Russisches KriegsschiffWarnschüsse auf Yacht – Eigner berichten, Marine gibt Verhaltenstipps

Ursula Meer

 · 17.06.2026

Russisches Kriegsschiff: Warnschüsse auf Yacht – Eigner berichten, Marine gibt Verhaltenstipps
Die russische Fregatte “Admiral Grigorovich” hält sich seit Monaten in der Nähe britischer Gewässer auf - und sendet üblicherweise kein AIS-Signal. Foto: stock image, MiL.ru CC BY 4.0
Gestern, am 16. Juni 2026, feuerte das russische Kriegsschiff „Admiral Grigorovich“ im Ärmelkanal Warnschüsse auf die britische Segelyacht „Bright Future“ ab. „Das war nicht auf uns gerichtet – es waren Warnschüsse in die Luft“: Jane und Alan Kelvey berichten, wie sie am Dienstag in die gefährliche Lage mit dem russischen Kriegsschiff gerieten. Der Vorfall wirft auch Fragen zum wahrgenommenen und tatsächlichen Vorfahrtsrecht auf See auf.

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​Nach den Warnschüssen der russischen Fregatte "Admiral Grigorovich" auf ihre Yacht südlich der Isle of Wight haben sich deren Eigner Jane und Alan Kelvey erstmals ausführlich geäußert. Sie nennen das Schießen "völlig unnötig" und widersprechen der russischen Darstellung einer "gefährlichen Annäherung". Der Vorfall wirft grundsätzliche Fragen auf: Wer hatte Vorfahrt? Welche Regeln gelten? Und wie sollten sich Sportbootfahrer bei Begegnungen mit Kriegsschiffen verhalten?

Erst Nebelhorn, dann Warnschüsse

​Jane und Alan Kelvey waren etwa 23 Meilen vor der Küste der Isle of Wight unterwegs, als sie am Dienstagmorgen gegen 11.40 Uhr in engen Kontakt mit der russischen Fregatte "Admiral Grigorovich" kamen. Nun haben die beiden pensionierten Briten gegenüber der BBC ihre Version des "surrealen" Zwischenfalls geschildert – und widersprechen der Darstellung Moskaus.

Bei der betroffenen Yacht handelt es sich um die "Bright Future", eine Bavaria 39 mit Heimathafen Lymington in Hampshire. Jane Kelvey berichtete BBC Newsnight: “Wir sahen in der Entfernung ein Schiff, das auf unserem AIS nicht zu sehen war, sodass wir es nicht identifizieren konnten. Erst als wir näherkamen, sahen wir, dass es ein Kriegsschiff war.” Zu dem Zeitpunkt seien sie etwa 400 bis 500 Meter entfernt gewesen. "Das Kriegsschiff gab fünf Signale mit dem Nebelhorn ab, was bedeutet 'Habt ihr uns gesehen?'. Wir drehten sofort zwei Grad nach Backbord, damit sie sehen konnten, dass wir eine bewusste Kursänderung vorgenommen hatten. Eine Minute später gaben sie erneut fünf Signale, unmittelbar gefolgt von vier bis fünf Schüssen mit Handfeuerwaffen. Das war nicht auf uns gerichtet – es waren Warnschüsse in die Luft, wie wir glauben."

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Nach Jane Kelveys Schilderung sei ihre Yacht "definitiv nicht auf Kollisionskurs" gewesen; die Schüsse bezeichnet sie als "völlig unnötig". Laut BBC näherte sich die Yacht bei nebligen Bedingungen dem Kriegsschiff zutrieb, nachdem sie von Großbritannien aufgebrochen war. Die "Admiral Grigorovich" soll treibend und nicht unter Maschine in dem Seegebiet knapp außerhalb der britischen Hoheitsgewässer unterwegs gewesen sein, was ihre Manövrierfähigkeit deutlich verringerte.

​Rechtlich können Warnschüsse durchaus berechtigt sein, etwa zur Selbstverteidigung oder akuter Kollisionsgefahr nach mehrfachen erfolglosen Warnversuchen. Ein reguläres Warnsignal nach den Kollisionsverhütungsregeln sind sie nicht.

