Wer sein Boot aus dem Wasser holt und einen weißen, harten Teppich auf Antrieb und Rumpf vorfindet, hat vermutlich bereits Bekanntschaft mit dem Australischen Kalkröhrenwurm gemacht. Wer seinen Außenborder nicht mehr kühlen kann, sollte die Einlässe auf Quaggamuscheln prüfen. Und wer in Skandinavien badet, sollte Ausschau halten nach einer winzigen, durchsichtigen Qualle, deren Nesselzellen Herzrasen und Krämpfe auslösen können. Eingewanderte Arten sind längst in deutschen und nordeuropäischen Revieren angekommen – mit handfesten Folgen für Boote und Häfen. Zwei Meeresbiologen erklären, was dahintersteckt – und warum man sich damit abfinden muss.
Skärhamn ist einer dieser gemütlichen Häfen an der schwedischen Westküste. Ein paar Boote liegen in Boxen, Kinder fangen mit Käschern Krabben und andere Meerestiere. Ein friedliches Bild – hinge nicht am Steg ein Schild mit der Aufforderung zum Töten.
Es zeigt Abbildungen von heimischen und eingewanderten Krabben. Letztere, heißt es dort, schaden als invasive Arten den heimischen massiv. Man solle sie „schonend ableben lassen“: falls eine invasive Art ins Netz geht, sie zügig und schmerzfrei töten – zum Beispiel durch einen gezielten, kräftigen Schlag mit einem Stein auf einer harten Oberfläche.
Als invasive Arten gelten Organismen, die durch menschlichen Einfluss in ein Gebiet gelangt sind, in dem sie ursprünglich nicht vorkamen, sich dort etabliert haben und negative Auswirkungen auf Natur, Wirtschaft oder Gesundheit verursachen.
Sie kommen aus weit entfernten Revieren in den Ballasttanks der Ozeanriesen, docken an Schiffsrümpfen an oder entwischen der Aquakultur – Krebse, Quallen und Algen, Muscheln und Seepocken. Sie mögen noch so klein sein, können aber für großen Ärger sorgen, wenn sie sich an Bootsrümpfen und in Hafenanlagen festsetzen und mit ihrer mitunter bemerkenswert zerstörerischen Arbeit beginnen.
Immer schon hatten Sportbootfahrer und Hafenbetreiber buten wie binnen so ihre Probleme mit dem Bewuchs, sich mit alten Bekannten wie Seepocke, Miesmuschel und Co. aber weitgehend arrangiert. Heute bereiten neuere Arten neue Sorgen.
So musste im September 2021 der Wismarer Westhafen wegen eines Winzlings gesperrt werden: Die Holzpfähle unter der Kaikante wirkten von außen gesund, doch das Innere war ein ausgehöhltes Labyrinth aus Bohrgängen des sogenannten Schiffsbohrwurms.
Tatsächlich handelt es sich dabei nicht um einen Wurm, sondern um eine Muschel, deren Schalen zu hocheffizienten Bohrwerkzeugen umgebildet sind. „Entlang der gesamten deutschen Ostseeküste bis Rügen sind Häfen betroffen“, sagt Dr. Michael Zettler, Zoologe und Meeresbiologe am Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde. Er erforscht seit fast 40 Jahren marine Ökosysteme und invasive Arten. „Alle Holzdalben, die ins Wasser gelegt werden, sind Nahrung für das Tier.“ Innerhalb weniger Wochen können die Muscheln unbemerkt in das Holz hineinwachsen. „Die Öffnungen sind so klein, das kommt erst mit den Jahren zutage“, erklärt der Experte.
Ganz neu ist die Schiffsbohrmuschel nicht. Schon Christoph Kolumbus berichtete im 15. Jahrhundert, wie seine Schiffe durch das Tun dieser Termiten der See regelrecht unter den Füßen der Mannschaft zerfielen. Auch am Niedergang der Spanischen Armada knapp 100 Jahre später soll die Muschel beteiligt gewesen sein. Weiter nördlich in Holland brachen 1731 Seewehre bei einer Sturmflut – die Muschel hatte die hölzernen Deichtore zerfressen.
Ihre ursprüngliche Herkunft ist bis heute umstritten. So ist nicht eindeutig klar, ob sie tatsächlich eine invasive Art oder vielmehr eine seit Jahrhunderten etablierte, jedoch deswegen nicht minder schadensträchtige Art ist.
