Boote Redaktion
· 02.03.2023
Wer im Boatoffice arbeitet, benötigt eine zuverlässige Breitband-Verbindung . Ein neuer Dienst bietet die zu überschaubaren Kosten an. Elon Musks Starlink macht die Daten flott
Das Schiff als Boatoffice nutzen, einfach im Internet surfen, Filme schauen, sichere Wetterberichte empfangen bis hin zur Telemedizin auf See – der Bedarf an performantem, verlässlichem und wirtschaftlich sinnvollem Zugang zum Internet hat in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen.
Der Trend ist nicht neu, das Thema Arbeiten an Bord kam bereits mehrfach bei uns zur Sprache. Es hat aber durch die Corona-Pandemie deutlich an Akzeptanz gewonnen. Der Wunsch, von überall aus arbeiten zu können, ist quasi in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ob temporär oder dauerhaft auf dem eigenen Schiff oder einer Charteryacht, spielt dabei kaum eine wesentliche Rolle.
In unserer Firma für Medizinische Informatik ist mobiles Arbeiten langjährige Praxis. Was Mitte der 1990er Jahre als E-Mail-Abruf mit einem Modem an Telefonbuchsen begann, braucht heute ganz andere Bandbreiten, zudem muss der Internetzugang zuverlässig zur Verfügung stehen. Eine Anforderung, die sich mit LTE oder 5G nicht überall erfüllen lässt. Daher war es naheliegend, Elon Musks Satelliten-Internet-System Starlink bei uns an Bord zu installieren und intensiv auf Herz und Nieren zu testen.
In der getesteten, eigentlich für Wohnmobile gedachten Variante kostet es rund 100 Euro pro Monat. Die Hardware schlägt einmalig mit 460 Euro zu Buche.
Für die tägliche Arbeit mit Videokonferenzen kommt daher seit August 2022 neben einem LTE-Router das Starlink-RV-System zum Einsatz. RV steht für Recreational Vehicle, sprich Wohnmobile. Diese Version von Starlink ist anders als die ursprünglichen Varianten nicht an eine feste Adresse gebunden und kann an unterschiedlichen Orten eingesetzt werden.
Im Gegensatz zu der ebenfalls angebotenen Maritim-Variante kommt die Camper-Version mit einer einfacheren Antenne und darf nicht während der Fahrt genutzt werden. Dies würde zu Garantieverlust führen oder könnte auch ein Sperren des Accounts bedeuten. Dennoch liest man in Facebook-Gruppen, dass einige die RV-Version problemlos unterwegs nutzen. Wir haben uns auf die Verwendung am Ankerplatz oder im Hafen beschränkt. Konzentriert Videokonferenzen zu führen und zugleich zu fahren ist sowieso keine Option. Zudem gibt es in Küstennähe oft sehr gute LTE- beziehungsweise 5G-Abdeckung. Probleme traten in der Regel erst direkt in Ankerbuchten auf, wenn Berge das Mobilfunksignal abschatteten. Die Bestellung läuft online unter www.starlink.com genauso unkompliziert wie die Lieferung innerhalb weniger Wochen. Im Lieferumfang ist ein Router enthalten, der über ein ausreichend langes Kabel mit der Antenne, dem Dish, verbunden wird und ein WLAN-Netz bereitstellt.
Wie erwähnt kostet die RV-Variante aktuell 460 Euro. Für die Datenflatrate kommen monatlich 100 Euro hinzu. In Europa ist es bisher tatsächlich eine unlimitierte Flatrate, für amerikanische Nutzer hat der Betreiber seit letztem November eine Obergrenze von einem Terabyte pro Monat eingeführt. Beim Überschreiten des Datenvolumens wird die Geschwindigkeit nun gedrosselt. Ob und wann ein solches Limit auch in Europa eingeführt wird, ist unklar. Allerdings ist ein Terabyte an Daten pro Monat selbst mit ausgiebigen Videokonferenzen kaum zu erreichen. Wichtige Info: Man kann das Abo monatsweise unterbrechen, also zum Beispiel außerhalb der Bootssaison pausieren lassen.
