Christian Tiedt
· 19.06.2026
Die Meeresströmungen hatten es Georg von Neumayer besonders angetan. Im 19. Jahrhundert waren sie ein noch kaum verstandenes Phänomen. Mit Flaschenposten, die er systematisch aussetzen ließ, hoffte er, ihr Geheimnis ergründen zu können. Auf der Basis Tausender Antworten konnte er schließlich tatsächlich eine Stömungskarte anfertigen – ein Meilenstein in der Ozeanforschung.
Die einfache Idee ist ein gutes Beispiel dafür, wie Georg von Neumayer die Wissenschaft bis heute beeinflusst: Im Jahr 2000 legte eine internationale Forschungsgruppe das Experiment neu auf. Seitdem treiben sogenannte Argo-Floats über die Weltmeere und sammeln und senden während ihrer Drift Messdaten zu Temperatur, Salzgehalt und Druck. Besonders im Angesicht des Klimawandels sind sie für die Entwicklung neuer Vorhersagemodelle von großem Wert.
Geboren wurde Georg von Neumayer 1826 fern aller Küsten im bayrischen Kirchheimbolanden, heute Rheinland-Pfalz. Der Hang zur Erforschung des Meeres war ihm damit zwar nicht in die Wiege gelegt, in die weite Welt zog es ihn aber schon nach dem Studium in München, bei dem er nicht nur Ingenieurswissenschaften studierte sondern auch Physik und Astronomie.
Als Matrose und Steuermann kam nach Australien, wo man von den wissenschaftlichen Kenntnissen des gerade 32 Jahre alten Deutschen offenbar so beindruckt war, dass ihm die Leitung des geophysikalischen Observatoriums in Melbourne anvertraute, die er sechs Jahre lang bis 1864 innehatte. Die Stadt im Südwesten des Kontinents erlebte damals einen Goldrausch, der sie vorübergehend zu einer der reichsten Metropolen der Welt machte.
Zurück in der Heimat sprach er sich als inzwischen anerkannter Wissenschaftler für die Errichtung einer norddeutschen Seewarte aus. Das geschah 1868, zunächst zwar noch auf private Initiative, nach der Gründung des Deutschen Reichs ging aus ihr jedoch die Deutsche Seewarte als Reichsinstitut hervor. Da kaum ein passenderer Kandidat zu finden war, übernahm Georg von Neumayer die Leitung.
Fast 30 Jahre lang, von ihrer Einrichtung 1875 bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1903, füllte er das Amt aus und prägte die Seewarte und machte sie zu einer international anerkannten Forschungseinrichtung. 1909 starb Georg von Neumayer. Die Seewarte blieb bestehen und wurde zu einer der wichtigsten Vorgängerinnen der beiden modernen Institutionen des Bereichs: des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Offenbach am Main und des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg.
Gleichzeitig erwarb sich Georg von Neumayer einen Platz unter den führenden Vorantreibenden der modernen Polarforschung. So war er maßgeblich an der Organisation des Ersten Internationalen Polarjahres 1882-1883 beteiligt. Die deutsche Gauß-Expedition von 1901 bis 1903 in die Südpolarregion kam auch aufgrund seines Engagements zustande. Um an seine Verdienste zu erinnern, ist die deutsche Forschungsstation in der Antarktis, betrieben vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven nach Neumayer benannt.

Ressortleiter Reise
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