Nord- und OstseeBund sichert Millionen für Munitionsbergung zu

Delius Klasing

 · 10.07.2026

Mitarbeiter des Kampfmittelräumdienstes Schleswig-Holstein bei der Bergung von Weltkriegsmunition aus der Ostsee. Die tickenden Zeitbomben wurden bisher nur in Einzelfällen geräumt
Foto: Kampfmittelräumdienst SH
​Minen, Patronen und Torpedos – in Nord- und Ostsee lagern Hunderttausende Tonnen alte Weltkriegsmunition. Nach erfolgreichen Testbergungen in der westlichen Ostsee geht das Mammutprojekt nun in eine neue Phase: Für die kommenden sechs Jahre stellt der Bund jährlich 50 Millionen Euro bereit, und in Rostock soll ein neues Bundeskompetenzzentrum die großflächige Räumung koordinieren. Die geplante Entsorgungsplattform soll 2028 in Betrieb gehen.

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Text von Phillipp Steiner vom 01.12.2024, aktualisiert am 10.07.2026 von Antonia v. Lamezan.

Rückblick: 1945 ist der Zweite Weltkrieg zu Ende. Vielerorts in Deutschland lagern noch erhebliche Bestände an Munition. Die Alliierten wollen die gefährliche Hinterlassenschaft loswerden. Ein Umweltbewusstsein wie heute gibt es nicht. Und so werden Hunderttausende Tonnen Munition auf Schiffe verladen und in Nord- und Ostsee versenkt.

Bereits zuvor war Munition im Meer gelandet. Minen wurden gezielt ausgebracht, Torpedos bei Gefechten und Manövern verschossen, Granaten landeten auf dem Grund, wenn ein Kriegsschiff versenkt wurde, bevor es sie abfeuern konnte.

So viele Tonnen Weltkriegsmunition liegen in deutschen Meeresgewässern

Bis zu 1,6 Millionen Tonnen Kriegsmunition sollen in den deutschen Meeresgewässern liegen. Das geht aus einer Bestandsaufnahme durch Bund und Küstenländer von 2011 hervor. Bis zu 1,3 Millionen Tonnen werden in der Nordsee, rund 300.000 Tonnen in der Ostsee vermutet. Den Löwenanteil bildet konventionelle Munition, hinzu kommt eine relativ kleine Menge chemischer Kampfmittel.

Jahrzehnte lang liegen die Objekte im Meer. Und mit der Zeit wird der Sprengstoff reib- und schlagempfindlicher, erklärt Alexander Bach vom Umweltministerium Schleswig-Holstein. „Was letztlich bedeutet, dass ein geringeres Gewicht, das auf den Sprengstoff drauffällt, ausreicht, um ihn möglicherweise zur Umsetzung zu bringen, also ihn detonieren zu lassen.“

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Zwar schützten Metallhüllen den Sprengstoff vor äußeren Einflüssen, so Bach, der früher Minentaucher und Wachoffizier bei der Deutschen Marine war. „Aber gerade dann, wenn die eben durchgerostet ist und der Sprengstoff lose in der Meeresumwelt liegt, habe ich diesen mechanischen Schutz eben nicht mehr.“

Wann können Menschen mit Weltkriegsmunition in Berührung kommen?

Mit Munition in Berührung kommen können Menschen, die im Meer und auf Schifffahrtsstraßen arbeiten, so Bach. Zum Beispiel wenn Artilleriemunition im Fischernetz landet oder im Saugbagger bei Unterhaltungsarbeiten in der Elbe. Auch bei Erkundungen für Offshore-Projekte wird dort gezielt nach Munition gesucht. Ferner könnten Taucher auf die Munition stoßen.

Wassersportler seien nicht besonders gefährdet. Beim Ankern sei eine Detonation zwar denkbar. Die gefährlichen Gebiete seien allerdings in den Seekarten als „unrein“ markiert, so der Leiter des Referats Wassergefahrenmanagement aus dem Umweltministerium. Unfälle aus den letzten Jahren hierzulande sind Bach nicht bekannt. Der letzte größere Unfall mit schweren Verletzungen, an den er sich erinnert, habe sich vor der britischen Küste ereignet, nachdem ein Fischkutter alte Munition aufgenommen habe.