Wer das System unbedingt in Fahrt nutzen will, hat zwei Optionen: Zum einen kann die Flat-High-Performance-Antenne geordert werden. Diese ist explizit für die dauerhafte Außenmontage am Wohnmobil gedacht und soll auch Autobahnfahrten überstehen, womit sie auch Stürmen standhalten dürfte. Allerdings verlangt Starlink für dieses Paket rund 2.500 Dollar. Eine weitere Möglichkeit ist die Boots-Version „maritime“, dann gehören gleich zwei der High-Performance-Antennen zum System. Mit rund 10.000 Euro Anschaffungskosten und rund 5.000 Euro pro Monat ist es aber auch sehr teuer und eher für Bohrinseln und Megayachten gedacht.
Klar ist aber, dass rein technisch gesehen Starlink auch auf See unterwegs funktioniert, jedenfalls solange man auf dem gleichen Kontinent bleibt. Für schnelles Satelliten-Internet vor Anker oder an einem Liegeplatz genügt nach unseren Erfahrungen die günstige Camping-Version.
Nachdem Dish und Router per Kabel verbunden sind, startet man die Starlink-App, welche die weitere Konfiguration automatisch übernimmt. Wer ein Smartphone bedienen kann, der sollte mit der Installation kein Problem haben. Mit dem Paket wird ein Fuß geliefert, mit dem man den Dish beim Camping aufstellen kann. Dieser ist an Bord ungeeignet, denn Heringe wird man nicht ins Deck schlagen wollen. Deutlich seetauglicher ist die Kombination aus einer Edelstahl-Angelrutenhalterung und dem sogenannten Pipe Adapter von Starlink. Der Adapter kostet 60 Euro und passt auf verschiedene Rohrdurchmesser und damit auch auf jede handelsübliche Angelrutenhalterung. Die Halterung lässt sich am Heck oder, wie bei uns, am Bimini installieren. Am Ankerplatz wird die Antenne dann einfach eingesteckt.
Die Inbetriebnahme an Bord funktioniert im Grunde nicht anderes als im heimischen Garten. Einzig die Position des Routers will überlegt sein. Solange das System nicht während der Fahrt laufen soll, genügt es, den Router in die Navi-Ecke zu stellen.
Bei uns stehen dort ohnehin die mobilen Powerunits, die Tablets, PCs und andere mit 230 Volt versorgte Geräte. Denn Starlink benötigt ebenfalls Wechselstrom. Die Leistungsaufnahme liegt zwischen 25 und 45 Watt. Um auch für längere Arbeitstage genügend Energie an Bord zu haben, setzen wir zwei mobile Solarpaneele mit je 100 Watt Spitzenleistung ein. Bei guter Sonne und Ausrichtung liefern die Paneele jeweils 50 bis 60 Watt, was für den Betrieb von L aptop und Starlink ausreicht.
Da nicht jeden Tag die Sonne scheint und bei Termindruck eventuell auch mal eine Nachtschicht eingelegt wird, sollte man die Strombilanz aber im Auge behalten. Daher ist zusätzlich ein Stromgenerator als Backup an Bord.
Einmal eingerichtet, kann man Starlink bei Ankunft an Bord einstecken und in der Marina, an einem Liegeplatz oder vor Anker nutzen. Die Schüssel sammelt zunächst Daten, sodass man beim Einschalten an einem neuen Standort etwas warten muss, bis man die volle Performance nutzen kann. Fünf bis zehn Minuten Vorlauf sollte man eingeplant haben, also am besten nicht direkt ins Videomeeting starten.
Das System arbeitet mit Phased-Array-Technik, das heißt, die Antenne kann sich in Maßen elektronisch auf das Signal ausrichten und muss nicht ständig mechanisch nachgeführt werden, um den Satelliten zu folgen. In den Dish integrierte Motoren korrigieren die Ausrichtung der Antenne daher nur gelegentlich. Normale Schiffsbewegungen werden jedoch nicht ausgeglichen.
