Jill Grigoleit
· 05.09.2026
Einst gebaut, um den Warenverkehr zwischen Mittelmeer und Atlantik zu beschleunigen, ist der Canal du Midi heute ein Revier zum Entschleunigen. Wir haben den östlichen Abschnitt des wohl berühmtesten Hausbootreviers der Welt erkundet. Ein Törnbericht in drei Teilen. Teil 2: Von Capestang bis Marseillan.
Bevor wir am nächsten Morgen in Capestang ablegen, nutzen wir die Abpumpstation. Erst in den vergangenen Jahren hat die VNF (Voies navigables de France) ein flächendeckendes Netz an Selbstbedienungsanlagen für die Abwassertankentleerung entlang des Kanals ausgebaut. Jahrzehntelang wurde das Abwasser der Freizeitboote einfach in den Kanal eingeleitet. Zum Teil passiert das auch heute noch, denn eine generelle Pflicht für einen Fäkalientank auf allen Hausbooten gibt es auf dem Canal du Midi weiterhin nicht, nur für Boote, die seit 2008 neu zugelassen wurden, für ältere Boote gilt der Bestandschutz. Inzwischen aber gibt es immerhin etwa alle 15 bis 20 Kilometer Abpumpanlagen.
Mit geleertem Tank geht es weiter. Dicht an dicht liegen am Ufer Hausboote, manche offensichtlich dauerhaft bewohnt, mit kleinen, liebevoll gepflegten Decksgärten und Vorhängen im Bullauge. Wäsche flattert zwischen den Aufbauten im Wind. Dazwischen liegen die Gegenentwürfe dazu: verwaiste, heruntergekommene Bootsleichen, von Pflanzen überwuchert und sich selbst überlassen gibt es hier einige – aufgegebene Träume vom Leben auf dem Wasser.
Nach einem beinahe dschungelartigen Abschnitt mit meterhohem Schilf wartet ein weiteres Meisterstück der Baukunst auf uns: der Tunnel du Malpas war der erste für einen Kanal gegrabenen Tunnel der Welt. 160 Meter lang führt er durch den Hügel von Ensérune. Riquet ließ ihn 1679/80 durch den Hügel treiben, obwohl der Untergrund als problematisch und instabil galt und sein Vorhaben auf Widerstand stieß. Mit der Einfahrt verschwindet das gleißende Sonnenlicht, die Wände rücken dicht an uns heran. Der helle, poröse Kalkstein ist von unzähligen Löchern übersät. Im schräg einfallenden Licht wirkt das Gestein wie ein riesiger Schwamm. Ein paar Minuten später schiebt sich der Bug wieder ins Tageslicht.
Am frühen Nachmittag erreichen wir das vielleicht spektakulärste Bauwerk am Canal du Midi: die Schleusentreppe von Fonseranes. Perfektes Timing: Das Tor öffnet sich gerade, und wir können als drittes Boot direkt hineinfahren. Ursprünglich bestand die Échelle de Fonseranes aus zehn Schleusenkammern, heute sind noch sieben davon in Betrieb. Auf einer Strecke von rund 280 Metern wird ein Höhenunterschied von 21,5 Metern überwunden. Während wir uns von Kammer zu Kammer absenken, verfolgen zahlreiche Schaulustige das Schauspiel. Für viele Besucher von Béziers ist die historische Schleusentreppe auch vom Land aus ein Höhepunkt. Pro Boot gehen zwei Crewmitglieder an Land und nehmen von Kammer zu Kammer die Leinen mit. An einer Stelle führt die Schleusung unter einer Brücke hindurch, hier müssen die Leinen an Bord geworfen und dahinter wieder angenommen werden.
Nach der letzten Kammer biegen wir rechts ab und fahren direkt auf die Pont-Canal de l’Orb zu. Auf der rund 140 Meter langen Kanalbrücke überqueren wir den Orb. Bevor die Trogbrücke 1857 fertiggestellt war, mussten die Kanalschiffe das Flussbett des launischen Orb überqueren. Heute liegt der Fluss zwölf Meter unter uns, während sich linkerhand die Altstadt von Béziers mit der mächtigen Silhouette der Kathedrale Saint-Nazaire auf dem Hügel erhebt.
Gegen 15 Uhr machen wir im Port Neuf fest. Zeit für einen Landgang in der Geburtsstadt Pierre-Paul Riquets, deren wirtschaftlicher Aufstieg eng mit dem Kanal verbunden war. Nach dem Aufstieg hoch zur Altstadt geht es durch schattige Gassen bis zur Kathedrale und dann über eine hölzerne Passerelle an den alten Befestigungsmauern entlang wieder hinunter zum Orb und zur Pont Vieux.
Am nächsten Morgen geht es weiter Richtung Mittelmeer. Der Verkehr auf dem Kanal nimmt leicht zu, am Ufer wird gerade die Böschung beschnitten und die Wasseroberfläche gleicht einem grünen Teppich. Beim Aufstoppen, um ein anderes Hausboot passieren zu lassen, fangen wir uns prompt einen Büschel Ufergras in der Schraube ein. Vorwärts, rückwärts, wieder vorwärts – mit etwas Glück arbeitet sich das Gras von selbst frei und unser Boot nimmt nach dem kurzen Schreckmoment wieder Fahrt auf.
Mit der Rundschleuse von Agde wartet noch einmal ein besonderes Stück Kanalgeschichte auf uns. Die 1675/76 von Riquet errichtete Écluse Ronde ermöglichte dank ihrer drei Ausgänge ursprünglich die Verbindung zwischen Canal du Midi, Hérault und dem Kanalarm nach Agde. Ihre ungewöhnliche Form erlaubte es den Booten, innerhalb der Schleuse die Fahrtrichtung zu wechseln. Heute ist sie nach mehreren Umbauten zwar nicht mehr ganz rund – außergewöhnlich bleibt sie trotzdem.
