SeenotZwei Jahre nach der „Bayesian“ bleibt die Ursache umstritten

Lars Bolle

, Ursula Meer

 · 18.08.2026

Der Mast wurde von einem Tauchroboter abgesägt.
Foto: picture alliance/ap
Zwei Jahre nach dem Untergang der Segelyacht „Bayesian“ vor Sizilien sind zentrale Fragen zur Unglücksursache offen. Die britische Untersuchungsbehörde sieht eine bislang nicht dokumentierte Stabilitätsschwäche als entscheidenden Faktor. Die italienische Staatsanwaltschaft konzentriert sich dagegen auf mögliche Versäumnisse der Besatzung. Gleichzeitig steht die Italian Sea Group, zu der die Erbauerin Perini Navi gehört, unter gerichtlichem Insolvenzschutz.

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Der Untergang vor Sizilien

Die 56 Meter lange Segelyacht „Bayesian“ sank in der Nacht zum 19. August 2024 vor Porticello bei Palermo. Sieben Menschen starben, darunter der britische Unternehmer Mike Lynch und seine 18-jährige Tochter Hannah. 15 Menschen überlebten, unter ihnen Lynchs Ehefrau Angela Bacares.

Die „Bayesian“ krängte innerhalb weniger Sekunden stark nach Steuerbord und sank anschließend. Die genaue Abfolge der Ereignisse ist noch Gegenstand strafrechtlicher und sicherheitsbehördlicher Untersuchungen. Der bisherige Zwischenbericht der britischen Marine Accident Investigation Branch ist ausdrücklich nicht als abschließende Bewertung angelegt.

Zwei Erklärungen für eine Katastrophe

Die MAIB untersuchte die unter britischer Flagge fahrende Yacht. Nach ihrer vorläufigen Einschätzung besaß die „Bayesian“ in einem bestimmten Betriebszustand eine kritische Schwachstelle. Gemeint ist die Situation mit eingeholten Segeln, angehobener Schwenk­kielanlage und einem bestimmten Beladungszustand.

Nach der Modellrechnung konnte bereits ein seitlicher Wind von mehr als 63,4 Knoten ausreichen, um die Yacht über den Bereich hinaus zu krängen, aus dem sie selbstständig wieder aufrichten konnte. Auch geringere Windgeschwindigkeiten seien möglich, heißt es im Bericht. Die Schwachstelle sei im Stabilitätsinformationsbuch nicht ausgewiesen gewesen. Deshalb hätten weder Eigner noch Besatzung davon wissen können.

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Die italienische Staatsanwaltschaft bewertet die Ereignisse anders. Nach bisher bekannt gewordenen Angaben konzentriert sich ihre Untersuchung auf die Wetterbeobachtung, die Vorbereitung auf die Gewitterfront und die Reaktion der Crew. Im Raum stehen unter anderem Vorwürfe gegen Kapitän James Cutfield, den leitenden Schiffsmechaniker und ein weiteres Crewmitglied. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.

Ein abschließender Bericht der MAIB liegt weiterhin nicht vor. Auch die italienischen Ermittlungen sind nach öffentlich zugänglichen Berichten noch nicht beendet. Die Staatsanwaltschaft in Termini Imerese soll dafür Zeit bis Februar 2027 haben. Die gegensätzlichen Bewertungen sind deshalb vorläufig und dürfen nicht mit einem endgültigen Untersuchungsergebnis verwechselt werden.

Das Wrack soll Antworten liefern

Das Wrack wurde 2025 geborgen und nach Termini Imerese gebracht. Dort steht es den Ermittlern und Gutachtern für weitere Untersuchungen zur Verfügung. Von besonderem Interesse sind der tatsächliche Beladungszustand, die Position des Schwenkkiels, mögliche Eintrittsstellen für Wasser sowie die Flucht- und Zugangswege im Inneren.

Diese Untersuchungen könnten klären, wie nah die theoretischen Berechnungen der MAIB an der tatsächlichen Situation in der Unglücksnacht liegen. Die britische Behörde hatte bereits darauf hingewiesen, dass die Auswertung des Wracks ihre vorläufigen Annahmen bestätigen oder verändern kann.

