Wenn Frank Weinhold, Vormann der "Nis Randers", von seinem Arbeitsplatz erzählt, dann klingt das so: "Die Maschinen sind immer warm, sodass wir jederzeit direkt mit Höchstgeschwindigkeit auslaufen können." Genau diese Einsatzerfahrung steckt jetzt in einem neuen Schiff: Heute (am 14. April 2026) hat die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) den Bau eines 26,1 Meter langen Seenotrettungskreuzers in Auftrag gegeben. Der Prototyp soll 2028 in Dienst gehen. Parallel entsteht in Finnland bereits ein neuer Seenotrettungsboot-Typ – die DGzRS erneuert ihre Flotte.
Den Zuschlag erhielt die SET Schiffbau- und Entwicklungsgesellschaft Tangermünde aus der Heinrich-Rönner-Gruppe. Was die Werft laut Pressemitteilung der DGzRS mitbringt: Expertise im Aluminiumschiffbau und Erfahrung mit Spezialschiffen für Nord- und Ostsee – von Behördenfahrzeugen bis zu Forschungsschiffen. Ein Schwesterschiff ist bereits als Option vereinbart. Doch erst wird erprobt: auf verschiedenen Stationen, in unterschiedlichen Revieren, bei allen Wetterlagen.
Erfahrene Vor- und Rettungsleute sowie Inspektoren der DGzRS haben den neuen Kreuzer durchdacht – von der Rumpfform bis zur Anordnung der Geräte an Deck. Zusammen mit dem Oldenburger Ingenieurbüro HB Hunte Engineering entstand in einem umfangreichen Entwicklungsprozess ein Schiff, das auf Einsatzerkenntnissen basiert. In bewährter Netzspanten-Aluminiumbauweise, aber mit optimierten Linien.
Der Clou: ein Deltarumpf, der am Heck am breitesten ist, kombiniert mit einem schlanken Wulstbug. Das verlängert die Wasserlinie, verbessert die Wasserverdrängung und hält Spritzwasser ab. In der Hamburgischen Schiffbau-Versuchsanstalt (HSVA) liefen die Modelle durch den Versuchstank – mit sehr guten Ergebnissen, wie die DGzRS mitteilt.
Das Hauptdeck steigt ohne Stufe zum Bug hin leicht an. Das bringt mehr freie Fläche auf dem Vorschiff und hinter dem Aufbau und somit auch mehr Bewegungsfreiheit bei der Rettungsarbeit. Wenn ein Hubschrauber wincht oder wenn mehrere Gerettete an Bord kommen, zählt jeder Quadratmeter.
Eine weitere Neuerung: ein vollständig abgetrennter Behandlungsraum für Schiffbrüchige und Verletzte. In dem geschützten Bereich kann die Rettungscrew Verletzte oder entkräftete Personen medizinisch versorgen, ohne dass der hektische Einsatzbetrieb an Deck stört.
Wie auch auf den anderen Seenotrettungskreuzern sollen neun Seenotretter die Stammbesatzung bilden, vier sind jeweils auf Wache. Ein Wohndeck gibt es nicht – stattdessen zwei Doppelkammern mit Behelfskojen sowie Messe und Pantry. Der Wohnraum ist damit ausreichend für kurze Übernachtungen in anderen Häfen oder beim Liegen auf Seeposition und spart zugleich Platz, der anderweitig genutzt werden kann.
Auf dem Brückendeck befinden sich ein Außenfahrstand für besondere Manöver und zwei Innenfahrstände. Der Vormann kann dank klappbarer Spezialsitze mit integrierten Bedienelementen von derselben Position aus stehend oder sitzend fahren – je nach Situation und Seegang.
Für die Übersicht sorgen Spezialsicherheitsglas, seitliche Fußraumfenster und Außenkameras, die ein virtuelles Vogelperspektiven-Bild liefern. Die achteren Plätze für Maschinist und Einsatzleiter (On-Scene Co-ordinator, OSC) liegen erhöht – so hat die gesamte Besatzung die See im Blick. Denn mitunter gibt schon das Fahrverhalten eines Schiffes Hinweise auf eine Notlage, wie der Vormann des Seenotrettungskreuzers "Nis Randers" in einer Reportage beschreibt: "Manchmal genügt es, aus der Ferne zu sehen, wie ein Schiff fährt, um zu ahnen, dass an Bord etwas nicht stimmt."
Das acht Meter lange Tochterboot wird dem gerade in Bau befindlichen, neuen 8,4-Meter-Seenotrettungsboot ähneln, aber erstmals mit Jet-Antrieb ausgestattet sein. Zusätzlich zur mobilen 8,4-Meter-Klasse auf Spezialtrailern gibt es hier einen überdachten Außenfahrstand und Crewsicherungen auf dem Achterdeck. Schiffbrüchige werden über eine Bergungsplattform am Heck geborgen – bei 32 Knoten Höchstgeschwindigkeit kann das kleine Boot schnell am Einsatzort sein.