Am Nachmittag dann der große Szenenwechsel. Nach rund 240 Kilometern mündet der Canal du Midi in den Étang de Thau. Nach Tagen zwischen engen Ufern, niedrigen Brücken und schattigen Baumalleen öffnet sich vor uns plötzlich eine riesige Wasserfläche. Das Wasser wechselt seine Farbe von milchig-braun zu tiefblau, am Horizont ist kaum noch ein Ufer zu erkennen. Eine Segelbootregatta zieht an uns vorüber. Prompt kommt eine Gruppe auf einem Schlauchboot auf uns zugerast und bedeutet uns, nicht auf direktem Weg dem Tonnenstrich nach Marseillan zu folgen, sondern einen Bogen zu fahren. Mit etwas sorgenvollem Blick auf das Echolot tue ich wie mir geheißen und versuche der Regatta auszuweichen, ohne auf Grund zu laufen. Das Wasser hier ist so klar, dass es einem so vorkommt, als könnte man die Felsen unterm Bug mit ausgestrecktem Arm berühren. Doch glücklicherweise erreichen wir schließlich ohne Grundberührung den Hafen von Marseillan. Und spätestens hier ist das Mittelmeerfeeling endgültig da: volle Bars an der Promenade, der Duft von Fischrestaurants, fröhliches Stimmengewirr und der erste Hauch von Meeresluft.
Marseillan lebt seit jeher vom Wasser. Der Étang de Thau ist eines der wichtigsten Austernzuchtgebiete Frankreichs, und überall rund um die Lagune prägen Austernbänke und Muschelfarmen das Bild. Wer mag, kann die Austern direkt vor Ort probieren – frischer geht es kaum. Doch Marseillan hat noch eine andere kulinarische Spezialität zu bieten: Seit 1813 wird hier der berühmte Wermut Noilly Prat hergestellt. Im Maison Noilly Prat kann man mehr über die Geschichte des traditionsreichen Aperitifs erfahren – und sehen, wie der Wermut in Eichenfässern unter freiem Himmel reift. Die Zusammensetzung der Gewürze ist und bleibt aber ein gut gehütetes Geheimnis. Am Abend grillen wir an Bord, trinken Wein an Deck und lauschen bei Vollmond dem französischen Gesang, der von einer Feier zu uns herüberdringt.
Fortsetzung folgt
Insgesamt ist der Canal du Midi 240 km lang und von 63 historischen Schleusen, 136 Brücken und 55 Aquädukten gesäumt. Unsere Etappe: Einwegfahrt von Argens-Minervois bis Lattes. Eine Woche ist für die 185 Km mit 17 Schleusen knapp bemessen. Wer zwischendurch länger anlegen, Orte erkunden oder einfach einmal einen Nachmittag an Bord vertrödeln möchte, sollte besser zehn Tage einplanen – idealerweise mit Fahrrädern an Bord. Tipp: Wer den Étang de Thau überquert, sollte den Abwassertank vorher unbedingt leeren. Auf dem Canal du Midi gibt es dafür mehrere Möglichkeiten, danach wird es schwierig. Wegen der empfindlichen Austern- und Muschelzucht ist das Ablassen von Abwasser auf dem Étang streng verboten. Ab einer Windstärke von 4 Bft ist eine Überfahrt des Étang de Thau nicht erlaubt.
Riverly ist 2026 aus dem Zusammenschluss der beiden französischen Hausboot-Pioniere Locaboat und Nicols entstanden. Die beiden Unternehmen bringen jahrzehntelange Erfahrung im führerscheinfreien Flusstourismus mit: Locaboat ist seit 1977 im Geschäft, Nicols seit 1986. Heute verfügt Riverly über mehr als 550 Hausboote an 39 Stützpunkten in sieben europäischen Ländern. Tel. +49 761 207370, www.riverly.com
Die Preise hängen von Saison, Reisedauer, Route und Bootstyp ab. Eine Woche ist in der Nebensaison ab etwa 1.120 Euro erhältlich; für die Sommermonate liegen die Preise je nach Boot und Termin entsprechend höher. Preisbeispiel: Eine Woche mit dem neusten Modell, Pénichette Neo für bis zu sechs Personen auf der Einwegstrecke Argens-Minervois–Lattes kostet im Juli rund 5.000 Euro. Hinzu kommen Extras wie Kraftstoff, Endreinigung und weitere Serviceleistungen.
Die Pénichette Neo ist ein modernes Hausboot, das den klassischen Look eines traditionellen Flussschiffs mit zeitgemäßem Komfort verbindet. Auf 13,45 Metern Länge und vier Metern Breite bietet sie Platz für bis zu sechs Personen in drei Schlafkabinen, die jeweils über ein eigenes Bad mit Dusche und elektrischem WC verfügen. Gesteuert wird vom Innensteuerstand oder vom Steuerstand auf dem Oberdeck. Bug- und Heckstrahlruder erleichtern das Manövrieren, insbesondere in engen Schleusen und bei niedriger Geschwindigkeit.
Der helle Salon ist klimatisiert, die Küche modern ausgestattet. Eine umlaufende Reling sorgt für Sicherheit an Deck und ist auch für Familien mit Kindern geeignet. Auf dem Oberdeck befinden sich eine Sommerküche mit Gasplancha, Spüle und Kühlbox sowie Sonnenliegeflächen. Ein Bimini spendet Schatten – muss auf dem Canal du Midi wegen der vielen niedrigen Brücken während der Fahrt allerdings eingeklappt bleiben.

Redakteurin Reise
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.