BOOTE-Leser Andreas Hahn entdeckt auf einer Messe die britische Werft Piper Boats. Wenige Monate später ist er stolzer Eigner einer Piper Motor Class Dutch Barge 49M und überführt den 15 Meter langen Stahlverdränger „Rives et Rêves“ mithilfe von Freunden von Paris nach Berlin.
Ein Text von Andreas Hahn
An einem Sommertag sind wir in Werder an der Havel auf der Boot und Fun Inwater. Mit unserem niederländischen Stahlverdränger haben wir schon viele Erfahrungen rund um Berlin gesammelt und wollen eigentlich „bloß mal gucken“. So kommen wir am Stand von Piper Boats Ltd. aus Großbritannien zum Stehen. Ohne es zu ahnen, ist das der Moment, in dem sich unser Bootsleben fundamental verändern soll. „Wo liegt denn das Boot?“, fragt Andrea mit suchendem Blick über die Stege. Leider nirgends – das Team konnte kein Boot zur Messe bereitstellen. Also blättern wir nur durch schöne Broschüren. „Besucht uns doch im ‚Piper-Port‘ in Frankreich!“, schlägt Roberto vor, der den Stand betreut. Ich bin skeptisch.
Wenige Wochen später landen wir in Basel, Roberto erwartet uns schon. Mit dem Auto geht es über die Grenze nach Saint-Jean-de-Losne in Frankreich. Im „Piper-Port“ liegen viele Boote der Werft, von 15 bis 20 Meter Länge. Zum Saisonende sind viele Eigner vor Ort, wir können einiges besichtigen. Zurück in Berlin, randvoll mit schönen Eindrücken, steht fest: So eins hätten wir gern. Sechs Monate später fahren wir mit der ICE-Direktverbindung und ernsten Kaufabsichten von Berlin nach Paris, um eine gebrauchte, aber noch recht neue Piper zu besichtigen.
Als wir die „Rives et Rêves“ betreten, fühlt es sich sofort vertraut an. Unsere Eindrücke vom Herbst in Saint-Jean-de-Losne sind noch da. Der Eigner überlässt uns das Boot ein paar Tage und Nächte. Nach einer Probefahrt in Paris, ausgiebiger Beratschlagung und noch einmal „drüber schlafen“ sage ich zum Eigner die mühsam einstudierten Worte: „Nous achetons le bateau.“ – „Wir kaufen das Boot.“ Mit strahlenden Gesichtern schlagen wir ein.
Lesley und Steward aus Großbritannien haben wir bei unserem ersten Besuch in Frankreich kennengelernt. Sie haben angeboten, uns zu helfen, wie Piper-Eigner das so machen. Sie übernehmen einige Monate später für uns das Boot in Paris. Wir sind als neue Besitzer zur Übernahme nicht vor Ort. Das ist eher ungewöhnlich, aber wir wissen, dass es mit einer sehr erfahrenen und besonnenen Crew auf den Weg nach Deutschland geht. Lesley und Steward übernehmen die erste Hälfte der Strecke. Zuvor mussten einige Abmeldeformulare für die Behörden in Frankreich unterschrieben werden. Das fahrbereite Boot war bislang ein Wohnsitz. In Frankreich geht das. Die Abmeldungen sind erledigt, das Kennzeichen aus Berlin ist zugeteilt, die Frequenzzuteilung für das Funkgerät ist da – es kann losgehen!
Daheim sind wir uns einig, dass wir das Boot nicht umtaufen werden. Das soll bekanntlich Unglück bringen. Wenn der Name „Hasimausi“ oder so ähnlich gewesen wäre, hätten wir es wohl riskiert. „Rives et Rêves“ hingegen bedeutet „Ufer und Träume“ und könnte passender kaum sein. Die Herausforderungen, die der Name im Funkverkehr in Deutschland mit sich bringt, nehmen wir gern in Kauf. An einem strahlend schönen Maimorgen geht es im hoch in der Stadt gelegenen Bassin La Villette mitten in Paris los. Der Voreigner begleitet das Boot noch ein Stück entlang des Canal Saint-Denis mit dem Fahrrad – dann lässt er es ziehen.
Die erste Schleuse wartet gleich mit zehn Meter Fallhöhe auf Lesley und Steward. Die beiden sind vorbereitet und bleiben entspannt. So erreicht die Crew nach knapp vier Stunden Talfahrt durch Paris die Seine. Von hier geht es in die Oise und weiter zur Aisne. Zur Nutzung der automatisierten Schleusen gibt es eine Fernbedienung, die in den nächsten Tagen bis nach Soissons gebraucht wird. Nach einer Woche Fahrt und der Schleuse Nr. 14 auf dem Canal latéral à l’Aisne bei Vieux-lès-Asfeld beginnt der Canal des Ardennes. Dieser fungiert lediglich unter anderem Namen als weiterführender Seitenkanal. Der begleitende Fluss selbst ist hier nicht mehr schiffbar. Die Schleusenbedienung ändert sich erneut. Man zieht zur Anforderung an einer Schnur, die an einem langen Arm über dem Kanal hängt. Ich kannte das bislang nur aus Parkgaragen. Lesley schreibt dazu: „This is always fun!“
Der Canal des Ardennes ist neben der reizvollen Landschaft und den bezaubernden Orten auch bekannt für die Schleusenkette von Le Chesne mit 27 Kammern. Auf einer Länge von neun Kilometern werden hier 78 Meter Höhenunterschied überwunden. Die erschöpfte Besatzung verbringt die Nacht auf der Scheitelhaltung des Kanals. Ab hier geht es nur noch zu Tal weiter. Kurz vor dem Kanalende wird Diesel gebunkert. Das Boot hat Paris halb leer verlassen, was bei 1.200 Liter Tankvolumen und einem Verbrauch von 3,9 Litern pro Stunde nicht weiter besorgniserregend ist. Nun wird es bis nach Berlin reichen – und für den Rest der Saison im neuen Revier. Nach dem Tankstopp warten die Meuse und Belgien. „Rives et Rêves“ folgt dem Fluss, der an der Grenze zu den Niederlanden zur Maas wird, bis nach Boxmeer südlich von Nijmegen. Lesley und Steward gehen von Bord, die erste Hälfte ist geschafft!
