Journalismus in einer Journalismus-feindlichen WeltDas große Rauschen

BOOTE

 · 14.09.2026

Journalismus in einer Journalismus-feindlichen Welt: Das große RauschenFoto: Peter-Andreas Hassiepen
Bernhard Pörksen, Medien-Wissenschaftler
Bernhard Pörksen ist einer der bekanntesten Medienwissenschaftler des Landes. Er arbeitet an der Universität Tübingen und forscht intensiv im Silicon Valley. Letzte Buchveröffentlichung: „Zuhören. Die Kunst, sich der Welt zu öffnen“ (Hanser).

Themen in diesem Artikel

Journalismus entsteht heute in einer zunehmend journalismusfeindlichen Welt, bedrängt von Big-Tech-Unternehmern, Lügenpresse-Rufern, Informationserschöpfung, KI-Müll. Was tun? Entwurf einer Vision der medienmündigen Gesellschaft in Zeiten des Pessimismus. Ein Essay von Bernhard Pörksen, Medien-Wissenschaftler.

​Optimismus, so hat der aphoristische Weisheiten hervorknurrende Dramatiker Heiner Müller einmal gesagt, ist ein Mangel an Information. Pessimismus, so könnte man ihm entgegnen, ist ein Mangel an Ideen. Und doch: Wenn man sich klar macht, was die laufende Medienrevolution für den unabhängigen Journalismus bedeutet, dann ist es schwer, aktuell nicht in die ohnehin verbreiteten Untergangsgesänge einzustimmen, nicht einfach nur weiterhin die Narrative des Niedergangs zu bedienen.

Die jüdische Philosophin Hannah Arendt hat in ihrem letzten großen Fernsehinterview im Jahr 1973 gesagt: „In dem Moment, in dem wir keine freie Presse mehr haben, kann alles passieren.“ Ihre Warnung hat nach wie vor Gewicht. Denn was Arendt die freie Presse nennt, ist in diesem Moment der Medien- und Menschheitsgeschichte gewaltig unter Druck, auch hierzulande. Fakt ist: Aufklärerischer Journalismus entsteht heute in einer zunehmend journalismus- und aufklärungsfeindlichen Welt.

Drei große Trends

Im Hintergrund wirken drei große Trends. Politisch erleben wir in vielen Ländern Europas und in den USA den Aufstieg von Populisten und Extremisten, die unabhängige Medien nach Kräften drangsalieren, attackieren, dämonisieren. Technologisch ist die KI-Revolution längst allgegenwärtig. Die Folge: Gerade noch funktionierende Geschäftsmodelle unabhängiger Medien kollabieren über Nacht. Und gigantische Mengen von KI-Müll in Form von Fake-Videos und Fake-Texten (Fachbegriff: AI Slop) fluten das Netz, erschweren die Orientierung, lassen journalistische Angebote im großen Rauschen verschwinden.

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Ökonomisch verstricken die Big-Tech-Unternehmer, die längst mit Hilfe der großen Plattformen die Macht über die zentralen Vertriebskanäle für Information errungen haben, den seriösen Journalismus in einen ruinösen Kampf um Autonomie. Denn der Journalismus muss jetzt in einer boulevardesken Aufmerksamkeitslotterie nach Regeln spielen, die Big-Tech-Unternehmen mit ihren auf Krawall und Emotionalität getrimmten Algorithmen schreiben – und nach Gutdünken variieren. Gleichzeitig trocknen die Werbemärkte, einst eine zentrale Finanzquelle des Journalismus, aus.

Nur eine einzige Zahl: Im letzten Jahr haben drei Unternehmen - Google, Meta und Amazon - im digitalen Markt mehr als die Hälfte aller Werbeeinnahmen weltweit für sich verbucht. Hinzu kommt, dass viele Menschen im allgemeinen Krisentumult unter einer Überdosis Weltgeschehen leiden. Sie wenden sich ab, klinken sich aus, suchen – mal verzweifelt, mal genervt – nach Digital Detox-Rezepten und den Oasen einer nachrichtenfernen Seelenpflege. In Zeiten einer allgemeinen Zukunftsunruhe ist das absolut verständlich, aber doch fatal. Denn wie soll ein echter Skandal – man denke nur an das mafiöse Gebaren eines Donald Trump, aber auch an eine brisante Enthüllung im Lokalen – noch zünden, wenn vor lauter Krisenangst und Bullshit-Ekel niemand mehr hinschauen, niemand mehr zuhören mag?

