Untergang der “Bayesian”Werft verklagt Witwe auf 456 Millionen Euro

Lars Bolle

 · 26.01.2026

Vor Anker eine halbe Seemeile vor Porticello. Das Foto zeigt „Bayesian“ (l.) und den Toppsegelschoner „Sir Robert Baden Powell“ um 20 Uhr am Sonntag, den 18. August, dem Abend vor dem Untergang.
Foto: Fabio La Bianca/dpa/pa
Die Italian Sea Group fordert von Angela Bacares Lynch 456 Millionen Euro Schadensersatz. Die Werft macht die Crew und die Betreibergesellschaft für den Untergang der Superyacht „Bayesian" verantwortlich. Das Unternehmen behauptet, seine Verkaufszahlen seien nach der Tragödie im August 2024 kollabiert.

Die Italian Sea Group hat vor einem sizilianischen Gericht Klage gegen Angela Bacares Lynch eingereicht. Der Yachtbauer fordert 456 Millionen Euro Schadensersatz und behauptet, die Crew und die Betreibergesellschaft der Superyacht „Bayesian" seien für deren Untergang verantwortlich. Die Klage richtet sich neben der Eigentümergesellschaft Revtom auch gegen Kapitän James Cutfield sowie die Crewmitglieder Timothy Eaton und Matthew Griffiths.

Mike Lynch starb im August 2024 zusammen mit seiner 18-jährigen Tochter Hannah und fünf weiteren Personen, als das rund 35 Millionen Euro teure Schiff während eines Sturms vor der sizilianischen Küste kenterte und sank. Angela Bacares Lynch, die den Untergang überlebte, ist rechtliche Eigentümerin von Revtom, der auf der Isle of Man registrierten Betreibergesellschaft. Die Italian Sea Group, deren Mehrheitseigner der italienische Millionär Giovanni Costantino ist, hat die Klage zusammen mit ihrer Holding-Gesellschaft GC Holding Company beim Gericht in Termini Imerese eingereicht.

Vorwurf schwerer Versäumnisse

Die Italian Sea Group behauptet in ihrer Klageschrift, die „Bayesian" sei unsinkbar gewesen. Die Crew habe jedoch eine Serie schwerwiegender Fehler begangen, die zum Kentern geführt hätten. Laut Klage versäumte es die Besatzung, Luken zu schließen, Wetterwarnungen zu beachten und den Kiel des Schiffs abzusenken. Diese Versäumnisse hätten dazu geführt, dass sich das Schiff bei starkem Wind nicht mehr aufrichten konnte. Die Klageschrift spricht von unglaublichen und unsäglichen Fehlern und Unterlassungen der Crew. Das Unternehmen argumentiert, dass Revtom als Eigentümergesellschaft ebenfalls für die Handlungen der Besatzung hafte. Zur Italian Sea Group gehört auch Perini Navi, die Werft, die die 56-Meter-Yacht 2008 gebaut hatte.

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Widersprüchliche Untersuchungsergebnisse

Die Darstellung der Italian Sea Group steht im Kontrast zu einem Bericht der britischen Marine Accident Investigation Branch. Der von der britischen Regierung veröffentlichte Zwischenbericht beschreibt, dass die Ermittler die Stabilität der Yacht mit einem Modell auf Basis des 2008 von der britischen Behörde genehmigten Stabilitätsinformationsbuchs untersucht haben und dabei auf einen entscheidenden Informationsmangel stießen. Das SIB enthält demnach Stabilitätskurven und Betriebsgrenzen vor allem für den Betrieb unter Segeln mit abgesenktem Kiel und zeigt, welche Krängungswinkel in diesen Zuständen als sicher gelten. Für drei Windgeschwindigkeiten sind dort Stabilitätswinkel zwischen 84,3 Grad und 92,3 Grad angegeben. Das SIB benennt aber nicht explizit eine Schwachstelle beziehungsweise Grenzwerte für die Situation unter Motor ohne Segel und mit aufgeholtem Kiel, wie vermutlich in der Unglücksnacht.

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Kritische Stabilitätswerte

Die Crew konnte das Verhalten des Schiffes in dieser Konfiguration laut Bericht daher nur erahnen. Gleichzeitig weist die Studie darauf hin, wie stark der 72-Meter-Mast als Windangriffsfläche wirkte. Rund 50 Prozent des Wind-Krängungsmoments bei Seitenwind gingen auf den Mast zurück. Unter der Annahme eines angehobenen Kiels fiel der rechnerische Stabilitätswinkel deutlich geringer aus als im SIB angegeben, nämlich 70,6 Grad. Zudem sei bereits eine böige Seitenwindgeschwindigkeit von über 63,4 Knoten geeignet gewesen, eine Kenterung auszulösen. Dies lag unter den im Sturm aufgetretenen Extremwerten.

Behaupteter Geschäftseinbruch

Die Italian Sea Group gibt an, wegen der negativen Berichterstattung einen ruinösen Verlust an Einnahmen und Gewinnen erlitten zu haben. Der Aktienkurs des Unternehmens sei eingebrochen, ebenso der Wert der Marke Perini Navi. Das Unternehmen hatte Perini Navi 2021 aus der Insolvenz übernommen und plante bis 2028 Yachtverkäufe im Wert von fast einer Milliarde Euro. Seit dem Unglück sei der Verkauf von Perini-Yachten jedoch auf null gefallen. Die TISG habe keine einzige Perini-Yacht mehr verkaufen können, die in laufenden Verhandlungen involvierten Schiffseigner seien verschwunden. Man habe auch keine einzige Interessensbekundung mehr von der Gruppe internationaler Makler erhalten, mit denen man zusammenarbeite.

Kursverlauf der Aktie der Italian Sea Group. Rot: Zeitpunkt des Untergangs der “Bayesian”.  Quelle: EuronextKursverlauf der Aktie der Italian Sea Group. Rot: Zeitpunkt des Untergangs der “Bayesian”. Quelle: Euronext

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