Drei Tage später treffen wir mit dem Mietwagen ein. Eingerichtet sind wir schnell, es kann weitergehen. Bis nach Nijmegen ist die Fahrt sehr beschaulich – dann schleusen wir auf den Rhein und kämpfen uns fünf Stunden lang gegen den Strom voran bei maximal 5 km/h über Grund. Viel Zeit, die schöne Landschaft zu genießen: „Man sieht eine halbe Stunde lang denselben Baum.“ Allerdings dürfen wir nicht unaufmerksam werden. Der Rhein windet sich hier in Schleifen. Wenn wir mit unserem Stahlverdränger eine Chance gegen den Strom haben wollen, müssen wir mehrfach die Uferseite wechseln. Dabei fahren wir quer durch das Hauptfahrwasser und müssen geschickt durch den dichten Verkehr manövrieren.
Der kürzere Weg nach Hause führt eigentlich über den Rhein weiter zu Berg bis nach Wesel, durch den Wesel-Datteln-Kanal und den Dortmund-Ems-Kanal bis zum Mittellandkanal. Wir haben aber keine Lust, 80 Kilometer gegen den Strom zu fahren. Stattdessen nehmen wir die beschaulichere Veenvaart ins Visier. Was für eine Wohltat. Da wir keine Zeit haben, durch Friesland zu bummeln, nehmen wir nördlich von Zutphen den Abzweig nach Osten auf den Twentekanaal in Richtung Enschede und biegen nach einigen Stunden nach Norden in Richtung Almelo ab. Hier ist wenig Verkehr und keine Schleuse, sodass wir viele Stunden Strecke machen. Zwischen Nieuw Amsterdam und Erica (benannt nach der Heidepflanze) biegen wir in die Veenroute Richtung Osten ein. Die Schleuse Erica schließt bei unserer Anfahrt für die Mittagspause. Das wird hier sehr konsequent gehandhabt. Dafür ist während der Betriebszeiten der Schleusenservice im ganzen Land exzellent!
Weiter geht es im Zickzack über Kanäle, durch Schleusen und Engstellen. Alles läuft wie am Schnürchen, bis wir in Ter Apel, kurz vor der deutschen Grenze, beim Plausch mit den Schleusenwärtern schlechte Nachrichten bekommen: Der Haren-Rütenbrock-Kanal ist für eine Woche gesperrt. Wir lassen das Boot also eine Woche in Ter Apel und fahren mit dem Auto nach Berlin. Die Zwangspause in Berlin nutzen wir zum Üben der Leinenarbeit. Besonders der Wurftechnik. Im Garten werden dafür leere Blumentöpfe auf den Rasen gestellt und Leinen darüber geworfen. Von nun an sind entfernte Poller oder Dalben kein Problem mehr.
Der Haren-Rütenbrock-Kanal öffnet nach einer Woche planmäßig und wir setzen unsere Fahrt fort. Deutschland ist erreicht! Im Einbahnstraßenverkehr werden wir mit anderen Booten im Konvoi durch Brücken und Schleusen bis nach Haren an der Ems geführt. Schon früh am nächsten Morgen sind wir wieder unterwegs. Es wird ein trüber Tag. Wir wollen den Mittellandkanal erreichen, haben also einiges vor. Doch wieder scheinen wir Pech zu haben: In den Nachrichten ist die Rede von einer Kollision eines Arbeitsschiffs mit einer Ems-Brücke in Lingen. Da müssen wir durch! Zum Glück wird die Brücke nur für den Straßenverkehr gesperrt. Da sie nach Begutachtung nicht einsturzgefährdet ist, kann der Schiffsverkehr darunter weitergehen – Glück gehabt!
Am nächsten Morgen biegen wir bei Bevergern auf den Mittellandkanal ein. Vor uns liegen 174 schleusenfreie Kilometer bis zur Staustufe Anderten hinter Hannover. Die nächsten Etappenstopps sind ein Bollwerk am Kanalabzweig Salzgitter, Magdeburg-Rothensee sowie Brandenburg an der Havel. Dann kommt die Schlussetappe durch das Havelland und in den Norden von Berlin. Der letzte Fahrtag ist strahlend schön und surreal. Beim Morgenkaffee wird an Bord gescherzt: „Das Bier ist alle, wir müssen nach Hause.“ Am Tag, als Lesley und Steward in Paris mit dem Boot abgelegt haben, war dieser Heimkehrtag noch unvorstellbar fern – nun ist er da.
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