschichten über Menschen, die am und auf dem Wasser leben - von der Mecklenburgischen Seenplatte über die bretonische Küste bis ins kanadische Ontario.

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