“Arctic Metagaz”Katastrophe durch explosives Geisterschiff im Mittelmeer?

Ursula Meer

 · 17.03.2026

Die schwer angeschlagene "Arctic Metagaz" am 15. März
Foto: Getty Images/Miguela Xuereb
Ein manövrierunfähiger russischer LNG-Tanker treibt seit beinahe zwei Wochen unbemannt im zentralen Mittelmeer. An Bord der “Arctic Metagaz” befinden sich etwa 900 Tonnen Diesel sowie über 60.000 Tonnen Flüssigerdgas, die weiterhin im bislang unbeschädigten Rumpf gelagert sind. Damit wächst das Risiko sowohl für den Schiffsverkehr als auch für die Meeresumwelt. Inzwischen steuert ein weiterer russischer Schattentanker mit hoher Geschwindigkeit auf das treibende Schiff zu. Malta und Italien sind höchst alarmiert.

Der havarierte russische LNG-Tanker „Arctic Metagaz“ treibt seit fast zwei Wochen führungslos im zentralen Mittelmeer. Stürme und meterhohe Wellen setzen dem Rumpf massiv zu. Nun spitzt sich die Situation dramatisch zu: Ein zweiter russischer Schattentanker steuert mit hoher Geschwindigkeit direkt auf das Wrack zu, während US-Aufklärungsflugzeuge das Geschehen aus der Luft beobachten. Mit rund 900 Tonnen Schweröl und mehr als 60.000 Tonnen Flüssigerdgas im weiterhin weitgehend intakten Rumpf wird die „Arctic Metagaz“ zur tickenden Zeitbombe. Eine Explosion des Flüssigerdgases oder ein Untergang des Tankers könnte eine der schwersten Umweltkatastrophen seit Jahrzehnten auslösen.

Explosion vor Libyen – die Crew flieht

Der 277 Meter lange LNG-Tanker „Arctic Metagaz“ wurde am 3. März 2026 bei einer Explosion vor der Küste Libyens, etwa 150 bis 168 Seemeilen südöstlich von Malta, schwer beschädigt. Russland beschuldigte die Ukraine, einen Angriff mit einer unbemannten Drohne durchgeführt zu haben. Bisher hat jedoch niemand die Verantwortung für die Explosion übernommen. Die 30 Mann starke Besatzung konnte sich in Rettungsboote retten und wurde in Malta in Sicherheit gebracht.

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Die aktuelle Lage

Die „Arctic Metagaz“ gehört zur russischen Schattenflotte und steht unter westlichen Sanktionen. Das Schiff sendete laut MarineTraffic zuletzt am Abend des 2. März Positionsdaten – seitdem ist es ein „Geisterschiff“ ohne elektronische Identifikation. Derzeit treibt es etwa 50 Seemeilen südwestlich von Malta. Überwachungsvideos zeigen das schwelende, geschwärzte Schiff mit etwa 30 Grad Schlagseite nach Steuerbord, mit massiven Rissen an beiden Seiten und einer filmartigen Substanz im Wasser darum. Ein Tank wurde bei der Explosion zerstört, Luftaufnahmen zeigen zwei Löcher in der Mitte des Rumpfes. Zu allem Übel zieht aktuell ein Sturm über das Mittelmeer mit Böen von bis zu 55 Knoten und drei bis vier Meter hohen Wellen. Er treibt das Wrack weiter nach Südwesten.

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Gigantischer Feuerball oder riesiger Ölteppich bedrohen Mittelmeerinseln

Das havarierte Wrack stellt das Mittelmeer vor eine beispiellose Bedrohung – mit zwei gleichermaßen verheerenden Szenarien.

Die „Arctic Metagaz“ führt rund 60.000 Tonnen verflüssigtes Erdgas (LNG) in ihren Tanks mit sich. Sollten der geschwächte Rumpf unter den aktuellen 4-Meter-Wellen nachgeben oder die noch intakten Tanks brechen, hätte das verheerende Folgen: Wenn das bei minus 162 Grad Celsius unter Druck gelagerte Flüssigerdgas durch eine Beschädigung des Tanks plötzlich freigesetzt wird und schlagartig verdampft, entsteht eine sogenannte BLEVE (Boiling Liquid Expanding Vapor Explosion). Dabei expandiert das Gas explosionsartig auf das 600-fache Volumen und lässt den Tank wie eine gigantische Bombe zerbersten. Die Druckwelle könnte wie ein Erdbeben wirken, und es könnte ein Feuerball mit Temperaturen von über 1.000 Grad Celsius entstehen. So geschehen etwa 1984 in San Juanico, Mexiko, wo infolge einer solchen Explosion mehr als 500 Menschen ihr Leben verloren und ganze Stadtteile zerstört wurden.