In US-amerikanischen Facebook-Gruppen zu „Starlink on Boats“ liest man von einigen, die den Motor der Antenne deaktiviert haben. Angesichts der seltenen Korrekturen dürfte der Stromverbrauch des Systems dadurch jedoch kaum sinken, dafür erlischt mit solchen Basteleien aber jeder Garantieanspruch.
Fernsehen und Videokonferenzen mit gängigen Tools wie Teams oder Zoom sollen im Praxistest zeigen, wie Starlink RV vor Anker oder in einer Marina funktioniert. In der voll belegten ACI Marina Opatija in Kroatien war das Schiff kaum in Bewegung, wie das typischerweise am Liegeplatz auch sein sollte. Allerdings war der direkte Blick zum Himmel von den Riggs der umliegenden Segelyachten versperrt.
In Berichten aus dem Camping-Bereich liest man, dass ähnliche Situationen mit nahen Bäumen zu Empfangsproblemen führen. In unserem Test hatte weder die Vielzahl an Masten noch der direkt angrenzende Berg Ucka negativen Einfluss auf die Datenübertragung. Internet-Fernsehen und Videokonferenzen funktionierten über Stunden einwandfrei.
Im nächsten Schritt sollte es vor Anker gehen. Um einen aussagekräftigen Test zu schaffen, war es hilfreich, dass wechselnder Wind für Schwoien gesorgt hat. Zudem kam die Dünung der morgendlichen Tramontana aus der Bucht von Volosko in die Ankerbucht und sorgte für dreidimensionale Bewegung durch Wind und Welle.
Eine erträgliche, aber nicht optimale Ankersituation. Obwohl die Antenne dem Schwoien nur verzögert folgt und Roll- und Stampfbewegungen praktisch gar nicht ausgeglichen wurden, war die Verbindung einwandfrei. Videokonferenzen und Streaming funktionierten auch unter diesen Bedingungen tadellos.
Wie die beispielhaften Messungen zeigen, schwankt die Performance beim Schwoien durchaus, allerdings auf einem recht hohen Niveau, das für den genannten Anspruch im Boatoffice mehr als ausreichend ist.
Das Ergebnis tagelanger Nutzung an Ankerplätzen lässt sich so zusammenfassen: unterbrechungsfrei und sehr schnell. Störungen wurden keine festgestellt. Das ist besonders bemerkenswert, da bei LTE-Verbindungen fast täglich kurze Schwankungen und damit verbundene Aussetzer in der Videokonferenz üblich sind. Allerdings ist die tatsächliche Bandbreite der Satellitenverbindung von der Anzahl der Nutzer und der Auslastung des Netzwerks abhängig.
In US-amerikanischen Medien liest man zum Teil von deutlichen Rückgängen bei der Übertragungsgeschwindigkeit. Dort ist die Nutzerdichte in einigen Gegenden allerdings auch schon so hoch, dass Starlink keine neuen ortsfesten Systeme mehr ausliefert. Diese genießen bei der Verteilung der Bandbreite eine höhere Priorität. Als mobiler Nutzer steht man grundsätzlich in zweiter Reihe und muss daher auch eher mit Einschränkungen rechnen.
Starlink RV ist eine echte Alternative, wenn kein LTE- oder 5G-Netz verfügbar ist. Das System eignet sich aber auch als Hauptlösung für den mobilen Arbeitsalltag. Im direkten Vergleich zu den Mobilfunknetzen schneidet es sogar besser ab als 5G. Einzig die Stromversorgung über 230 Volt und die Leistungsaufnahme von rund 40 Watt sind hinderlich und können den Einsatz an Bord limitieren.
Daher verwenden wir Starlink vor Anker immer erst dann, wenn das Mobilfunknetz nicht zuverlässig oder nicht schnell genug ist. In der Marina mit Landstrom stellt bei uns an Bord die Satellitenverbindung inzwischen oft den Hauptzugang zum Internet dar. Im kompakten Praxistest, der natürlich noch keine jahrelange Erfahrung widerspiegeln kann, sind bisher keine Störungen aufgetreten.
