In den vergangenen Monaten kam es im Mittelmeer ungewöhnlich häufig zu starken Stürmen. Dabei bilden sich immer wieder erschreckend hohe Wellen. Am Sonntag, 15. März 2026, wurde vor Menorca mit knapp 13 Metern bereits die dritte dokumentierte Extremwelle im Mittelmeer innerhalb weniger Monate registriert.
Erst sechs Wochen zuvor, vom 19. bis 22. Januar 2026, wütete Zyklon „Harry“ über dem südlichen Mittelmeer. Eine Boje der italienischen Rete Ondametrica Nazionale registrierte eine maximale Welle von 16,6 Metern zwischen Portopalo di Capo Passero und Malta. Der mediterrane Zyklon entwickelte Windgeschwindigkeiten von bis zu 130 Kilometern pro Stunde.
Die Bilanz war verheerend: In Palermo sprechen lokale Berichte von mindestens 20 zerstörten Booten, dazu Pontons, die aus ihren Verankerungen gerissen wurden. In Siracusa wurden Schwimmstege zerstört, mehrere Berichte nennen gesunkene Boote trotz verstärkter Festmacher. Auf Malta wurden in Birżebbuġa schwer beschädigte Yachten an Land gespült, aus Marsaxlokk wird berichtet, dass kleinere Boote auf die Straße gedrückt wurden.
Besonders erschreckend für Sportbootfahrer: Vermeintlich sichere Häfen werden dann immer wieder zur Gefahrenzone. Drückt der Schwell über die Molen, lässt er Yachten wie an einer Feder schwingen. Leinen werden ruckartig belastet, Klampen und Poller bekommen Schläge, Fender rutschen hoch oder werden herausgequetscht.
Zudem bieten Yachten dem Wind enorme Angriffsflächen. Die machen sich bei moderaten Verhältnissen kaum bemerkbar, da bei wenig Wind auch der Winddruck auf Freibord und Aufbauten eher schwach ist. Der Druck auf den Rumpf nimmt jedoch im Quadrat zur Windgeschwindigkeit zu. So bedeutet der Unterschied zwischen drei Windstärken und neun Windstärken nicht etwa eine Verdreifachung des Winddrucks, sondern fast das 21-Fache.
Die extremen Wellenhöhen während Zyklon Harry waren kein Zufall, sondern das Ergebnis eines Zusammenspiels meteorologischer Faktoren. Drei Bedingungen müssen zusammenkommen, damit sich Monsterwellen aufbauen: hohe Windgeschwindigkeit, lange Dauer und ausreichend „Fetch“ – die ununterbrochene Strecke, über die der Wind aus einer Richtung über Wasser weht. Bei Harry kam ein weiterer Verstärker hinzu: Düseneffekte zwischen Inseln und in Meerengen wie der Straße von Sizilien, wo der Wind zusätzlich beschleunigt wird.
Das eigentliche Problem liegt jedoch tiefer. Das Tief zapfte über dem ungewöhnlich warmen Mittelmeer feuchte Luftmassen an und etablierte sich über mehrere Tage nahezu ortsfest, weil stabile Hochdruckgebiete im Norden einen raschen Abzug verhinderten. „Die milden Wassertemperaturen sind eine Energiequelle und führen zu einer höheren Verdunstung“, erklärt der italienische Meteorologe Mattia Gussoni vom Wetterdienst ilMeteo.it. „Aus diesem Grund wurde Harry zu einem Extremereignis, wie wir es in der Vergangenheit nur selten erlebt haben.“
Die Prognose ist ernüchternd: Winterstürme über dem Mittelmeer habe es schon immer gegeben, doch sie würden infolge des Klimawandels „häufiger und heftiger“ auftreten, so Gussoni. Als Hauptursache nennt er die überhöhten Wassertemperaturen des Mittelmeers, die den Stürmen zusätzliche Energie liefern. Je wärmer das Wasser, desto mehr Feuchtigkeit verdunstet in die Atmosphäre – und desto mehr Energie steht für Starkregen, Sturmböen und eben auch für den Aufbau extremer Wellen zur Verfügung.