Wenn Munition an Land gelangt

Munition aus dem Meer kann auch selbst wieder an Land gelangen. Bach schätzt die Vorfälle an Schleswig-Holsteins Küsten auf eine Handvoll pro Jahr. Ein typischer Fall sei, dass Handwaffenmunition, da sie vergleichsweise leicht ist, an den Strand gespült werde.

Auch Fälle mit weißem Phosphor kommen immer wieder vor. Diese Brandmunition wird immer mal wieder mit Bernstein verwechselt, was zu schweren Verbrennungen führen kann. Wenn sich der Phosphor mit dem Luftsauerstoff verbindet und erwärmt, zum Beispiel in der Hosentasche eines Strandtouristen, kann er sich selbst entzünden.

Kurz nach dem Krieg sind Menschen noch öfter Opfer der explosiven Hinterlassenschaften geworden. Die Bestandsaufnahme von 2011 verzeichnet für Deutschland 168 Tote. Die meisten Fälle ereigneten sich demnach 1945 und 1946, und zwar beim Versenken der Munition.

yacht/yacht_20241127_202425_new-img_50-2-imgFoto: KAMPFMITTELRÄUMDIENST SH

Eine schleichende Gefahr für die Umwelt

Seit Beginn der 2020er-Jahre rückte eine weitere Gefahr in den Fokus: das allmähliche Freiwerden der gefährlichen Substanzen aus der Munition im Wasser. Wenn diese verrottet und verrostet, gefährdet sie die Umwelt schleichend, aber nachhaltig.

Ein Hauptbestandteil der konventionellen Munition ist Trinitrotoluol, kurz TNT. Im Jahr 2023 legte der Kieler Toxikologe Prof. Dr. Edmund Maser mit Kollegen eine Überblicksstudie vor. Stoffe wie TNT seien für ihre Giftigkeit und krebserregende Wirkung bekannt, heißt es darin. Zahlreiche Untersuchungen hätten Stoffe wie TNT und seine Umbauprodukte in Wasser, Sediment und Meeresorganismen gemessen. Es gebe immer mehr Belege, dass die Substanzen schaden könnten. Auch der Eintrag in die Nahrungskette sei möglich und könnte sich beim Konsum von Meeresfrüchten auf die menschliche Gesundheit auswirken. Allerdings: Heute könne der Verzehr grundsätzlich noch als sicher gelten.

Das 100-Millionen-Sofortprogramm

Während die genauen Folgen der Munition in der Forschung weiter unter die Lupe genommen werden, hat die Politik begonnen zu handeln. Die damalige Bundesumweltministerin Steffi Lemke gab 2023 den Startschuss für ein 100 Millionen Euro teures Sofortprogramm, das die systematische Räumung von Munition in Nord- und Ostsee einleiten sollte.

Das Sofortprogramm hatte zum Ziel, die Bereiche Erkundung und Bergung sowie Aufbereitung und Entsorgung so weiterzuentwickeln und aufeinander abzustimmen, dass sie erstmals eine effiziente Verfahrenskette zur systematischen Entsorgung auf See bilden. Viele der genutzten Technologien, etwa Verbrennungs- und Sprengöfen, sind an Land bereits erprobt. Nun gilt es, diese Technik für die besonderen Bedingungen auf See anzupassen.

Zwar wurde auch bisher schon Munition im Meer geräumt – aber das geschah nur vereinzelt, etwa vor dem Verlegen von Leitungen oder dem Bau von Windparks. Die Munition wurde dann geborgen und an Land entsorgt oder auf See umgelagert und gesprengt.

Was die Pilotierung erbracht hat

In einem ersten Pilotprojekt, das im Sommer 2024 startete und im Herbst 2025 erfolgreich abgeschlossen wurde, konnten in ausgewählten Bereichen der westlichen Ostsee bereits verfügbare Technologien für die systematische und teilweise automatisierte Aufspürung und Bergung erprobt werden. Geeignete Standorte lagen vor Haffkrug und Pelzerhaken in der Lübecker Bucht sowie vor Boltenhagen in der Mecklenburger Bucht. Dort ballen sich die Kampfmittel oft zu regelrechten Haufen auf dem Meeresgrund.