Russland: "Gefährliche Annäherung" – Starmer: "Rücksichtslos"

Das russische Verteidigungsministerium erklärte, die Besatzung der "Admiral Grigorovich" habe mit Handfeuerwaffen in den Kurs der Yacht gefeuert, nachdem mehrere Versuche, die Yacht über Funk zu kontaktieren, gescheitert seien und Leuchtraketen abgefeuert worden seien. Die Yacht sei auf "gefährlichem Annäherungskurs" zum Kriegsschiff gewesen. Moskau betonte, die Seeleute hätten "in strikter Übereinstimmung mit internationalen Schifffahrtsvorschriften" gehandelt.

Premierminister Sir Keir Starmer bezeichnete das Abfeuern von Schüssen hingegen als "reckless" (rücksichtslos) und sagte am Mittwoch gegenüber der BBC, der Vorfall "hätte nicht passieren dürfen". Das Verteidigungsministerium bezeichnet den Vorfall klar als "isolated incident", also einen Einzelfall.

Angst hätten sie nach den Schüssen nicht gehabt, schildert das betroffene Paar gegenüber BBC. Jane Kelveys scherzt, sie habe sich nur geduckt und ihre Persenning über den Kopf gezogen "um sich zu schützen", während ihr Mann weiter steuerte. Ein Boot der HMS Tyne, einem britischen Patrouillenschiff, wurde zur Yacht entsandt, um Details zu sammeln und die Sicherheit der Besatzung zu überprüfen. Die "Bright Future" setzte ihre Fahrt nach Cherbourg fort, wo sie sicher ankam.

​Der Zwischenfall ereignete sich in einem politisch brisanten Umfeld. Erst am Sonntagmorgen, zwei Tage zuvor, hatten Royal Marine Commandos und Beamte der National Crime Agency den unter der Flagge Kameruns fahrenden Öltanker "Smyrtos" vor der Küste der Isle of Wight von Hubschraubern aus geentert, unterstützt von einer Fregatte der britischen Marine. Es war das erste Mal seit Beginn des Ukraine-Kriegs, dass britische Streitkräfte die Beschlagnahmung eines sanktionierten Schiffes anführten. Das britische Verteidigungsministerium erklärt jedoch, das Abfeuern der Schüsse stehe nicht im Zusammenhang mit der Beschlagnahme des Tankers.

Die "Admiral Grigorovich" operiert bereits seit Monaten regelmäßig in der Nähe britischer Gewässer. Laut BBC Verify soll sie Schattenflotten-Schiffe durch den Kanal eskortieren. Sie wurde wiederholt von einem Reparaturschiff versorgt, um in der Nähe der britischen Küste bleiben zu können. Im April eskortierte sie sechs Schattenflotten-Schiffe durch die Wasserstraße.

Der Track der “Bright Future” zeigt eine typische Route von Lymington nach Cherbourg – rund 60 Seemeilen quer über den Ärmelkanal.Foto: Screenshot VesselfinderDer Track der “Bright Future” zeigt eine typische Route von Lymington nach Cherbourg – rund 60 Seemeilen quer über den Ärmelkanal.

Gibt es eine “Ausschlusszone” rund um Kriegsschiffe?

Die britische Fachzeitschrift “Yachting Monthly” beschreibt eine “Exclusion Zone”, also eine Art Ausschlusszone rund um Kriegsschiffe als “gängige Praxis” und fügt an: “es ist nicht bekannt, warum die Segelyacht in diese Zone eindrang”.

Bezogen auf den konkreten Fall ergibt sich aus dem internationalen Seerecht eine solche "Exclusion Zone" jedoch nicht. In internationalen Gewässern kann nach der UN-Seerechtskonvention (UNCLOS) kein Staat einen Teil der Hohen See seiner Souveränität unterwerfen. Militärische “Exclusion Zones” sind rechtlich nur in zwei Fällen anerkannt: Im Kriegsfall, wie etwa die Total Exclusion Zone um die Falklandinseln 1982, oder bei vorab angekündigten Übungen, die über NAVAREA-Warnungen international bekannt gegeben werden. Im aktuellen Fall gab es keine angekündigte Exclusion Zone. Es existierte keine NAVAREA-Warnung, kein ausgewiesenes Übungsgebiet.

