Nur wenige Bootsfahrer kennen die Küsten des Thermäischen Golfs im Norden der Ägäis. Doch das Revier hat viel zu bieten: einsame Buchten, urige Häfen, unberührte Natur und kulinarische Highlights.
Wie auf einem großen Binnensee mit Bergpanorama zieht das Boot gen Westen, bis die schmale Durchfahrt zwischen dem Delta des Axios-Flusses im Norden und der Landspitze bei Angelochori im Süden auszumachen ist. Das Wasser an Steuerbord im riesigen Delta des Flusses harmoniert in seinem Jadegrün ebenso mit der bewaldeten bergigen Kulisse des Festlands dahinter wie das Türkis an Backbord mit den schneeweißen Stränden im Osten. Die Entscheidung zwischen den beiden Seiten des Thermäischen Golfs auf dem Weg nach Süden erscheint wie eine zwischen Alpensee und Karibik.
Nicht zuletzt wegen der Aussicht auf spektakuläre Sonnenuntergänge und weite Strände gewinnt die karibische Seite: die Region Thessaloniki und südlich davon die Halbinsel Chalkidiki, die ihre drei Finger in die Ägäis streckt.
Am Morgen haben wir in der Aretsou Marina von Thessaloniki die Leinen losgeworfen. Die zweitgrößte Stadt Griechenlands hat sich als ein Kaleidoskop aus Kulturen erwiesen, mit byzantinischen Kirchen, osmanischen Bädern, jüdischen Vierteln und modernen Boulevards, gewürzt vom Duft von frisch gebrühtem Mokka.
Ihre quirlige Uferpromenade wird überragt vom Wahrzeichen der Stadt, dem Weißen Turm. Hohe Pinien neigen sich neben ihm respektvoll zur Seite, als wollten sie das alte Gemäuer Geschichte atmen lassen. Drinnen bedeckt kühler, dunkler Stein die Böden in schmalen Gewölbegängen. Auf allen Etagen öffnen sich kleine Säle mit Ausstellungen zur Geschichte von Stadt und Region. Die Artefakte geben einen Vorgeschmack auf die Spuren vielfältiger Kultur und Geschichte, die uns entlang des Thermäischen Golfs begegnen sollen. Von der Balustrade geht der Blick weit, auf Berge im Hintergrund, davor grüne Hügel und Ebenen, die an den mit weißen Stränden gesäumten Küsten ein klares, türkisfarbenes Meer berühren – eine schöne Aussicht, ein Versprechen für den Törn.
Unterwegs begegnen uns kaum andere Sportboote. Das verwundert ein wenig, wird aber die Suche nach einem freien Liege- oder Ankerplatz erleichtern. Geschützte Ankerbuchten gibt es kaum, aber in Erwartung einer windstillen Nacht fällt das Eisen nördlich vom Kap Epanomi, das weißsandig und flach weit in die Bucht von Potamos hineinragt.
Der Tag war in silbriges Licht getaucht, die Küste des Festlands im Westen nur schemenhaft zu erkennen. Mit dem Sonnenuntergang aber geht der Spot an und wirft ein beinahe atemberaubendes Licht auf den mehr als 2.900 Meter hohen Gebirgszug mit dem sagenumwobenen Olymp, dem Wohnsitz der Götter in der griechischen Mythologie.
Während die Sonne sinkt, setzt sie dessen Kanten wie einen Schattenriss in Szene, sanft rundlich hier, karstig und spitz dort. Erst Grau vor Rosa, dann Schwarz vor knalligem Dunkelorange. Ein Anblick, der sich allabendlich in wechselnden Schattierungen wiederholen soll und von dem den Blick zu wenden trotz der Wiederholungen schwerfällt.
Kaum länger als einen Katzensprung ist die nächste Etappe südlich nach Nea Moudania, bei der sich am Küstensaum immer neue Bilder zeigen: Strände und Steilküsten, Olivenhaine und Felder.