Pessimismus ist Zeitverschwendung

Und doch: Pessimismus ist Zeitverschwendung, ein sinnloser Verbrauch geistiger Energie, stets in der Gefahr, sich in eine selbsterfüllende Prophezeiung zu verwandeln. Denn was soll man noch tun, warum sich noch engagieren, wenn die allgemeine Entwicklung dunkel und düster wie ein unveränderliches Menschheits-Schicksal erscheint? Resignation und Weltflucht scheinen dann als smarte Lösungen für gestresste Individuen, aber sie sind für das demokratische Miteinander und das gesellschaftliche Engagement schädlich.

Es braucht daher – gerade jetzt, gerade heute – eine Vision der Medienmündigkeit, die in einem dreifachen Kraftakt besteht, so meine These. Nötig ist, erstens, eine Bildungsanstrengung auf der Höhe der digitalen Zeit. So wie in den 1970-er Jahren das Umweltbewusstsein entstanden ist, sollte sich (und das geht nur als gemeinsame Initiative von Schulen, Hochschulen, Volkshochschulen etc.) heute als Reaktion auf die Vermüllung und Ausplünderung der publizistischen Außenwelt eine Art Öffentlichkeitsbewusstsein entwickeln, ein Gespür für den Wert und die Schutzbedürftigkeit von Öffentlichkeit, verstanden als geistiger Lebensraum einer liberalen Demokratie.

Unerlässlich ist, zweitens, eine entschiedene Regulierung großer Plattformen. Die verschiedenen EU-Initiativen wie z. B. der Digital Services Act, die Big-Tech-Plattformen zu einer effektiveren Desinformationsbekämpfung drängen, gehen durchaus in die richtige Richtung. Fraglich ist nur, ob sie im Zuge der geopolitischen Verwerfungen und der Entfremdung zwischen den USA und Europa auch durchgesetzt werden können.

Schließlich und drittens sollte sich auf dem Weg in die medienmündige Gesellschaft auch der Journalismus ändern. Ich behaupte: Der aufklärerische Journalismus der Zukunft wird dialogisch und transparent sein – oder er wird nicht sein. Leserinnen und Leser sind in einer tatsächlich medienmündigen Gesellschaft noch viel stärker als bisher, Komplizen, Kritiker, Gefährten, Dialogpartner auf Augenhöhe. Sie sind Anreger in einem großen, pulsierenden, niemals endenden Gespräch zwischen der Redaktion und denjenigen, die man früher, in einer vergangenen Medienepoche das Publikum genannt hätte. Und die heute lange schon selbst senden, posten, publizieren.

Es braucht einen Pakt des dialogischen Journalismus

Mein Punkt ist: Es braucht – im Widerstand gegen Big Tech-Giganten, zum Schutz unabhängiger Berichterstattung, im Bemühen um Medienmündigkeit in der Breite der Gesellschaft – einen neuen Pakt zwischen der vierten Gewalt des klassischen Journalismus und der fünften Gewalt der vernetzten Vielen, dem medienmächtig gewordenen Publikum. Es braucht stabile Vertrauensbeziehungen, wechselseitige Anregung und Transparenz, auch indem Redaktionen in Berichten und Debatten, in Blogs und der direkten Begegnung noch viel stärker als bisher über ihre Arbeit aufklären, geleitet von dem Imperativ eines dialogischen Journalismus: „Gib Deinen Leserinnen und Lesern jede nur denkbare Möglichkeit, die Qualität der von dir vermittelten Informationen einzuschätzen!“

Noch einmal: Die Aufklärung über die Gesetze der eigenen Branche ist heute der unvermeidliche Zweitjob für Medienmacher. Das heißt, dass man die Kosten und Fallstricke einer Enthüllungsrecherche benennt. Es bedeutet, dass man eigene Fehler offenlegt, aber doch auch grundsätzlich verdeutlicht: Ohne einen vitalen Journalismus steigt die Korruption in einem Gemeinwesen, nimmt das zivilgesellschaftliche Engagement nachweislich ab, werden die populistischen Vereinfacher und die PR-Spezialisten, die einfach nur verkaufen wollen, mächtiger.

Und wenn es doch schiefgeht, wenn das große Rauschen und der synthetische Lärm der KI-Videos die Vielstimmigkeit authentischer Medien und echter Menschen überdröhnt? Dann hat der Aufklärungsoptimist und Verteidiger einer demokratischen Öffentlichkeit, bis es wirklich so weit ist, immerhin das bessere Leben gehabt und das eigene Engagement zumindest nicht vorschnell im allgemeinen Pessimismus ertränkt. Und das ist doch auch ein Wert, oder?



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