Eindeutiger verhält es sich mit dem Australischen Kalkröhrenwurm. In den Brackwasserrevieren an Nord- und Ostsee beginnt seit gut fünf Jahren manch geplanter Urlaubstörn mit einem Krantermin, weil er binnen Kurzem ein Riff an Welle und Propeller gebaut oder sich in Borddurchlässen festgesetzt hat.
Michael Zettler und seine Kollegen verzeichnen seit Ende 2020 wachsende Bestände. Der röhrenförmige Borstenwurm, nur knapp zwei Zentimeter lang, baut Kalksteinrohre von bis zu zehn Zentimetern Länge. In großen Ansammlungen werden Riffe gebildet, in denen neue Generationen auf den älteren anheften. „Der Aufwuchs ist viel stärker als bei Seepocken“, erklärt Zettler. „Die Schichtendicke kann 10 bis 15 Zentimeter erreichen – das schafft die Seepocke nicht.“
Dr. Christian Buschbaum, Meeresökologe beim Alfred-Wegener-Institut in List auf Sylt, kennt das Problem ebenfalls. „Der Kalkröhrenwurm ist ein Spezialist für ruhige Brackwassergewässer mit wechselndem Salzgehalt“, erklärt er. „Die offene, bewegte Nord- oder Ostsee meidet er ebenso wie die salzarmen Bereiche der östlichen Ostsee. Aber im Brackwasser – in Häfen, Marinas, hinter Schleusen – findet er ideale Bedingungen.“
Viele Bootseigner reagieren mit dem Griff zu stärkerem Antifouling. „Das erhöht am Ende aber nur den Gifteintrag ins Wasser“, sagt Buschbaum, selbst erfahrener Segler und Bootseigner. „Sinnvoller ist es, früh zu reagieren und mechanisch zu reinigen.“
Mitunter bemerken Eigner den Bewuchs jedoch erst, wenn er schon massiv ist. „Das kann relativ schnell gehen, innerhalb von wenigen Wochen können dicke Matten wachsen, wenn das Boot nicht bewegt wird. Die Hauptansiedlungszeit der wärmeliebenden, planktischen Larven ist August, September – da suchen die Larven neues Substrat“, erklärt der Meeresökologe.
Das Einzige, was hilft, ist Prävention. Wenn eine Art sich erst einmal etabliert hat, ist im Meer kein Eingreifen mehr möglich, ohne mehr Schaden als Nutzen anzurichten.
Anlass zur Hoffnung, dass der Wurm eines Tages wieder von der Bildfläche verschwindet, besteht kaum. „Wenn eine Art erst einmal da ist und sich etabliert hat, hat man im Meer überhaupt keine Chance mehr einzugreifen, ohne noch mehr Schaden anzurichten. Man kann dann nur noch zuschauen und monitoren“, weiß Zettler aus jahrzehntelanger Erfahrung und ergänzt: „Das Einzige, was man tun kann, ist Prävention: verhindern, dass es passiert.“
Die positive Nachricht: Die Natur kann regulieren. „Zuerst gibt es diese explosionsartige Vermehrung. Die Bestände schießen nach oben, weil niemand da ist, der sie frisst. Man erreicht einen Peak mit sehr hohen Dichten“, berichtet Zettler. Dann aber stelle sich die Umwelt häufig auf die neuen Organismen ein. Fressfeinde entdecken oder Parasiten minimieren sie. „So fallen die Dichten kontinuierlich ab, bis hin zu normalem Vorkommen.“
Die Quaggamuschel ist laut Zettler ein gutes Beispiel für die massenhafte Vermehrung. Ursprünglich aus dem Schwarzmeer-Kaspischen Raum stammend, hat sie sich über Jahrzehnte durch Europa ausgebreitet – zunächst entlang der großen Flusssysteme, inzwischen auch in zahlreichen Seen. Der Bodensee, viele Alpenrandseen und Teile der mecklenburgischen Seenlandschaft sind betroffen.
Die Muscheln setzen sich massenhaft an Rümpfen fest, besiedeln Bojen und verstopfen sogar Leitungen von Wasserwerken. Nebenbei filtern sie massenhaft Plankton. Damit sorgen sie für klare Seen, nehmen aber auch anderen Arten die Lebensgrundlage.
Um die weitere Ausbreitung einzudämmen, müssen schon heute in der Schweiz Boote beim Seenwechsel professionell mit 70 Grad heißem Wasser gereinigt werden. Eine Erweiterung dieses Vorgehens auch auf den Bodensee ist in Planung.