Die Werft unter Insolvenzschutz

Parallel zur Unfallaufklärung hat sich die wirtschaftliche Lage der Werftengruppe dramatisch verschärft. Die Italian Sea Group beantragte Anfang Juli 2026 beim Gericht den Zugang zu einem Verfahren nach Artikel 44 des italienischen Krisen- und Insolvenzrechts. Das Verfahren soll den Betrieb zunächst schützen und eine Sanierung oder andere Lösung ermöglichen. Es handelt sich damit nicht um den Nachweis, dass das Unternehmen bereits endgültig abgewickelt ist.

Die Gruppe besitzt unter anderem Perini Navi, Admiral, Technomar und Picchiotti. Die 2008 gebaute „Bayesian“ entstand bei Perini Navi. Ende Juli bestätigte Sanlorenzo sein Interesse an einem Konsortium, das das gesamte operative Geschäft der Italian Sea Group übernehmen möchte. Nach Angaben von Sanlorenzo ist die Offerte an weitere Bedingungen und ein späteres Wettbewerbsverfahren geknüpft. Eine abgeschlossene Übernahme ist daraus bislang nicht geworden.

Ein Rechtsstreit mit 456 Millionen Euro

Die wirtschaftliche Krise trifft auf einen bereits laufenden Rechtsstreit. Die Italian Sea Group und ihre Holdinggesellschaft fordern 456 Millionen Euro von der Eigentümergesellschaft Revtom, Angela Bacares, Kapitän Cutfield und zwei Crewmitgliedern. Das Unternehmen macht geltend, der Untergang habe zu erheblichen Reputations- und Umsatzschäden geführt. Die Vorwürfe der Werft beziehen sich auf angebliche Versäumnisse der Besatzung.

Die Klage ist damit selbst Teil des Streits über die Unglücksursache. Sollte sich die Sichtweise der MAIB bestätigen, dass eine unbekannte Stabilitätsschwäche eine entscheidende Rolle spielte, wäre das für die rechtliche Bewertung von erheblicher Bedeutung. Ob daraus konkrete Haftungsfolgen entstehen, müssen die zuständigen Gerichte entscheiden. Eine rechtskräftige Entscheidung liegt nicht vor. Die bisherige BOOTE-Berichterstattung zur Klage fasst die Forderungen und die Argumentation der Werft zusammen.

Zwei Jahre nach dem Untergang ist deshalb vor allem eines klar: Die „Bayesian“ ist nicht nur ein Fall der Seeunfalluntersuchung. Sie ist zugleich Gegenstand eines Strafverfahrens, eines umfangreichen Zivilstreits und einer Unternehmenskrise. Die entscheidenden Antworten sollen nun die Untersuchungen am Wrack und die ausstehenden Berichte liefern. Bis dahin bleiben die Ursachen umstritten, und für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.


Buchtipps

Yachtunfälle analysiert typische Unfallursachen und zeigt, wie sich Risiken an Bord erkennen und begrenzen lassen. Das Buch behandelt unter anderem schwere See, Kenterungen, Notfallkommunikation und den Faktor Mensch. Damit liefert es einen praktischen Hintergrund zu den Fragen, die auch im Fall der „Bayesian“ eine zentrale Rolle spielen.

Wetter auf See konzentriert sich auf die meteorologischen Grundlagen hinter Wind, Wellen, Gewittern und Seegang. Der Titel erklärt außerdem, wie Wetterlagen beurteilt und Törns sicherer geplant werden können. Er ergänzt den Artikel damit um die nautische Perspektive auf die Wetterbedingungen, die in der Unglücksnacht entscheidend gewesen sein könnten.


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Lars Bolle

Lars Bolle

Chefredakteur Digital

Lars Bolle ist Chefredakteur Digital und Gründer von YACHT-Online. Viele Jahre war der Diplom-Sportwissenschaftler als Redakteur der YACHT in den Bereichen Sport und Seemannschaft tätig und hat die größten Segelsport-Veranstaltungen der Welt begleitet, vom America's Cup bis zu Olympischen Spielen. Seine persönliche Segel-Vita reicht vom Leistungssport in der Jolle (Deutscher Meister 1992 im Finn Dinghi) über historische und moderne Jollenkreuzer bis hin zu europaweiten Charter-Törns.

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