Der Vorfall ereignete sich zudem außerhalb eines Verkehrstrennungsgebiets. Nach den Kollisionsverhütungsregeln (Regel 18 KVR) ist grundsätzlich das Maschinenfahrzeug – also die Fregatte – gegenüber einem Segelfahrzeug ausweichpflichtig. Ein Kriegsschiff hat per se keine Sonderrechte. Sollte die "Admiral Grigorovich" ohne laufende Maschinen treibend unterwegs gewesen sein, wie britische Quellen vermuten, wäre sie als manövrierunfähiges Fahrzeug zu betrachten – dann hätte sie entsprechende Signale setzen müssen. Erschwerend kommt hinzu, dass das Militärschiff üblicherweise kein AIS-Signal sendet und sich auch optisch bei verminderter Sicht nicht unmittelbar von zivilen Schiffen unterscheiden lässt.


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Erhöhte Marinepräsenz: Nicht nur im Ärmelkanal

Auch in deutschen Gewässern steigt die Marinepräsenz deutlich. So wurde im Dezember 2025 der russische Zerstörer "Severomorsk" von der Nordflotte in die Ostsee verlegt und fuhr durch den Fehmarnbelt – gleichzeitig mit vier Tankern der sogenannten Schattenflotte. Im Mai bezog das 7.000- Tonnen-Schiff Position in internationalen Gewässer vor Fehmarn.

Parallel dazu intensivieren auch Bundeswehr und Nato ihre Aktivitäten. In den Schießgebieten der Ostsee wird das ganze Jahr über trainiert. Nach Warnemünde im letzten Jahr ist der Ausgangspunkt für die gerade laufende internationale Marineübung “Baltops 2026” Gdynia in der Bucht von Danzig, Polen, mit 15 teilnehmenden Ländern darunter Deutschland, Polen, Dänemark, Estland, Finnland und Frankreich. Zivile Fahrzeuge, die nicht an der Übung teilnehmen, wurden schon im Vorfeld gebeten, einen Sicherheitsabstand von 1.000 Metern zu den Kampfschiffen einzuhalten. Bereits im August 2025 fand die internationale Übung "Northern Coast" mit mehr als 2.000 Soldaten und 40 Schiffen aus 14 Nationen statt. Auch dort galt: Ein Sicherheitsabstand von mindestens 1.000 Metern zu Marineschiffe muss eingehalten werden.

Was Sportbootfahrer jetzt wissen müssen

Die steigende Marinepräsenz hat auch Folgen für Freizeitskipper. So riet Fregattenkapitän Martin Schwarz von der Deutschen Marine im letzten Sommer den Sportbootfahrern in der Ostsee: "Wenn Sie Kriegsschiffe sehen, ist es empfehlenswert, sich freizuhalten. Es mag interessant sein mal vorbeizufahren und zu gucken, aber man kann überhaupt nicht sehen, was die da machen und ob gerade eine Übung durchgeführt wird." Hintergrund waren verstärkte Trainings der Deutschen Marine in der Ostsee, insbesondere in der Neustädter, Lübecker und Hohwachter Bucht, wo neben Gefechtsübungen auch Übungen zur Minenräumung und Manöverfahrten im Flottenverband durchgeführt wurden.

Ein Sprecher der Deutschen Marine bestätigt das und konkretisiert heute auf Anfrage: "Aus Sicht der Marine ist auf jeden Fall die Empfehlung, möglichst Abstand zu halten. Sportbootfahrer sollten auch aufmerksam navigieren und die Flaggensignale gemäß dem internationalen Signalbuch beachten.” Wichtig sei auch, stets eine Hörbereitschaft auf UKW Kanal 16 sicherzustellen und eindeutig in der Navigation sein. Denn Problem entstehen häufig erst dann, wenn Sportboote in den Sicherheitskreis eines Kriegsschiffs einfahren und "nicht mit ganz eindeutig erklärbaren Wegen navigieren", wie der Sprecher beschreibt.

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Ursula Meer

Ursula Meer

Redakteurin Panorama und Reise

Ursula Meer ist Redakteurin für Reisen, News und Panorama. Sie schreibt Segler-Porträts, Reportagen von Booten, Küsten & Meer und berichtet über Seenot und Sicherheit an Bord. Die Schönheit der Ostsee und ihrer Landschaften, erfahren auf langen Sommertörns, beschrieb sie im Bildband „Mare Balticum“. Ihr Fokus liegt jedoch auf Gezeitenrevieren, besonders der Nordsee und dem Wattenmeer, ihrem Heimatrevier.

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