Die Quaggamuschel sorgt am Bodensee für Schlagzeilen – dabei war sie bei uns in Mecklenburg schon ab etwa 2010 zu finden“, berichtet Zettler und zieht einen historischen Vergleich, der die Sorge vor der Ausbreitung vorsichtig relativieren kann: „Wenn Sie alte Zeitungsartikel aus den 1920er Jahren lesen, als die Dreikantmuschel kam – das sind exakt die gleichen Schlagzeilen: Wasserleitungen verstopft, Badeverbot, Weltuntergang.“
Die Muschel werde sich einpegeln, wie es die Dreikantmuschel auch getan hat, lautet seine Prognose. Bis dahin aber können Jahre vergehen. Zettler hält die Schweizer Bootswäsche daher als Prävention für sinnvoll. „Es wird die Verbreitung aber nicht komplett verhindern“, schränkt er ein, denn „Fischer schleppen mit ihren Netzen, Enten mit ihrem Federkleid die Larven – die Wege der Einschleppung sind unergründlich. Aber ein Hinauszögern ist besser, als nichts zu tun.“
Eine Bewertung nach positiv und negativ ist menschengemacht. Das gibt es in der Natur nicht. In der Natur gibt es nur: Es funktioniert oder es funktioniert nicht. Aber Horrorszenarien sind nicht angebracht.
Christian Buschbaum hat gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern 2022 in der Publikation „Neobiota der deutschen Nord- und Ostseeküste. Eingeschleppte Arten in deutschen Küstengewässern“ mehr als 150 Neobiota in deutschen Küstengewässern aufgelistet. Etwa zwei Arten pro Jahr werden anthropogen – also von Menschen verursacht – eingeschleppt. Sie tragen possierliche Namen wie Moostierchen oder Armleuchteralgen. Manche haben aber das Zeug dazu, ganze Ökosysteme zu verschieben.
So haben sich nach Zettlers Beobachtung in den letzten Jahrzehnten die Binnengewässer besonders drastisch verändert. „Wenn Sie heute in der Havel, Elde oder Müritz die Fauna aufnehmen und mit Daten von vor 20 bis 30 Jahren vergleichen, denken Sie, Sie sind in einem anderen Fluss. Bestimmte Muschelarten, Schnecken, Krebse sind vollständig verschwunden. Dafür sind andere, neue da.“
Nicht immer sind Veränderungen negativ. Das Wattenmeer etwa ist seit Jahrhunderten ein Ankunftsort für Neuankömmlinge wie die Amerikanische Schwertmuschel, die sich seit den späten 1970er Jahren dort angesiedelt hat und heute als wichtige Nahrungsquelle für Küsten- und Seevögel gilt.
Dort zeigt auch die Pazifische Auster, wie komplex Entwicklungen sein können. Buschbaum erforscht sie seit vielen Jahren. Ursprünglich als in Aquakultur gezüchtete Delikatesse in die Niederlande und nach Sylt importiert, büxte sie aus. Besonders pikant: „Mit den Austern sind sehr viele andere Arten gekommen“, erklärt er. „Eine Austernschale ist wie ein Schiffsrumpf, daran setzt sich eben auch ganz viel fest.“
Heute ist die Pazifische Auster überall im Wattenmeer zu finden und inzwischen auch in Kiel an der Ostsee angekommen. „Zu Anfang dachten wir, dass die eingeschleppten Austern die heimischen Miesmuscheln überwachsen, auf deren Schalen sich die Austernlarven ansiedelten, und die Miesmuscheln dann absterben“, erzählt Buschbaum.
„Und das war zunächst auch so – der Bestand an Miesmuscheln hat abgenommen.“ Bis zum Winter 2009/10, der kälter war als üblich. Aus Gründen, die die Wissenschaft noch nicht vollständig klären konnte, veränderte sich das System: Die Austern setzten sich fortan vor allem an ihren Artgenossen fest, nicht mehr so sehr an den Miesmuscheln. Was entstand, nennt Buschbaum „ein neues System“. Gemischte Riffe aus Austern und Miesmuscheln, stabiler als reine Muschelbänke.
Die Miesmuscheln wandern sogar aktiv nach unten in die Riffe – um Räubern wie Vögeln und Krebsen zu entkommen. „Dort werden sie zwar nicht mehr so groß, weil sie nicht viel Nahrung bekommen. Aber sie überleben.“
Die scharfkantigen Austernschalen können an Füßen wie auch an den Rümpfen trockengefallener Boote schmerzhafte Spuren hinterlassen. Aus ökologischer Sicht aber hat sich die Situation eingependelt.
Sie haben sogar völlig neue Strukturen geschaffen, die bei Ebbe das Wasser zurückhalten. Ähnlich wie Gezeitentümpel an Felsküsten entstanden so Bereiche mit dauerhafter Wasserbedeckung, in denen sich neue Artengemeinschaften ansiedeln konnten.