Die Pilotierung hat ergeben, dass die genutzte Technologie grundsätzlich einsatzbereit ist, aber noch feinfühligere Greifer und eine bessere Ausleuchtung benötigt. Deutlich wurde zudem, dass Altmunition auf sehr unterschiedliche Art auf den Meeresböden liegt. Vor Boltenhagen stieß das Bergungsteam beispielsweise auf Überreste von Munition, die durch Korrosionsprozesse mit dem Untergrund regelrecht verbacken oder metertief in den Schlamm eingedrungen waren. Während manche Hüllen noch intakt waren, waren andere stark verfallen und gaben vermehrt sprengstofftypische Verbindungen frei. In den Pilotierungsarealen fanden sich auch gänzlich frei liegende Explosivstoffe, deren Umhüllungen bereits völlig korrodiert waren.

Im Rahmen des Pilotprojekts wurden die Funde vor Ort identifiziert, klassifiziert und in abschließbaren Stahlcontainern, den sogenannten Nasslagern, unter Wasser gesichert. Schon jetzt ist die Gefährdung der Meeresumwelt durch die Altmunition dort zumindest für die geborgenen Funde deutlich verringert. Eine solche Vorsortierung in Nasslagern soll künftig den kontinuierlichen Zufluss der passenden Objekte gewährleisten, sobald die endgültige Entsorgungsplattform fertig ist.

Um die geborgenen Munitionsaltlasten detailliert zu erfassen, wurde zudem ein Datenmanagement erprobt. So ist der Weg eines Stücks Munition von der Bergung bis zur Entsorgung lückenlos nachverfolgbar. Beim begleitenden Umweltmonitoring wurden im Umfeld der Arbeiten nach Angaben des Bundes keine erhöhten Werte giftiger Sprengstoffrückstände gemessen. Das Hantieren mit der Munition setzte demnach nicht mehr Schadstoffe frei als der natürliche Zerfall.

Langfristige Bundesförderung: 50 Millionen Euro jährlich

Auf das Sofortprogramm folgt nun der nächste Schritt. Der Bund hat im Juli 2026 langfristige Unterstützung zugesagt und stellt für die kommenden sechs Jahre jährlich 50 Millionen Euro bereit, insgesamt also 300 Millionen Euro. Mecklenburg-Vorpommern profitiert davon besonders: In Rostock wird das neue Bundeskompetenzzentrum Munitionsbergung aus dem Meer angesiedelt, das die Räumung koordiniert und den Einsatz einer künftigen Entsorgungsplattform vorbereitet.

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) betonte die Dringlichkeit: „Wir haben keine Zeit mehr. Das Zeug rostet vor sich hin in der Ostsee und ist wirklich giftig. Und deswegen fangen wir jetzt an.“

Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) erklärte, dass die zugesagten 50 Millionen Euro jährlich für die darauffolgenden Bergungs- und Unterhaltskosten zur Verfügung stehen. Der Bund werde zunächst in Vorleistung gehen und anschließend mit den Ländern über das weitere Vorgehen sprechen. Zugleich machte er deutlich, dass die Bergung Zeit brauchen werde. Erst im praktischen Einsatz werde sich zeigen, wie viel Munition pro Jahr tatsächlich geborgen werden könne.

Entwicklung und Bau der Entsorgungsplattform bis 2028

Mit den Bundesmitteln soll vor allem der Bau und Betrieb einer mobilen und schwimmenden Industrieanlage zur Entsorgung von Munitionsaltlasten auf See finanziert werden. Aktuell läuft das Ausschreibungsverfahren für den Bau der Plattform. Im September 2026 will der Bund den Auftrag vergeben, und 2028 soll die Anlage in Betrieb gehen. Sie wird die Weltkriegsmunition bergen, direkt auf dem Meer delaborieren und thermisch vernichten.