Schon von Weitem ist die frühchristliche Basilika Ekklisia Panagia Korifini auszumachen. Ein wenig überdimensioniert, mit Türmchen und Fresken versehen und einem hohen, schmalen Glockenturm, thront sie als Zeugin tiefer Gläubigkeit über der Stadt. Der Hafen empfängt mit geschäftigem Treiben: Fischerboote machen fest und werden entladen, Möwen kreisen über den Kisten, und aus den Tavernen dringen das Klirren von Gläsern und das Lachen der Gäste.
Vom Boot aus sind es nur wenige Schritte in eine dieser Tavernen, in denen auf einfachem Geschirr exzellente frische Meeresfrüchte serviert werden, während die Sonne die Fassaden der eher funktional gebauten Häuser gnädig in goldenes Licht taucht. Urtümliches, handfestes Griechenland.
Kaum deutlicher könnte der Kontrast zur nächsten Destination sein. Sie wirbt damit, „Griechenlands eigenes kleines Monaco" zu sein: Sani, eine der wenigen echten Marinas am Thermäischen Golf. Vor der Einfahrt ragt als Wegweiser ein kleiner Berg mit einem Wachturm in den Golf hinein. Rechts und links der langen Molen liegen Strände mit Sonnenschirmen, Liegen und Handtüchern in uniformen, hellen Farbtönen.
Das schmale Fahrwasser mündet in ein rundes, großes Hafenbecken mit jeder Menge hochwertiger Yachten, die sich nahtlos in eine Kulisse aus edler Architektur und Nobelgeschäften einfügen. Protz sucht man indes vergeblich. „In den 60er-Jahren gab es hier nichts als Sumpf und Moskitos, Gelbfieber und Kirche", erzählt abends an der Strandbar ein Mann, der sich als Manager des Sani-Resorts entpuppt.
Ein visionärer Bauunternehmer und sein Geschäftspartner kauften das Land einst Mönchen ab, um das Resort zu bauen. Sie mussten sich verpflichten, die Natur ringsum zu erhalten und zu schützen. So wurden die überwiegend niedrigen und weitläufigen Gebäude um alten Baumbestand herum gebaut. Überall stehen uralte Pinien und knorrige Olivenbäume. In den Beeten zwischen Lorbeerhecken wachsen Rosmarin, Melisse und Thymian, dazwischen locken heimische Blühpflanzen Bienen an.
An den Stränden liegen, auf den Wegen spazieren entspannte Urlauber, auf deren Tagesplänen Angebote wie Yoga und Spa, Tennis und Kletterwald oder Tagestörns stehen. Das gediegene und äußerst gepflegte Ambiente verzichtet wohltuend auf Tourismusklischees und Protz.
Ein Ort, der auch ohne Boot dazu einlädt, mit der Familie einfach mal einzuchecken und den gehobenen Komfort eines Apartments mit Meerblick zu genießen – zumal hier auch angehende Bootsführer geschult werden und in der Marina Charterboote mit ortskundigen Skippern bereitstehen.
John ist einer von ihnen. Er schwärmt von seinem Revier, in dem täglich Delfine das Boot umspielen. „Wir haben hier sehr viel Fisch, Shrimps und Muschelfarmen, weil die großen Flüsse in den Golf münden", erzählt er. Die Fischer machen mit ihren Booten an der Pier fest, der Fang wandert direkt in die Restaurants. Zugegeben, deren Preise liegen deutlich über den landestypischen. „Dafür ist es aber auch qualitativ sehr hochwertiges Essen", stellt John fest.
Wir testen das am Abend im Restaurant „Avli" direkt an der Marina. Griechische Küche wird hier neu interpretiert – und lässt jegliche Gyros- und Souvlaki-Varianten, die wir von zu Hause kennen, weit hinter sich. Hausgebackenes Brot und Olivenöl zum Tunken, dazu würzige schwarze Oliven werden auf den groben, hölzernen Tisch gebracht, gefolgt von einer ganzen Palette kleiner, feiner Gerichte, duftend nach den frischen Kräutern, die hier am Wegesrand wachsen: Salate, frischer Fisch auf cremigem Risotto, Dips aus Auberginen und Feta, grüne Bohnen und Fleischbällchen.