Die 30-Grad-Schlagseite, der anhaltende Seegang und die fehlende Kühlung durch die geflüchtete Besatzung machen jede Bergungsaktion zu einem tödlichen Risiko – sie könnte genau die Katastrophe auslösen, die sie verhindern soll. Eine Explosion würde das Wrack und alle Boote in seiner Nähe sofort zerstören. Obwohl das Schiff weit von der Küste entfernt ist, wären die thermische Strahlung und die atmosphärische Schockwelle über Kilometer hinweg spürbar.

Neben einer drohenden Explosion können auch die 900 Tonnen Schweröl an Bord zu einer unmittelbaren Bedrohung für die geschützten Meereszonen vor Lampedusa und Malta werden. Sie gehören zu den artenreichsten Gewässern des Mittelmeers. Seegraswiesen, die als „Lunge des Mittelmeers“ gelten, sowie die Kinderstuben für Delfine und Wale könnten durch einen schwarzen Ölteppich für Generationen zerstört werden.

Dramatische Entwicklung: Schattentanker „Jupiter“ rast auf das Wrack zu

Die Situation hat sich heute, am 17. März 2026, dramatisch zugespitzt, wie Daten aus frei zugänglichen Quellen wie VesselFinder, Flightradar und Wetterdiensten zeigen. Sie bestätigen eine besorgniserregende Eskalation: Der ebenfalls sanktionierte russische Tanker „Jupiter“, der sich bisher mit ein bis zwei Knoten in einem Zickzackkurs südwestlich von Malta bewegte, rast nun mit 14,4 Knoten (Kurs 197°) auf die treibende „Arctic Metagaz“ zu, wie VesselFinder-Daten belegen. Über dem Szenario kreist ein Aufklärungsflugzeug, das unbestätigten Angaben zufolge mit US-Geheimdiensten in Verbindung stehen soll. Jede versehentliche Kollision mit diesem fahrenden Schiff könnte der Funke sein, der genau die Explosion auslöst, die man verzweifelt zu vermeiden versucht.

Umweltbombe und internationale Koordination

Die „Arctic Metagaz“ kann nach jetzigem Stand weder gelöscht noch geborgen und in einen Hafen gebracht werden. Das Katastrophenszenario hat die Politik und ein Krisenteam auf den Plan gerufen. So haben Italien, Frankreich und sieben weitere Nationen die Europäische Kommission vor den ökologischen Gefahren des schwelenden Schiffes gewarnt: „Der prekäre Zustand des Schiffes gibt Anlass zu einem unmittelbaren und ernsthaften Risiko einer großen ökologischen Katastrophe im Herzen des maritimen Raums der Union.“

Ein internationales Bergungsunternehmen wurde beauftragt, einen Plan für das brandgefährliche Geisterschiff auszuarbeiten. Die maltesische Regierung hat einen Notfallplan aktiviert, um eine „Katastrophe an Land“ zu verhindern. Ein Schlepper und ein Umweltschutzschiff halten sich in der Nähe des treibenden Wracks auf.

Ein Wettlauf gegen die Zeit

Ob das Schiff stabil bleibt oder auseinanderbricht, ist ungewiss. Die „Times of Malta“ zitiert einen Verantwortlichen: „Trotz der massiven Explosion an Bord ist das Schiff immer noch stabil und wird wahrscheinlich nicht sinken – zumindest wohl vorerst nicht.“

Mit dem Herannahen der „Jupiter“ und der US-Luftüberwachung entwickelt sich die Situation zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Die kommenden Stunden werden zeigen, ob es gelingt, das Geisterschiff unter Kontrolle zu bringen, bevor es zur Umweltkatastrophe wird – oder ob sich ein internationaler Zwischenfall anbahnt.

Ursula Meer

Ursula Meer

Redakteurin Panorama und Reise

Ursula Meer ist Redakteurin für Reisen, News und Panorama. Sie schreibt Segler-Porträts, Reportagen von Booten, Küsten & Meer und berichtet über Seenot und Sicherheit an Bord. Die Schönheit der Ostsee und ihrer Landschaften, erfahren auf langen Sommertörns, beschrieb sie im Bildband „Mare Balticum“. Ihr Fokus liegt jedoch auf Gezeitenrevieren, besonders der Nordsee und dem Wattenmeer, ihrem Heimatrevier.

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