Da eine mobile Anlage zur industriemäßigen Entsorgung von Munitionsaltlasten direkt auf See weltweit noch nie gebaut worden ist, wird im Rahmen einer Innovationspartnerschaft nach einem Partner gesucht, der die Anlage auf Basis der Pilotierungsergebnisse entwickelt.

Wie sich Unternehmen bei der Räumung einbringen

Verschiedene Großkonzerne haben bereits konkrete Konzepte vorgelegt:

ThyssenKrupp Marine Systems (tkMS): Der Kieler Konzern will eine komplett neu entwickelte Plattform anbieten und diese auf seinem Gelände in Wismar bauen. Für die Erkundung vor der Bergung soll das autonome Unterwasserfahrzeug (AUV) Sea Cat eingesetzt werden. Ein krangeführtes Bergewerkzeug soll die Kampfmittel auf die Plattform heben. Produktmanager Dr. Martin Rütten verdeutlicht die Dimensionen: „Unser Plattformentwurf wird jährlich zirka 600 Tonnen entsorgen können. Nähme man an, dass die Hälfte der 300.000 Tonnen Kriegsmunition in der deutschen Ostsee zugänglich und transportsicher ist, würden zehn Plattformen 25 Jahre benötigen, um alles zu bergen.“ Das Unternehmen will für den Bau stark auf den deutschen Mittelstand als Zulieferer setzen.

Rheinmetall und WilNor Governmental Services: Die Düsseldorfer haben sich mit dem norwegischen Wilhelmsen-Konzern zusammengetan. Ihr Konzept heißt EMMA (Entsorgungs-Modul-Munitions-Altlasten). Im Gegensatz zu tkMS setzt Rheinmetall nicht auf eine Neuentwicklung, sondern will eine gebrauchte Plattform – beispielsweise aus der Öl- und Gasindustrie – kaufen und darauf bewährte, marktverfügbare Entsorgungsanlagen installieren. „Die Verwendung von erprobten und marktverfügbaren Systemen ermöglicht einen sofortigen Projektstart und vermeidet risikohafte Neuentwicklungen“, erklärt Dr. Deniz Akitürk, Geschäftsführer von Rheinmetall Project Solutions. „Momentan wird für die Entsorgung über sogenannte Innovationspartnerschaften gesprochen“, so Akitürk. „Wir könnten sofort mit der Entsorgung beginnen.“ Rheinmetall würde später die Räumung und Entsorgung übernehmen, während der norwegische Partner die maritime Logistik abdeckt.

Erkenntnisse der Bergungsteams vor Ort

Im Rahmen des abgeschlossenen Pilotprojekts waren in der Lübecker Bucht die Firmen SeaTerra (Haffkrug und Pelzerhaken West) und ein Zusammenschluss von Eggers Kampfmittelbergung und Hansataucher (Pelzerhaken Nord) im Einsatz.

Jann Sichermann, Chef des beteiligten Dienstleisters Seascape, berichtet von wertvollen logistischen Erkenntnissen für die kommenden Großprojekte. Der Meeresgrund bei Pelzerhaken Nord erwies sich als deutlich schlickiger als vermutet, zudem zeigten Magnetometer-Sondierungen extrem viele Anomalien an. Dies erschwerte das Finden von sicheren Aufstellflächen für die Bergungsplattformen, da diese frei von Munition sein müssen, um den Stelzen stabilen Stand zu bieten. Für die künftige Räumung ab 2028 seien daher auch dynamische Positionierungssysteme denkbar, die ohne festen Bodenkontakt auskommen.

Teils hätten zwei je zwei Meter lange Munitionskörper senkrecht übereinander im Schlamm gesteckt. „Das ist insofern ein Erkenntnisgewinn, als man sich jetzt mal ein Bild machen kann, wie das da gelagert ist“, so Sichermann. Trotz aller Widrigkeiten seien die Firmen mit einer „begeisterten Crew“ dabei gewesen – schließlich seien sie Teil einer „neuen Ära der Kampfmittelräumung“.

Pilotprojekt in der Lübecker Bucht

Lübecker BuchtFoto: YACHTLübecker Bucht

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