Sani bietet auch geführte Touren über Kassandra an – eine gute Gelegenheit, auch einmal einen Blick ins Landesinnere zu werfen. Durch dichten Pinienwald schlängeln sich Straßen und Wege. Die alten Bäume sind von Narben in der Rinde gezeichnet, aus denen Harz in Behälter rinnt. „Die Pinien sind so voller Harz, dass sie bei Feuer wie Bomben explodieren", erklärt Fahrer Manos. Das Harz dient vor allem zur Herstellung von Anzündern und Retsina, jenem eigentümlich schmeckenden Wein, der hier gern mit Cola gemischt wird, damit er trinkbar ist. Gefälliger ist der würzige Pinienhonig, für dessen Gewinnung überall im Wald Bienenstöcke verteilt sind.
An der Ostküste Kassandras fährt Manos in Dörfer mit schmalen Gassen, in denen Häuser aus Sandstein mit blauen Fensterläden kleine Tavernen und Läden beherbergen. In den Gärten wachsen Feigen, Granatäpfel und Limetten. Die Gassen öffnen immer wieder Blicke über den türkisen Golf von Toroneos.
Zwischen Olivenhainen beginnt in Nea Fokea hinter einer unscheinbaren Metalltür eine Reise in frühchristliche Zeit. Dahinter: ein mystischer Raum mit Fresken, die Szenen aus dem Leben des Apostels Paulus zeigen. Er soll sich hier vor Verfolgern versteckt haben. Durch einen schmalen Gang kriechend gelangen wir in eine kleine Höhle, das eigentliche Versteck. In einer Ecke sprudelt Wasser aus dem Felsen, dem heilende Kräfte zugeschrieben werden. Paare mit Kinderwunsch hinterlassen Botschaften und Gaben; welche Bewandtnis es aber mit der geopferten Damenunterwäsche hat, erschließt sich uns nicht.
Zurück in der Marina sind es nur wenige Schritte zu einem naturbelassenen und menschenleeren Strand, der einen weiten Bogen um die Bucht beschreibt. Hinter den Dünen an seinem Rand liegt ein artenreiches Feuchtbiotop mit zwei Seen, umgeben von Reet und Feuchtwiesen, Nist- und Rastplatz für mehr als 200 Vogelarten. Schmale, sandige Pfade führen hindurch. Kormorane hocken auf einem toten Baum, Reiher staken langbeinig vorbei.
Als die Sonne tiefer steht, führt der Weg zurück durch die Dünen zum Strand. Die Füße versinken in weichem Sand. Aus der Strandbar klingt entspannte Clubmusik, Zikadengezang aus dem Wald dahinter. Kleine Wellen plätschern leise. Der ideale Ort für einen letzten Sonnenuntergang in Griechenlands vergessenem Revier.
Der Meeresarm liegt im Norden Griechenlands zwischen dem Festland mit dem fast 3.000 Meter hohen Olymp-Gebirge und der Halbinsel Chalkidiki.
Drei große Flüsse münden in den Golf. Sie schaffen fruchtbare Ebenen mit Olivenhainen und Sonnenblumenfeldern. An der Küste bestimmen kristallklares Wasser, weiße Strände und Pinienwälder das Bild.
Die Nähe zum Balkan zeigt sich mit kalten Wintern und sehr heißen Sommern, besonders im Juli und August. Dann ist es morgens und abends oft windstill oder sehr schwachwindig. Der Meltemi erreicht den Thermäischen Golf nur abgeschwächt. Im Süden des Golfs kann es gelegentlich stürmisch werden. Dann baut sich kurze, steile Welle auf.
In Thessaloniki (Thessaloniki-marina.gr) und im Sani-Resort (Sani-Resort.com) gibt es Marinas. Sportboote können auch in den kleinen Fischerhäfen in Ortsnähe festmachen. Bei gutem Wetter lässt sich an der Küste auch ankern. Gut geschützte Buchten finden sich aber eher an der Ostküste Kassandras.
Rod und Lucinda Heikell: „Küstenhandbuch – Griechische Küsten", ISBN: 978-3-667-12948-2, 69,90 Euro, delius-klasing.de
Klaus Bötig: „Reise-Taschenbuch Chalkidikí & Thessaloníki mit Karten und Touren", ISBN: 978-3-616-00765-6, 19,95 Euro, DuMont.

Redakteurin Panorama und Reise