Ein Weißer Hai im Mittelmeer – was einem Mitglied eines Tauchteams kürzlich ganz unerwartet vor die Kamera schwamm, ist eine kleine Sensation. Dass es solche Tiere im Mittelmeer gibt, ist bekannt. Filmaufnahmen davon sind bisher jedoch extrem selten. Wassersportler müssen wegen der Begegnung aber nicht in Panik geraten.
Es sind Bilder, die man eher aus Südafrika oder Australien kennt: Ein großer Weißer Hai gleitet ruhig durch das Blau – gefilmt von Tauchern. Diesmal kommt die Aufnahme jedoch aus dem Mittelmeer, genauer gesagt aus der Straße von Sizilien zwischen Tunesien und Sizilien.
Freiwillige Taucher der Organisation Healthy Seas und des Projekts Ghost Diving hatten dort ein Wrack von sogenannten Geisternetzen befreit, als der Raubfisch auftauchte. Während des Einsatzes zur Bergung alter Fischernetze stieß der Trupp in mehreren Meilen Entfernung von der Küste auf den Hai, der in Begleitung von Pilotfischen an ihnen vorbeizog.
Gefilmt wurde der Hai von dem freiwilligen Taucher Derk Remmers, der später berichtete, seine Hände hätten beim Filmen gezittert. Gegenüber der BBC beschreibt er die Begegnung als „pretty special“ und schildert, wie nah das Tier an die Gruppe herankam: „And in fact my fingers were trembling when I was trying to get the camera operating.“
In einem Statement nannte er einen solchen Offshore-Unterwasser-Haikontakt im Mittelmeer „insane“. Die Aufnahmen zeigen einen erwachsenen Weißen Hai, begleitet von mehreren Pilotfischen, wie er ruhig an den Tauchern vorbeizieht.
Die Mission selbst hatte ursprünglich nichts mit Haien zu tun: Ziel war es, ein Wrack in der Straße von Sizilien von alten Stell- und Schleppnetzen zu befreien – sogenannte Geisternetze, die weiterhin Fische, Meeresschildkröten und andere Meeresbewohner töten. Ein Mitglied des Teams vermutet, dass der Hai von der im Netz verfangenen toten Meeresfauna – darunter viele Schildkröten – angelockt wurde.
Die Aufnahmen gelten nach Angaben der beteiligten Organisationen als erste bekannte Unterwasser-Videobilder eines erwachsenen Weißen Hais im Mittelmeer, die von Tauchern gemacht wurden. Andere berühmt gewordene Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1998. Damals filmten Sportfischer vor Rimini an der italienischen Adriaküste, wie sie einen Fuchshai gefangen hatten, den dann ein deutlich größerer Hai vom Haken abriss, bevor die Angler ihn an Bord ziehen konnten. Auf den Filmaufnahmen von damals ist ein großer, massiger Hai mit dem typischem Körperbau eines Weißen Hais zu sehen.
Das Rimini-Video galt bislang als die erste filmische Dokumentation aus jüngerer Zeit eines lebenden Weißen Hais im Mittelmeer. Es wurde in der Fachliteratur und von National Geographic als klarer Beleg für einen großen Weißen Hai in der Gegend gewertet. Andere Fotos und Aufnahmen aus früheren Jahren zeigen lediglich verendete Tiere, die Fischern als Beifang ins Netz gegangen waren.
Generell sind Weiße Haie im Mittelmeer selten, aber sie kommen vor – vor allem im zentralen und östlichen Mittelmeer. Meldungen stammen seit Jahrzehnten unter anderem aus der Adria, aus Gewässern südlich Italiens und aus dem Bereich zwischen Nordafrika und Sizilien.
Die Population gilt als stark dezimiert; Überfischung und Beifang haben den Bestand vermutlich deutlich reduziert. In einem BBC-Bericht wird sogar darauf hingewiesen, dass Überfischung die Art im Mittelmeer an den Rand des Aussterbens gebracht haben könnte.
Daneben leben im Mittelmeer zahlreiche andere Haiarten: etwa Blauhaie, Fuchshaie, verschiedene Hammerhaie und kleinere Grundhaie. Die meisten davon sind für den Menschen weitgehend ungefährlich und meiden Küstenbereiche mit hohem Bade- und Bootsverkehr. Viele dieser Arten stehen – wie der Weiße Hai – auf Roten Listen bedrohter Tierarten, nicht wegen Angriffen auf Menschen, sondern infolge der Fischerei und ihres Verlustes an Lebensraum.
Für Sportbootfahrer, Segler und Motorboot-Crews ist die neue Aufnahme spektakulär, aber sie bedeutet keinen Grund zur Panik. Aus mehreren Gründen: Der gefilmte Weiße Hai wurde weit entfernt von der Küste gesichtet. Zudem sind Weiße Haie zwar Spitzenprädatoren, aber keine „Menschenjäger“. Begegnungen im Mittelmeer sind extrem selten; oft bleibt der Hai unbemerkt oder hält Distanz. Und verglichen mit anderen Risiken wie Sturm, Havarien und Kenterungen oder Überbordfallen ist die Gefahr, die von Haien für Wassersportler im Mittelmeer ausgeht, geradezu verschwindend gering.
Für Taucher und Schwimmer im offenen Meer gilt gleichwohl: vernünftig bleiben. Keine Reize setzen, die Fressverhalten auslösen (z.B. Fischen mit blutigen Ködern in unmittelbarer Nähe, Hantieren mit Speerfischfang in Tiefen, in denen Großhaie vorkommen), in der Gruppe bleiben und bei Sichtung eines großen Hais ruhig den Aufstieg oder den Rückzug zum Boot antreten.
Meeresschützer sehen in dem Video ein positives Signal: Es zeige, dass selbst in stark befischten Regionen wie der Straße von Sizilien noch große Beutegreifer vorkommen. Die Organisation Healthy Seas betont, solche Momente erinnerten daran, „how much life can still exist in offshore Mediterranean waters“ – und wie wichtig es sei, diese Gebiete vor vermeidbaren Gefahren wie Geisternetzen und Überfischung zu schützen.

Textchef YACHT
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