Mehr noch: Das Senckenberg Institut am Meer in Wilhelmshaven zählt sie zur „Gruppe der marinen Ökosystem-Ingenieure“, denn ihre massiven Riffstrukturen wirken als natürliche Wellenbrecher und schützen die Küsten vor Erosion und Überflutung.
„Eine Bewertung nach positiv und negativ ist rein menschengemacht“, stellt Buschbaum klar. „Das gibt es in der Natur nicht. In der Natur gibt es nur: Es funktioniert oder es funktioniert nicht. Und bisher scheint es sehr gut zu funktionieren.“ Im Wattenmeer sei bisher keine heimische Art durch eine eingeschleppte verdrängt worden. „Ich finde es auch nicht gut, dass so viele Arten eingeschleppt werden. Aber Horrorszenarien sind nicht angebracht.“
Ein Blick in Buschbaums Untersuchung zeigt allerdings, dass in manch eingeschleppter, bisher unter Wassersportlern kaum bekannter Art noch Potenzial schlummert. Der Japanische Beerentang etwa – eine bis zu mehrere Meter lange Braunalge – hat sich seit 1988 auf Helgoland und später im Sylter Wattenmeer etabliert. „Durch ihre Größe können sich Algenstränge um die Schiffsschrauben von Sportbooten wickeln und diese dadurch manövrierunfähig machen“, heißt es dort.
Ähnliches gilt für eine Seescheide aus dem Nordwestpazifik, die 2016 erstmals bei Hörnum auf Sylt nachgewiesen wurde und als hochgradig invasiv gilt. 2018 tauchte sie im Hafen von Langeoog auf, 2020 im Sportboothafen von Wyk auf Föhr. Ihre gelblich-weißen Matten überziehen alles – Rümpfe, Leinen, Pfähle in Häfen und Marinas.
Eine weitere Artgenossin, auffällig rot bis orange gefärbte und koloniebildend, ist seit gut 15 Jahren auf Helgoland und an Schwimmstegen in Hörnum nachgewiesen. Beide zeigen, wie schnell sich neue Arten in Sportboothäfen etablieren können – einst von der weltweiten Großschifffahrt eingeschleppt, heute unbewusst weitergetragen an den Rümpfen, Leinen oder Fendern von Sportbooten.
Doch nicht nur Boote und Hafenanlagen sind betroffen. Auch wer ins Wasser springt, kann ungebetenen Gästen begegnen. So warnte jüngst der schwedische Fahrtensegler-Club Svenska Kryssarklubben vor der Klängmeduse im Askeröfjord an der schwedischen Westküste.
Das winzige Nesseltier stammt ursprünglich aus dem nordwestlichen Pazifik. Die Berührung mit ihren Nesselzellen ist sehr schmerzhaft und kann starke Reaktionen wie Schüttelfrost, Herzrasen und Krämpfe verursachen. Besonders tückisch: Die Tiere sind durchsichtig, nur zwei bis drei Zentimeter groß und kaum zu entdecken.
Invasive Arten haben viele Seiten – manche setzen Booten zu, manche bedrohen Ökosysteme, manche brennen beim Baden. Wieder andere landen auf dem Teller. Die Chinesische Wollhandkrabbe etwa, die deutschen Anglern die Netze zerreißt, wird für chinesische Feinschmecker zur begehrten Ware.
Wer heute beim traditionellen schwedischen Krebsfest Kräftskiva seinen Teller mit leuchtend roten Schalentierchen belädt, hat es meist mit dem nordamerikanischen Signalkrebs zu tun – denn der heimische Edelkrebs ist nach einer verheerenden Krebspest vom Aussterben bedroht. Ein gut gemeinter Rettungsversuch wurde zum Desaster: Als Schweden ab 1960 den vermeintlich resistenten Signalkrebs einsetzte, übertrug dieser den Erreger weiter. „Man hat dem Edelkrebs damit letztlich den Todesstoß versetzt“, erklärt eine Senckenberg-Studie.
Wärmere Sommer, veränderte Salzgehalte, intensiver Schiffsverkehr schaffen neue Möglichkeiten für Arten, sich auszubreiten und sich dauerhaft zu etablieren. Nicht alles lässt sich verhindern und kaum etwas rückgängig machen. Und wer weiß: Vielleicht entwickelt sich die eine oder andere Art vom Störenfried zum festen Bestandteil des Ökosystems – wie die Pazifische Auster im Wattenmeer.

Redakteurin Panorama und Reise
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