Jill Grigoleit
· 07.09.2026
Einst gebaut, um den Warenverkehr zwischen Mittelmeer und Atlantik zu beschleunigen, ist der Canal du Midi heute ein Revier zum Entschleunigen. Wir haben den östlichen Abschnitt des wohl berühmtesten Hausbootreviers der Welt erkundet. Ein Törnbericht in drei Teilen. Teil 3: Von Marseillan bis Lattes.
In der Nacht werde ich von heftigem Wellengang geweckt. Wir liegen direkt hinter der Hafeneinfahrt von Marseillan, wo die Wellen ungebremst rein rollen. Ich kontrolliere die Leinen, lege eine zusätzliche Spring und versuche, wieder einzuschlafen. Vergeblich. Vor allem eine Frage lässt mich nicht los: Wie sollen wir bei diesem Wetter über den Étang de Thau kommen? Die Lagune ist mit durchschnittlich gerade einmal 4,50 Metern sehr flach. Bei stärkerem Wind baut sich schnell eine kurze, steile Welle auf. Ab vier Beaufort ist die Überfahrt für führerscheinfreie Hausboote deshalb strengstens untersagt. Einige Vercharterer untersagen das Befahren sogar bereits ab einer Windstärke von mehr als drei Beaufort. Für den morgigen Samstag sind zudem Gewitter und Regen bis in den frühen Sonntagmorgen angesagt.
Schweren Herzens bleiben wir also noch einen Tag und zahlen eine weitere – im Verhältnis zu den vergangenen Stopps ziemlich teure - Nacht im Hafen. Der geplante Zwischenstopp am Mittelmeer fällt damit ins Wasser. Stattdessen müssen wir am Sonntag einen straffen Zeitplan einhalten: gut dreieinhalb Stunden bis zur Brücke bei Frontignan, die nur drei Mal täglich öffnet, und danach noch einmal fünf bis sechs Stunden bis Lattes – und die letzte Schleusung muss spätestens um 18.45 Uhr geschafft sein.
Am Sonntagmorgen sieht es glücklicherweise besser aus. Um sieben Uhr legen wir ab. Draußen stehen trotz nur noch zwei Beaufort noch ordentliche Wellen. Die Orientierung auf der riesigen Wasserfläche ist ungewohnt: Die Betonnung ist spärlich, und im Gegenlicht sind die Tonnen neben den ausgedehnten Austernfeldern erst sehr spät auszumachen. Wir halten uns an den Muschelfarmen und sind fast allein unterwegs. Gegen acht Uhr reißt der Himmel auf und als wir eine Stunde später die Einfahrt zum Kanal von Sète erreichen, knallt wieder die Sonne vom Himmel, als sei nie was gewesen.
Nun beginnt der Endspurt. Hinter der Hubbrücke von Frontignan fahren wir in den Canal du Rhône à Sète ein. Mitten in der trostlosen Industrielandschaft entdecken wir die ersten rosafarbenen Silhouetten im flachen Wasser: Flamingos! Dann langsam weicht der wenig attraktive Stadtrandflair Frontignans einer weiten Lagunenlandschaft. Rechts und links des Kanals offene Salzteiche mit immer größeren Flamingo-Kolonien. Und dahinter, nur durch eine schmale Landzunge von den Lagunen getrennt: das Mittelmeer, zum Greifen nah! Bei Villeneuve-lès-Maguelone, wo wir eigentlich einen Strandausflug geplant hatten, geben wir dem Brückenwärter stattdessen per Signalton zu verstehen, dass wir passieren möchten. Nachdem er die Brücke für Fußgänger gesperrt hat, wirft er zwei große Außenbordmotoren am Kopfende der Drehbrücke an und fährt mitsamt der Brücke im Halbkreis auf die andere Seite.