Besonders gefährlich wird es, wenn solche Systeme als sogenannte „Cut-off-Lows“ vom Hauptströmungsband abgekoppelt werden und tagelang über derselben Region verharren. Dann schaukeln sich die Wellen immer weiter auf, bis sie selbst robuste Hafenanlagen überfordern. Die 16,6-Meter-Welle zwischen Sizilien und Malta war das Resultat genau dieser Konstellation – und sie dürfte nicht die letzte ihrer Art gewesen sein.
Die höchste jemals per Satellit gemessene Welle wurde am 21. Dezember 2024 registriert – allerdings nicht im Mittelmeer, sondern im offenen Nordpazifik während des Höhepunkts von Sturm „Eddie“. Der SWOT-Satellit (Surface Water and Ocean Topography), eine gemeinsame Mission von NASA und der französischen Raumfahrtagentur CNES, zeichnete Ozeanwellen mit einer durchschnittlichen Höhe von 19,7 Metern auf – so hoch wie ein sechsstöckiges Wohnhaus.
Was diese Messung besonders macht, ist nicht nur die schiere Höhe, sondern die Art und Weise, wie sie erfasst wurde. SWOT kann erstmals großflächige, zweidimensionale Karten der Ozeanoberfläche erstellen und nicht nur Wellenhöhen messen, sondern die Entstehung, Ausbreitung und Energie von Monsterwellen über Tausende Kilometer verfolgen.
Die Forscher konnten die Sturmdünung über 24.000 Kilometer auf dem Ozean verfolgen, vom Nordpazifik durch die Drake-Passage bis in den tropischen Atlantik, zwischen dem 21. Dezember 2024 und 6. Januar 2025. Das bedeutet: Ein Sturm, der vor Alaska tobt, kann zwei Wochen später für gefährliche Bedingungen in der Karibik sorgen.
Es gab sogar noch höhere gemessene Wellen: Am 8. September 2019 wurde vor Neufundland von einer Messboje eine einzelne Wellenhöhe von 30,2 Metern gemessen. In der südlichen Hemisphäre wurden 23,8 Meter am 8. Mai 2018 nahe Campbell Island südlich von Neuseeland registriert.
Im Februar 2024 wurde vor Nazaré eine neue Bestmarke mithilfe einer Drohne mit 28,57 Metern gemessen. Diese Monsterwellen entstehen durch den „Nazaré Canyon“, eine bis zu 5.000 Meter tiefe Meeresschlucht, die direkt vor der Küste endet und die Energie des Atlantiks auf engstem Raum bündelt.
So erschreckend die immer wieder auftretenden Extreme sind, so viel besser werden die Vorhersagen – zumindest bei großflächigeren Wettersystemen. Die Kombination aus satellitengestützter Fernerkundung und Bojenmessungen liefert ein vollständigeres Bild der Ozeandynamik. Wetterrouting-Systeme könnten damit in Zukunft nicht nur aktuelle Stürme, sondern auch deren weitreichende „Wellenechos“ berücksichtigen und so zuverlässigere Vorhersagen für Wassersportler ermöglichen.
Wesentlich schwerer bleiben kleinteilige Wetterextreme vorherzusagen, wie sie in den vergangenen Jahren im Mittelmeer immer wieder auftraten und teils für erhebliche Schäden sorgten.
Der Meteorologe Dr. Michael Sachweh rät daher: „Achten Sie in Wetterportalen wie „Windy“ auf die Luftströmung in drei bis fünf Kilometer Höhe. Weht es dort mit Orkanstärke, sind in der Nähe von Schauern und Gewittern auch am Wasser schwere Sturm- oder gar Orkanböen zu erwarten. Als Leitströmung für die voraussichtliche Verlagerung von Schauern, Gewittern und Unwettern gilt der Wind in Höhen von etwa 3.000 bis 5.500 Metern (Druckniveaus 700 bis 500 hPa). Wenn da oben relativ tiefer Druck herrscht und es aus Südwest stürmt, sollten die Alarmglocken läuten. Ein Landausflug anstatt eines Törns wäre dann die richtige Entscheidung.“

Redakteurin Panorama und Reise