“Ich musste mir die Augen reiben, als mir das Ausmaß des Fundes klar wurde”, so Hanna Geiran, Generaldirektorin der norwegischen Denkmalbehörde Riksantikvaren. Denn neben dem vermutlich Mitte des 18. Jahrhunderts gesunkenen Schiff gehört zu dem sensationellen Fund eine außergewöhnlich gut erhaltene Ladung aus chinesischem Porzellan. Archäologen haben außerdem Kronleuchter, Kelchgläser, Textilien, Getreide und Kisten geborgen, die offenbar Tee, Kräuter und Arzneimittel enthielten.
“Dieser Fund ist nicht nur außergewöhnlich, er ist auch von erheblichem wissenschaftlichem Wert und demonstriert einen wichtigen technologischen Fortschritt in der Unterwasserarchäologie. Er liefert uns neue und wertvolle Einblicke in Norwegens und Nordeuropas maritime Geschichte”, betont auch der norwegische Klima- und Umweltminister Andreas Bjelland Eriksen.
Gefunden wurde das Wrack von Espen Saastad, ein Uhrmachermeister, der neben seinem Geschäft in Porsgrunn auch ein kleines Unternehmen für ferngesteuerte Unterwasserfahrzeuge (ROV) und Vermessungstechnik betreibt. Saastad, der als professioneller Taucher mit seinen Geräten auch Untersuchungen am Meeresboden durchführt, fing dabei im September vergangenen Jahres etwas ein, von dem er sofort erkannte, dass es sich um etwas ganz Besonderes handelt.
Er meldete den Fund den Behörden und kontaktierte daraufhin die Archäologen des Norwegischen Maritimen Museums mit denen er nun an der Untersuchung des Wracks und der Bergung von Artefakten beteiligt ist.
„Keine archäologische Untersuchung in Nordeuropa wurde jemals in dieser Tiefe und in einem derart offenen Seegebiet durchgeführt”, sagt Frode Kvalø, Meeresarchäologe am Norwegischen Maritimen Museum, der das Porzellanwrack-Projekt leitet. “Selbst weltweit gibt es nur eine Handvoll Projekte, die mit diesem vergleichbar sind.”
Im Mai 2026 verbrachten Meeresarchäologen mehrere Tage damit, das Wrack von einem Forschungsschiff aus zu untersuchen. Sie bargen Proben und Artefakte, die die verschiedenen Materialarten des Funds repräsentieren. Die Arbeiten wurden mit einem ROV durchgeführt, das mit einem Roboterarm, einer Saugvorrichtung und Kamerasystemen ausgestattet ist. Es war durch ein ein Kilometer langes Kabel mit dem Forschungsschiff verbunden und wurde von einem Kontrollraum an Bord gesteuert.
Forscher glauben, dass das Schiff eine Galeote war – ein kleines Frachtschiff, das hauptsächlich innerhalb Nordeuropas operierte. Es hatte zwei Masten und wird auf eine Länge von etwa 22 Metern geschätzt. Schiffe dieses Typs hatten typischerweise eine Besatzung von fünf oder sechs Personen.
Das Porzellan muss von einem Ort gekommen sein, an dem solche Waren versteigert wurden, wie Göteborg, Kopenhagen oder Amsterdam. Besonders aufschlussreich ist ein unscheinbarer Fund: Ein Ziegelstein, der aus der Lübecker Ratsziegelei stammt, einem Ziegelwerk, das vom 15. Jahrhundert bis 1772 in Betrieb war. Der Ziegelstein stammt aus der Kombüse und trug eine Herstellermarke, die seine Herkunft verrät. Auch konnten Getreidekörner zur DNA-Analyse entnommen werden, wovon sich die Forscher weitere Erkenntnisse erhoffen.
Der Schiffsrumpf scheint fast aufrecht auf seinem Kiel zu liegen. Am Bug wurden zwei Anker gefunden, am Heck ist mit dem Achtersteven die strukturelle Verbindung zwischen Kiel und Heckspiegel sichtbar. Das Ruder fehlt.
“Dieser Fund markiert den Beginn einer neuen Ära für die norwegische Archäologie. Schiffswracks, die an der Küste gefunden werden, sind oft beschädigt oder bereits geplündert. Unsere Entdeckung in offenen Gewässern in einer solchen Tiefe gibt uns die Möglichkeit, eine bemerkenswert gut erhaltene Zeitkapsel zu studieren. Es ist eine seltene Gelegenheit, Zugang zur Vergangenheit zu erhalten”, sagt Nina Refseth, Direktorin der Stiftung Norwegisches Volksmuseum.
Das Schiff und seine Ladung sind außergewöhnlich gut erhalten. Ein Teil des Grundes ist, dass die Erhaltungsbedingungen in so großer Tiefe außergewöhnlich günstig sind. Außerdem war das Wrack dort vor Schleppnetzen sicher. Es muss auch sehr schnell und fast gerade nach unten gesunken sein, da es auf dem Meeresboden in etwa derselben Position steht in der es an der Oberfläche schwamm. Die meiste Ladung blieb daher an Bord.
Das Wrack ist automatisch durch das norwegische Kulturerbeschutzgesetz geschützt. Die norwegische Denkmalbehörde hat 2,9 Millionen norwegische Kronen für die Arbeiten bereitgestellt.
„Die Bergungsarbeiten unterstreichen die einzigartige Bandbreite an Fachwissen der Stiftung Norwegisches Museum für Kulturgeschichte und ihre Fähigkeit, komplexe Projekte durchzuführen, die die Forschung vorantreiben und dem öffentlichen Interesse dienen", sagt Norwegens Kulturministerin Lubna Jaffery.
Geplant ist, dass die seltene Ladung schließlich im Norwegischen Maritimen Museum in Oslo ausgestellt wird. Eine Auswahl von Objekten wird im Juni ausgestellt und gibt der Öffentlichkeit eine einzigartige Gelegenheit, sie zu sehen, bevor sie zur weiteren Analyse geschickt werden.
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