Am 20. Oktober 2023 ließ ein außergewöhnlich heftiger Oststurm die Wasserstände auf historische Höhen steigen. Wellen überrollten Hafenmolen, Stege zerbrachen, Yachten rissen sich los und sanken. Als am folgenden Morgen das Wasser zurückging, boten sich in zahlreichen Häfen Bilder einer beispiellosen Zerstörung. Es war regional die schwerste Ostsee-Sturmflut seit der Katastrophe von 1872.
Schon Tage vor dem 20. Oktober hatten Wettermodelle eine gefährliche Entwicklung über der Ostsee angezeigt. Meteorologen warnten vor einer außergewöhnlichen Kombination aus starkem Ostwind, hohen Wasserständen und schwerem Seegang.
Der über Tage anhaltende Ostwind trieb Wasser in die westlichen Ostseebuchten. Die besondere Geometrie der flachen westlichen Ostsee und ihrer Förden verstärkte den Aufstau. Zusätzlich beeinflussten bereits erhöhte Ausgangswasserstände und Eigenschwingungen des Ostseewassers, sogenannte Seiches, die Entwicklung.
Außergewöhnlich war 2023 nicht nur die Höhe des Wassers, sondern auch die Dauer. Nach späteren Auswertungen des BSH wurden in Flensburg während des gesamten Ereignisses über mehr als 50 Stunden Wasserstände von mindestens einem Meter über dem üblichen Niveau registriert. Küstenschutzanlagen, Hafenmolen und Stege wurden dadurch lange belastet.
Am Freitagmorgen war die Situation bereits angespannt. Einige Eigner hatten ihre Boote noch rechtzeitig aus dem Wasser holen lassen. Doch die Krantermine waren knapp, die Häfen vielerorts noch ungewöhnlich voll. Der September war warm gewesen, zahlreiche Eigner hatten die Saison verlängert.
Besonders kritisch waren die Achterleinen an den Dalben. Bei extremem Hochwasser konnten herkömmliche Leinenaugen über die Pfahlköpfe rutschen. Dann verloren die Schiffe ihren Halt, obwohl die Festmacher selbst nicht gerissen waren. Auch die Länge der Leinen wurde zum Problem: Bei einem um mehr als zwei Meter steigenden Wasserstand reichten die üblichen Festmacherreserven teilweise nicht aus.
Die entscheidenden Stunden kamen am Freitagabend. Zwischen etwa 18 und 22 Uhr eskalierte die Lage in mehreren Häfen. Das Wasser erreichte seine höchsten Stände, während der Sturm weiterhin mit großer Kraft aus Osten wehte. Wo ein Boot seinen Halt verlor, waren plötzlich auch die benachbarten Yachten gefährdet. Die ersten Zusammenstöße führten zu weiteren losgerissenen Festmachern und beschädigten Steganlagen. Eine Kettenreaktion setzte ein.
Nach Angaben der Sporthafen Kiel GmbH sanken allein in Schilksee 48 Schiffe. Andere blieben schwer beschädigt an zerbrochenen Stegen hängen oder wurden auf die Uferbefestigungen geworfen. Die Wellen hatten die Mole unterspült, Teile der Hafeninfrastruktur waren zerstört.
Nicht weniger dramatisch war die Situation im Yachthafen Damp an der Eckernförder Bucht. Die nach Osten exponierte Marina wurde vom Hochwasser und dem schweren Seegang besonders hart getroffen. Von den gut 100 Yachten, die nach damaligen Angaben noch im Hafen lagen, wurden rund 35 schwer beschädigt, sanken oder wurden an Land gespült.
Auch Maasholm an der Schleimündung wurde schwer verwüstet. Etwa 20 Boote sanken. Im Wiking-Yachthafen in Schleswig, weit im Inneren der Schlei gelegen und auf den ersten Blick besser geschützt, wurden fast alle der rund 150 dort liegenden Boote in Mitleidenschaft gezogen. Wie unterschiedlich die Hafenbetreiber die Nacht erlebten, schildern Betroffene in unserer Sturmflut-Reportage ausführlich.
Die Sturmflut traf ebenso die dänischen Küsten. Besonders betroffen waren die südlichen Inseln und die Häfen an der Ostküste. In Mommark auf Als wurden die Außenmole, Stege und Teile der Hafeninfrastruktur zerstört, das Hafenrestaurant schwer getroffen und Bereiche des angrenzenden Campingplatzes fortgespült. Auch die Folgen für die dänischen Häfen beschäftigten Betreiber und Wassersportler noch lange nach der Sturmnacht.
Spätere Schätzungen aus der Branche gingen von etwa 400 schwerer betroffenen Wasserfahrzeugen aus, darunter rund 150 gesunkene Boote. Je nach Erhebungszeitpunkt und Zählweise kursierten jedoch unterschiedliche Zahlen. Ein vollständiger, einheitlich erfasster Schlussstand aller Schäden lag nicht vor.
Die Bergung der gesunkenen und gestrandeten Yachten entwickelte sich zu einer logistischen Großoperation. Bergungsunternehmen, Taucher, Bootsbauer, Versicherer und Hafenbetreiber mussten ihre Arbeiten aufeinander abstimmen. In den zerstörten Hafenanlagen waren reguläre Kranplätze oft nicht erreichbar, einige Stege nicht mehr begehbar und gesunkene Boote unter Trümmern eingeklemmt. Bergungsschiffe mit Schwimmkränen mussten eingesetzt werden.
Für viele Eigner war der Verlust besonders bitter. Einige hatten ihre Boote über Jahrzehnte gepflegt und restauriert, andere erst kurz zuvor erhebliche Summen in Reparaturen und Ausrüstung investiert. Auch wenn ein Boot nach der Bergung äußerlich noch erkennbar war, bedeutete das längst nicht, dass sich eine Reparatur wirtschaftlich lohnte.
Auch für die Hafenbetreiber begann nach der Bergung eine gewaltige Aufgabe. Ganze Steganlagen mussten ersetzt, Dalben neu gerammt, Molen repariert, Strom- und Wasserleitungen erneuert und Hafenbecken von versunkenen Trümmern befreit werden. Wie unterschiedlich die Arbeiten vorankamen, zeigte bereits die Bilanz ein Jahr nach der Sturmflut deutlich.
Besonders der Yachthafen Damp entwickelte sich zu einem langfristigen Sanierungsfall. Im Frühjahr 2026 berichtete die YACHT von umfangreichen Bagger- und Aufspülarbeiten, während die Marina mit rund 110 Liegeplätzen weiterhin nur im Teilbetrieb genutzt werden konnte.
Die Ereignisse zeigten, dass gewöhnliche Festmachertechniken bei extremen Wasserständen ihre Grenzen erreichen können und dass ein vermeintlich geschützter Liegeplatz keine absolute Sicherheit bietet. Gleichzeitig wurde deutlich, wie gefährlich es werden kann, wenn Eigner bis zuletzt versuchen, ihr Boot zu retten. Die Entscheidung, rechtzeitig von Bord und von den Stegen zu gehen, kann wichtiger sein als die Rettung des Eigentums.
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Wie haben Sie die Ostsee-Sturmflut 2023 erlebt, und was hat sich seitdem an Ihrem Liegeplatz verändert? Schreiben Sie es in die Kommentare.

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