Hinter Palavas-les-Flots geht es schließlich in den Lez. Der Fluss wird wieder schmaler und kurviger, die letzte Schleuse liegt vor uns. Und ausgerechnet jetzt macht unser Motor mehrfach schlapp – Grünzeug im Kühlsystem sorgt für einen letzten kleinen Adrenalinschub. Doch dann haben wir es geschafft. Am späten Nachmittag erreichen wir Port Ariane in Lattes. Hinter uns liegen 185 Kilometer, zahlreiche Schleusen, unzählige Brücken und mehrere komplette Landschaftswechsel von ausgetrockneten Feldern, über schattige Kanalabschnitte bis zum offenen Lagunenrevier.
Zu unserer Überraschung gibt es am Abend Livemusik und ein großes Feuerwerk im Hafen. Es ist der 14. Juli – Nationalfeiertag in Frankreich. Wir sitzen an Deck und lassen den Törn bei Wein aus dem Minervois und Musik bis weit nach Mitternacht ausklingen. Ein perfekter Abschluss für eine außergewöhnliche Charterwoche auf einem der außergewöhnlichsten Hausbootreviere, das Europa zu bieten hat.
Insgesamt ist der Canal du Midi 240 km lang und von 63 historischen Schleusen, 136 Brücken und 55 Aquädukten gesäumt. Unsere Etappe: Einwegfahrt von Argens-Minervois bis Lattes. Eine Woche ist für die 185 Km mit 17 Schleusen knapp bemessen. Wer zwischendurch länger anlegen, Orte erkunden oder einfach einmal einen Nachmittag an Bord vertrödeln möchte, sollte besser zehn Tage einplanen – idealerweise mit Fahrrädern an Bord. Tipp: Wer den Étang de Thau überquert, sollte den Abwassertank vorher unbedingt leeren. Auf dem Canal du Midi gibt es dafür mehrere Möglichkeiten, danach wird es schwierig. Wegen der empfindlichen Austern- und Muschelzucht ist das Ablassen von Abwasser auf dem Étang streng verboten. Ab einer Windstärke von 4 Bft ist eine Überfahrt des Étang de Thau nicht erlaubt.
Riverly ist 2026 aus dem Zusammenschluss der beiden französischen Hausboot-Pioniere Locaboat und Nicols entstanden. Die beiden Unternehmen bringen jahrzehntelange Erfahrung im führerscheinfreien Flusstourismus mit: Locaboat ist seit 1977 im Geschäft, Nicols seit 1986. Heute verfügt Riverly über mehr als 550 Hausboote an 39 Stützpunkten in sieben europäischen Ländern. Tel. +49 761 207370, www.riverly.com
Die Preise hängen von Saison, Reisedauer, Route und Bootstyp ab. Eine Woche ist in der Nebensaison ab etwa 1.120 Euro erhältlich; für die Sommermonate liegen die Preise je nach Boot und Termin entsprechend höher. Preisbeispiel: Eine Woche mit dem neusten Modell, Pénichette Neo für bis zu sechs Personen auf der Einwegstrecke Argens-Minervois–Lattes kostet im Juli rund 5.000 Euro. Hinzu kommen Extras wie Kraftstoff, Endreinigung und weitere Serviceleistungen.
Die Pénichette Neo ist ein modernes Hausboot, das den klassischen Look eines traditionellen Flussschiffs mit zeitgemäßem Komfort verbindet. Auf 13,45 Metern Länge und vier Metern Breite bietet sie Platz für bis zu sechs Personen in drei Schlafkabinen, die jeweils über ein eigenes Bad mit Dusche und elektrischem WC verfügen. Gesteuert wird vom Innensteuerstand oder vom Steuerstand auf dem Oberdeck. Bug- und Heckstrahlruder erleichtern das Manövrieren, insbesondere in engen Schleusen und bei niedriger Geschwindigkeit.
Der helle Salon ist klimatisiert, die Küche modern ausgestattet. Eine umlaufende Reling sorgt für Sicherheit an Deck und ist auch für Familien mit Kindern geeignet. Auf dem Oberdeck befinden sich eine Sommerküche mit Gasplancha, Spüle und Kühlbox sowie Sonnenliegeflächen. Ein Bimini spendet Schatten – muss auf dem Canal du Midi wegen der vielen niedrigen Brücken während der Fahrt allerdings eingeklappt bleiben.

Redakteurin Reise
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