Die Installation ist sehr einfach und leichter zu bewältigen als die meisten Router-Einrichtungen zu Hause. Mit der simplen Kombination aus Angelrutenhalterung und dem Pipe Adapter von Starlink lässt sich ein passender Platz vermutlich auf jedem Boot finden. Möglichst freie Sicht zum Himmel ist dabei die wichtigste Regel – aber wer ankert schon regelmäßig unter Brücken oder Baumkronen? Durch Riggs benachbarter Boote konnten wir keine Störungen beobachten. Was die Kosten angeht, sind 460 Euro in der Anschaffung und 100 Euro pro Monat beruflich sicher wirtschaftlich, wenn man dadurch Ausfälle und Störungen vermeidet beziehungsweise überall vor Anker gehen kann, wo es einem gefällt. Und wer sich privat den Komfort von hochwertigem Internet an Bord leistet, dem dankt das die Crew sicher.
Inwieweit die Bandbreite bei zunehmender Verbreitung in Europa sinkt und ob auch hier der 1-Terabyte-Deckel wie in den USA eingeführt wird, bleibt abzuwarten. Aber selbst mit diesen Unsicherheiten dürfte Starlink auf absehbare Zeit die leistungsfähigste und obendrein günstigste Internetlösung für die Nutzung in abgelegenen Ankerbuchten sein.
Für Charteryachten kann es eine Idee sein, Halterungen zu montieren im Sinne von „Bring your own Starlink“. Wichtig zu beachten bleibt bei der RV-Version, dass diese nicht in Fahrt genutzt werden darf. Wem das genügt, dem ist das System absolut zu empfehlen.
Der Autor Heino Kuhlemann berät medizinische Einrichtungen und IT-Anbieter in der Gesundheitsbranche im Sommer aus dem Boatoffice und ist daher auf eine zuverlässige Internetverbindung angewiesen
Starlink gehört zu Elon Musks SpaceX-Weltraumprojekt und soll für flächendeckendes Hochgeschwindigkeits-Internet sorgen. Ende 2021 ist das System offiziell in Betrieb gegangen, besitzt aber noch nicht seine volle Ausbaustufe, daher ist die Abdeckung noch nicht weltumspannend. In großen Teilen von Europa und Nordamerika lässt sich der Service schon nutzen. Eine Besonderheit von Starlink ist die enorme Anzahl an Satelliten. Das System arbeitet derzeit mit etwa 2.800 Stück, in voller Ausbaustufe sollen es rund 12.000 werden.
Zum Vergleich: Inmarsat arbeitet gerade einmal mit vier geostationären Satelliten. Bei Iridium, das auf polarumlaufende Sender setzt, sind es immerhin 66. Die große Anzahl von Satelliten ist nötig, weil die künstlichen Himmelskörper in Umlaufbahnen von nicht mehr als 550 Kilometer Höhe fliegen. Das sorgt für kurze Signallaufzeiten und gute Reaktionszeiten der Datenverbindung. Die einzelnen Satelliten können aber auch nur kleine Funkzellen abdecken. Ein Nebeneffekt der niedrigen Orbits ist eine kurze Lebensdauer der Satelliten, sie sind so nahe an der Atmosphäre, dass erhöhte Reibung auftritt. Daher müssen die Bahnen häufig korrigiert werden, und der Treibstoff ist schnell aufgebraucht. Länger als fünf Jahre hält die aktuelle Generation nicht durch. Höher fliegende Kommunikationssatelliten kommen in der Regel auf zwei- bis dreimal so lange Einsatzzeiten. Eine weitere Besonderheit sind die Satellitenketten. SpaceX setzt bei jedem Start rund 50 Satelliten auf einmal ab, diese gruppieren sich dann zu in der Dämmerung gut sichtbaren Lichterketten, bevor sie ihre Positionen im Netzwerk einnehmen.
Betrachtet man die Bandbreitenanforderungen beispielsweise der Videokonferenz-Plattform Zoom, wird schnell ersichtlich, dass Starlink hier nicht einmal Ansatzweise an Grenzen stößt.
Die von Zoom verwendete Bandbreite wird auf Grundlage des Netzwerks der Teilnehmer für die beste Erfahrung optimiert. Die Anpassung für 4G-, 5G-, WLAN- oder kabelgebundene Netzwerke erfolgt automatisch.