Der 26-Meter-Kreuzer ist Teil einer größeren Modernisierung. Bereits im April 2025 hatte die DGzRS den Bau eines völlig neuen Seenotrettungsboot-Typs beauftragt – einen 12,75 Meter langen Prototyp, der gerade in Finnland entsteht.
Bei Arctic Boats Oy nimmt der SRB 90 Gestalt an – und zwar nicht aus Aluminium, sondern aus glas- und kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (GFK/CFK). Das Material ist nach DGzRS-Angaben ebenso robust, aber leichter, kostengünstiger in Bau und Unterhalt und einfacher zu verarbeiten und instand zu halten. Mit Doppeljet-Antrieb und zwei Cummins-Motoren soll das Boot über 34 Knoten schaffen.
Besonderheit: Das Deckshaus wird vollständig elastisch gelagert, um Schwingungen und Geräusche zu dämpfen. Erstmals gibt es für die gesamte Crew gefederte Sitze – ein Segen bei Einsätzen in schwerer See, wie jeder bestätigen kann, der schon mal bei Windstärke 7 mit einem Boot durch die Wellen gehämmert ist. Bei der Werft wurden Rumpf und Deckshaus bereits probeweise zusammengefügt – die "Anprobe" war erfolgreich. Für Frühjahr 2026 ist der obligatorische Kenterversuch geplant, danach beginnt die Erprobungsphase auf verschiedenen Stationen.
Der Hintergrund: Die zwischen 1999 und 2002 in Dienst gestellten Seenotrettungsboote der 9,5-/10,1-Meter-Klasse erreichen bald das Dienstalter von 30 Jahren. Mehr als 30 dieser robusten, wendigen Boote sind aktuell im Einsatz – sie werden nach und nach ersetzt.
Die DGzRS verfügt über rund 60 Seenotrettungskreuzer und -boote auf 53 Stationen zwischen Borkum und Usedom. Seenotrettungskreuzer sind die hochseefähigen Einheiten von 20 bis 46 Meter Länge mit professioneller Besatzung – davon gibt es aktuell 20 Stück. Die kleineren Seenotrettungsboote (6,8 bis 12,75 Meter) werden oft von Freiwilligen gefahren und operieren vorwiegend küstennah.
Mit 26,1 Metern liegt der Neue zwischen den kleineren und größeren Kreuzern. Zum Vergleich: Die moderne 28-Meter-Klasse wie die "Nis Randers" ist 27,90 Meter lang, verdrängt 120 Tonnen und bringt rund 4.000 PS auf die Welle bei 24 Knoten Spitze. Auch dort sind neun Seenotretter Stammbesatzung, vier davon 14 Tage am Stück auf Wache. Ein deutlicher Unterschied: Der neue 26-Meter-Kreuzer hat mit 1,70 Meter einen geringeren Tiefgang als die 28-Meter-Klasse (2,00 Meter) – ein wichtiger Vorteil für Einsätze in den Boddengewässern und küstennahen Flachwasserbereichen von Nord- und Ostsee, wo Fahrrinnen tückisch und Untiefen zahlreich sind.
Obwohl die DGzRS mit dem SAR-Dienst (Search and Rescue) eine vom Bund hoheitlich übertragene Aufgabe erfüllt, finanziert sie sich ausschließlich durch freiwillige Zuwendungen. Einen wichtigen Beitrag leisten dabei die kleinsten Einheiten der Seenotretter-Flotte: die Sammelschiffchen. Im vergangenen Jahr feierten die Miniatur-Rettungsboote ihr 150-jähriges Jubiläum. Sie stehen auf Tresen in Kneipen, Läden und Fahrgastschiffen, fehlen bei keiner Sportbootprüfung – und haben es im Wortsinn in sich. Jährlich tragen sie bis zu 900.000 Euro zum Etat der DGzRS bei. Rund 14.000 Sammelschiffchen sind in ganz Deutschland im Einsatz.
Die Liegeplätze sind vielfältig: Einige reisen auf dem Segelschulschiff "Alexander von Humboldt II" oder auf Hapag-Lloyd-Containerschiffen über die Weltmeere, eines ging mit dem Forschungseisbrecher "Polarstern" zum Nordpol, ein anderes steht in der Antarktis-Forschungsstation "Neumayer III". An Land markieren besondere Exemplare außergewöhnliche Orte: Das 50.000. Sammelschiffchen wurde 1996 von Schauspieler Wolfgang Fierek auf der Zugspitze aufgestellt, das 55.000. platzierte Reinhard Mey vier Jahre später auf dem Berliner Fernsehturm. Eines steht sogar tief unter der Erde im UNESCO-Weltkulturerbe-Bergwerk Rammelsberg im Harz.
Hintergrund zur Beauftragung: Warum GFK/CFK statt Aluminium? Alle technischen Details zum Prototyp.
Einblick in den Alltag: 14 Tage auf Wache an Bord der "Nis Randers": Wie die Crew lebt, arbeitet und warum sie vor allem bei Gewitter rausfährt.
Die Flotte im Überblick: Von 6,8 bis 46 Meter: Alle Seenotrettungskreuzer und -boote im Detail.

Redakteurin Panorama und Reise